Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 40 die Blüte der Nation repräsentieren, so ist das keine Fräse. Die einzelnen Gruppen der böhmischen Gesellschaft haben ihre Besten sprechen lassen und keine Gruppe von Bedeutung hat geschwiegen. Die Sprache ist einfach, frei von Heuchelei und pompöser Uebertreibung. Jede Mache fehlt, kein Regisseur hat hier seine Kunst spielen lassen. Diese Kundgebung weist innere Werte auf, die nur der mit österreichischen Verhältnissen Vertraute abzuschätzen vermag. Auch Oesterreich hat seinen aufsehenerregenden Ritualmordprozeß, den Hilsnerprozeß, und der Schauplatz dieser Judenhetze war Böhmen. Böhmische Richter und böhmische Geschworene haben das empörende Urteil über Hilsner gefällt. Böhmische Politiker haben die Volksleidenschaft maßlos gereizt, böhmisches Volk hat das Gerichtsgebäude umlagert und den Kopf Hilsners verlangt. Wenn nunmehr die böhmischen Repräsentanten offen und bedingungslos den Ritualmordwahn verdammen, so liegt darin ein rückh ältliches Schuldbekenntnis der böhmischen Nation. Und dieses Bekenntnis ehrt das böhmische Volk. Die nämlichen Parteien, die gegen Hilsner und die Juden gewütet, die nämlichen Politiker sind auf dem Schuldbekenntnis unterschrieben. Ihre künftige Stellung in der Hilsneraffäre ist damit unverrückbar festgelegt und der Kampf, welcher um' die Revision des Polnaer Mordprozesses geführt wird, ist dadurch aussichtsreicher geworden. Ein besonderes Gepräge wird dem Proteste auch dadurch verliehen, daß er sich gegen die russischen Machthaber rüstet. Viele böhmische Politiker — der Protest trägt auch ihre Namen — treiben ausgesprochen russenfreundliche Politik, ja, die Freundschaft mit den russischen Machthabern ist vielfach ein Charakteristikum der böhmischpolitischen Hauptrichtung geworden. Die russische Regierung hat diese Freundschaft hoch eingeschätzt und sorgfältig gepflegt. Sie hat mit Männern, deren Namen wir auf dem Proteste finden, intime Beziehungen unterhalten. Wenn nun dieses Volk seine Stimme gegen mörderische Judenfeindschaft der russischen Machthaber erhebt, so muß ein solcher Ruf tiefere Wirkungen erzielen, als irgend ein anderer. Es ist auch zu berücksichtigen, daß kleinlicher, politischer Eigennutz, Wählerfang und Stimmungsmacherei, die schon so oft die eigentliche Anregung für judenfreundliche Kundgebungen gegeben haben, in diesem Falle nicht in Frage kommen. Die assimilatorischen Juden haben ja seit jeher in Böhmen und Mähren eine einseitig deutschfreundliche Stellung eingenommen. Die meisten der unterschriebenen Abgeordneten sind aus Wahlkreisen, in denen es überhaupt keine jüdischen Wähler gibt, die Mehrzahl der vertretenen Parteien sind judenrein. Diese Künstler und Gelehrten sind auf jüdisches Publikum wirklich nicht angewiesen. Das sind gewiß Momente, die uns den Protest doppelt wertvoll erscheinen lassen. Vielleicht wird er auch insoferne Gutes stiften, als manchem Juden, der sich bisher auf den extremen deutsch nationalen Standpunkt gestellt hat, endlich klar werden wird, daß es nicht Aufgabe der österreichischen Juden den sein kann, für ein Volk gegen das andere Partei zu ergreifen. Die judenfeindliche Haltung der führenden deutschösterreichischen Politiker, welche den Juden so unendlich viel zu verdanken haben, wird durch diese böhmische Kundgebung grell beleuchtet. Unwillkürlich taucht die Frage auf: Ist von den heutigen deutschösterreichischen Politikern, Gelehrten und Künstlern eine so einmütige Willensäußerung je zu erwarten? Der Kenner |der Verhältnisse muß mit „Nein“ antworten. Dem böhmischen ,Volke gebührt unsere Anerkennung und unser Dank. Dieses resolute Eingreifen zu Gunsten unserer armen, verlassenen Brüder wird nicht bald vergessen werden. Der Beistand, den wir im Kampfe um unser Recht nunmehr erfahren haben, macht es uns zur Pflicht, diesen Kampf mit doppelter Energie zu führen. Wenn sich das böhmische Volk des Juden Bejlis in Kiew erinnert hat, dann dürfen wir wahrlich nicht daran vergessen, daß ein Hilsner im Kerker schmachtet, daß es auch in Oesterreich eine Schmach zu tilgen gibt. Die Griedien an der Rrbeit. Der Heimfall Salonikis, der blühenden Judenstadt am Mittelländischen Meere, an die Griechen bedeutet ein jüdisches Nationalunglück. Aus der milden und wohlwollenden türkischen Herrschaft sind unsere Brüder in die Hände kaltherziger, grausamer, mordlistiger Judenfeinde geraten. Der intensive Judenhaß, dem die entarteten Sprößlinge der Hellenen huldigen, ist längst bekannt. Er ist ein historisches Erbteil des Griechenvolkes. Bisher haben die relative politische Machtlosigkeit und der Umstand, daß Griechenland nur eine verschwindend .kleine jüdische Bevölkerungszahl aufweist, der Betätigung des griechischen Judenhasses gewisse Grenzen gesetzt. Die Griechen mußten sich darauf beschränken, bei der Veranstaltung der Judenverfolgungen in Südrußland und Rumänien Hetzerdienste zu leisten und im Orient das Ritualmordmärchen zu verbreiten. Nunmehr aber, da sie die Judenstadt Saloniki erworben haben, können sie sich nach Herzenslust austoben. Die grausamen Verfolgungen, welche die griechischen Truppen gegen die Juden inszenieren, wurden schon geschildert. Was aber in den letzten Tagen aus Saloniki gemeldet wird, spottet der schrecklichsten Vorstellungen. Die griechische Regierung will die Juden durch die Cholera aus rotten. Sie verhindert direkt alle Maßnahmen, welche das Umsichgreifen der Cholera hindern können. Der Berichterstatter des zionistischen Zentralorgane meldet aus Saloniki: „Nunmehr sind die Mittel unserer Wohltätigkeits-, Schul- und Gemeinde-Institutionen vollkommen erschöpft; die Gemeindeschullehrer und Rabbiner haben seit langer Zeit nicht mehr ihr volles Honorar ausgezahlt erhalten. Für die Armen kann nicht mehr gesorgt werden. Um das Unglück voll zu machen, wütet die Cholera unter der armen jüdischen Bevölkerung unserer Stadt und verursacht der Gemeindekasse neue Ausgaben. Aus Mangel an Mitteln ist unsere Gemeinde in die größten Schwierigkeiten geraten. Die Cholera, die seit einigen Monaten in unserer Stadt herrscht, nimmt beständig zu. Epidemie wütet hauptsächlich unter der jüdischen Bevölkerung und fordert hier eine* Fülle von Opfern. Die Zahl der jüdischen Toten beläuft sich schon auf Hunderte, und dazu häufen sich von Tag zu Tag die Todesfälle bei den jüdischen Einwohnern der Stadt. Die furchtbare Verbreitung der Epidemie ist hauptsächlich auf das verbrecherische Verhalten der griechischen Behöri den zurückzuführen, die sich als so gleichgültig und lässig in der Bekämpfung der Krankheit erweisen, daß diese immer weiter fortschreiten kann. Die einfachsten Maßregeln zur Unterdrükkung der Epidemie unterbleiben. Die Behörden gehen in ihrer Gewissenlosigkeit sogar so weit, Hilfsangebote von Privatpersonen und seitens der jüdischen Gemeinde zurückzuweisen. Die Epidemie wächst daher beständig, die Zahl der jüdischen Toten wird immer größer, und in einer großen Reihe von Familien herrscht tiefe Trauer. Es ist höchste Zeit, daß unsere Repräsentanten gegen das Verhalten der griechischen Behörden protestieren und diese zu einem energischen Kampfe gegen die Cholera zwingen.“ * * * Aus Saloniki wird weiters gemeldet: Ein böser Vorfall hat die seit der griechischen Besetzung oftmals schwer geprüfte israelitische Gemeinde von Saloniki aufs äußerste beunruhigt. In der Nacht vom 18. zum 19. August überfiel eine wütende Bande eines der großen jüdischen Stadtviertel, deren Bewohner, wie behauptet wurde, ein junges griechisches Mädchen versteckt hielten, das aus dem Hause ihrer Eltern verschwunden sei. Man schlug die Türen und Schaufenster der Läden ein, hielt Haussuchungen ab, um das angebliche Opfer der Juden aufzufinden. Die bestürzten Juden ließen diese Gewalttaten ohne Widerstand über sich ergehen. Einer jedoch widersetzte sich dem Treiben und versuchte, der Menge zu trotzen. Natürlich hielt man ihn für den Schuldigen. Die Räuber riefen die öffentliche S i cli e rh e i t s w a ch e zu Hilfe. In ihrer Gegenwart mußte der Jude sein Haus von dem rasenden Mob durchwühlen lassen. Das Mädchen wurde weder hier noch anderwärts gefunden. Angesichts dieses negativen Resultates verließ die Menge endlich das jüdische Viertel. Bald darauf traf man das Kind in Begleitung seiner Eltern in friedlichem Spaziergang an dem Kai. Die jüdische Gemeinde erhob gegen das Vorkommnis beim König und dem Generalgouverneur von Mazedonien, Herrn Dragoamis, Einspruch. Der Vorfall ist nur dahin zu deuten, daß die griechischen Behörden das Ritualmordmährchen propagieren, um die Bevölkerung zu Judenhetzen anzueifern. Charakteristisch für die Lage ist eine weitere Meldung aus Saloniki, derzufolge sich mehrere spagnolische Juden an die spanische Regierung um Hilfe und Intervention in Athen gewendet haben. In ihrem Memorandum heben sie hervor, daß die Griechen die jüdische Bevölkerung in jeder Weise beleidigen und drangsalieren, während die Türken höflich und duldsam waren. Infolgedessen ersuchen sie die spanische Regierung, sich in Athen zu ihren Gunsten ins Mittel zu legen. Dep Kulturfonds „Keöem“ Auszug aus dem Referat für den XL Kongreß von J. Feldstein. Geehrte Gesinnungsgenossen! Der X. Kongreß hat einen wichtigen Beschluß gefaßt, den die früheren Kongresse nicht zustande bringen konnten. Die Frage der h ebräischen Kultur war für uns immer ein Stein des Anstoßes und darum pflegten wir sie immer von Konferenz zu Konferenz, von Kongreß zu Kongreß zu verschieben. Allein diese Frage reifte kraft ihres wirklichen inneren Leallhewätirleslillihlhl'iNil PROBEDOSE VERSENDET GRATIS: HENRI NESTLE,WIEN,l-BIBERSTRflSSE l NIEDERLÄNDISCHE Im eigenen Palais. — Versilbertes HnsbOnfte erteilt die 6eneraiagentsAaft LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. ziFba 380 Hillionen. — Prämienreseroe zirha 113 Eliilionen. — Billigste Prämien und bulantesie Bedingungen. Engagiert jederzeit tBAtige, ieistungsfibige Agenten gegen höbe Bezöge. Idien, t., Hspernplatz 1 (Beiter: David Hebenzahi). FOr Ostgalizien u. Buhowina: Subdirebtion Gobi Taubes, Bamberg.