Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Nr. 36 treten. und der neu heranwachsendeti Generation, den .Geist nationaler Selbstachtung, den; Stolz; auf die Vergangenheit und ihre großen Träger, die Hoffnung auf eine Zukunft unseres Stammes einzuflößen. Diese Aufgabe kann aber niii" dann gelingen, wenn wir unser Ideal von inneren Kompromissen frei halten, wenn wir> es', nicht selbst biegen und knicken, wenn wir ihfii Vorbilder nationaler Pflichterfüllung sind, denen nachzueifern heiliges Ideal von Geschlechferri werden kann. Bei allen Völkern und zu allen Zeiten sind ideale Bewegungen von der Jugend getragen worden. Nationale Erziehungsarbeit. . In unserer Organisation ist diese Tatsache um;; deswillen häufig übersehen worden, weil der •■'politische Zionismus bei seinem Auftreten in den Haüptländern schon national gerüstete Bestrebungen vorfand, die ihm also bereits eine national erzogene Jugend zur Verfügung stellen konnten. Sie gilt aber auch für uns in vollem Maße; Es ergibt sich daher folgendes: Unsere Propaganda muß' den Charakter einer nationaler! Erziehungsarbeit annehmen. Sie muß radikal'’■ in der nationalen Tendenz und abhold jeden!1 Kompromiß in der Idee sein. Ihr Ziel kann es: daher nicht sein, möglichst viele zu überreden, in einmaliger Aufwallung sich für die Palästinaidee zu begeistern und dieser schönen Regüng ein einmaliges großes oder kleines Opfer zu bringen. Für sie darfnur der Wert haben, der.'^die 'nationale .Tendenz, den Willen zum! Leben :für alle Zukunft in sich aufnehmen will und--bereit ist, sich selbst diesem Willen zu opfern. (Menschen, nicht Geld — gilt die Losung. Und so wäre unsere Propaganda selbst dann erfolgreich, wenn es ihr nicht gelingen sollte, alle,'Kräfte unseres Volkes zu sammeln, wenn nup: die Scharen unserer Anhänger wirklich überall die radikalsten Juden sein werden. Aus diesen Gesichtspunkte heraus ist dann auch; klar, daß uns die jetzt, in assimilatorischen Kreisen ,so. oft ostentativ geäußerte Palästinaliebe keinen ■ Ersatz für die Ergebnisse nationaler Propaganda . bieten' kann. ■ Denn die Ueberzeugung vori,: der Zukunft eines jüdischen Palästinas nützt uns nicht, wenn sie . ihren Bekenner nicht zur Aufopferung seiner eigenen Person für dieses Palästina treibt. Diese Aufopferung aber kann nur die Folge einer Revolution im Denken des einzelnen, einer vollständigen Umwälzung im Empfinden des Juden, also im Aufgeben aller assimilatorischen Tendenzen zu Gunsten eines nationalen Judentums sein. .Einheitliche Propaganda.; .Die Erkenntnis des Wesens zionistischer Propaganda als. einer palästinäzentrischen, nationalen Prüfungsarbeit läßt unsere Propaganda in allen Ländern zu einer durchaus einheitlichen, von lökalen Einflüssen unabhängigen werden. Denn \Vfe die Assimilation überall dem aufmerksamen Beobachter 4 trotz . verschiedenster Masken das gleiche Gesicht zeigt, so hat die nationale Erziehungsarbeit überall dieselben Wege zu wandeln, will sie das gleiche Ergebnis zeigen. So ist die; Propaganda aus einem Arbeitsgebiet der Landesverbände, ja der einzelnen Gruppen, zu einem ./Arbeitsgebiet geworden, das zwar allen gleichmäßig zu bearbeiten obliegt, dem aber dpr Kongreß und das Aktionskomitee Richtung und Tendenz zu geben haben. So erst ist die Propaganda auch theoretisch als ein Arbeitsgebiet ‘ der Zentrale erkannt, sind ihre Prinzipien Gegenstand der öffentlichen Diskussion der Gesamtpartei geworden. >:• Geehrter Kongreß! Ich habe diese allgemeinen Gesichtspunkte vorausgeschickt, obwohl ich mirbewußt bin, Ihnen wesentlich Neues nicht geböten zu haben. In der Führung der Propaganda sind wir ja alle Sachverständige. Wer vdn uns könnte sagen, daß er propagandistisch hoch nie tätig gewesen. Es schien mir aber zweckentsprechend, die grundlegenden Gesichtspunkte Ihnen einmal in systematischer Zusammenfassung tvorzutragen. Denn gerade unsere Propagandatätigkeit ist. vielfach Gegenstand von Angriffen gewesen. Gerade hier ist das Wort von der Geldverschwendung gefallen. Es islx nun an sich schon unbegründet, bereits nach knapp zwei Jahren weitgehende Folgen einer Propaganda sichtbar vor Augen liegend zu fordern, die sich erst im Laufe dieser Zeit allmählich entwickelt hat, die wir aus Mangel an Kräften und Mitteln auch erst in einem Teil der Diaspora zur Anwendung bringen konnten. Unsere (ganze Arbeit leidet darunter, daß wir zu schnell Erfolge erwarten und daher in Gefahr sind, nach Scheinerfolgen zu greifen. Was verhältnismäßig schnell geleistet .werden kann, das ist die organisatorische Zusammenfassung der vorhandenen 'Zionisten, die Gewinnung derjenigen, bei denen es nur noch eines leisen Anstoßes bedarf. Denn hier heißt .es nur, dije vorhandenen Kräfte auszunutzen, sie zur Aktivität anzustacheln. Wollen wir aber neue Kreise gewinnen und sollen diese Kreise wertvolle Elemente enthalten, die einen höhen Prozentsatz aktiver Arbeiten geben, so gilt es, langsam die Grundlagen zu legen, allmählich die Stimmung, die Gedankenrichtung zu beeinflussen, bis schließlich der nationale Gedanke als der notwendige Schlußstein des Gebäudes sich selbst aufdrängt. So sind die Besten in unserer Mitte Zicjnisten geworden und nur so werden wir auch in Zukunft — immer abgesehen von Ausnahmen — die besten Kräfte gewinnen. Sorgen wir nur, daß überall die Arbeit früh ansetzt, in denjenigen Jahren, in denen der Mensch am empfänglichsten für neue Gedanken ist. Die Erfolge der letzten Kongreßperiode. Bei dieser Sachlage befriedigt es uns doppelt, wenn wir schon jetzt gewisse Erfolge Ihnen zahlenmäßig vorführen. Am kräftigsten zeigen sie sich dort, wo es nur galt, die organisatorische Zusammenfassung der Zionisten selbst straffer zu gestalten. Wie Sie wissen, haben in früheren Jahren trotz mehrfacher Beschlüsse des Kongresses und des großen Aktionskomitees eine Reihe von Landes- und Sonderverbänden hohe Prozentsätze des Schekels für sich zurückbehalten. Mit diesem Mißstand ist jetzt fast ganz gebrochen. Es ist daher die Zahl der in bar an die Zentrale abgelieferten Schekel um 50 °/o gestiegen. Nicht ganz so stark, aber doch nicht gering ist die Vermehrung der überhaupt gesammelten Schekel, also die Ausdehnung des Kreises der Schekelzahler. Hier müssen wir zwischen den Kongreßjahren und den kongreßlosen Jahren unterscheiden, da für die letzteren erfahrungsgemäß weniger Schekel eingehen. Es sind nur in den beiden früheren kongreßlosen Jahren 1907/08 76.583, 1909/10 71.530, im letzten Jahre 1911/12 dagegen 127.308 Mk. Schekel gesammelt worden. Ebenso brachten die Kongreßjahre 1908/09 und 1910/11 an -gesammelten Schekeln nur 106.224 und 104.364, während in diesem Jahre schon 87.676 eingegangen sind. Da erfahrungsgemäß nach Eröffnung des Kongresses noch mehrere Tausend Schekel eingehen, so dürfen . wir den Gesamtbetrag sogar auf über 130.000 schätzen. Bei all; diesen Zahlen liegen also Steigerungen von 20—5Ö°/o vor. Dieser Steigerung entsprechen die Zahlen unserer Sammlungen. Und diese Zahlen sind nicht weniger beweiskräftig. Denn sie sind nur der Ausdruck der gesteigerten Opferfreudigkeit und Arbeitslust unserer Gesinnungsgenossen, wie sie die gesteigerte nationale Tendenz wachgerufen hat. So sind die neueingelaufenen Spenden für den Nationalfonds von 507.612 M im Jahre 1910/11 auf 560.455 M im Jahre 1911/12 und 713.444 M im Jahre 1912/13 gestiegen. Dementsprechend ist auch das- Vermögenuunrr serer Institutionen in den letzten zwei Jahren von 8,658.000 M auf 9,866.000 M, also auf fast 10 Millionen Mark gestiegen. Die Einnahmen. Schwieriger ist die statistische Erfassung unserer Einnahmen. Nach den offiziellen Angaben unseres Berichtes betragen sie zur Zeit etwa 1,200.000 M jährlich. Hierzu treten aber noch die Einnahmen der Landes- und Sonderverbände und der Ortsgruppen, die Einnahmen der beiden Gymnasien in Palästina, des Bezalel und anderer nationaler Institutionen. Hier kann vorläufig nur ein ganz ungefährer Ueberschlag gemacht werden. Doch kann man die Gesamtsumme der Einnahmen aller zionistischen Organe mindestens auf 2 Millionen Mark im Jahre schätzen. Diese Summe ist für eine Bewegung von erst sechzehnjährigem Alter nicht unbedeutend, wenn man bedenkt, daß jeder einzelne von uns noch weitere Ausgaben für jüdische Zwecke, für die religiösen, sozialen und charitativen Bedürfnisse unserer Gemeinschaft hat. Und doch können wohl nur wenige von uns mit gutem Gewissen von sich sagen, daß sie auch nur mit ihrem Geldbeute! Ihre Pflichten erfüllt haben. Nur wenige haben sich bisher wehe getan. Die meisten haben nur einiges von ihrem Ueberfluß gegeben. Hier allmählich Wandel zu schaffen, zu zeigen, daß eine Organisation von 130.000 mehr aufbringen kann, als ein einziger sozial denkender Multimillionär, wird bald gelingen, wenn unsere Propaganda immer mehr aus dem engen Gesichtskreis der landesüblichen Vereinsarbeit zu großzügiger Volkserziehung sich emporentwickelt. Bei dieser Auffassung vom Wesen der Propaganda konnten wir uns nicht damit begnügen, den Landes- und Sonderverbänden gute Ratschläge zu erteilen und alles dem Zufall zu überlassen, sondern mußten die Leitung dieser Arbeiten in unsere Hand nehmen. Wir konnten uns auch nicht mit Schriftlicher Propaganda begnügen. Wir haben auch diese nicht vernachlässigt. Wir haben Broschüren herausgegeben, das Erscheinen anderer durch Beihilfen ermöglicht oder angeregt. Wir haben keine Kosten gescheut, um unser Zentralorgan „Die Welt“ und den „Haolam“ redaktionell auszugestalten. Wir haben auch die sonstige zionistische Presse gefördert upd konstatieren gern, daß die Zahl der zionistischen Preßorgane wiederum gestiegen ist.- Auch der nationalen Literatur haben wir unsere Aufmerksamkeit zugewandt, indem wir eine Reorganisation, ja fast eine Neuanschaffung des Jüdischen Verlags durch Aufwendung sehr erheblicher eigener Mittel und Heranziehung von Privatkapital ermöglicht haben. Das Hauptaugenmerk aber mußten wir auf die Ausdehnung der mündlichen Propaganda richten. Denn dem Einwirken der lebendigen Persönlichkeit selbst sind die höchsten Erfolge Vorbehalten. Wir haben daher neben unserem Organisationsbüro ein Propagandasekretariat eingerichtet und gleichzeitig in allen Landesverbänden versucht, die Einrichtung besoldeter Landeszentralen ins Leben zu rufen. Unser System, das ein Hand in Hand gehen des Aktionskomitees und der Landes-, beziehungsweise Sonderverbände erst ermöglicht, hat sich bereits — teilweise infolge unserer finanziellen Beihilfe — vielfach durchgesetzt. Wir sind überzeugt, daß es allmählich überall Anerkennung finden und bald die selbstverständliche Grundlage aller unserer Arbeiten werden wird. Die Propagandatätigkeit der Mitglieder der Leitung, Die Mitglieder des E. A. C. haben sich aüch selbst in den Dienst dieser Arbeiten gestellt und zeitweise eine ausgedehnte Propagandatätigkeit entfaltet. Auch hiergegen sind Einwendungen erhoben worden — 'Einwendungen, die insbesondere auf organisatorische Momente gestützt werden. Wir können sie als berechtigt nicht anerkennen. Die Propaganda ist ein ebenso wichtiges Arbeitsgebiet der Zentrale wie Politik, Palästinaarbeit und kulturelle Arbeit. Ja sie ermöglicht erst alle dtese so wichtigen Aufgagaben. Wir müssen daher auch ihr unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Die organisatorischen Neuerungen, die der X. Kongreß geschaffen hat, haben sich durchaus bewährt. Und wir sind die letzten, hierin eine Aenderung zu wünschen. Es heißt aber das Prinzip des Kollegiums und der kollegialen Arbeit verkennen, wollte man es nur dann als gewahrt sehen, wenn ständig sämtliche Mitglieder des Engeren Aktionskomitees an einem •rt sich aufhalten und sich auch vorübergehend vom Sitz der Zentralenicht entfernen. Wegen aller Einzelheiten unserer Verwaltungsführung darf ich Sie auf unseren gedruckten Bericht verweisen. Das Prinzip, das uns geleitet hat, war auch hier das der straffen Zusammenfassung unserer Organisation und ihrer lebendigen Kraft. Nur so entgeht unsere über alle Länder zerstreute Organisation, mit ihrer kulturell, sozial, sprachlich so verschiedenartigen Anhängerschaft, dem Schicksal, auseinanderzufalten. Nur scF tragenwir das Unsere dazu bei; die Wiedervereinigung des jüdischen Volkes vorzubereiten. Wir haben daher, soweit es unsere Kräfte erlaubten, selbst, sonst durch unsere Sekretäre, an den Delegiertentagen der Laudes- und Sonderverbände, als den Brennpunkten des zionistischen Lebens der einzelnen Länder, teilgenommen. Wir haben ferner allmonatlich an 1500 Vertrauensmänner interne Berichte versandt und so einen ständigen Zusammenhang mit den aktivsten Genossen geschaffen, der ihnen ständig das Gemeinsame in unserer Arbeit vor Augen hält. Der innige Kontakt zwischen Leitung und Aktionskomitee. Unsere Korrespondenz mit dem Großen Aktionskomitee, die ständige und ausführliche Berichterstattung an dasselbe, die zahlreichen und ausgedehnten Sitzungen haben dem Großen Aktionskomitee die Möglichkeit gegeben, in den wichtigen Fragen selbst die Entscheidung zu treffen. Wir glauben unser Versprechen erfüllt zu haben, nur die Exekutive des Großen Aktionskomitees zu sein. Allerdings ist dieses Ergebnis nur der weisen Beschränkung des X. Kongresses zu verdanken, der das Große Aktionskomitee auf die Zahl von 30 Mitgliedern herabgeführt und diese Mitglieder nicht nach lokalen Gesichtspunkten, sondern nach den Bedürfnissen einer Zentralregierung ausgewählt hat. Großes Aktionskomitee und Engeres Aktionskomitee haben in der ganzen Zeit vollkommen reibungslos miteinander gearbeitet. Ich konstatiere dies an dieser Stelle gegenüber unwahren Presseäußerungen. Das Große Aktionskomitee hat wiederhalt und stets fast einstimmig die Grundlinien des von uns verfolgten politischen Systems gebilligt. Unsere Tätigkeit beruhte durchwegs auf zustimmenden Beschlüssen des Großen Aktionskomitees und des Zentralkomitees, das als Vertretung des Kongresses im Jahre 1912 zun* erstenmal zusammengetreten ist. Finanzgebarung. Unsere Finanzen waren geordnete. Unsere laufenden Ausgaben sind bis auf einige tausend Mark, die noch im Laufe des Kongresses eingehen werden, durch laufende Einnahmen gedeckt worden. Wir haben uns auch im wesentlichen in den Grenzen unseres Etats) halten können. Nur die Ergebnisse der Administration unseres Zentralorganes haben unseren Erwartungen nicht entsprochen. Wir hatten geglaubt,