Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 entgegnet: .„Unsinn, Geld zirkuliert und zirku- I Iiert über die Grenzen des Volkstums hinaus völlig ungehindert. Jüdisches Geld beschäftigt in den Häfen arabische Bootsleute und Verlader, bezahlt deutsche Arbeiter, welche landwirtschaftliche Maschinen und französische Ziegler, welche in Marseille Dachplatten für die jüdischen Kolonisten erzeugen usw.“ Um die chauvinistischen Zionisten und ihr Streben nach möglichster Judaisierung des kolonialen Arbeitsmarktes ganz lächerlich zu mamachen, spielt er den stärksten Trumpf aus und erzählt ein pikantes Histörchen von einem jüdischen Maurermeister. Dieser habe durch den „verstiegenen jüdischen Nationalismus“, d. h. durch Ausschluß seiner arabischen Kollegen, in den jüdischen Kolonien an unverschämten Preisen viel Geld verdient und, wie Dr. Oppenheimer aus früherer Quelle erfahren hat, einen beträchtlichen Teil seines Wochenverdienstes in der Hafenstadt bei „gewissen gefälligen arabischen Damen weiter „zirkulieren“ lassen.“ Mit beißender Satire, die im blasiertesten Berliner Kaffeehaus Furore machen müßte, fügt Dr. Oppenheimer hinzu: „Es geht mich nichts an, wie und wofür der Mann sein Geld ausgibt: aber ich möchte die Konsequenzen nicht ziehen, die sich daraus ergeben würden, wenn man darauf bestehen sollte, daß jüdisches Geld grundsätzlich nur in jüdische Hände kommen würde!“ Herr Dr. Oppenheimer fürchtet also, daß die jüdischnationalen Chauvinisten am Ende noch auf ausschließlicher Benützung jüdischer Freudenmädchen bestehen werden, „damit das jüdische Geld. nur an Juden komme!“ Einige Zeilen tiefer verläßt ihn aber der Humor und er sagt wehmütig: „Trotz aller dieser Gründe (!) und Hinweise (!) war es vorläufig nicht möglich, die Arbeiter von Merchawja, auch die genossenschaftliche Gruppe, dazu zu bringen, in der Arbeiterfrage grundsätzlich eine andere Stellung einzunehmen.“ Das muß aber wirklich ein sehr dickköpfiges Pack sein! Herr Dr. Franz Oppenheimer hat also ganz umsonst die glänzenden Perlen seiner Gelehrsamkeit auf diese Leute heruntertropfen lassen und das Brillantfeuer seines weltmännischen Witzes vermochte ihre Hirnkästen nicht zu erhellen. Dr. Franz Oppenheimer ist nicht schüchtern und spart nicht mit Ausdrücken wie „Unsinn“, „töricht“, „verstiegenem Nationalismus“, „Chauvinismus“, usf. Das hat seinen Vorteil. Man braucht nicht lange nach loyalen Redensarten zu suchen, wenn man ihm erwidert und in der Form doch kein Unrecht antun will. Es ist eine sehr bequeme, aber auch sehr schnoddrige, wenig gewissenhafte Methode, dem Gegner unsinnige Redensarten in den Mund zu legen und beschränkte Ideen in den Kopf zu stopfen, ihn künstlich zu verdummen und den in der dritten Zeile höchsteigenhändig erzeugten chauvinistischen Narren in der vierten Zeile höchsteigenhändig zu erschlagen. Wann haben wir Zionisten denn gesagt: „Wir wollen in Palästina nur jüdische Arbeiter, damit das jüdische Geld nur an Juden komme!“ Wann haben wir das von Dr. Oppenheimer belächelte kindische Verlangen gestellt, es möge die internationale Geldzirkulation gerade in Palästina unterbrochen werden? Wir wollen, daß der palästinensische Boden durch Juden bearbeitet werde, weil ihn nur jüdische Arbeit zu jüdischem Besitzstände machen kann. Wir wollen einen geschlossenen jüdischen Arbeiterstand, weil er das Rückgrat des nationalen Lebens bedeutet. Die Vereinigung von jüdischem Besitz und jüdiscer Arbeit schafft uns eine neue Heimat, jüdischer Besitz und fremde Arbeit schaffen aber ein neues Ghetto. Dieses nationale Schlagwort erschöpft den Inhalt des Zionismus. Für Dr. Oppenheimer wird es immer eine unverständliche Fräse, eine Ausgeburt des verstiegenen Nationalismus bleiben, weil er eben kein Nationaljude ist. Für ihn ist die palästinensische Kolonisation ein wissenschaftliches Experiment, das die Richtigkeit seiner Theorie beweisen sollt' Und wenn die Arbeit chinesischer Kulis dieses Experiment erleichtern könnte, würde er gewiß gegen deren Berufung nach Palästina nichts einzuwenden haben. Daß ein solcher Mann die im Zionismus herrschende Strömung gegen fremde Arbeitskräfte als lächerlich und störend empfindet, ist ihm gewiß nicht zu verdenken. Aber uns liegt seine Anschauungsweise meilenfern. Wenn wir auch eingewilügt habe-1, Oppenheimersche Arbeitsmethoden in Palästina auszuprobieren, so haben wir deswegen nicht die geringste Neigung, aus Palästina ein internationales Versuchslaboratorium für nationalökonomische Zwecke zu machen. Ist Oppenheimers Theorie durch jüdische Arbeit zu Ehren zu bringen, wird es uns freuen. Bedarf sie aber unbedingt arabischer Arbeitskräfte, dann wird man eben die weiteren Versuche besser nach Arabien verlegen. Wir können die Bockbeinigkeit unserer palästinensischen Arbeiter, an welcher die glänzende Beredsamkeit des Berliner Gelehrten nichts zu ändern vermochte, nur preisen. Um den Zionisten ihren Wunsch, daß jüdischer Boden durch jüdische Arbeit erschlossen werde, ganz zu verleiden, zweifelt Dr. Oppenheimer auch die Fähigkeit der Juden für gewisse ländliche Arbeiten an. Im bekannten Assimilantenjargon spricht er von ' den unausrottbaren „städtischen Gewohnheiten und Bedürfnissen“ der jüdischen Arbeiter, als ob sie unausrottbare Hindernisse bildeten. Natürlich kommt uns der geschichtenreiche Herr wieder mit einem Geschichtchen, das er sich diesmal aber nicht aus dem Salon arabischer Dämchen, sondern aus einem palästinensischen Viehstall holt. Schafhirte können' die Juden nicht' werden, berichtet er. Der Verkehr mit 300 bis -100 Schafen ist zu eintönig für einen durch städtische Abwechslungen verwöhnten Juden. Diese Tiere sind zu unintelligent, auch mangelt es den jüdischen Hirten an Talent, sie voneinander zu unterscheiden. Er sieht immer nur 400 Schafsköpfe, ln Merchawja hat man aus nationalem Chauvinismus einen Juden zum Hirten gemacht. Dieser „Idealist“, so nennt ihn Oppenheimer, wurde aber „von schweren seelischen Depressionen“ befallen und mußte durch einen Araber abgelöst werden. „In diesem Falle hat mein Grundsatz gesiegt“, berichtet Oppenheimer triumphierend. Wie der selige Don Quichotte! Ja, das ist ein entsetzlicher Fall, dieser dekadente Oppenheimersche Schöpsengeneral, der auf alästinas Bergen aus Mangel an Emotion melancholisch wurde. Was ist zu tun? Wir können doch unsere Hirten nicht statt der Schafe 300 bis 400 Staatswissenschaftler auf die Weide treiben lassen. Schön wärs schon. Unterhaltung würden sie bieten, bei ihrer bekannten Verträglichkeit fiele es auch nicht schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Abgänge wären auch sehr selten. Schafe stiehlt der praktische arabische Nachbar immer, weil sie Wolle, Käse, Leder und Fleisch geben. Gelehrte Herren raubt er sich nicht, ausgenommen den Fall, daß auch er auf Palästinas Bergen aus Langweile verrückt geworden ist. Aber unrettbar ist die Situation doch nicht. Wenn Großmütterchen Oppenheimer uns das Gruseln vor der Arbeiterfrage lehren will, muß es schon mit anderen Sachen kommen, als mit der Geschichte vom arabischen Freudenmädchen und dem jüdischen Prinzen, der keine Schafe hüten wollte. Palästina hat in Monaten aus blassen Ghettoschneidern und Killehschustern kriegerische Wächter gemacht, die in finsteren Nächten mit Arabern kämpfen, die wie die Teufel reiten und schießen, aus Hausierern stramme Bauern. Aus solchem Stoff werden sich schließlich auch noch paar Schafhirte kneten lassen. Und was die unbezähmbare Emotionslust der Arbeiter in Palästina betrifft, die Sehnsucht nach geselligem Treiben, welche Dr. Oppenheimer befürchten läßt, daß sich in allen Ewigkeiten Jud und Schaf nicht werden zusammenbringen lassen, so wird dieses Problem auch noch zu lösen sein. Wenn da unten wirklich kein Hirt zu finden wäre, so finden wir in jedem Nest in Rußland hunderte Leute, welche die städtische Emotion satt haben, gründlich satt. Männer im tiefsten, unruhigsten Elend, die den Mord ihrer Weiber und Kinder mitangesehen haben, die hinaus wollen aus den stinkenden, überfüllten Winkeln und sich gerne, ach so gerne unter Palästinas blauem Himmel mit dummen, weißen Schafen langweilen möchten. Hufruf wegen Gründung eines Rsgls für jüöisäe Oüdadifose. Die Zahl der jüdischen Obdachlosen hat geradezu eine erschreckende Vermehrung erfahren. In solchen Situationen ist es gebieterische Pflicht der Gesellschaft, helfend einzugreifen. Eine vorläufig noch kleine Gesellschaft von jüdischen Männern und Frauen haben die Idee aufgegriffen, in Anbetracht des nahenden Winters ein Obdachlosenheim für Juden zu gründen. Viel ist bereits in Tagesblättern und Zeitschriften über das Elend der Obdachlosen geschrieben worden, doch nur durch eigene Wahrnehmung kann man diesen namenlosen Jammer ganz erfassen. In den befugten und unbefugten Massenquartieren der Kleinen Schiffgasse und Floßgasse, um von vielen nur einige Beispiele herauszugreifen, sind in kleinen Räumen 15—20 Personen zusammengepfercht. Ein Massengrab für Körper und Seele, eine Brutstätte aller gefährlichen Krankheiten, eine ungeheure, nicht absehbare Gefahr im Falle von Epidemien. Aber selbst diese erbärmlichen Liegestätten sind für die Aermsten der Armen unzugänglich; 50 Heller beträgt die Taxe tür eine Nacht. Wer die nicht aufbringt, mag in rauher kalter Nacht seinen müden, hungrigen Leib weiterschleppen und oft nicht allein, sondern mit Familie. Das stets bewährte jüdische Herz darf angesichts dieser, keinesfalls übertriebenen, beschämenden Schilderung der Zustände gegenüber nicht ruhig bleiben. Hier ist rasch Hilfe notwendig. Wir Juden dürfen nicht länger tatenlos KAFFEE-IMPORT Sämtliche Aufnahmen vom Kongreß: Präsidium, Landsmannschaften Turnfest etc. zu beziehen beim Kongreß-Photographen E. Preiss, II., Karmeliterplatz 1 Nach Ueberweisung von K 2.80 per Stück portofreie Zusendung- Postkarten von allen Aufnahmen K 3.— per Dtz. Die einzig vorhandene Aufnahme der Ernffnungs-Sitzung (Katharinnenhalle) 40 50 K 4.—.