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Jüdische Zeitung · 1913-08-15 · 33 (15.8.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNÖ 'Nr. $3 Seite 4 meistens als eine rein theoretische Konstruktion von problematischem praktisdien Werte angesehen. Dieser Tage erschien nun ein Werk eines deutschen Dozenten der Nationalökonomie, W. D. Preyer „Arbeits- und Pachtgenossenschaften in Italien“, in welchem von der bisher völlig unbekannten Tatsache ausführlich berichtet wird, daß in Italien sich aus freien Stücken zahlreiche Landarbeitergenossenschaften gebildet haben, die sehr gut prosperieren. Besonders wertvoll an den Berichten Preyers ist der Umstand, daß sich die Pachtgenossenschaften den italienischen Landarbeitern als unausweichliche Notwendigkeit aus der Praxis aufdrängte. Es ist bekannt, daß die palästinensischen Landarbeiter der Konstruktion der Siedlungsgenossenschaft sehr kühl gegenüberstanden, weil sie ihnen noch nicht klar vor Augen stand. Preyer konstatiert, daß audi in Italien die Pachtgenossenschaften nur für bestimmte Betriebsarten möglich sind. Bei vorherrschendem Kleinbetrieb oder extensiver Weidewirtschaft ist sie unmöglich am Platze. Sie gedeiht nur, wo Großbesitz gepachtet werden kann. Interessant ist, daß nur wenige Genossenschaften gemeinsamen Betrieb haben, die meisten teilen die Flächen in Einzelparzellen. Dies erscheint Preyer als die entwicklungsfähigere Form. Er sagt: „Die Abhängigkeit des erzielten Erfolges von der eigenen Tätigkeit ist ein mächtiger Ansporn für die Leistungsfähigkeit. Wo die Arbeiter auf die bloße Entlohnung angewiesen sind — rühre sie auch von der eigenen Genossenschaft her, fällt er leicht in Versuchung, seine Arbeit zu messen und in seiner Leistung nachzulassen“. Bekanntlich faßte man auch schon für Palästina die Möglichkeit ins Auge, daß die Genossenschaft vom gemeinsamen Betrieb zur Parzellenteilung übergehen würde. In Italien zählte man 1913 152 Genossenschaften mit 35.360 Genossen, die 57.516 Hektar für über 3 Millionen Lire gepachtet hatten. Die Pachtgenossenschaften sind noch keine „Siedlungsgenossenschaften“, da ihnen die Einbeziehung von Handwerkern und Angehörigen freier Berufe noch fehlt. Aber sie zeigen, daß der eigentliche Kerngedanke der Siedlungsgenossenschaft: die Landarbeiterproduktivgenossenschaft ein gesunder, und wie man nach den Angaben Preyers, heute auch sagen kann, praktisch erprobter ist. Das gibt Hoffnung, daß auch der Versudi in Palästina, der von solcher Wichtigkeit für das Fortschreiten der jüdischen Kolonisationsarbeit ist, günstige Resultate zeitigen wird. PalästinasNadiritfaten. Steuersorgen der jüdischen Ackerbaukolonien in Palästina. Aus der jüdischen Kolonie J i b n a e 1 in Galiläa ward berichtet: Die Scherereien, die wir in diesem Jahre mit dem Oscher (der Getreidesteuer) hatten, sind geeignet, die Schwierigkeiten zu beleuchten, unter denen die landwirtschaftliche Kolonisation in der Türkei audi unter dem neuen Regime zu leiden hat. Da das türkische Reich fast ein reiner Agrarstaat ist, so ist es begreiflich, daß die Landwirtschaft auch die Hauptlast der Steuern zu tragen hat. Die Form der Besteuerung der Landwirtschaft bildet der Oscher, d. h. wörtlich der Zehnte, der aber nach den gdtenden gesetzlichen Bestimmungen den achten teil der Ernte aller landwirtsdiaftlichen Produkte ausmacht. Der Oscher wird aber nicht direkt von der Steuerbehörde erheben, sondern öffentlich an den Meistbietenden verpachtet, mit der Maßgabe, daß jede Dorfgemeinde, die selbst den Oscher pachten will, bei gleichem Angebot den Vorzug vor einem fremden Bewerber hat. Die Regierung beschränkt ihre Mitwirkung darauf, daß sie einerseits dem Pächter bei der Eintreibung des Oschers den nötigen Schutz gewährt, andererseits auch die Bevölkerung gegen Uebergriffe seitens der Pächter zu schützen hat. Augenscheinlich liegt in diesem System das stille Zugeständnis der mangelnden Organisationsfähigkeit der Staatsgewalt, ein Mangel, der ja auch auf anderen Gebieten des staatlichen Lebens zutage tritt. Für die Bevölkerung scheint jedoch dieses System bei all seinen Schattenseiten noch immer besser zu sein als eine etwaige Eintreibung der Steuern durch Regierungsorgane. Denn dann gäbe, es vermutlich keine Grenze für die Bakschisclj-Erpressungen. Für unsere Kolonien besteht d-er Vorteil des Pachtsystems auch darin, daß sie dadurch die Möglichkeit haben, selbst den Oscher zu pachten und so Herr im eigenen Hause zu bleiben. In der Tat bestreben sich auch die meisten Kolonien, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Den größten Erfolg haben darin die Pflanzungskolonien, die überhaupt in Bezug auf den Oscher gegenüber den Siedlungen, die Getreidebau treiben, im Vorteil sind. Dies ergibt sich aus folgenden Umständen: In den Getreidebau treibenden Dörfern oder Kolonien wird hierzulande die gesamte Ernte des Dorfes auf einen dazu geeigneten Platz gebracht, wo sie gegen Ende des Sommers gedroschen wird — fast durchweg nach der jahrtausendealten Methode: durch das Stampfen der Pferde oder anderer Tiere. Schon dieser Umstand gibt dem Pächter die Möglichkeit, seine Leute zu schikanieren, denn ohne seine Erlaubnis darf nicht gedroschen werden. Gar oft kommt es vor, daß die Verhandlungen zwischen Pächter und Dorff sich wochenlang hinziehen; inzwischen rücken die Regentage immer .näher, die die Dorfbewohner, die ihr Getreide unter freiem Himmel liegen haben, mit Angst erfüllen, so daß sie dann zu jeder Nachgiebigkeit bereit sind. Während der Zeit der Verhandlungen sind die Vertrauensleute des Pächters auf (jem Dreschplatz,. die sich für ihre Pferde 'unentgeltlich das Futter von der Ernte holen dürfen. Auch hat es der Pächter da leicht, seinen Teil der Ernte zu guten Preisen zu verkaufen. Ganz anders aber beim Pflanzungsbau 1 Da gibt es keinen gemeinsamen Ernteplatz,. den der Pächter bewachen könnte. Auch ist der Verkauf dieser Produkte mitunter kompliziert und vom Pächter nicht immer mit Erfolg .zu bewältigen. Diese Umstände verleihen den Pflanzungskolonien einen Vorsprung gegenüber den fremden Pächtern. Unsere Kolonie Jibnael, die mit ihrem Area! von ca. 30.000 Dunam im Zentrum unsereruntergaliläischen Siedlungen liegt, wird wohl in nächster Zeit auch den Pflanzungsbau aufnehmen. Vorläufig aber sind wir eine Getreidekolonie und haben auch die Leiden einer solchen durch¬ Feuilleton. Memoiren eines russischen Juden. Von N. AI. Gelber. Memoiren bilden jetzt die beste Quelle für das Erforschen einer Zeitepoche. Leider ist unsere Literatur arm an solchen Memoiren. Erst in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts ist das Bedürfnis, seine eigenen Lebenserinnerungen niederzuschreiben, bei bedeutenderen Juden reger geworden. Und nur von Zeit zu Zeit erscheinen manche interessante Aufzeichnungen, doch die meisten gehen über ihr persönliches Geschick selten hinaus. Vor kurzem aber sind in jiddischer Sprache Memoiren eines russischen Juden erschienen“) und die jüdische Geschichtswissenschaft wird dem Verfasser dieser Aufzeichnungen dankbar sein, da er im ersten Teile ein herrliches Kulturbild aus dem Leben der polnischen Juden (in Rußland) entworfen hat. Jecheskiel Kostik hat es verstanden, in seinem Buche sich keineswegs nur auf seine persönlichen Lebensereignisse zu beschränken, sondern audi Eindrücke vergangener Jahre und ihrer Bewegungen, die, obwohl erst vor kaum einem halben Jahrhundert geschehen, so doch als recht unbekannt der jüdischen Intelligenz ersdieinen, zu schildern. Ich möchte sagen, daß die genannten Memoiren vielleicht die wertvollste Quelle zur Erkenntnis des inneren jüdischen Lebens in Russisch-Polen in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts bilden. Als *) Jedieskiel Kotik: Mane Sichroines, I. Teil, Warschau 1913. Enkel eines Parnas (Vorsteher) der Judengemeinde zu Kamieniec bot sich Kostik die beste Gelegenheit dar, die Fäden der Entwicklung seiner Gemeinde zu verfolgen. Das Leben der Katnieniecer Judengemeinde aber kann uns als Prototyp des gesamten jüdischen Lebens in allen kleinen Städten Rußlands und Polens dienen. Ein interessantes Bild bietet eine jüdische Kleinstadt damaliger Zeiten. An der Spitze des Kahal steht der Parnas, jener unbeschränkte Despot (Takif), der über Leben und Tod seiner Gemeindemitglieder waltet, von dem das Wohl und Wehe eines jeden Juden abhängt. Ein Ueberbleibsel jener Kahalsmacht alter Zeiten in dem polnischen Staate, dessen Autorität voll und ganz waltete und wehe dem, der sich derselben widerstrebte. Ja, alle, die sich derselben nicht unterwarfen, mußten bitteres Leid erfahren.“) Obwohl die ganze Kahalsorganisatioh schon längst vernichtet worden war, der „Takif“ blieb aber trotzdem auch weiterhin bestehen. Eine charakteristische Episode wird viellejcht am deutlichsten die Machtsphäre der Parnassim kennzeichnen. In Brisk fand einst eine Kahalsitzung statt, als aber gegen 12 Uhr nachts das Licht ausging, schickte der Parnass den Diener zum Rabbiner, um Feuerzeug zu holen. Da aber beim Rabbiner alles schlief, kehrte der Diener unverrichteter Dinge zurück. Daraufhin erklärte der Parnass, daß man den Rabbiner, *) Ein solcher Fall ist uns aus der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts bekannt. In Wilna wurde ein gewisser Salomon Wolfaripz ins Gefängnis (in Nilöwicz) geworfen, weil er gegen die Kahalsältesten auftrat. Er schrieb sogar eine Broschüre, in .der er das Treiben der Parnassim schilderte. zumachen. Vor zwei Jahren pachteten wir selbst den Oscher. Im vorigen Jahre gelang es jedoch den Arabern des Dorfes Lubie, die fleißige Leser des antisemitischen „Karmel“ in Haifa sind und auch sonst keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne uns in die Quere zu kommen, die Oscher-Pachtung unserer Kolonie an sich zu bringen. Durch die Erfahrungen des vorigen Jahres gewitzigt, waren wir fest entschlossen, in diesem Jahre den Oscher wieder selbst zu pachten. Die Lubier brachten es aber durch unlautere Machenschaften dahin, daß die Versteigerung des Oschers unserer Kolonie heimlich vor sich ging, ohne daß wir, wie das Gesetz es vorschreibt, davon verständigt worden wären. Nun war es an uns, zu zeigen, daß falsches Spiel nicht geht. Wir hatten es diesmal verhältnismäßig leicht, da sich auch sechs arabische Dörfer unserer Beschwerde anschlossen. Ein weiterer Umstand kam uns zu statten: Einer der sechs Lubier Scheichs, die unseren Oscher pachteten, ist ein Mitglied des Medschlis Idara (Bezirksvertretung) in 'Tiberias. Das Gesetz aber verbietet jedem Beamten, ja selbst den Verwandten eines Beamten, den Oscher zu pachten. Kurz und gut: die Behörden in Akka schickten einen Untersuchungsrichter zu uns, der eine neue Versteigerung vornahm. Die Lubier hatten früher 59.000 Goldpiaster, für die Pacht gegeben und boten jetzt 70.000 Piaster. Wir gaben noch einige hundert Piaster dazu und behielten die Pacht. Freilich, die benachbarten arabischen Dörfer, darunter auch das mächtige Lubie mit seinen tausenden Einwohnern und zehntausenden Dunams, zahlen bloß 10.000 bis 15.000 Piaster Oscher. Wieder ein Beitrag zur Frage der Bedeutung der jüdischen Kolonisation fürden ottomanischen Fiskus. Sonntag, den 17. August 1913: ZncMag in üöslau Das Reinerträgnis fließt nach Abzug einer 25prozentigen Abgabe an das Vöslauer Spital zi onistischen Institutionen humanitären Charakters zu. Zahlreiche Beteiligung Wiener Gg. erwünscht, da nur bei genügender Anzahl am Verkaufe beteiligter Paare — Damen und Herren — mit einem günstigen Erfolge gerechnet werden kann. Ausgabestelle der Körbchen und Büchsen im Kurpark, 7 Uhr früh, wo Anmeldungen beim Komitee entgegengenommen werden. Das Komitee zionistischer Kurgäste Vöslau. kSiissiiaisikSiisiiauziuaiaauksiKaisiiair&i weil er schon um 12 Uhr schlafe, aus der Gemeinde hinauswerfen müsse. (S. 2S8.) Doch trotz dieser jüdischen Machthaber ist das kleinstädtische jüdische Leben dieser Tage schön. Wenn auch der Jude draußen von der russischen Regierung (unter Nikolaus I. und Alexander 11.) soviel Unglück zu erdulden hatte, so gestaltete sich sein Familienleben schön. Die Zusammengehörigkeit zu einer Familie, die ist es gewesen, die dem jüdischen Leben jenen romantischen Zug verleiht, welchen Kotik in seinen Memoiren als das charakteristische Symptom seiner Zeit bezeichnet. „Meine Jugend habe ich in einem kleinen charakteristischen Städtchen verbracht, wo Juden zwar arm, aber ruhig und sinnvoll lebten — heute ist dies nicht mehr, verschwunden ist die Poesie ehemaliger Kleinstädte“ sagt der Verfasser. Doch trotz der „Ruhe“ herrschte hier ein bewegtes, ja selbst erregtes Leben. Es sind dies Tage, in denen sich zwei Strömungen in der Judenheit bekämpften, die Chassidim und Mithnagdim. Rücksichtslos wurde der Kampf geführt und selbst ins häusliche Leben drang er voll und ganz ein. In beiden Lagern finden wir interessante charaktervolle Verfechter ihrer Ueberzeugung. Alles bietet Kotiks Vater auf, um seinen Sohn in dem Chassidismus festzuhalten, Liebe und Glauben zu seinem „Rebbi“ einzuflößen. Nicht minder bewunderungswürdig aber ist auch der Mithnagid Nachman in seinem festen Glauben, daß die Chassidim Zerstörer des Judentums seien. * Ein glänzendes Bild entwirft uns Kotik ‘von dem Eindringen der ersten Lichtstrahlen ‘der Haskalabewegung, die auf einen felsenstarken Widerstand seitens der orthodoxen Judenheit

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