Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438432-2438464--3728-2443518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- Seit!".!.' fene Vereinbarung bezüglich einer Arbeitsteilung in Jerusalem. Hierauf sprach Dr. Arje Beham, der Leiter der serologischen und Wutschutzabteilung, in hebräischer Sprache über die Aufgaben dieser Abteilung. Für die nichtjüdischen Aerzte, die des Hebräischen unkundig sind, übersetzte Dr. Segall Behams Referat ins Französische. Der Zionismus in Aegypten. Die zionistische Bewegung hat auch hierzulande in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Dies zeigte sich jüngst wieder einmal anläßlich der Anwesenheit der Familie Ben-Jehuda aus Jerusalem, der es gelungen ist, für die Zwecke des großen hebräischen Wörterbuchs (Thesaurus totius Hebraitatis) von Elieser Ben-Jehuda (von dem bereits drei Bände im LangensCheidtschen Verlag erschienen sind) einen ansehnlichen Betrag in Aegypten aufzubringen. Eine großzügige zionistische Werbearbeit wird in Alexandrien und in Kairo entfaltet. Auf dem bevorstehenden Zionistenkongreß in Wien wird Aegypten durch drei Delegierte vertreten sein. In letzter Zeit kommen viele Juden aus Saloniki sowie aus anderen ehemals türkisdien Städten nach Alexandrien. Die hiesige jüdische Gemeinde sorgt nach Möglichkeit für die Unterbringung der meist mittellosen Einwanderer. Bei der augenblicklich recht gedrückten wirtschaftlichen Lage ist jedoch nur geringe Aussicht vorhanden, daß alle diese Flüchtlinge hier eine neue Existenz werden finden können. Mehere von ihnen sind daher entschlossen, weiter nach Palästina oder nach Smyrna zu reisen. Judenverfolgungen in Südarabien. : In den jüngsten Tagen sind hier wieder aus dem Jemen traurige Nachrichten über die Drangt saiierung der dortigen Juden eingetroffen. Da der an dem Schwager des Chacham-Baschi <Oberrabbiners) von Sanaa vor einigen Monaten verübte Mord ungesühnt blieb, wurde jetzt in der Gegend von Menaska ein Jude in noch grausamerer Weise umgebracht. - Dem jungen Schalom Ilkasar wurde nämlich auf dem Wege aufgelauert und er wurde, als er ahnungslos vor- ^l&ikaHi!, ergriffen und lebendig begraben. Diese beiden Mordtaten, die an Angehörigen der angesehensten jüdischen Familien verübt wurden, haben alle - Juden des Jemen in tiefste Trauer Ünd Bestürzung versetzt. Die unerträglichen Bedrückungen, die die Juden seitens des Imam Jatbja zu erleiden haben, halten an, ohne daß der türkische Wali es wagt, gegen den übermächtigen Imam einzuschreiten. Vor kurzem verklagte ein Jude einige Araber, die ihn ohne (Grund mißhandelt hatten, beim Gerichtshof in ■Saiiaa. Aber weder die jüdischen noch die türkischen Zeugen, die er stellte, wurden zur Zeugenschaft zugelassen und so blieben die Uebeltäter wieder unbestraft Ein Brief aus dem Je-, jnen, der alle diesen Klagen vorbringt und in der Jerusalemer Zeitung „Hacheruth“ veröffentlicht war, schließt mit der Bitte, die Juden in Jerusalem möchten den. Chachambaschi in Konstantinopel auffordern, energisch für den Schutz der Juden im Jemen einzutreten. Neu ist in dem .Brief die Mitteilung, daß man im Jemen nunmehr anfängt, aHdi die jüdischen Frauen zu mißhandeln. Sonst pflegten auch die fanatischesten .Völker des Islam wenigstens den Frauen der Andersgläubigen eine gewisse Achtung entge- .genzubringen; den völlig wehrlosen Juden ge- . genüber läßt man auch diese Rücksicht fallen. . Ausgrabungen in Palästina. Die Ausgrabungen, die der Palestine Exploration-Fund in Ain Shems ausgeführt hat, haben im Jahre 1912 zu solchen Erfolgen geführt, daß man in dieser Ausgrabungsstätte, wie ein Bericht der Kunstchronik bemerkt, ein zweites „Gezer“ sehen darf. Die Ausgrabungen haben sich hauptsächlidi auf jenen Teil bezogen, wo das israelitische Beth-Scheinesch stand. Die Funde ergaben drei große Perioden, die eingeboren-kananitische, eine philistinische und eine israelitische. Die erste erstreckt sich von dem entfernten Anfang des Bewohntseins der Stätte im 3. Jahrtausend bis zum Ende des 15. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung. Ein furcht- JÜDISCHE ZEITUNG bares Ereignis begrub damals die ganze Stadt unter Asche. Vom 14. bis zum Ende des 12. Jahrhunderts herrschte die Philisterkultur. Dann pflanzte die israelitische Eroberung der Stadt, deren Befestigungen für immer zerstört wurden, eine zwar andere, aber doch nicht neue Kultur auf, die ganz aus den Traditionen der Vergangenheit bestand. Sanherib zog eines Tages aut seinem Kriegszuge, als er von Lachish heraufkam, nach Beth-Schemesch und vernichtete die kleine israelitische Stadt, wo der Tod seit dieser Zeit herrschte, bis in der byzantinischen Periode auf kurze Zeit wieder Leben begann. — Die größte Entdeckung, die in der letzten Kampagne gemacht worden ist, war die Aufdeckung eines Hochplatzes in der Art des berühmten Heiligtums von Gezer. Aber die fünf großen Stellen, die den Charakter des Hochplatzes bedingen, stehen nicht mehr auf ihren Basen, sondern sie liegen in einem gewissen Alignement auf dem Boden. Im allgemeinen gleichen sie den Mazzebas von Gezer; aber ihr oberes Ende hat dpch eine gewisse Regelmäßigkeit, durch die sie den Grabstellen ähnlicher sind. Die Fundamente, auf denen die Stellen von Ain Shems aufgepflanzt sind, gehen herunter unter die Philisterschicht. Von da aus gelangt man an die Mündung einer doppelten Höhle, die vollständig der in Gezer gefundenen gleicht. Man hat das Adytum dieser Höhle noch kurz untersuchen können. Die beiden Höhlen sind voll von nqch unberührten Gräbern ■ mit reichem Mobiliar, das bis in die ältesten 'historischen Zeiten dieser Gegend zurüdkgeht. Die nunmehr beginnende weitere Ausgrabungsarbeit hat sicher hier noch große Entdeckungen vor sich; Es scheint, daß die israelitische Orthodoxie, wohl im Beginn des l.L Jahrhunderts, der Entwicklung dieses Hochplatzes ein schroffes Ende gesetzt hat, welche mehr als ein Jahrtausend lang schon einen Kult besessen hatte. Neben ihrer Bedeutung für die Aufstellung der Geschichte von Palästina haben die Ausgrabungen von Ain Shems noch die allgemeine Bedeutung, daß jene Anschauungen über die Natur der Dolmenheiligtümer wiederum anläßlich der neuesten Funde in Alesia auch von französischen Forschern anerkannt worden sind. Vom finstersten Judentum. Die in aller Herren Ländern geübte fromme Sitte, Geld nach dem heiligen Lande zu schicken, hat in Palästina Mißbräuche gezeitigt, wie sie eben jedes mechanische Almosenspenden erzeugen muß. Das Institut der Chalukah hat ein Konsortium von Geldnehmern entstehen lassen, das heute in Jerusalem das größte Hindernis für jeden kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritt bildet. Mit frömmelnden Schlagwörtem sucht eine Bande von Berufsschnorrern alles zu verhindern, was Licht in das ihr so gedeihliche Dunkel bringen;köxmte. Daß sie sich besonders heftig gegen . den Zionismus wehrt, der das Land von Schnorrern befreien und mit Ari beitern bevölkern will, ist nur selbstverstand- : lieh. Die Chalukaleute predigen daher den1 Boykott gegen die modernen Schulen, gegen die 1 von den Zionisten .geschaffenen und unterstützten Vereine und Kulturinstitute, gegen den zionistischen Turnverband „Makkabi“, der für die Jugend (einen Segen bedeutet etc. Im „Frankfurter Familienblatt“ , schildert Nahum Goldmann in anschaulicher Weise diese Verhältnisse und schreibt u. a.: „An der Spitze aller Zweige des Schnor- ■ rersystems in Jerusalem' steht die Chalukah'. Man kann das Urteil über sie dahin zusamm'enfassen, daß sie ökonomisch ebenso notwendig ist, wie sie moralisch gefährlich und schädlich ist. Daß sie ökonomisch notwendig sein muß, ist klar. Die Chalukah bringt jährlich etwa 1 Vä Millionen nach Jerusalem. Es ist selbstverständlich, daß eine solche Summe für die judenheit Jerusalems ein unentbehrlicher Faktor ist. Es ist nicht übertrieben, wenn man die Chalukah als das ökonomische Rückgrat der Jerusalemer Judenheit bezeichnet. Sie bildet für tausende Familien die Grundlage ihrer Existenz. Nicht minder klar aber ist auch, daß sie moralisch schädlich sein muß. Wenn Geld und Religion eine Verbindung eingehen — dies ist eine Erfahrung, die schier die Gewißheit eines Axioms besitzt — dann ist der Sproß fast Nr. 32 stets ein moralisch degenerierter Bastard. Wer für die Erfüllung religiöser Pflichten ' materiellen Entgelt erhält, der muß schon ein außergewöhnlicher Charakter sein, um rein und ehrlich zu bleiben. Außergewöhnliche Charaktere sind aber auch in Jerusalem große Seltenheiten. Auf das Gros wirkt aber die Chalukah in moralischer Hinsicht verderblich. Wenn ein Chalukahmann weiß, daß ihm ■ die Chalukah entzogen wird, wenn er seinen Sohn in eine Hilfsvereinsschule schickt, so mag er tausendmal von dem Vorzug dieser Schulen gegenüber den Chedarim überzeugt sein, seinen Sohn wird er dennoch zum Melamed bringen. Wenn ein Jüngling, der Chalukah erhält, weiß, daß er keinen Pfennig mehr erhält, falls er in den „Makkabi“ eintritt, so mag er noch so sehr von . der Vorzüglichkeit des Makkabi überzeugt sein, mag das Turnen noch so sehr für seine Gesundheit für notwendig halten, öffentlich wird er doch über die Makkabi fluchen und sie Apikorsim und Niederträchtige schimpfen. Oder ein anderes Beispiel: Ein Mitglied des ungarischen Kollels, das bereits einige eigene Häuser besitzt, außerdem Geld zu 20, 30 Prör zent verleiht und bereits einige hunderttausend Franks sein Eigen nennt, hat Anrecht auf eine beträchtliche Chalukah. Sie werden meinen, als frommer Jude müßte er auf dieselbe verzichten. Er denkt anders. „Der Anteil an der Chalukah“ — wird er Ihnen antworten — „den ich von meinem Vater ererbt habe, ist ein Teil meines Eigentums. Welche Gründe sollten mich dazu veranlassen, darauf zu verzichten“ Die Chalukah erscheint ihm eben gär nicht mehr als eine wohltätige Unterstützung seitens der armen Massen der Judenheit in der Diaspora. Er sieht sie als sein ganz selbstverständliches Einkommen an, das zu verschaffen die Brüder imGolus eben verpflichtet sind. Wofür? Warum? Dafür sitzt er doch in Jerusalem, erfüllt er doch die Mizwoh, in Erez-Israel zu wohnen. Man denke ja nicht, daß all das Gesagte übertrieben ist. Eher .sind, die, Farben noch zu schwach aufgetragen. Folgendes Vorkommnis des letzten Jahres soll es bestätigen; Die Verwalter der ungarischen Chalukah' in Ungarn sind allmählich auch zu der Einsicht gelangt, daß es nicht angeht, reichen Leuten eine ansehnliche Chalukah zu geben, während tausende Arme hungern. Diesen Reichen1'''jedoch die Chalukah ohne weiteres zu entziehen, wagten sie nicht. Was taten sie 'Also? Sie erklärten es in den neuen Statuten,'h die sie verfaßten, für eine „Todsünde“, Chalukah zu nehmen, wenn man anderweitig seinen.'Unterhalt verdiene. Das Resultat? Kein einziger vom ungarischen Kollel' hat auf seine Chalukah verzichtet. All die vielen wohlhaib'e.nden Mitgliederzogenes vor, di e-T.ö dsünde zu begehen und b e z ogenilffö Irlich ihre Chalukah weiter. Dais h'indertsie aber nicht, am n ä ch s t e n"T a g die jungen M i t g 1 i e de r d es M a kk a bi als unsittlich und a n t i r e 1 i g i ö s. z u d enunzieren, weil sie g e m e i n s a-m1" m i t Mädchen einen T a g es a u s f 1 u g;u'rit e rnommen haben .... 1 Dies sind eben die moralischen Folgen der ■Chalukah; Unehrlidikeit, Verstellung, Heuchelei auf der einen Seite, erkünstelter Fanatismus, Hand in Hand mit gewissenloser Bereicherung auf der anderen. Die Armut Jerusalem^ hat diese Stadt mit einem abstoßenden physischen Schmutz angefüllt. Die bisher angewandten-Mittel zur Linderung der Armut, vor allem1 . die Chalukah, haben in die Stadt einen, -noch abstoßenderen, widerlichen moralischen Schmutz hineingetragen. Und ich glaube: Viel : leichter und viel früher wird man die auf den Gassen liegenden Schmutzhaufen aus Jerusalem schaffen können, als es gelingen wird, es von seinem moralischen Schmutze zu säubern.“ Goldmann nennt die Chalukah das unentbehrliche Rückgrat der Jerusalemer Judenheit. Diese Unentbehrlichkeit kann und wird aber aus der Welt geschafft werden. Der palästinensischen Judenschaft wird ein anderes, gesundes Rückgrat wachsen, der Zionismus wird es ihr verleihen und es heißt: die Arbeit. i