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Jüdische Zeitung · 1913-08-29 · 35 (29.8.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
35 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 verzögert ddejr sogar auf Abwege gelenkt wurde: . v -‘ - :■■■■' ~ Die Zeiten, jda Stimmungen und Zufälligkeiten die Organisation erschüttert haben, scheinen vorüber zu sein. Wenn wir auch 'wissen, daß noch manches der Klärung bedarf, so besteht doch bei uns kein Zweifel, daß in den wichtigsten Belangen clief Ansichten 'so weit (geklärt sind, daß eine [Trübung, mag sie von welcher Seite immer jausgehen, ausgeschlossen erscheint. .. Am Dienstag, den, 2. September wird der XI. Zionistenkongreß zusammentreten. Die große Schöpfung Theodor Herzls, welcher im Kongreß seinem Volke ein Sprachrohr für sich und die ganze Welt gab, wird in Wien acht Tage lang den Juden zu Nutz und zur Ehre wirken. Vertreter aus allen Staaten, in denen Juden leben, hoffen und zur Erlösung streben, werden in einem Saale vereinigt, Zeugnis ablegen von der unversiegbaren Kraft des jüdischen Volkes. Sie alle, aus Rußland oder Amerika, aus Deutschland oder aus den Niederlanden, namentlich aber die aus Palästina kommenden, seien herzlichst begrüßt!r Wir sind stolz, die Vertreter der Juden' bei uns zu Gaste zu haben und sehen freudigen Herzens den kommenden Tagen entgegen. Rundschau. Spielhöllen in Oesterreich. Oesterreich besitzt Gesetze, welche das Hasardspiel äußerst strenge bestrafen. Fast täglich kann man in der Gerichtssaalrubrik drakonische Urteile gegen erwischte Glücksspieler lesen. Besonders hart werden Ausländer bestraft, denn ihre Verurteilung zieht unbedingt die Landesverweisung nach sich. Oft wird die Rechtsprechung absurd. Ueber halbwüchsige Jungen, welche um Heller würfeln, „Kopf oder Adler“ spielen, werden schwere Arreststrafen verhängt iund dije Bestraften an die Grenze gebracht. Trotzdem ist aber das Gesetz ein notwendiges und gutes. Oesterreich mit seinem wirtschaftlich so schwachen. Mittelstände „ muß alles tun, um das Glücksspiel zu erschweren. : Und"‘insbesondere. die österreichischen1 Juderi ha-i ben das größte Interesse daran, daß die. Gesetze^ gegen Hazardeure unnachsichtlich gehandhabt; werden, denn kein anderes Volk in Oesterreich hat sosehr unter dem Spiellaster zu leiden, wie das jüdische. Von hundert an Spielprozessen beteiligten Angeklagten sind sicher 95 Juden. Und am widerwärtigsten berührt die Tatsache, daß auch die jüdische Frauenwelt an diesem Laster krankt. Wir haben leider schon oft Gelegenheit gehabt, darauf zu verweisen, daß jüdische Mütter und Frauen zu Spielhyänen werden: Vor kurzem stand in Wien eine ganze Bande von jüdischen Spielweibern vor den Gerichtsschranken und wer die Rennplätze aufsucht, kann diese unsaubere Sippschaft recht zahlreich vertreten sehen. Frauen jüdischer Kaufleute, Aerzte und Advokaten drängen sich an den Schaltern des Totalisateurs. Unzählige jüdische) Mittelstandsexistenzen sind durch dje Spielwut des Mannes oder der Frau ruiniert worden. Je strenger das Gesetz gegen den Spielunfug gehandhabt wird, desto zufriedener können wir Juden damit sein. Nun ist es in Oesterreich alter Brauch, daß die Gesetze nicht für alle gelten und es, gibt immer bevorzugte Personen und Gesellschaften, für welche Frau Gerechtigkeit ein Hintertürchen offen hält. Während Hasardspieler aüs den mittleren und untern Ständen stets strenge Richter finden, ist es dem Staatsanwalt nie eingefallen, gegen vornehme Klubs, in denen die Geburts¬ und Finanzaristokraten, hohe und höchste Herrschaften verkehren, einzuschreiten, obzwar dort ganz* ungeniert hasardiert wird. Das ist eine beschämende Tatsache, aber schließlich kann man sich damit abfinden. Was‘sich dort ruiniert, was dort an Faulenzer-Pöbel zugrunde geht, bedeutet für die Menschheit und die Gesellschaft keinen Verlust. Nunmehr soll sich aber die Duldung auf andere Gesellschaftskreise erstrecken. In nächster Zeit werden in vielen Badeo.rten 0;es t.e rr.etchs^SjgFe.l h anke.ii, er-; öffnet werden und zwar'mit Zustimmung der Behörden, dem bestehenden Gesetz zum Hohn. Das einfach-Unglaubliche wird faßlich, wenn man sich daran erinnert, daß der famose DeutschnationalefHochenburger oberster Justizchef ist. Daß unter dem Protektorate dieses Mannes das Gesetz mit Füßen getreten wird, ist nur selbstverständlich und daß unter solchen Umständen;.ein Appell an die Justizverwaltung erfolglos bleiben muß, das steht fest. Aber geschehen muß etwas, denn die Folgen werden für den österreichischen Mittelstand rüinös sein, ganz besonders aber für den j ü - disch en. . In Grado,,: Abbg&ia,; Baden, .Karls- , bäd, Marienbad etc. wird jedem Gelegenheit zum Hasardieren geboten sein und gerade diese Orte sind von jüdischen Angehörigen der mittleren Stände stark besucht: Eine Saison wird genügen, um d.i.g, Zahl der jüdischen Kridatare undiDefraudanten ins Ungemessene zu steigern. Von diesen Orten wird jüdischer Jammer und jüdisches Elend seinen Ausgang nehmen. Das Umsichgreifen des Hasardspieles muß durch eine mächtige Protestbewegung Verhindert werden und alle jüdischen Korporationen und Vertretungen sind verpflichtet, sich dieser Bewegung anzuschließen. ' Noriaus Prinzipien. Von Dr. Daniel PasmaniL, St. Petersburg. Vor einiger Zeit erklärte Herr Nordau einem angesehenen russischen Zionisten, daß er, Nordau, zum Kongreß nicht kommen kann, nicht etwa aus oppositionellen Gründen, da er im großen und ganzen mit der Leitung einverstanden ist: die Gründe wären ganz aparter Natur, die mit Opposition nichts zu tun haben. Umsomehr überraschte .die am Todestage Herzls gehaltene Rede, iipider Nordau nicht bloß seinen scharfen oppositionellen Standpunkt festlegte, sondern auch die Leitung mit schweren Beschuldigungen überhäufte.: Als Nordau vondemselben russischen Gesinnungsgenossen angefragt wurde, wie sich diese Rede mit den vorigen Erklärungen zusammenreimt, da antwortete Nordau, die Zeitungen hätten seine Rede falsch wiedergegeben. 'Nun ist diese Rede in authentischer Fassung erschienen: im „Echo Sioniste“ Nr. 8. Jetzt endlich wissen wir, woran wir uns halten sollen. Nun, es ist wahr, daß die Zeitungen seine Rede nicht ganz genau; wiedergegeben haben, aber ich frage Herrn Nordau: Was soll man. .über eipe. Leitung, denken, über.die er wöirtlich! folgendes" sagt: „Mais une. adrriinistration cautuleüse, qui u’se de reticences, qui lorsqu’ on lui demande des comptes, les donne d’ une fagon equivoque, incomplete, et qui voudrait faire croire ä des cho.ses qui ne sont p a s, cette administratipn qommet une grosse erreur.“ Ich frage, in welcher Partei der Welt wäre so was möglich, daß man solche schwere Beschuldigungen hinwirft und nachher sich dem Tribunal entzieht, das allein im Stande wäre, den Streit zu schlichten? Dadurch, daß Herr Nordau dieselben Beschuldigungen nicht von der Kongreßtribüne vorgebracht hat, hat er nicht nur eine „grosse erreur“,, sondern auch eine „grosse faute“ begangen. . Das ist jetzt für die ganze Welt eine ausgemachte Sache und damit Punktum. Uns interessiert hier was ganz anderes: die prinzipiellen Erklärungen Nordaus, die wir einer Analyse unterwerfen wollen, damit wir aus ihnen den einzig möglichen Nutzen ziehen können: Klärung der Sachlage. Nordau erklärt: bis heute existieren zweierlei Zionisten — politische, die die Erlösung des ganzen jüdischen Volkes anstfeben und die praktischen, die da meinen, mit einem Eimer das Meer ausschöpfen zu können, die . aber höchstens einen „Nationalpark“ in Palästina schaffen werden, in dem jüdische Raritäten und völkische Specimina aufbevrahrt werden sollen. Jene erstreben den von der türkischen Regierung und den Großmächten Unterzeichneten Charter, .diese kaufen stückweise palästinensischen Boden. •" Ich frage, was. haben Nordau und seine Parteigänger für die Erreichung des Charters getan, resp. welche Vorschläge haben sie, um zu diesem Ziele zu gelangen? Nur einen: warten. „Wir können warten“ — erklärte auf dem neunten Kongreß Herr Nordau. Warten ist keine Arbeit und kein Programm. Und noch einen zweiten Vorschlag: die Aufbewahrung von Herzls Erbschaft, wie es, nach der Meinung Nordaus, Herr Wolfsohn gemacht, von dem er sagt: während der acht Jahre der Leitung durch Herzls Nachfolger ist nichts beschädigt worden, sondern sie bewahrten alles in altem Zustande“. D. h.: kein Charter, keine Abschaffung des roten Zettels, keine Erwirkung des Rechtes, Boden in Palästina auf eigenen Namen zu kaufen, keine Durchführung eines zeitgemäßen Bodenkreditgesetzes, aber auch keine Stärkung unsrer Jüdischen Kolonialbank, die ja als Instrument zur Erreichung des Charters gedacht ish Also lassen wir die müßige Frage, was Herzl erreicht hätte, wenn er da wäre, aber was haben Nordau und seine Freunde getan, um den Charter zu erreichen? Und noch eine Frage: wodurch hat die neue Leitung die Erreichung des Charters behindert oder aufgehalten? Das „Instrument“ — die Jüdische Kolonialbank — ist ja bis heute in den Händen der „politischen“ Zionisten. Haben sie was geleistet? Ich behaupte, daß den politischen Zionisten nur eines geblieben — die große, aber leere Phrase. Ihre ganze Taktik ist — Warten, womit weder den 12, noch den 6 Millionen Juden irgendwie geholfen ist. Aber Nordau, dieser sonst so scharfe Dialektiker, verliert auf einmal die Kraft seiner Analyse und wird ganz simplistisch. Die praktischen Zionisten bekämpften soviele Jahre die politischen Zionisten, und als die „praktischen“ zur Macht gelangt sind, treiben sie selbst Politik. Also die reinsten Betrüger oder Stellenjäger, deren einziges Motiv wäre: „Ote-toi de lä, pour que je m’y mette!“ (Geh weg, damit ich mich auf deinen Platz setze!). Aber ich muß wirklich die Zuhörer Nordaus tief bedauern, die sich solche Märchen auftragen lassen, ohne zu murren. Wo und wann waren die praktischen Zionisten gegen die politische Arbeit? Sie kämpften für eine richtige Politik gegen das scheinbare Politisieren. Sie behaupteten: das Fundament der gesunden zionistischen Politik ist die praktische Arbeit in Palästina; der Schwerpunkt unserer rein politischen Arbeit ist nicht in Europa, sondern in Konstantinopel und in Palästina selbst, da wir vor allem ein Einverständnis mit den Türken und den Arabern anbahnen müssen. Und treu diesen vielmals deklarierten Prinzipien handelte die Leitung während der letzten zwei fahre. Ja, man hat aber noch nichts erreicht! Vergesse man ja nicht, daß es zwei tragische Jahre waren, wo die Türkei wirklich nicht an uns und an innere Reformen denken konnte. Und zwei Jahre sind keine acht Jahre. Was sich in zwei Jahren nicht erreichen ließ, das wird sich sicher in acht Jahren erreichen lassen. Also, nicht um Stellenjägerei handelte es sich, sondern um die Ersetzung von Scheinpolitik, die im letzten Grunde auf das Warten hinausläuft durch reelle Arbeitsmethoden, die zum Ziele führen müssen, wenn der Zionismus überhaupt realisierbar ist. Es ist aber nicht zu bezweifeln, daß nach den zwei Jahren politischer Tätigkeit der neuen Leitung im türkischen Parlament nicht mehr in dem Tone über Zionismus und über seine Führer gesprochen werden wird, wie es ein türkischer Großwesir etwa vor drei Jahren getan hat. Also, unser Kampf war ein streng sachlicher und kein persönlicher. Es handelte sich wirklich um Prinzipien und nicht um Stellenjägerei. Und nun der letzte Punkt — über die praktische Arbeit in Palästina selbst. Herr Nordau ist sehr zufrieden über das schon Erreichte. Er vergißt aber, daß alles im harten Kampf den „politischen“ Zionisten entrissen werden mußte: die Gründung der Anglo-Paldstina-Bank, den Bezalel, die Bodenkäufe durch den Nationalfond, die städtischen Viertel samt Tel-Aviv. Man lese nur die Kongreßprotokolle durch, geschweige denn die geschriebenen Protokolle über die A.-C.-Sitzunrren. Als ich am VI. Kongreß mit der Forderung der Gründung einer wirk- NESTLE5 KINDERMEHl I altbewährtes I PROBEDOSE' HENRI NESTLE,' WIENJ.BIBERSTRASSE 1 1 Photogral E. Preiss, II., Karmeliterplatz 1 im Hause des Kongressbüros. 6 Visit K 4.—, 6 Kabinet K 8.—, Postkarten 12 Stück 3 Kronen. 10 Perzent fallen der zionistischen Organisation zu.

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