Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Nr. 36 zu unterstützen, wenn sie ihr Programm' durchführen -Würde und er freue sich, heute konstatieren zu können, daß das in weitestem Maße der Fall gewesen ist. Das Verwunderlichste ist, daß Männer nicht des Lebens, sondern der Theorie, auch die Finanzen in Ordnung zu halten verstanden haben. S. Rosenbaum, Minsk, ist nicht der Meinung, daß die Arbeit der neuen Leitung wesentlich verschieden von der alten gewesen sei. Die neue Leitung habe ein Hauptverdienst aufzuweisen: sie habe keine zu großen Erwartungen berechtigende Politik getrieben, sondern sich auf ..eine reale Politik beschränkt und an das Erreichbare, gehalten. Sie habe auch die Kompetenzfrage zwischen Großem oder Engerem Aktionskomitee, den ' beiden Organen der zionistischen Exekutive, in erfreulicher Weise gelöst. und den Machtbereich des.. Großen Aktionskomitees wiederhergestellt. Sie habe aber auch! Fehler begangen, insbesondere in ihrem Verhalten zur Opposition. Wenn heute Max Nordau nicht am Kongresse teilnehme, wenn der ganze Streit mit 'und wegen Nordau so weite Kreise gezogen und so heftige Formen ängoiömmen habe, so sei das nicht zum wenigsten die'Schuld der Leitung, die Nordau nicht gerecht geworden sei. Es besteht die Gefahr, daß die Meinung aufkomme, Nordau ,t habe mit diesem Zionismus nichts mehr ge-;mein. Auch gegen Kann, der an den Arbeiten der zionistischen. Palästina-Institutionen scharfe Kritik geübt habe, ^sei man ungerecht vorge-- .gangen,/ Kritik an einer falschen Arbeitsmethode heißt noch nicht,. Gegner der Arbeit selbst sein. Es solle darum eine' Kommission eingesetzt werden, die prüfe, ob die Kannsche Kritik der Sache ‘ nach berechtigt. sei. Die Anträge des E. A. C., .das die Fvinanzinstitute der Organisation inseine'Gewalt' bekommen wolle, seien an mjd 'für s.ich bedeutungslos und verdienen keineswegs die. Erregung, die. sie auf beiden Seiten" ‘ hervorgerufen haben. Dr. Rosenfeld, Redner des sozialistischen zionistischen Arbeiterverbandes „Poale Zion“, sieht eine Gefahr in der seiner Meinung nach Ungerechten Identifizierung von hebräischer Bewegung.'mit Zionismus. Dadurch, daß man die gesamte’ Kulturarbeit nur in der Förderung des .Hebräischen sehe, werde die Agitation in den ' breiten jüdischen Volksschichten vernachlässigt und der Zionismus bekomme immer mehr das Ansehen einer bourgeoisen Bewegung. Der offi- .ziehe Zionismus betrachtet die Lage des jüdischen Volkes von einem; ganz bestimmten, einseitig bürgerlichen Standpunkte aus und auch frie Pärastipäarbeit sei 'von' tjiesfer Beeinflussung nicht frei geblieben.; Die Bewegung; der’ „Poale , Zion“ una ihre Forderungen würden von der offiziellen Presse ungerechterweise totgeschwiegen oder tendenziös behandelt. Er und seine ..Fraktion sehen auch in den Forderungen des ' Aktionskomitees etwas prinzipiell Berechtigtes, sie müssen aber ihre endgiltige Entscheidung, wie auch die Decharge-Erteilung abhängig machen von dem Bericht über die Palästinaarbeit', der-hoch erstattet werden wird. _ Dr. M e 1 a m e d, London, kritisiert unter teilweise heftigem Widerspruch die organisatorische Ausgestaltung des Kongresses, der durch zahlreiche Neben Veranstaltungen an seiner eigentlichen Aufgabe, die Agenden der Bewegung zu erledigen, gehindert sei. Zu den praktischen Fehlern, die die Leitung begangen hat, zähle er in erster Linie die Haltung des offiziellen Organs, der ,',Welt“, Dr. Max Nordau gegenüber, trotzdem auch er der Meinung sei, daß Dr. Nordaii durch die Veröffentlichung seines antitürkischen Briefes in der „Times“ einen schweren Fehler begangen habe. Am' Schlüsse der Debatte stellt Dr. Pasmav n ik, Petersburg, Anträge auf Schaffung je einer besonderen Palästinakommission, Kulturkommission und einer Kommission für zionistische Gegenwartsarbeit, die sämtliche in ihr Gebjet fallenden Fragen vorberaten sollen. Die Einsetzung einer Palästinakommission wird beschlossen, dje Abstimmung über die beiden anderen Anträge wird vertagt. Vierte Sitzung. Präsident Wolffsohn eröffnet die Sitzung .und. teiljt. mit, daß eine außerordentlich große Anzahl, yon; Begrüßungstele'gfammen eingelaufen rist.. Sodann. nimmt der Vertreter der „Poal- ‘HaZ.air“, Herr’r'Chasanowitsch, das Wort ünfl. fghtt, etwa folgendes aus: .. |(Jph .beantrage, dem Aktionskomitee das Vert^amenSyötüm' erst dann zu erteilen, wenn wir die,..berichte über, die Tätigkeit des Jüdischen , Nation alfonds und der Bank angehört haben. Ich . freue mich, konstatieren zu können, daß - wir Toit der Arbeit der Leitung in Palästina ’ züfried.en gewesen sind. Wir sind mit der Haltüng‘j1der „Wiit“ unzufrieden, daß sie sich an die Beschlüsse des X. Kongresses in der Kulturfrage ni^ht. gerichtet hat und den Hebraismus gegenüber ’ der. jüdischen Spräche zu sehr in den Vordergrund gestellt hat. Chefredakteur des Zentralorganes „Die Welt“, Richard Licht heim, wendet sich dann gegen die von mehreren Seiten vorgebrachte . Kritik gegen die Haltung der „Welt“ Dr. Max Nordau gegenüber. Es wäre vollkommen unrichtig, daß „Die Welt“ und die Leitung die Absicht gehabt habe, Dr. Nordau geringschätzig zu behandeln. Man wäre vielmehr ausschließlich von politischen Gesichtspunkten ausgegangen, daß es eine Unmöglichkeit gewesen wäre, sich mit der antitürkischen Haltung von Dr. Nordau zu identifizieren. Das Zentralorgan der Zionistischen Organisation „Die Welt“ kann unmöglich in der Weise alle Strömungen und Schichtungen im Judentum berücksichtigen, wie es hier verlangt worden ist. Es bemüht sich,' allen Meinungen gerecht , zu werden oder sie widerzuspiegeln, aber gegen ' eine Richtung hat ' die „Welt“ allerdings sehr, schart sich wenden müssen: Das ist die neue. Idee des sogenannten „Alljudentums“, eine Idee, die in höchst verwaschener Und verschwommener Weise von unzähligen verschiedenen „judentümern“ spricht und ■ einen ganz unberechtigten . Kultus ’ des Ostjudentums propagiert. Gegen diese Richtung kämpfen wir, denn sie ist gefährlich, nicht wegen ihrer ' Bedeutung, sondern" weil sie eine Verwässerung des zionistisch en- Ideals proklamiert, zu dessen Schutz die „Welt“ berufen ist. :l Dr. Leon Reich, Lembbrg, spricht namens der galizischen Landmannschäft der jetzigen Leitung volles Vertrauen aus.: Wir sind überaus zufrieden mit dem System der politischen Arbeit der jetzigen Leitung, mit ihrer intensiven Palästinaarbeit und mit der geschickten Art. und Weise, in der diese Palästina'arbeit geführt wird. Wir danken der Leitung dafür, daß sje die Organisation stabilisiert hat, und wir treuen uns darüber, daß es ihr, im Gegensatz zu früher, gelungen ist, in jedem Zionisten das Bewußtsein zu erwecken, daß er nicht nur Objekt, sondern auch tätiges Subjekt der politischen Idee ist. Das macht uns nicht blind gegen die Fehler der Leitung, aber diese ’ sind allzu geringfügig im Verhältnis'zu dem großen, was sie geleistet - hat. Ihre Forderungen wegen der Unterstellung der Finanzinstitute unter den" Einfluß der Leitung finden wir durchaus gerechtfertigt und werden für sie eintreten. - Jean Fischer, Antwerpen, führt, 'unter teilweisem Widerspruch, folgendes aus: Ich spreche hier nicht im Namen einer Landsmannschaft . oder im Namen einer organisierten Opposition, sondern nur in meinem eigenen Namen. Im Zentralorgan, der „Welt“ ist gesagt worden, ich und meine Freunde hatten "nichts gelernt und nichts vergessen. Wir.,baber$ tatsächlich .{tichts . vergessen, wir steben,nqph heijjie auf deihj alten. ■ He’rzlscnen Standpunkt, wir'sjpd politische Zio- ■ nisten, wie es HerzI war. Es" ist verwunderlich, daß die früheren praktischen .Zionisten, als sie ans Ruder kamen, sich sofort , politische Zionisten genannt haben. Sie müssen doch also zu ihrer früheren Parole kein re.cfvtes Vertrauen gehabt haben. Ich muß mich gegen die Behauptung wenden, daß die jetzt noch bestehenden Differenzen lediglich persönlicher Natur sind, sondern ich sehe noch heute zwei verschiedene Richtungen in der Bewegung, wenn dieselben sich auch zahlenmäßig stark verschoben haben. Ich glaube aber nicht, daß uns eine Weltanschauung trennt, sonst würden wir uns heute hier nicht aus allen Ländern versammelt haben. Wir politischen Zionisten sind der Meinung, daß die Organisation nur die Bedingungen für die Einwanderung nach . Palästina schaffen darf und die Hindernisse und Beschränkungen aus dem Wege zu räumen hat. Die Kolonisationsarbeit mub der Privatinitiative überlassen bleiben. Alle Leute, die sich Zionisten nennen, haben die heilige Pflicht, alles in Palästina zu wagen und ich mache hier besonders unseren materiell gutgestellten Gesinnungsgenossen den Vorwurf, daß sie ihr Geld bisher zu fest, in der Tasche gehalten haben. Wenn wir in Palästina eine große Anzahl gut geleiteter Unternehmungen, die von der Organisation geschaffen wurden, hätten, so würden wir meiner Meinung nach damit nichts erreicht haben. Wenn diese Unternehmungen aber von privater Seite gegründet werden, so würden sich viele Nachahmer finden. Wir politischen Zionisten begnügen uns nicht mit den Zielen der praktischen. Wir wollen nicht bloß ein Kulturzentrum schaffen, sondern die Verwirklichung des Baseler Pragramms, d. h. die Befreiung der Juden vom Golus. Fünfte Sitzung. Donnerstag nachmittags 4 Uhr. In der Nachmittagssitzung wurde die Antwortdepesche ,der Kabinettskanzlei auf das Begrüßungstelegramm des Zionistenkongresses verlesen. Von den gewählten 6 Generalrednern, Ahronowicz (Jaffa), Syrkin, Tschlenow, Wolffsohn, Weizmann und Motzk i n sprachen Donnerstag nachmittags nur die ersten vier Redner. Den Reden Tschlenows und Wolffsohn wurde mit großer Spannung entgegengesehen. Zunächst sprach der Vertreter der palästinensischen Arbeiterpartei, Hapoel H a z a i r. Er betonte, daß engherzige kaufmännische Gesichtspunkte dort unangebracht sind, wo es sich um Wiedergewinnung des nationalen Bodens handelt. Der Zweck der Palästinaarbeit ist nur dann gesichert, wenn die Organisation als solche die Arbeit leistet Er fordert das Aktionskomitee auf, in Zukunft erst dann die Leitung zu übernehmen, wenn ihm gleichzeitig die finanziellen Machtmittel, der Organisation überantwortet werden. (Beifall.) Brutzkuv stellte im Namen der russischen Delegierten den Antrag, dem Aktionskomitee den nötigen Einfluß auf die Finanz- . Institutionen einzuräumen. Dr. Syrkin (Kiew) meinte, mann müsse zunächst gegen den merkantilen Geist der Bewegung auftreten. Dia zionistische Bewegung ist zu einer Kollektensammlung herabgedrückt worden. Es ist uns nichts in literarischer und agitatorischer Beziehung geboten worden. Auch die Agitation hat vielfach versagt: der kleine Zuwachs an zionistischen Kräften genügt uns nicht mehr. Es genüge nicht, daß die Männer der Leitung gute Verwalter seien, die Bewegung müsse auch Führer haben. Die Leitung habe auch verabsäumt, in die in Rußland jetzt im Vordergrund des Interesses stehenden Fragen der Kooperativbewegung Stellung zu nehmen. Desgleichen vermißt Redner eine scharfe Stellungnahme gegen die in Rußland mehr denn je grassierende Taufbewegung. Trotzdem dürfe sich die Opposition nicht von der Majorität entfernen, die Differenzen müssen überbrückt werden und Redner beantragt in diesem Sinne eine Resolution, in der es heißt: „Der Elfte Zionistenkongreß hebt die politische, volkstümliche Grundlage des Zionismus hervor, die Gegenwartsarbeit wird betont und dem engeren Aktionskomitee das Vertrauen ausgesprochen.“ Dann gelangte, mit minutenlangem Beifall begrüßt, Generalredner Dr. Tschlenow zum Wort. Sein Empfang war eine große Ovation für den bedeutsamen russischen Zionisten. Er begann damit, daß er seine uneingeschränkte Zufriedenheit mit den Leistungen der gegenwärtigen Leitung zum Ausdrucke brachte. Sie habe überall Ersprießliches geleistet und alle in sie gesetzten Erwartungen glänzend erfüllt. Der frühere Präsident der zionistischen Organisation, David Wolffsohn, führte unter teilweise heftigem Widerspruch, anderseits Beifallskundgebungen aus: , Es fällt mir außerordentlich schwer, hier an meinen Nachfolgern . Kritik zu .üben und ich hätte es nicht getan, wenn ich nicht durch die Forderung, der Leitung die Bank in die Hand zu geben, hiezu gezwungen worden wäre. Im Moment, wo die gegenwärtige Leitung an die Spitze der Organi- ' sation' trat, -durfte.sie -nicht Männer wie Nordau ' und Marmorek verhindern, am Kongresse zu erscheinen. Redner führt aus, wie schwer es gewesen sei, die zionistischen Bankinstitute «ns Leben zu rufen und welche unendliche Mühe ’ es gekostet habe, ihnen das Vertrauen des Publikums zu verschaffen. Dieses Vertrauen basierte darauf, daß die Banken bankmäßig geleitet würden. Die Leitung verlange die Aenderung in der Zusammensetzung des Aufsichtsrates der Bank nicht etwa aus geschäftlichen Gründen, sondern ausschließlich aus Parteirücksichten. (Großer Lärm. Widerspruch und Schlußrufe.) Eine nach parteimäßigen Grundsätzen ge- : teitete Bank verliere aber sofort das Vertrauen aller Geldgeber und wir warnen daher dringend, den Anträgen der Leitung stattzugeben. (Lärm und Beifall.) Die Leitung sei gegenwärtig bereits hinreichend in den Bankvorständ'en vertreten und. es sei nicht nur überflüssig, eine Aenderung eintreten zu lassen, sondern eine Gefahr für die Banken und die Bewegung. Er jedenfalls und seine Freundekönnten und würden eine derartige Politik mitmachen. Der Hamburger Kongreß sei ein Friedenskongreß geworden, weil man sich auf der jetzigen Grundlage geeinigt hat. Der Wiener Kongreß würde ein Unfriedenskongreß werden, wenn man den Anträgen der .Leitung entspräche und er ersuche, sie samt und sonders abzulehnen. Die Rede Wolffsohns, die die stärksten Angriffe gegen die Leitung enthielt, gab wiederholt zu stürmischen Szenen Anlaß. Wolffsohn konnte sich minutenlang nicht Gehör verschaffen. Die , Beifallskundgebungen rührten größtenteils von der Galerie her, während die überwiegende Mehrheit der Delegierten eisige Ruhe bewahrten. Die Rede Wolfsohn machte auf die Mehrheit der Delegierten keinen Eindruck. An dem festen Entschluß der Majorität, Bank und Nationalfonds , dem Aktionskomitee zu unterstellen, hat Wolfsohns Rede nichts geändert. Nach Redaktionsschlußi In der Freitag-Vormittagssitzung sprachen die Generalredner M o t z k i n und Dr. W e i zntann, die die Angriffe der Opposition auf die Politik der Leitung unter stürmischer Zustimmung der Kongreßmehrheit zurückwieseir. Das Schlußwort hielt D r. H a n t k e namens des E. A. C. Hierauf wurde über Antrag der russischen Landsmannschaft dem Aktionskomitee für eine erfolgreiche Tätigkeit auf poetischem, kolonisatorischen und kulturellen Gebiet einstimmig Dank und Vertrauen ausgesprochen und Decharge erteilt.