Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 34 (23.8.1913)
- Date
- 1913-08-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 hinter die politische gestellt wissen. Er hat die Möglichkeiten politischer Ziele noch nicht aus seinen Hoffnungen gestrichen, obwohl die allgemeine politische Situation ihn dazu jetzt mehr denn je veranlassen sollte. Er weiß, daß sein Freund Wolffsohn ihm in dieser seiner Auffassung näher steht, als die gegenwärtige Leitung, der man wenigstens in der Richtung der praktischen Palästinaarbeit das Zeugnis ausstellen muß, daß sie in der Verfolgung praktischer Ziele nicht nur guten Willen, sondern auch manchen Erfolg zu verzeichnen hat. Wenn von verschiedenen Seiten aus dieser auffallenden Rede Nordaus, die zu einem Teile ebensogut von einem Anti-Zionisten hätte gehalten werden können — wir sagen, wenigstens zu einem Teile — auf tiefgehende Differenzen innerhalb der führenden Kreise des Zionismus geschlossen wird, so wird man gut tun, darauf nicht allzu großes Gewicht zu legen. Leute, die resigniert haben, die es ablehnen, die Zügel der Führung selbst in die Hand zu nehmen, pflegen gewöhnlich nur groß im Theaterdonner zu sein. Daß Gegensätze vorhanden sind, soll dabei nicht geleugnet werden, sie waren aber schon immer im Zionismus vorhanden und wenn es jetzt auf dein ath 2. September beginnenden Wiener Kongreß eine gründliche Auseinandersetzung zwischen diesen Gegensätzen geben sollte, so wäre die Schaffung einer klaren Situation jedenfalls auch im zionistischen Sjnne nur wünschenswert. Es ist nicht der Zionismus allein, bei dem solche gegensätzlichen Unterströmungen ein ruhiges und zielbewußtes Arbeiten im Sinne praktischer Tätigkeit hindern und hemmen. Wir sehen ja auch bei anderen Organisationen, wie das unruhige Element, vielfach dasjenige des Ehrgeizes, das praktische, ruhige Schaffen stört. Ob Max Nordau heute noch den großen Einfluß auf die zionistischen Massen besitzt, kann zweifelhaft sein. Sein Fernbleiben vom Wiener Kongreß, wo er seine Auffassung vertreten könnte, zeugt nicht gerade von Stärke und auch nicht von Zuversicht des Sieges. Trotzdem wird man den Vorstoß Nordaus als Präludium des Kongresses in die Berechnung über den mutmaßlichen Verlauf desselben einstellen dürfen.“ Ohne uns mit den Ausführungen des „Gemeindeblattes“ vollständig zu identifizieren, glaubten wir jedoch verpflichtet zu sein, diese Meinung eines nichtzionistischen Organes unseren Lesern bekanntzugeben. Organiidiep und medianiidier Zionismus H. Wenn man die jüdischen Volksmassen zu einer großen und richtunggebenden Volksorganisation dauernd zusammenfassen will, dann muß die jungjüdische Renaissancebewegung ihnen ein Wegweiser sein in allen, die Kulturmenschheit bewegenden Fragen. Sowohl in Palästina, wie in den Diasporaländern, muß es Richtlinien eines synthetischen Zionismus geben, die aus seiner innersten Natur folgen und aus denen allmählich ein harmonischer Geist in der Bewegung resultiert, bei der weitgehendsten Bewegungsfreiheit der einzelnen Mitglieder in allen ungeklärten Problemen. Die unerläßliche Harmonie in den Kernfragen unserer Bewegung wird um so früher aber sich äußern, je mehr man durch gründliche und nicht oberflächliche Diskussion sich mit denselben beschäftigt und je mehr man sich endlich darüber klar ist, daß die nationalen, religiösen und sozialen Fragen sowie Lebensbedingungen des jüdischen Volkes vielfach ganz anderer Natur sind als die der übrigen Völker und zu ihrer Lösung die fremdnationalen und fremdsozialen Programme umsoweniger geeignet sind, als deren Undurchführbarkeit sich bei den anderen Völkern schon zum guten Teile erwiesen hat Aber negatives können wir aus deren Entwicklung sehr viel lernen und vor allem, was in unseren Reihen nicht geschehen soll: Unser jüdischer Nationalismus, als eines Minoritätsvolkes, muß immer ein antichauvinistischer sein, er darf nicht rückwärts, er muß vorwärtsblicken, er muß die eigene jüdische Kultur pflegen, die fremde hochschätzen und das Recht auf freie Entfaltung des jüdischen, wie jedes anderen fremden Volkstums rückhaltlos — ohne jedes Kompromiß — (in unserer Monarchie, dem Nationalitätenstaate par e.xcellance, mehr als anderswo) mit ganzer Energie vertreten’ Die vorhandenen Differenzierungen zwischen West- und Ostjuden wollen wir berücksichtigen, aber nicht übertreiben und verschärfen. Sind wir doch gegenseitig aufeinander angewiesen und sind ja vielfach die psychischen, nationalen, konfessionellen und sozialen Gegensätze zwischen Oestlern sowie Westlern nicht größer als die trennenden Momen te hüben und drüben. Insbesondere unsere Sprachenfrage, die wir nicht im Sinne der Chauvinisten der anderen Völker als das Alpha und Omega unserer nationalen Politik auffassen dürfen, wird das Leben und die zukünftige Entwicklung unseres jüdischen Volkes lösen. Sie wird dem Hebräischen und Jüdischen den Raum gewähren, den beide Teile als Sprachen unseres Volkes nebeneinander benötigen. Ueber den diesbezüglichen Streit wird die Entwicklung zur Tagesordnung übergehen, wie über manche andere krankhafte Erscheinungen unseres jüdischen Lebens, die ja doch nur — Folgen von Ideologien sind. Für alle Fälle darf unser jüdischer Nationalismus für uns kein Keil sein, den wir zwischen Individuum und1 Menschheit aufrichten, sondern er soll das diesbezügliche unentbehrliche Mittelglied bilden. Sowie das nationale, ist auch das religiöse Moment eine Ursache der Trennung der KuPu-menschheit geworden. Wir jüdische Moderne sind in nationalen und religiösen Fragen gleich tolerant und fordern daher die religiöse Autonomie, sowie die nationale. Wir sind in den religiösen Angelegenheiten für gegenseitige Duldung und respektieren das religiöse Gefühl, wie jedes andere Gefühl. Aber genau so wenig, als die Tyrannei des einseitigen Materialismus, darf die eines herrschsüchtigen Klerikalismus in u n s e r en jüdischen Reihen dominieren. Beide Richtungen haben sich übrigens auch bei den anderen Völkern, ebenso als ungeeignet zur Lösung der religiösen Fragen erwiesen, als ihr Kosmopolitismus und Chavinismus zur Lösung der nationalen Probleme. Unsere Stellung zum sozialen Probleme ergibt sich schon aus der Tatsache, daß die Judenfrage nicht nur eine nationale ist, sondern auch einen sehr ernsten sozialen Hintergrund hat. Die Heimstätte in Palästina hat einen eminenten sozialen Zweck und darum sind für mich, das möchte ich aufs allerschärfste betonen, günstige Lebens- und Arbeitsbedingungen für das jüdische Proletariat in Palästina, die entschiedenste Bekämpfung und Verhinderung der kapitalistischen Ausbeutung daselbst, weit wichtiger, als alles doktrinäre Gezanke über „politischen und praktischen“ Zionismus. Von der ökonomischen Zufriedenheit der jüdischen Proletarier wird es sehr abhängen, ob Palästina jüdischer Boden bleibt oder allmählich von den Arabern erobert wird und von den sozialen Einrichtungen in unserer alten historischen Heimat wird es auch vorwiegend abhängig sein, ob „Palästina den Golus“ erobern wird. Das schlimmste was uns aber passieren könnte, wäre, wenn in P a 1 ä s t i na selbst — durch ungenügende Berücksichtigung der Lebensbedürfnisse der jüdischen Proletarier — ein „Golus“ entstehen würde und in weiterer Konsequenz es zur Rückwanderung aus Palästina käme. Die traurige wirtschaftliche Lage unserer, in den Diasporaländern aber verbleibenden, großen jüdischen Volksmassen, ihre Intellektuellen eingeschlossen, läßt es unerläßlich erscheinen, daß auch unsere nationale Arbeit in der Diaspora den wirtschaftlichen Aktionen in erhöhtem Maße sich zuwende und stets eine national-soziale sei. Insbesondere ist der Förderung der wirtschaftlichen Selbsthilfe ein Hauptaugenmerk zuzuwenden, da der Parlamentismus in seinen sozialen Aufgaben total versagt, besonders hierzulande. Und nun einige Worte über unsere Stellung zur Staatsidee: Unbeschadet des Strebens nach einer palästinensischen Heimstätte, betrachten wir uns insoferne als vollwertige Bürger des Staates, dem wir angehören, daß wir entsprechend der gleichen Pflichtleistung, auch die gleichen Rechte auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens begehren. In Nationalitätenstaaten, wie es das Donaureich ist, wo die Staatsidee sich nicht deckt mit der nationalen, erheben wir Anspruch darauf, als gleichberechtigtes Volk unter gleichberechtigten Völkern zu gelten, keineswegs aber wollen wir als geduldetes „Gast-“ oder „Wirtsvolk“ (eine falsche Terminologie, die wir den Antisemiten überlassen können) gelten. Zionismus und Patriotismus sind keine Gegensätze, am wenigsten in Oesterreich. Der moderne Staat im allgemeinen und der der aus so vielen Nationen und Konfessionen zusammengesetzte österreichische Völkerstaat insbesondere, hat nur als Kultur- und Wirtschaftsstaat eine Existenzberechtigung; einseitig nationalen oder konfessionellen Ideen, zum Schaden anderer Volksstämme oder Religionen, darf er nicht dienen, sonst geht er demselben Schicksale entgegen, wie die europäische Türkei. Die Zukunft der asiatischen Türkei aber hängt davon ab, ob sie den Lebensbedingungen ihres Staatsgebildes auf ihrem asia tischen Boden in höherem Grade Rechnung trägt, als es zu ihrem eigenen Schaden in Europa der Fall war. Mit der Türkei aber, als der derzeitigen Eigentümerin Palästinas, sowie mit Oesterreich und Rußland, als den beiden Nationalitätenstaaten, in denen die meisten Juden wohnen, ist unsere Zukunft verwahcsen. Von der Lösung der nationalen Probleme in diesen Staaten und der Stellung der Juden zu diesen, hängt aber die weitere Entwicklung in diesen Staatsgebilden, aber auch die Existenz der Mehrheit unseres jüdischen Gesamtvolkes ab. Gerade i n Oesterreich haben wir eine diesbezügliche vorbildliche Aufgabe zu erfüllen; an dem Umgestaltungsprozesse der österreichischen Monarchie (der durch die Umwälzung am Balkan näher gerückt wurde) müssen wir mitarbeiten, im Interesse der Wahrung unserer völkischen Interessen, aber auch in dem der E. Preiss, II., Karmeliterplatz 1 im Hause des Kongressbüros. 6 Visit K 4.—, 6 Kabinet K 8.—, Postkarten 12 Stück 3> Kronen. 10 Perzent fallen der zionistischen Organisation zu.