Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 37 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 die Wirklichkeit ihre Hoffnungen als trügerisch erwiesen. hatte. Habt Ihr Geld verdient, und habt Ihr eine sichere Zukunft vor Euch? Diese Frage hörten, die „materialistischen“ Eltern von ihren Kindern und mußten sie verneinen. Und in keiner besseren Lage gegenüber ihren Kindern waren die „idealistischen“ Eltern. Als sie mit dem Feuer der Jugend nach Palästina gekommen waren, da hatten sie .geträumt, daß es nur ihres festen Willens bedürfe, um ganz Palästina mit blühenden jüdischen Dörfern zu bedecken und die gesamte Judenheit des Galuth nach Palästina zu ziehen. Und was vvar das Resultat fünfundzwanzigjähriger Arbeit?1 Wie winzig war es im Verhältnis zu dem Erträumten! Und das schlimmste war, daß seit Jahren keine einzige neue Kolonie hinzugekommen war, daß das' ganze Kolonisationswerk auf einem toten Punkt angelangt zu sein und sogar abzubröckeln sdiien.' Hatten die Kinder da nicht Recht, wenn sie das sinkende Schiff verließen? ‘-i ' Ich gewann die Ueberzeugung, daß hier nur Eins Hilfe bringen konnte: eine V e r j ü n g u n g der Kolonien durch Heranziehung neuer junger gnd begeisterter Elemente aus Europa. Es mußte eine Blutauffrischung stattfinden, um dem alternden Organismus neue Spannkraft zu geben. Und das war ja gerade unser Glück, daß wir zwar arm1 an Mitteln, aber immer noch reich an opferwilligen Menschen waren. Es gab in Palästina Leute, die es als ganz selbstverständlich betrachteten, daß, wenn überhaupt die zionistische Organisation in Palästina Taktisch arbeiten wolle, sie nichts anderes tun önne, als was man bisher getan habe: die bestehenden Kolonisten zu unterstützen und neue Kolonisten durch Gewährung der notwendigen Mittel zu schaffen. „Ihr wollt einen Herzlwald pflanzen und Geld dafür ausgeben? sehr gut; übergebt es den Kolonisten der Nachbarschaft, damit sie das Geld verdienen“. „Ihr habt den ' N. F.? vortrefflich; kauft mit dem Gelde Boden bei einer Kolonie und siedelt darauf neue Kolonisten an“. Es gab in Palästina aber auch nicht wenig Leute, die überhaupt jede Tätigkeit seitens der Organisation für verderblich hielten. Für sie war das a,; und b ihrer Weisheit, daß nur die Privatinitiative dem Kolonisationswerk helfen könne und daß jede Tätigkeit einer Administration gar nichts wert sei. Es gab schließlich auch Leute, Schüler von Achad Haam, die in einer, meines Erachtens ■ mißverständlilichen Auffassung der Lehren ihres Meisters überhauptvon 'kolonisatorischer Arbeit nichts wissen' wollten. ‘ Nach ihrer Meinung mußte sich die-zionistische Organisation, wenn sie in Palästina -praktisch arbeiten wollte,' ausschließlich die Förderung der : hebräischen Sprache des -sonstigeFiikuRurfeller1- Institui Tfon&i ’;zUtft' -’Zi£l'e ’ setzen,-'- um’ -*dadurch in Pa-? lästina möglichst'-raSch ein jüdisches Kul-- tu r z-entrum zu schaffen.' ' ' Sie wissen alle, daß-wir in Palästina weder den Weg der alten Kolonisten gegangen sind, noch' still und stumm auf die' Privatinitiative gearbeitet, noch ausschließlich Kulturarbeit getrieben haben. Den Weg der alten Kolonisation konnten wir schon deshalb nicht gehen, weil -unsere Mittel dazu viel zu klein waren. Mit den damaligen Jahreseinnahmen des J. N. F. hätten wir-gerade ein Dutzend neue Kolonisten ansiedeln, mit den Geldern der Oelbaumspende einigen alten Kolonisten und hundert arabischen Arbeitern für ein paar Jahre Verdienst geben können. Wäre eS nicht lächerlich gewesen, hiemit die praktische Arbeit, von der man so viel gesprochen und für die man ein eigenes Amt gegründet hatte, zu beginnen? Und auf die Privatinitiative warten, hieß einfach die Arbeit ad calendas graecas vertragen. Was sollte denn den jüdischen Kapitalisten bewegen, seine Gelder in Palästina anzulegen? Und wie hätte er es überhaupt tun können? Wenn er in die jüdischen Kolonien kam und dort nur alte Leute und die allgemeine Mutlosigkeit sah, so erlebte er eine - furchtbare Enttäuschung und meist galt von ihm das Wort: da wendet sich der Gast mit Grausen. Wenn aber doch einmal jemand durchaus ein Stück“'Land kaufen und bewirtschaften wollte, so fehlte-ihm auch hiezu die Möglichkeit. Keine Parzellierungsgesellschaft gab ihm dasjenige Land und soviel Land,: als er gerade brauchte. Entweder vertröstete man ihn, daß später vielleicht einmal ein passendes Terrain gekauft werden würde, oder man bot ihm' ein .beliebiges, gerade käufliches oder gekauftes isoliertes Terrain an, mochte es in Lage, Qualität und Größe passen oder nicht. Es war ungefähr so, als wenn jemand in > einen- Laden : tritt, um ein paar Schuhe zu .kaufen: und .der.Verkäufer ihm .mit gewinnendem Lächeln ein.lebendiges Rind anbietet, das er nur zu schlachten, -zu häuten, zü gerben und zu verarbeiten brauche, um die gewünschten Schuhe zü’-häben.; Wennalanm den- Käufer für ein solches Angebot kein Verständnis zeigte und der Kauf nicht zustande kam, .so, war natürlich der Käufer schuld, denn jetzt war es ja klar erwiesen, daß er-gar. nicht ernstlich kaufen wollte, und daß es. überhaupt keine ernstlichen Käufer für Boden gäbe. Glauben Sie nicht, daß'ich mit dieser- -Schilderung übertreibe, .man.konnte eine solche Meinung damals in Palästina von den berufensten Stellen hören. So stand es also mit der Privatinitiative.;. Es. war -klar, daß von dieser gar nichts zu erwarten war, wenn "man nicht in ganz anderer Weise als bisher vorging, und ihre Wege erleichterte. Blieb noch die kulturelle Tätigkeit. Ich sprach oben von einer mißverständlichen Auffassung der Lehren Achad Haams. Ich glaube, daß Achad Haam die Ansicht vertritt, daß eine große und starke jüdische Gemeinschaft in Palästina später auch eine jüdische Kultur ausbilden und daß diese Kultur dann auch auf die Juden des Goluth ausstrahlen, und ihr jüdisches Gefühl stärken werde. Aber es heißt diese richtige Auffassung zu einer Farce machen, wenn man daraus die Forderung ableitet, in Palästina nun zunächst und ausschließlich jüdische Kultur zu schaffen. Ich will hier gar nicht das schwere Geschütz des historischen Materialismus auffahren, um nachzuweisen, 'daß eine jüdische Kultur in Palästina nicht das Prius, sondern nur das Posterius der Entwicklung sein, das heißt, erst dann erwachsen, kann, wenn in Palästina ei :e jüdische Bevölkerung' lebt, welche sich bodenständig und materiell gefestigt fühlt und für die nunmehr eine gute Erziehung ihrer Kinder und die Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst ein Lebensbedürfnis ist. Aber völlig aussichtslos wäre es, wenn man unter 'den jetzigen Verhältnissen, wo wir erst eine kleine Minderheit im Lande bilden^ durch vermehrte Schaffung von Bildungsanstalten künstlich das Reifen einer jüdischen Kultur beschleunigen zu wollen. Erstens müßten alle diese Anstalten ihre Mittel und Lehrkräfte für lange Zeit noch vom Auslande beziehen und würden damit vom Auslande abhängig sein. Sodann würde aber alle Mühe, die .Jugend nationaljüdisch zu erziehen, für die Schaffung einer jüdischen Kultur in Palästina vollständig zwecklos sein, wenn nicht die Schüler nach Absolvierung der Schule in einer jüdischen Kolonie oder in einem jüdischen Milieu in den Städten eine Existenz finden. Heute ist das noch nicht der Fall. Viele junge Leute müssen Palästina verlassen und sich im Ausland eine Existenz gründen, wodurch sie für Palästina verloren gehen. Da aber die Verbesserung der ökonomischen Verhältnisse viel schwieriger und langwieriger ist' als die Schaffung von Erziehungsanstalten, so' ergibt sich schon daraus, daß man zur Zeit; im Interesse einer kommenden jüdischen Kultur nichts Besseres tun kann, als die wirtschaftliche Position der Juden in Palästina zu verstärken. Aber wie? Ich will Ihnen nicht all die Ueberlegungen wiederholen, die mich zu der von mir schließlich angenommenen Lösung selbst nennen. Sie hieß: Schaffung einiger landwirtschaftlicher Großbetriebe iml Nord ein: und Süden-des Landes; ferner Schaffung einer, großen Pajzellierungsgesell-. schaff, und zwar" einer ‘’£8fEh!eh für ländlichen ’ und einer für städtischen Boden. Die Parzellierungsgesellschaften sollten den Privatkapitalisten Boden in solcher Form anbieten, daß er für sie unmittelbar verwendbar war. Und die Farmen sollten folgende Aufgaben erfüllen: 1. Sie sollten die jungen Leute, die sie als Arbeiter beschäftigen, landwirtschaftlich .ausbilden, damit sie nachher als gelernte Arbeiter In die Kolonien gehen könnten. 2. Sie sollten, zum Teif1 wenigstens, durch genossenschaftliche Organisation der Arbeiter auf der Basis der freien ZuwahK'der Genossen den Charakter und das Verantwortungsgefühl der Arbeiter stählen und eine Auslese derTüchtigsten herbeiführen-; < 3. Sie sollten alle technischen Neuerungen erproben und eine Form des Betriebes zu finden .suchen, die den besonderen Eigenschaften des Juden und den speziellen' Erfordernissen der jüdischen Kolonisation angepaßt ist; 4. Sie sollten sich, da ja in ihnen nur jüngere und größtenteils aus nationaler Begeisterung eingewanderte Leute vorhanden waren, zu Zentren reinen nationalen Lebens ausbilden; 5. Sie sollten den Privatkapitalisten nicht nur durch ihr frischeres Leben Mut einflößen, sondern auch praktisch den’ Nachweis erbringen, daß landwirtschaftliche^ Betriebe mit jüdischen Arbeitern durchaus 'möglich sind und so die Privatkapitalisten zur Nacheiferung anspornen. f Also damit — Schaffung von Tannen und Parzellierungsgesellschaften war die Aufgabe präzisiert; es handelte sich jetzt darum, diese Aufgabe zu verwirklichen. Ich hatte, um für die Lösung der Aufgabe nicht, ganz hilflos zu sein, nach meiner ersten Palästinareise vor Uebemahme des Amtes die Gründung einer ländlichen Parzellierungsgesellschaft mit wenigstens 1 Million Mark Kapital verlangt. Wirklich wurde daraufhin die P. L. D. C,. gegründet. Aber statt des Kapitals von 1 Million Mark hatte sie, als ich im Frühjahr 1908 nach Palästina hinüberging, knapp den zehnten Teil, Mark 100.000. Dieses Kapital und die etwa M. 200.000 des Vereines Oelbaumspende zur Pflanzung des Herzlwaldes waren — abgesehen von den nicht für Kolonisation verfügbaren M. 100.000 des Palästinensischen Industrie-Syndikates — die gesamte Morgengabe, die man 'dem Palästinaamte auf den Weg gab. Denn dig drei Terrains des J. N. F. (kinereth, Ben Schemen und Hulda), die uns gleichzeitig zur Verfügung gestellt wur- ' den, waren nicht ein Vorteil, sondern eine Last. Sie waren an Araber verpachtet und vollständig ausgesogen. Zwei von ihnen waren in Anbetracht ihrer isolierten Lage viel zu klein, nur 2000 Dunam groß, so daß sie eigentlich für keinen einzigen landwirtschaftlichen Zweck paßten, wozu noch kam, daß die Frage der Wasserversorgung au# 'beiden Terrains noch ungelöst war. Auf der anderen Seite war es eine gebieterische Notwendigkeit, mit diesen Terrains des J. N. F. irgend etwas anzufangen. Verkaufen durfte der J. N. F. sie nicht; das verboten ihm seine Statuten; sie an Juden zu verpachten, war unmöglich, denn kein Jude konnte daran denken, in diese ausgesogenen Böden die großen Beträge hineinzustecken, die zu ihrer Bewirtschaftung notwendig waren; die weitere Verpachtung an Araber verbot sich deshalb, weil es von Jahr zu Jahr schwieriger geworden wäre, den Boden von den Pächtern zurückzubekommen und ein Brachliegenlassen des Bodens endlich war mit Rücksicht auf die türkische Gesetzgebung ausgeschlossen. Also blieb nur übrig, den Boden in eigene Bewirtschaftung zu nehmen. Aber dafür wollte und konnte der J. N. F. kein Geld hergeben, weil die Sache zu riskant war. Aus diesem Dilemma schien es überhaupt keinen Ausweg zu geben. So standen also die Dinge. Und mehr als einmal däuchte es mir vermessen, mit den winzigen Mitteln an all diese Aufgaben heranzutreten und mit M. 300.000 etwas Nachhaltiges für ein .Kolonisationswerk tun zu wollen, für welches der Baron Rothschild, wie man sagt, bereits mehr als 50 Millionen Mark ausgegeben hatte. Aber schließlich siegte der Optimismus. Ich sagte mir: ein Anfang ist die Tat. Die Tat hieß: Kinereth. Ich entschloß mich, die Mittel der P. L. D. C. zu benützen, um auf dem Boden des N. F. in Kinereth einen Farmbetrieb einzurichten. Als dies in Palästina bekannt wurde, versammelte sich in Jaffa der damals bestehende Palästinarat und nahm in vielen Sitzungen und in einem ausführlichen Memorandum energisch gegen dieses Projekt Stellung. Seine Hauptargumente waren zwei: Erstens: die Farm wird eine Administration haben und kann schon deshalb nicht taugen; zweitens: an die in der veröffentlichten Rentabilitätsberechnung in Aussicht gestellte Rentabilität ist nicht zu denken. Bei dem ersten Argument spielte eine Begriffsverwirrung mit, die in ganz Palästina damals geläufig war. Man verknüpfte seit der Kritik Achad Haams mit dem Begriff Administration unvermeidlich stets den Begriff der Bevormundung; man sah nicht ein, daß ein Administrator im Sinne Achad Haams, der als eine Art Protektor und Vermittler zwischen einem fernen Geldgeber -und den'quasi-selbständigen Kolonisten ‘ stand,- etwas vollständig anderes ist als der Verwalter einer Farm, in der Lohnarbeiter beschäftigt sind. In diesem Punkte hatte also der Palästinarat Unrecht; dagegen hatte er in dem zweiten Punkte vollständig Recht. Es war in der Tat ein Irrtum, wenn ich auf Grund der von Fachleuten aufgestellten Rentabilitätsberechnung annahm, daß die Farm schon im ersten vollen Wirtschaftsjahr eine Rente abwerfen würde. Die Erfahrung hat mich inzwischen belehrt, daß die Okkupation neuen Bodens in Palästina so viele faux frais mit sich bringt, daß in den ersten Jahren eine Rentabilität ausgeschlossen ist. Aber ich bereue heute diesen Irrtum nicht. Hätte ich nicht irrtümlicherweise eine baldige Rentabilität des Betriebes angenommen, so hätte ich vielleicht nicht den Mut gehabt die Farm zu begründen; und dann wäre das Ufer des Tiberias-Sees, das jetzt die schönste jüdische Kolonie trägt, noch heute wüst und leer, die J. C. A. hätte nicht ihre wenigen Kolonisten dort ansiedeln können, die Gesellschaft Hoachoozo in St. Louis hätte nicht daran gedacht, dort die erste, neue, große Pflanzungskolonie anzulegen, an die sich so viele Hoffnungen knüpfen, die Kapitalisten, die ein Jahr später .Medjdel kauften, hätten nie den Mut dazu gehabt, wenn nicht die Farm Kinereth ihnen den Weg gewiesen hätte und schließlich wäre selbstverständlich Dagania, unsere schönste palästinensische Farm, wäre die Farm für die landwirtschaftliche Erziehung von Mädchen in Kinereth, wäre auch der Kauf von Merchawia unmöglich gewesen. Kinereth hat viel dazu beigetragen, daß heute Untergaliläa ein so frisches Leben zeigt und sich so vorteilhaft von Oberqnliläa abhebt. Ein Irrtum, der zum schnellen Handeln anregt, kann oft wertvoller sein als hundert Wahrheiten, die den Mut lähmen und zur Untätigkeit verurteilen. Solch ein Irrtum war Kinereth. Ich hoffe, daß man einst Kinereth als - unseren ersten Schritt zur Wiederbelebung des stagnierenden Kolonisationswerkes noch preisen wird, wenn das Defizit, das es uns in den ersten Jahren brachte und das ja übrigens durch die Wertsteigerung des Bodens mehr als gedeckt ist, längst vergessen sein wird. Was in Kinereth, im Norden des Landes, für Rechnung des P. L. D. C. geschah, erfolgte im Süden,, auf dem Boden des J. N. F. in Hulda und Ben Schemen für Rechnung der Oelbaumspende. Ich sagte schon oben, daß diese Terrains wegen ihrer isolierten Lage, ihrer Kleinheit und der Schwierigkeit der Wasserversor-