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Jüdische Zeitung · 1913-09-19 · 38 (19.9.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Eine große Bedeutung der Universität liegt auch in der Heranbildung von Lehrern für unsere Schulen in Palästina und in der Diaspora. Die heutigen Lehrer sind fast durchgehend in nicjitjüdischen Schulen ausgebildet und der Unterricht ermangelt in vielen Beziehungen der nationalen Unterlage. Ganz anders würde es mit ihrem Unterricht aussehen, wenn die Lehrer ans einer jüdischen Universität kämen und auch mjt der Universität stets in organischem Zusammenhang blieben. (Beifall.) Es ist bekannt, daß verschiedentlich ernste Bedenken geäußert wurden, die Universität könne die landwirtschaftliche Kolonisation schädigen. Es liegt mir fern, die Bedeutung des hier sich ergebenden Problems einfach wegzudisputieren, aber es muß da doch von vornherein gesagt werden, daß unser jüdischer Bauernstand in Palästina mit dem normalen Typ des Bauern nicht verglichen werden kann. Diesem 'Typ entspricht z. B. der norwegische Bauer nach seiner Bildung und seinen Kulturbedürfnisscn in keiner Weise. Die Entwicklung unseres Landes bewegt sich nach anderen Gesetzen wie die etwa Australiens oder eines anderen neuen Landes. Wenn wir die bekannten ökonomischen Schemata auf Palästina und unser Volk anwenden, so würde es uns nicht sehr weit führen. Der Jude ist nun einmal von einer starken Geistigkeit erfüllt. Wer wirklich die Aufgaben des Kolonisators erfaßt, wer nicht nur mit der manuellen Kraft, sondern mit der Psychologie des zu kolonisierenden Elements rechnet, der wird diese Geistigkeit nicht dadurch erledigen, daß er sie ignoriert, er wird sich vielmehr bemühen, sie zu produktivieren, j'a, sie direkt wirtschaftlich nutzbar zu machen. Und wenn es jetzt auch unser innigstes Bestreben ist, unserem Volke den Pflug in die Hand zu drücken, es an seine Scholle zu binden, so ist doch dies eine klar; wir sind doch einmal das „Volk des Buches“. Und unsere stärkste Waffe ist der Geist, und die Pflege dieses Geistes, die Stärkung und Bereithaltung dieser Waffe für die Erkämpfung eines besseren Lebens ist unsere Pflicht. Es ist bis jetzt nicht ohne Absicht nur von der Notwendigkeit der Universität aus national-palästinensischen Gründen gesprochen worden, aber es ist leider nur zu bekannt, daß das Projekt einer jüdischen Hochschule seine Stütze auch aus einem Notstand des Diaspora-Judentums empfängt, der zu den brennendsten Fragen des Tages gehört. Man weiß zur Genüge, wie hart die Entrechtungen sind, unter denen die Mehrheit unseres Volkes leiden muß. Zu den Beschränkungen, welche die Juden in Rußland vielleicht am härtesten treffen, gehört die von Staats wegen angeordnete Absperrung der Mittel- und Hochschulen. Es würde zu weit führen, die Einzelheiten dieser Maßregeln zu schildern. Es sei nur bemerkt, daß es die Gründe sind, welche auch nichtzionistische Personen und Organisationen zwingen, der Hochschulnot schleunigst abzuhelfen. Vor ungefähr zehn Jahren begann die Absperrungsbewegung gegen die russisch-jüdischen Studenten an den Hochschulen Mitteleuropas. Die Verschärfungen wuchsen seit jener Zeit mit jedem Jahre, so daß heutzutage der jüdische Student fast überall vor geschlossenen Toren steht. Mit dieser Tatsache ist die Situation der jüdischen Hochschulaspiranten aus dem Osten auf den kritischen Punkt gekommen. So furchtbar schwer die Wirkungen der Absperrung des jüdischen Studiums schon heute empfunden werden, so treten sie doch zurzeit noch nicht in ihrem vollen Umfange zutage. Denn die katastrophale Verschlimmerung der Situation, die in den allerletzten Jahren eintrat, wird in ihren Folgen erst in den nächsten Jahren vollkommen deutlich werden. Wer aber die Entwicklung der letzten Zeit genau verfolgt hat, der kommt zu dem Schlüsse: die große Mehrheit des jüdischen Volkes, die für sich schon heute auch nicht annähernd genügend intellektuelle Kräfte aufbringt, wird in Zukunft ein solches Minimum geistig geschulter Elemente produzieren, daß es ganz außerstande sein wird, die zur Erhaltung der Volksenergie nötige Intelligenz zu repräsentieren. Die unseligen Folgen dieses Zustandes für eine Volksmenge, die in Entrechtung und unbeschreiblicher materieller Not, oft im Dunkel der Unbildung und im Zustande' der Trostlosigkeit schmachtet, lassen sich nicht schildern oder gar für die. Zukunft ausmalen. Es ist unmöglich, ein Bild der russischjüdischen Jugend im Alter von 15 bis 20 Jahren, namentlich der Jugend in der Provinz, zu geben. Außer dem Kleinhandel und dem Handwerk, in denen eine furchtbare Ueberproduktion vorherrscht, sieht die Jugend keinen Beruf vor sich, den sie ergreifen könnte. Die Söhne der sogenannten „Besitzenden“ — wofern sie nicht vom Handel verschlungen werden — streben alle darnach, das Examen zu machen. Aber es gibt nicht viele, die sich durch die unbeschreibliche Not und Entbehrung und über die staatlichen Hindernisse hinweg durchschlagen. Ohne Aussicht bleiben die meisten verzweifelt am Weg liegen und es läßt sich nicht absehen, was die Zukunft aus dieser unglücklichen Jugend machen wird. Es ist eine beispiellos tragische Situation, dieser geistige Notstand der Juden, der aus sich heraus immer neue geistige und materielle Notstände erzeugt. Als eine der beklagenswertesten und traurigsten Folgen dieser Not müssen wir die Massentaufen unserer Jugend in Rußland betrachten. Diese Jugend erkauft sich jetzt den Eintritt in die Hochschulen mit dem Verrat der jüdischen Nation und einer öffentlichen Lüge. Die Kinder und Enkel derer, welche unsagbare Qualen ausgestanden, ihres Glaubens und ihrer nationalen Würde wegen, leisten keinen Widerstand mehr gegen den Druck des Golus und werden fahnenflüchtig. Noch vor kurzem ging die Nachricht durch die Zeitungen, daß sich in Kiew allein 80 junge Leute haben taufen lassen. (Pfuirufe.) Man registriert jetzt fast gleichgiltig die traurige Tatsache und geht zur Tagesordnung über. Und dabei ist diese Tatsache in ihrer tief beschämenden Tragik noch trauriger als der Kischenewer Pogrom. Dort sind SO Juden getötet worden. Sie sind Märtyrer für ihren Glauben und für das Judentum gewesen. Jene SO toten Seelen bleiben uns nur zur Schande. So groß aber auch die geschilderte Not sein mag, so dürfen wir uns die Tatsache doch nicht verhehlen, daß man mit einer kleinen Universität in Jerusalem noch nicht die Notlage der russisch-jüdischen Jugend wesentlich verbessern kann. Die Universität ist und bleibt für sie nur immer ein Palliativmittel. Aber das darf nicht verkannt werden, daß es ein Pälliativmittel ganz besonderer Art ist. Ein immerhin bedeutender, nicht zu vernachlässigender Prozentsatz unserer Jugend könnte doch eine. Alma mater finden. In moralischer Beziehung wäre schon das bloße Bewußtsein; daß eine’jüdische Universität besteht, für unsere Jugend eine verheißungsvolle Hoffnung, ein Trost und eine Stärkung. (Beifall.) Auf unser Projekt kann mit Erfolg und Ionischer Konseauenz derselbe Gedankengang angewandt werden, wie auf unsere ganze Bewegung. Wir erheben ja keinen Anspruch darauf, in naher Zukunft durch den Zionismus die Judennot zu beseitigen. Der Zionismus ist „Brod von morgen“ und deshalb ist es unsere dringende Pflicht, uns schon heute vorzubereiten. Auch die Hochschule ist ein Stein in dem zukünftigen Gebäude, welches wir für das neue Judentum in Palästina errichten wollen. Damit es aber zu einem solchen auch wird, muß man jetzt schon ernstlich anfangen. Welche Aussichten eröffnen sich dem1 an der Hochschule ausgebildeten! Die Türkei und der ganze Orient überhaupt sind ein gewaltiges Betätigungsfeld. Die Kapazität dieses Gebietes wird mit der Erschließung dieses Landes immer mehr steigen und wenn der Unterricht den Forderungen des Orients angepaßt ist, so ist für den Absatz genügend gesorgt. Die Zöglinge unserer Universität werden sicher unsere besten Pioniere sein in materieller und moralischer Beziehung. Wir würden auch der Türkei geschulte Kräfte zuführen, deren sie so sehr bedarf. Eine Universität, in welcher die arabische und türkische Bevölkerung Aufnahme findet, würde aber auch die gewünschten freundlichen Beziehungen anbahnen zwischen uns und dem umgebenden Volke. Daraus ergibt sich von selbst die hohe politische . Bedeutung einer Universität. Es dürfte uns nicht schwer fallen!, von der ottomanischen Regierung die Anerkennung unserer kulturellen Tätigkeit zu erlangen und das ist es, was wir sehr anstreben müssen. Wir haben ja schon zur Genüge bewiesen, und zwar mit unseren Anstalten in Jaffa; und Jerusalem, daß wir imstande sind, Schulen zu gründen und zu leiten, und daß diesein 'ihrem Werte nicht hinter europäischen Schulen zurückstehen. Was unsere Pioniere auf dem Gebiete der Mittelschule geleistet haben, berechtigt uns zur Hoffnung, daß diejenigen, welche das Glück haben werden, an der jüdischen Hochschule in Jerusalem einmal zu lehren, mit derselben Hingebung und demselben Eifer ihre hohe Pflicht erfüllen werden, im Bewußtsein, den Grundstein zur Schaffung des höchsten jüdischkulturellen Zentrums zu legen. Der Ruf einer Universität, ihre Leistungsfähigkeit, der Wert ihres Diploms wird vom wissenschaftlichen Werte der Lehrenden bestimmt. Gelingt es uns, in den Dienst der Sache Männer von Ruf zu stellen, so steigt der Rang der Hochschule sofort und unsere Absolventen würden im Konkurrenzkampf sogar in Europa dieselben Chancen haben, wie irgend ein jüdischer Absolvent einer europäischen Universität. Daraus ergibt sich auch eine in praktischer Beziehung sehr wichtige Folgerung. Man soll sich bemühen, junge, vielversprechende Kräfte heranzuziehen und das Geld mehr an das Lehrpersonal als an Gebäude und Einrichtungen zu verwenden. Ferner müssen die Lehrer auch gute Forscher sein und der freien Forschung muß gebührender Platz eingeräumt werden. Diese letzten Bemerkungen leiten uns direkt zu den Fragen der praktischen Durchführung unseres Planes hinüber. Man begegnet oft der Meinung, daß die Gründung mit ungeheuren Kosten verbunden ist, und daß die Beschaffung der fielen Diplome alle unsere Kräfte in Anspruch nehmen wird. Ich glaube sicher zu gehen, wenn ich die Behauptung aufstelle, daß die meisten bei dieser Argumentierung, welche ja in sich richtig sein mag, den Fehler begehen, daß sie an eine bereits fertige Universität denken, mit allen schon vollkommen eingerichteten Fakultäten, Bibliotheken, Museen, Laboratorien etc. etc. Das würde natürlich unsere Kräfte übersteigen. Wir aber wollen vor allen Dingen eine gesunde Zelle schaffen, die sich aus sich selbst entwickelt und zu einem größeren Organismus auswachsen könnte. Palästinareferai. erstattet auf dem XL Zionistenkongresse von dem Leiter des alästinaamtes Dr. Ruppin. (Schluß.) Und von dem früheren Lehrer der Kolonie Kastinieh erhilten wir vor kurzem einen Brief. S iüod'eirij es' heißt': ’ „In letzter Zeit besuchte ich die Kolonie Kastinieh, in der ich früher dreieinhalb Jahre verlebte, für die ich mich auch nachher unausgesetzt interessierte und die ich also ganz genau kenne. Kastinieh, die nach Bodenqualität und Klima blühen müßte, ist durch verschiedene Umstände so heruntergekommen, daß sie dem völligen Untergänge nahe war und von allen fast aufgegeben wurde. Wie groß war daher meine Freude, als ich dort solch einschneidende Verbesserungen traf. Die einst mißmutigen und verzweifelten Kolonisten, die für ihre Arbeit das Interesse bereits verloren hatten, arbeiten jetzt mit freudiger Hingebung und starker Zuversicht. Die wenigen jungen Leute der Kolonie, die früher nur an überseeische Länder dachten, erwarten jetzt ihre Zukunft nur von der Arbeit. Wie hat sich aber auch die Arbeitsmethode verändert! Kolonisten, die Avis für EinjährigsEreiuillige. Telefon: Stelle 6 von 3455. Witkowski & Nacht Nodif. Julius Nadifs Witwe IX., Berggasse Nr. 27 empfiehlt sämtliche Uniformierungs- und Ausrüstungs-Sorten für das k. k. Militär-, Staats- und Eisenbahnbeamte, sowie für Einjährig-Freiwillige aller Branchen. 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