Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 35 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 35 liehen Palästina - Kommission herausrückte, da sagten mir die Führer: „Aber, das ist ja der reinste Chowewe-Zionismus!“ Und nur dank der durch die Uganda-Affäre geschaffenen Situation gelang es, die Begründung der Palästina-Kommission durchzusetzen, die heute als Palästina- Amt großartiges leistet, was zu unserer Annäherung an kapitalskräftige jüdische Kolonisationsgesellschaften führte. Nun, der Nordausche Opportunismus wird sich auch mit den weiteren Erwerbungen in Palästina aussöhnen — wenn sie schon da fertig sein werden. Da handelt! es sich wirklich um einen prinzipiellen Unterschied. Nordau behauptet: „Was wir jetzt in Palästina besitzen, sollen wir unterhalten, sollen wir in einen noch besseren Zustand bringen, aber vergrößern wir es nicht, weil es jetzt unmöglich ist. (Ja, warum? D. V.) Bewahren wir unser Juwel, aber suchen wir nicht, es zu vergrößern, denn wir haben dazu die Mittel nicht.“ Oh nein, unsere Juwelen werden wir mit allen Mitteln zu vergrößern suchen und wir werden diese Mittel finden — wenn wir auch mit den Zähnen sie aus dem harten Felsen herausbeißen werden müssen. Nur durch die praktische Arbeit in Palästina hat der Nationalfond seine Mittel vergrößern können. Wir werden auch weiter die Mittel finden, wenn wir nur mit voller Hingebung, mit ganzem Herzen und mit heiligem Ernst arbeiten können. Ja, Herr Nordau hat die prinzipiellen Unterschiede' aufgedeckt: Hie — die große Phrase, dort — die systematische Zielstrebigkeit, hie — Warten, dort — ununterbrochene Arbeit. Wofür sich der XI. Kongreß aussprechen wird, ist für midi außer Zweifel. Die Uorbereifungen zum zionistisriien Tum- und Sportfest in ösferreifr Ungarn. Die jüdische Turnerschaft Oesterreich-Ungarns rüstet mit emsigem Eifer zu den bevorstehenden Kongreßveranstaltungen. Das Turnfest, welches am 7. September absolviert wird, dürfte ungefähr 1000 Turner und Turnerinnen aus allen nationaljüdischen Turnvereinen der Welt beim allgemeinen Aufmärsche vereinigen. Diesem werden sich die allgemeinen Männer-Freiübungen anschließen, zu welchem Oesterreich- Ungarn (in den 2. Kreis: Oesterreich samt Ungarn und Bosnien-Herzegowina und den 3. Kreis: Galizien-Bukowina geteilt) 500 aktive Turner stellen wird. An den Damen-Freiübungen werden sich 100 österreichische Turnerinnen beteiligen. Die Gerätübungen und. Sonderaufführungen der Vereine werden ein Bild des internen' Betriebes und der ruhigen, stillen Jahresarbeit unserer Korporationen geben. Schließlich werden wir auch Gelegenheit haben, neben den Wanderern des Jüdischen Wanderbundes „Blau-Weiß“, welcher seinen Sitz in Wien und Ortsgruppen in mehreren westösterreichischen Städten hat, Vertreter des galizischen Scout-Bundes „Schomrim“ und des ungarischen Wander-Bundes zu sehen und in ihnen unsere Jugendtruppe, unsere Zukunft, zu begrüßen. Am zweiten Tage, 8. September, findet das Sport-Meeting statt, welches einen leichtathletischen Wettbewerb und ein Fußball-Match umfaßt Ein reiches Programm an Wettkämpfen und die Vervielfachung der Interessen in den Einiel- und Mehrkämpfen, Vereins- und Kreiskonkurrenzen sichern diesem Tage eine starke Be- , teiligung und einen sehr anregenden Verlauf, i Aus Oesterreich-Ungarn sind bereits 70 Nennungen zu den verschiedenen Ausschreibungen eingelaufen. Der siegende - Kreis erhält ein Diplom, die Sieger in den Einzel- und Mehrkämpfer gewinnen nebst Diplom silberne resp. bronzene Plaketten, dem siegreichen Vereine schließlich fällt der vom Engeren Aktionskomitee gestiftete Wanderpreis, ein ziselierter Wandteller aus der Meisterschule des „Bezalel“ zu. Unsere österreichischen und ungarischen Vereine gehen mit viel Zuversicht Jn den Kampf. Unsere Turnvereine haben in ihrem Arbeitsprogramme dem’ Sport wohl noch nicht die Rechte eingeräumt, die er in unseren deutschen Brudervereinen genießt;-doch dürfen -wir hoffen, daß es uns gemeinsam mit der „Hakoah“ gelingen wird, einige der Einzel- und V'ereinskonkurrenzen siegreich zu bestehen. Wird der erste]; Tag das einheitliche Streben all unserer Vereine in den gleichartigen Massenvorführungen!' versinnbildlichen, die neue jüdische Jugend in JReih und Glied zeigen, welche; das Wort vom Muskeljudentum in Wirklichkeit umsetzt, einem Wink und einem Willen gehorchend, Höchstleistungen ihrem Körper abzwingt, so wird das Sportmeeting den Beweis erbringen, daß wir Jungjuden, nicht nur'Sinnfür persönliche Gewandtheit, Interesse für olympische Wettspiele haben, sondern auch die Fähigkeit besitzen, diese Eigenschaften persönlicher Behendigkeit, Kraft, Entschlossenheit in uns selbst zu wecken, zu erziehen und bis zu Gipfelleistungen zu steigern. Wen sollte es nicht im Innersten bewegen, wenn wir unsere galizischen Brüder turnerisch exakt die Freiübungen vollführen, sie am hohen Reck schweben sehen, sie im fliegenden Lauf, sonnverbrannt und \Vetterstark, im Fußballwettkampf verfolgen können? Welch’ unmeßbare Strecke Weges in der Entwicklung dieses Geschlechtes und Menschenmaterials hat hier der nationale Gedanke in der kurzen Spannfe Zeit von zehn Jahren bewältigt! Diese Festtage dfer jüdischen Turnerschaft bieten naturgemäß willkommene Gelegenheit zu gegenseitiger Aussprache unserer Organisationen,, sowie zur Informierung weiterer zionistischer Kreise über unsere'Bestrebungen und Ziele; denn unsere bisherige Arbeit bedarf ebensosehr inner rer Festigung, wie einer Ausgestaltung und Ausbreitung nach außen. Diesen Zwecken wird das Meeting am 7. September in den Sofiensälen, die Tagung der zionistischen Jugend Oesterreichs und schließlich die außerordentliche Sitzung, der Jüdischen Turnerschaft dienen. So wird nicht; turnerisches Können allein, nicht bloß treue jüdischnationale Gesinnung all der Unsrigen das Turn- und Sportfest erweisen, — die harmonische Vereinigung beider zu einem mächtigen Grundpfeiler der jüdischen Renaissancebewegung wird ihr stolz-frohes zehnjähriges Jubelfest feiern! R. K. ' Hebräilrfie Spradihonferenz. Die Organisation für hebräische Sprache und Kultur hielt vom 25: bis 28. August im Beethovensaale eine außerordentlich interessante Konferenz ab, welche _ gleichsam . die Introduktion zum Zionisten-Kong’resse darstellte. An den Beratungen nahmen über hundert Delegierte teil. Die Konferenz befaßte sich namentlich mit Literatur- und Erziehungsfragen. Aber auch die Frage der Organisation spielt gegenwärtig in der j Histadrut eine große Rolle. Von den erschienenen Delegierten sind erwähnenswert: Ch: N. Bialik, Prof. Scliechter (New York); Dawid Frisdimann (Warschau); Schneir (Paris); Leo Motzkin (Berlin); Zlatopolsky (Kiew); Dr. Josef Klausner (Odessa); Jizchok Epstein (Saloniki); Dr. Schemarjohu Lewjn (Haifa 1; Adolf Stand (Lemberg); Dr. Mosinsohn (Jaffa); Na-' hum Sokolow (Berlin); Dawid Yellin (Jerusalem); Rabbiner Mase (Moskau) u. v. a. Die Eröffnungssitzung der Konferenz fand Montag, den 25. August, abends statt und war’ mit Begrüßungen durch die verschiedenen Ver-' treter jüdischer Organisationen ausgefüllt. Im. Aufträge des Präsidiums der israelitischen Kultusgemeinde überbrachte Herr Löw-Vogel herzliche Begrüßungsworte. Für das engere Ak-' tionskomitee der zionistischen Organisaton sprach Dr. Lewin; für das westösterreichische Zentralkomitee und das innerösterreichische Distriktskomitee Sprach wirkungsvoll Gg. Ludwig- Batö; im Namen der zionistischen Organisation- IDeutschlands Sprach Gg. Dr. Rosenblüth,; , für die Moskauer Zionisten Gg. N e i d i t s c h; - für die Wiener Verbindung „K ad im ah“, deren Gründer Perez Smolensky der Vater der modernen hebräischen Literatur ist, sprach cand. iür. Schfamm. Im Namen der hebräischen Sprachorganisation in Jerusalem sprach Dawid Yellin; Außerdem entboten zahlreiche Vertreter von verschiedenen Organisationen Grüße und beglück- , wünschten die Tagung.; Dienstag früh erschien der Präsident ■ der;Wiener Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, um . im Namen der Kultusgerheinde die hebräische Sprachkonferenz zu begrüßen. Das Ehrenpräsidium der Konferenz wurde Prof. Schechter übertragen. Das Präsidium' setzte sich aus den Herren Motzkin, Zlatopolskv, Br a inin, Bialik, Frischmann, Epstein, Kahn und Mase zusammen. Die Konferenz weist einen zahlreichen Besuch auf. Das Leben und Treiben erinnert an iden. Zionistenkongreß; natürlich ist . die hebräische Konferenz eine Miniaturausgabe im Vergleiche zum Zionistenkongreß. Von den bisher gehaltenen Referaten ist besonders erwähnenswert das Referat Bialiks über „Das hebräische. Buch“. Bialik übertraf sich, waS Sprachgewalt, - Formvollendung und Tiefe der Gedanken ahbelangt in seinem Referat und wurde mit freneti- (gesetzl. gesch.) Reizende Mappe, weiB-blau gerändert, in Zionsfarben und goldgeprägt 70 h. Jüdische Vereine, Wiederverkäufer Rabatt. Alleinverkauf CapiernieMge Mus Kraus, Wien V., Rechte Wienzeile 103. Uebernahme sämtlicher Druckarbeiten zu konkurrenzlosen Preisen. Riesiges Lager in sämtL Papierwaren, Geschäftsbüchern und Schreibrequisiten. Feuilleton. Eine zionistische Episode vor 100 Jahren« Ein Exodus.*) Durch die Zeitungen geht eine Notiz, die erzählt, daß eine Anzahl jüdischer Familien i.m Norden der Vereinigten Staaten sich zusammengetan, um nach Palästina auszuwandern und daselbst in der Nähe von Jerusalem eine Ackerbaukolonie zu gründen. Etwas Aehnlidies kam schon zu Anfang dieses Jahrhunderts in Böhmen vor und es ist das eine Geschichte, die, in ihren Einzelheiten erforscht, gewiß den Stoff zu einer ergreifenden und abenteuerlichen Erzählung geben würde. Wir können hier nur wiedergeben, was uns im allgemeinen undvor vielen Jahren darüber mitgeteilt worden. Das sogenannte „Finanzpatent“ oder der Bankerott des Kaisers Franz 1. brachte ..vorzugsweise über jene großes Elend, deren Eigentum in Geld bestand und somit über die Juden Böhmens, die kein Grundeigentum haben durften und dabei noch neben den anderen Steuern des Staates mit einer besonderen Judensteuer belastet waren. Dazu gingen in jenen Kriegszeiten die Geschäfte schlecht und die Juden' des offenen Landes, die ausschließlich auf den *) Diese ergreifende Schilderung stammt aus dem Jahrgange 1866 der Zeitschrift „Freya“ und wurde uns von einem Mitarbeiter zur Verfügung gestellt- (Die Red.) Handel angewiesen waren, versanken in drükkende Armut. '• Von Auswanderungen nach Amerika mußte man damals in Böhmen noch nichts und so kam ein unternehmender Kopf auf den Gedanken, nach Palästina, in die Urheimat auszu wandern und selbst das Feld zu bauen, w'i e es d i'e Väter getan. Dieser neue Moses durchzog; die Umgegend seines Dorfesim südlichen Böhmen, wo das Elend groß war und hatte bald' eine Anzahl von 70 bis SO Familien um sich versammelt, alle bereit, in das Länd ihrer Sehnsucht auszuwandem und die Mühen und Gefahren einer solchen Reise über sich zu nehmen. Sie verkauften alle unnütze Habe, schafften Ackerbaugeräte an, bewaffneten sich auch teilweise und luden, was sie brauchten, mit Weib und Kindern auf leichte, von einzelnen Pferden; gezogene Leiterwagen, die mit Leinwand gedeckt waren und während der Reise die Zelte ersetzen sollten. So machte sich derlange V/agenzugauf den Weg, Männer, Weiber' und Kinder] auch' viele" Greise, die im heiligen Böden begraben werden wollten, ausgerüstet' Vom; Präger Rabbiner mit Empfehlungsschreiben an die jüdischen jn&meinden, mit denen sie auf ihrer langen Fahrt in Berührung kommenjkönnten. Anfangs ging alles gut. Die großen ^Gemeinden von Nikolsburg in Mähren und. voij Preßburg an der ungarischen Grenze' nähmen steh der" Auswanderer aufs sogar Brüderlichste1 an „ und „verschafften von Wieh‘ äus'i'Empfehhmgeh,'än kisehen ^Behörden.. Aber- Bald ihnen: die iturburg über di[e Donau gegangen waren, auf der großen Ebene, die dieser Fluß im Norden , und Osten begrenzt, begannen ihre Leiden. Einige Nachzügler wurden von Schweinehirten der dortigen Waldungen ausgeplüridert und darauf folgten mehrere vereinzelte Angriffe, die aber die Juden meist mit Glück zürückschlugen. Allein die Zurückgeschlagenen verbreiteten unter ihresgleichen rasch die Nachricht, daß eine Schär Juden durchs Land ziehe, die, als Juden, wahrscheinlich große Schätze mit sich führten und lockten so auch andere herbei, die, obwohl sonst nicht Räuber, Teil an dem Raube haben wollten. Schweine- und Roßhirten strömten herbei, zu Fuß und zu Pferde und alle bewaffnet. Die Juden, die sich so bedroht sahen, bildeten aus ihrem Wagen eine eine dreieckige Wagenburg, nahmen die Kinder und Weiber in die. Mitte und schlugen die Räuber mit Tapferkeit zurück. Aber schon beim ersten. Angriff frei ihr Moses. Sie stellten nun einen gewissen Jakob Meisl an' ihre Spitze, der'sich schön'während der ganzen Reise durch , seine Entschlossenheit ausgezeichnet hatte. Dieser traf-in-der Tat so gute Anordnungen, daß -sich die Feinde der Wagenburg kaum zu nähern’ 'wagten und sich darauf beschränken mußten, sie zu umringen und aus der Feme zu belagern'. Damit war aber' den Auswanderern nicht gedieht; sie mußten aus'- dieser gefährlichen Gegend fort undüberhaupt weiter zu kommen suchen. Meisl verwandelte die Wagenburg in ein Viereck und setzte die ganze Karawane in;' Bewegung. Man ka'm wohl eine Strecke weit, aber-' die: Räuberschosseneine- Anzahl Pferde