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Jüdische Zeitung · 1913-08-15 · 33 (15.8.1913) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
33 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 33 gemäße Konsequenz davon, daß der moderne Zionismus ein synthetischer sein muß, daß die Bewegung alles in ihrer Theorie und Praxis tatkräftig vertrete, was die Erhaltung und Erneuerung des ganzen jüdischen Volkes bezweckt. Diese setzt im gleichen Maße ein Eraigrations- sowie ein Kulturzentrum in Palästina voraus, als auch die nationalsoziale Fürsorge für die D i a s p o r a i u d e n, die für abscli ■ bare Zeit die Mehrheit des jüdischen Volkes bilden werden. Darüber kommt man mit allen doktrinären Antithesen: „Goiusbejahung“ und ..Oolusverneinung“ nicht hinweg. Auch jene Zionisten, die N u r - Palästinenser sind, können doch nicht dies leugnen wollen und etwa wünschen, daß diese Diaspora juden sich assimilieren und verelenden, daß ihre Golustheorie zu einer Verelendungstheorie für das jüdische Volk werde. Nur insoferne, als die „Golustheorie11 (soweit man überhaupt von einer Theorie und nicht von einer traurigen Tatsache sprechen kann) feststellt, daß Juden in der Diaspora nicht in dem Maße, als in Palästina sich national-kulturell entwickeln können und als sie die abnorme soziale S'ruktur der Diasporajuden konstatiert,' ist sie ein, wohlgemerkt, e i n Motiv des Zionismus. Sie aber (und noch dazu mit allen möglichen Uebertreibungen) zum Fundamente des Zionismus zu machen und aus dieser verzerrten Golustheorie immer von neuem die Waffen gegen die Diasporaarbeit zu schmieden, das ist mechanischer, utopischer Zionismus. Und der sich politisch nennende d iplomatische Zionismus alten Schlages war ein mechanischer. Und von den letzten Eierschalen desselben muß ein organischer, wirklich praktischer Zionismus sich emanzipieren 1 Es ist unmöglich, nach Palästina mit einem Schlage die Majorität der Juden zu exportieren, auf Grund diplomatischer Unterhandlungen. Nach den letzten Umwälzungen in der Türkei ist dies unmöglicher als je! Palästina kann nur schrittweise — im Sinne der in Angriff bereits längst genommenen praktischen Palästinaarbeit — kulturell und wirtschaftlich für das jüdische Volk erobert werden. Diese Arbeit muß systematisch mit größter Energie weiter fortgesetzt werden. Praktische Arbeit in Palästina muß also — genau so wie die Diasporahebungsaktion — Gegenwartsarbeit, wohlgemerkt, Gegenwartsarbeit, aber keineswegs Endziel sein. Schon Theodor Herzl sagte einmal, die Renaissance des jüdischen Volkes ist das Endziel und die Palästinakolonisation ein Mittel dazu. Wer sich in diesem Zusammenhänge die zionistischen Probleme vor Augen hält, nicht die Logik und die nackten Tatsachen einigen Schlagworten zu Liebe vergewaltigt, wird zu einem organischen, den Bedürfnissen eines lebenden, modernen Judentum entsprechenden Zionismus gelangen. Es gibt in jeder Bewegung Doktrinäre, sowie Dogmatiker, die einer Formel, einer Theorie zu Liebe das fließende Leben ignorieren und es gibt andere, die jedes Programm, jede Theorie und auch jede formell nur als Mittel zum Zwecke der kulturellen und wirtschaftlichen Förderung der Volksinteressen betrachten. Für mich ist der Zionismus nicht nur a 1- 1 e i n ein Mittel zur Erlangung einer palästinensischen Heimstätte für die emigrierenden Juden (obwohl ich auch dann ihn fördern würde, wenn er dies wäre), ich erwarte von ihm mehr: die Nationalisierung des gesamten jüdischen Volkes, die E t h i s i e r u n g der jüdischen Massen und die Förderung deren wirtschaftlicher Selbsthilfe. Je rascher die Entwicklung zu diesem o rganisclicn Zionismus vor sich geht, umsomehr wird er die jüdischen Volksmassen für sich gewinnen. K. Rundschau. Eine Leuchte der Wissenschaft. Im Jahre 1907 erregte es peinliches Aufsehen, als eine Zierde der Wiener Universität, der berühmte Augenarzt Professor Fucns öffentlich erklärte, daß er in seinem Wartezimmer und in seiner Ordination keine polnischen Juden dulde. Man war über die Unmenschlichkeit empört, man konnte ein derartig barbarisches Vorgehen eines Wissenschaftlers, eines Arztes, einfach nicht fassen. Der verstorbene zionistische Reichsratsabgeordnete Gabel machte diese Affäre auch zum Gegenstände einer Interpellation im Parlamente. Nunmehr, nach sechs Jahren, bringt sich Professor Fuchs wieder in Erinnerung. Wieder hat er sich einen unerhörten Gewaltstreich geleistet. Diesmal richtete er sich aber nicht gegen kranke Juden, sondern gegen seine Standeskollegen. Ein Dozent hat Herrn Professor Fuchs vor Gericht beiangt, weil er seine Ernennung zum Professor bereits durch Jahre durch die Behauptung hintertreibt, daß der Dozent sich seine Klienten durch Kellner und Hotelportiere zutreiben lasse. Auf die Frage, ob er Beweise für diese Behauptung habe, entgegnete Professor Fuchs zynisch, daß er sie nicht besitze, daß es ihm aber genüge, die Ernennung des Dozenten hintertrieben zu haben. Auf den Vorhalt, daß ihn der Dozent bei der Aerztekammer und bei Gericht belangen werde, erklärte Professor Fuchs, er werde gerne die paar Gulden Strafe bei Gericht zahlen und die Zuschriften der Aerztekammer in den Papierkorb werfen. Auch förderte die Verhandlung zutage, daß Fuchs im Professorenkollegium wiederholt gegen die Ernennung von Assistenten aufgetreten sei, -weil die Assistenten in der Praxis den Professoren Konkurrenz bieten. Man muß sagen, ein netter Herr, dieser Professor Fuchs. Man kann schwer entscheiden, wen er gemeiner behandelt hat: die kranken polnischen Juden oder seine Standeskollegen. * * * Die Prügelknaben, Es ist vielleicht das sicherste Kennzeichen der desolaten wirtschaftlichen Verhältnisse in der österreichisch-ungarischen Monarchie, daß jährlich Hunderttausende auswandern müssen. Audi die Juden stellen, als wirtschaftlich und politisch am stiefmütterlichsten behandeltes Element, einen großen Prozentsatz zum Kontingent der Auswanderer. Wo aber die Schande der immensen Emigration existiert, dort existieren naturgemäß Auswanderungsgesellschaften, welche am Menschenexport Geld verdienen. Bis vor kurzer Zeit bildeten die unterschiediidien Gesellschaften ein Konzern, das die Fahrtpreise willkürlidi diktierte und eine rücksichtslose Auswanderungspolitik befolgte. Der schöne Bund ging aber durch den Austritt einer mächtigen Gesellschaft in die Brüche und nun wütet zwischen der ausgetretenen Gesellschaft und den im Konzern (oder „Pool“, wie sie sich nennen) verbliebenen ein wütender Konkurrenzkampf, der auf Kosten — der Juden a u s g e fochten w i r d. Es handelt sich da um die Canadian- Pacific, welche in ihren geschäftlichen Prinzipien nidit ärger ur.d nicht besser als die anderen Gesellschaften ist und nunmehr Gegenstand heftiger Angriffe in der „Reichspost“ und der dieser! Zeitung nahestehenden Kreise sowie der im Pool organisierten Interessenten bildet. Die Angriffe gegen die „Canadian Pacific“ werden aber systematisch im antisemitischen Geiste geführt. Da heißt es nicht, daß die Canadian Pacific etwas getan oder unterlassen hat, sondern es werden immer die jüdischen Agenten dieser Gesellschaft (beiläufig bemerkt, kaum 2 auf 12 Filialen) als Betrüger und Gauner und Auswanderungshyänen hingestellt und so der Antisemitismus als Mauerbrecher gegen die Canadian Pacific verwendet. Es liegt uns fern, diese jüdischen Agenten, die wenn nicht besser, so doch nicht ärger als alle anderen Agenten sind, in Schutz zu nehmen (ihr Judentum stellt in unseren Augen für sie keinen Freibrief dar, auf eine Verteidigung unsererseits), aber kennzeichnend ist die Methode doch. Umsomehr, als die hinter den Angriffen der „Reichspost“ stehenden Hintermänner 'vorwiegend Juden sind. Da ist zunächst der mächtige Herr Ballin, der Generaldirektor des Hapag und der Freund des Deutschen Kaisers; da sind viele kaiserliche und Kommerzienräte, die auf den Namen Frankfurter, Singer, Karpeles und Neumann hören. Den Vogel aber schießt Dr. Ernst Franz Weisl ab, der auf dem Umwege der obskuren Korrespondenz „Atlas“ der „Reichspost“, seinen speziellen Dank für ihren Kampf gegen die Auswanderungshyänen ausspricht. Welche Motive Herrn Dr. Weisl geleitet haben, wissen wir nicht, aber für einen Menschen, der sich seinerzeit den Zionisten angebiedert hat, ist es nicht schicklich, sich dafür dankbar zu erweisen, daß kapitalistische Interessenkämpfe auf dem Rücken der Juden und mit Zuhilfenahme des Antisemitismus ausgefochten werden. Entschieden müssen ehrenhafte Juden gegen die verschiedenen Karpelese, Singers und namentlich Weisls protestieren, welche in Verfolgung ihrer schmutzigen Geschäfte oder ihrer Knopflochschmerzen die Juden als Prügelknaben verwenden. * ■» * Zionisten als Erben Ernst Schneiders. Unter diesem Titel wurde in der „Oesterreichischen Wochenschrift“ des Dr. Bloch berichtet, daß anläßlich des Kaufmannstages in K o m o t a u (Böhmen) jüdische Kaufleute, welche Angehörige der zionistischen Organisation sind, sich durch ihre durchaus reaktionäre Haltung unangenehm hervortaten. Sie sind, ganz wie die christlichsozialen Gewerberetter, für zünftlerisclie Beschränkungen aller Art eingetreten. Insoferne es sich um die bekannten Pauschalverdächtigungen der „Oesterreichischen Wochenschrift“ handelt, lohnt es sich nicht, viel Worte zu verlieren. Es wird aber ein Name genannt, und zwar der des Herrn B e c h e r t aus Teplitz und behauptet, daß dieser in energischer Weise die Einführung des Befähigungsnachweises im kaufmännischen Gewerbe fordert. Herr Bechert, welcher tatsächlich im zionistischen Distriktskomitee für Böhmen eine führende Stellung cinnimmt, ist bisher dieser Behauptung nicht entgegengetreten, sie dürfte also auf Wahrheit beruhen. In diesem Falle ist es unsere Pflicht, hervorzuheben, daß sich Herr Bechert im Gegensatz zu den Ansichten gestellt hat, welche innerhalb der zionistischen Partei herrschen. Im Programm des „Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“, welches von der österreichischen zionistischen Partei offiziell anerkannt ist, heißt es wörtlich: „W ir fordern Gewerbefreiheit, insbesondere Aufhebung des Befähigungsnachweises, Beseitigung der zünftlerischen Beschränkungen des Handels mit gewerblichen Erzeugnisse n.“ Damit ist die Stellung der zionistischen LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Versilbertes Kapital zirka 380 Millionen. — Prämienreseroe zirka 113 Millionen.— Billigste Prämien unö kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit tüditige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezüge. Auskünfte erteilt Oie Generalagentsdiafi Oien, I., Sspernpiatz 1 (Beiter: Daoid Nebenzabl). Für Ostgalizien u. Bubouina: Subdirebtion Böbi Taubes, Bemberg. NIEDERLÄNDISCHE ’*'3*ecxrrfix&aa KJJntJLL LJ! I I II Hl IT HJULJU-IfcgauSttl

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