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Jüdische Zeitung · 1913-08-01 · 31 (1.8.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG hungen unterhält, im „Hacheruth“. Er erzählt, daß unter den Juden der Buchara eine Auswanderungsbewegung Platz gegriffen hat, die in der erneuten heftigen Ausweisungspraxis der russischen Regierung ihren Grund hat. Die dortigen Juden denken jetzt an Amerika, an Aegypten — und an Erez Israel. Nach Jeruschalajim, wo die bucharischen Juden ein eigenes schönes Stadtviertel erbaut haben, pflegen alljährlich zahlreiche Familien aus Buchara zum Peßachfest zu kommen. Leider beschränkte sich ihr Interesse bisher fast ausschließlich auf Jerusalem selbst. A. Lewin meint, daß es nicht schwer fiele, die bucharischen Juden, die zum Teil Pflanzer großen Stils sind, für den palästinensischen Pflanzungsbau zu interessieren. Auch für größere Unternehmungen industrieller und kommerzieller Art wären sie leicht zu gewinnen. Soweit sie sich für die städtische Siedlung interessieren, sollten sie auch zur Niederlassung in anderen Städten Palästinas, wo auch der Häuserbau lohnender als in Jerusalem ist, herangezogen werden. Unsere leitenden Männer in Rußland, die wohl über mancherlei Beziehungen zu den bucharischen Juden verfügen, sollten dieser Frage ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Aelinliche Vorschläge macht bezüglich der Juden des Balkans Herr David Elnecave aus Konstantinopel, der seit einigen Wochen hier weilt und über die Eindrücke, die er in den jüdischen Kolonien empfangen, in begeisterten Worten schreibt. Elnecave, der den Balkan aus eigener Anschauung kennt, ist um die Zukunft der Juden, die jetzt durch die politischen Ereignisse von der Türkei losgelöst worden sind, besorgt. Sowohl Serbien wie Bulgarien, ganz besonders aber Griechenland, gelten ihm als wenig judenfreundlich. Er fordert daher diese Juden auf, nach Palästina überzusiedeln. „Erez-Israel hat eine große Zukunft... Kommt hierher mit euren Familien und mit Eurem Kapital. Hier werdet Jhr reine Luft atmen, von niemandem bedrückfj. Die Tore Palästinas, das ein Teil des ottomanischen Reiches ist, stehen euch offen. Die türkische Regierung, die eure Tätigkeit und eure Treue kennt, wird euch mit offenen Armen empfangen.“ Verein „Mensa acaöemica Judaica“. Dem Tätigkeitsberichte des Vereines für den Zeitraum von 1. Juni 1912 bis 31. Mai 1913 entnehmen wir: „Der Zweck des Vereines ist bekanntlich die Erhaltung einer jüdischen Mensa academica Feuilleton. „Die Sagen der Juden“. Gesammelt und bearbeitet von Micha Josef bin Gorion.*) Wer die jüdische Sagenwelt an den nationalen Mythen anderer Völker messen wollte, würde sdiwer damit zurechtkommen, denn kaum der gleiche Name ist auf beiden Seiten anwendbar. Audi die Bezeichnung „Mythos“, die jetzt oft für jene Gebilde der Volksweisheit und Volksphantasie gebraudit werden, dünkt mich keine sehr glückliche — die beste wäre vielleicht noch die althergebrachte „Agada“, die in ihrem Namen bloß den gemisditen Charakter des irgendher Gesammelten und Berichteten des ganzen altjüdischen Geisteslebens, das sich um die Bibel gruppiert. Aus aussdimückenden Weiterführungen der Bibelerzählung, sagen- und parabelhaften Umdeutungen und Spuren mystisdier Auslegungen besteht dieses bunte Rankenwerk, darin sich manche Blüten tiefer Weisheit finden, auch manche Anklänge an Exotisches oder Verschollenes. Für unsere Generation, die wenig mehr die Blüten zusammenlesen kann, die hinter dem Staube der Gelehrsamkeit zu holen sind, haben es verdienstvollerweise vor einigen Jahren Bialik und Rabnitzki unternommen, in klassischem Hebräisch eine Auswahl der „Agadot“ aus Talmud und Midraschim — die im Original meist aramäisch gesdirieben sind — *) Literarische Anstalt: Rütten und Löning, Frankfurt am Main, 1913. Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“. mit ritueller Küche; die Förderung der Geselligkeit unter den Mitgliedern; die unentgeltliche Vermittlung von Lektionen, Bureau- und Uebersetzungsarbeiten an seine Mitglieder; die Beteilung einzelner, dürftiger und würdiger Mitglieder mit unentgeltlichen Speisemarken nach Maßgabe der hierzu zur Verfügung stehenden Geldmittel. Die „Mensa academica Judaica“ ist am 1. November 1911 vom Vereine jüdischer Hochschüler „Mensa academica Judaica“ eröffnet worden. Während der zwei Jahre ihres Bestehens hat sie sich als Lebensnotwendigkeit für Hunderte jüdischer Hochschüler in Wien erwiesen. Die Bedeutung der jüdischen Mensa wird nun von der jüdischen Oeffentlichkeit anerkannt und gewürdigt. In allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung der Monarchie und des Auslandes hat die Mensa Gönner gefunden, durch deren materielle Hilfe es dem Vereine ermöglicht wurde, seine Institution zu erhalten. Die Unterstützung einer jüdischen Mensa academica an der ersten Universität der Monarchie bedeutet eine Förderung jüdischer Intelligenz, die Erfüllung einer der vornehmsten Pflichten eines jeden Juden, umsomehr, als gerade der jüdische Studierende infolge des Judenhasses, der immer krassere Formen annimmt, die größten Schwierigkeiten zu überwinden hat und nur von seinen Stammesgenossen Hilfe erwarten darf. Mit dem vorliegenden Tätigkeitsberichte über das abgelaufene Vereinsjahr 1912/13 wenden wir uns an die jüdische Oeffentlichkeit. Wir hoffen, daß der Beweis unseres Wirkens uns unsere Gönner erhalten und uns neue Freunde werben wird. Die Mahlzeiten' in der Mensa werden zum Selbstkostenpreise verabreicht, während die Regiespesen durch Subvention, Spenden und Sammlungen, gedeckt werden müssen. Seit 1. Juni 1912 wurden 78.544 Mahlzeiten verabreicht, was eine Durchschnittsfrequenz von 290 pro Tag entspricht. Der Abonnementspreis eines Mittagmahles betrug 54 Heller, der eines Nachtmahls 44 Heller. Abonnenten können nur ordentliche Mitglieder des Vereines sein. Nichtabonnenten zahlen: 60 resp. 48 Heller für die Mahlzeit. Der Preis für eine Mehlspeise betrug 12 Heller. Der Mittag bestand aus Suppe, Fleisch (150 g) und zwei Gemüsebeilagen, das Nachtmahl aus 120 g Fleisch und einer Gemüsebeilage. Gratismarken aus der von Herrn Univ.-Prof. Dr. M. Hajek und von Herrn A. L. besonders unterstützten Stiftung wurden im abgelaufenen Vereinsjahr um den Betrag von 393 K 60 h verteilt. Das Umsatzkapital betrug im Vereinsjahre K 74685,25. Am 31. Oktober 1912 wurde anläßlich des einjährigen Bestandes der Mensa ein Kommers abgehalten, dem als. Vertreter der löbl. isr. Kultusgemeinde Wien Herr Univ.-Prof. Dr. J. Pollak und als Delegierter des Kuratoriums Herr Generalstabsarzt Dr. J. Zuckermann beiwohnten. Der Ball der Mensa academica Judaica fand am 20. Jänner 1913 unter dem Protektorate Seiner Magnifizenz des Rektors der Wiener Universität Dr. Anton Weichselbaum statt. Seine Magnifizenz verlieh dem Balle durch sein perherauszugeben. Nunmehr ist — unter der Leitung eines bekannten hebräischen Schriftstellers — ein ähnlich umfassendes Werk, in deutscher Uebertragung, im Erscheinen begriffen, wovon der erste Band „Von der Urzeit“ vorliegt. Er umfaßt nicht mehr als die Weltschöpfung, die Adams-, Kains- und Noachgeschichte nebst allem Dazwischenliegenden, außerdem vieles, was in verschleierter oder aphoristischer Weise uralte kosmigonische und kosmische (manchmal astrologische) Vorstellungen, Vorstellungen aus Menschen- und Geisteswelt enthält. Da lesen wir von sieben Himmeln und sieben Erden, von Erzengeln wie dem Michoch und den Cherubim oder gefallenen Lichtwesen, die zu Dämonen wurden. Z. B. „das flammende Schwert“ — in der Sündenfallerzählung — „sind die flammenden Diener des Herrn, welche sich selbst verwandeln — bald sind es Geister, bald sind es Engel“ (S. 107). In der Mitte dieser Weltanschauung freilich, die unsichtbar an deri Erzählungen wirkt, steht der Mensch, der den Wesen ihre „Namen“ gegeben und um dessenfwillen, was auf der Erde lebt, erschaffen wurde. „Ein Mensch prägt viele Münzen mit einem Stempel, doch sind sie alle gleich untereinander, aber der König aller Könige, der Heilige, gelobt sei er, der prägt die Menschen alle nach dem Bilde Adams, des ersten Menschen und gleicht doch keiner dem andern.“ „Am sechsten Tag, welcher der letzte Tag Seiner Arbeit war, schuf Gott den Menschen und sprach zu ihm: Bisher habe ich mich bemüht um die Arbeit, von nun an sei du darum bemüht!“ Nr. Sl sönliches Erscheinen ein festliches Gepräge. Dank der eifrigen Mithilfe des Patronessenkomitees, dem Frau Univ.-Prof. Dr. M. Hajek und Frau Univ.-Prof. Dr. S. Ehrmann vorstanden, brachte der Ball dem Vereine einen glänzenden Erfolg. An dieser Stelle sei auch allen Damen und Herren des Komitees, die sich um das Gelingen dieser Veranstaltung verdient gemacht haben, der herzlichste Dank ausgesprochen. Als weitere Veranstaltungen des Vereines wären noch eine Makkabäer- und Purimfeier zu erwähnen. Die beiden Sederabende wurden in der Mensa festlich begangen. Die „Mensa academica Judaica“ ist zur Heimat des jüdischen Studenten in Wien geworden. Sie stellt ein Bindeglied für die jüdischen Studierenden dar, die aus aller Herren Länder in der österreichischen Hauptstadt Zusammenkommen. Hier finden sie Gleichgesinnte, die ihnen mit Rat und Tat beizustehen bereit sind. Die ersten zwei Jahre ihres Bestandes haben die Notwendigkeit und Lebensfähigkeit der Mensa bekundet und geben zur berechtigten Hoffnung Anlaß, daß sie dauernd zum Wohle der jüdischen Studentenschaft wirken wird. Das derzeitige Kuratorium der Mensa setzt sich zusammen aus den Herren: Univ.-Prof. Dr. M. Hajek, Präsident; Dr. J. Zuckermann, k. u. k. General-Stabsarzt,Vize-Präsident; Dr. J. Bermann, k. k. Notar; Kais. Rat J. Feitier; Univ.- Prof. Dr. S. Ehrmann; Komm.-Rat S. Rosenzweig, Schriftführer; Kais. Rat S. Kauders; Univ.-Doz. Dr. M. Oppenheim; Dr. J. Robinsohn; Univ.-Prof. J. Pollak; Adolf Schramek, k. u. k. Hoflieferant. Geldsendungen erbeten an „Mensa academica Judaica“, Wien, IX., Pramergasse 31. Aus dem jüöifdien Leben. Ein Pogromheld — Bürgermeister von Odessa. Der extreme Antisemit M. P c 1 i c a n ist zum Stadtoberhaupt von Odessa gewählt worden. In den jüdischen Kreisen Odessas herrscht darob große Bestürzung. P e 1 i c a n hat unter dem Regime des berüchtigten Gouverneurs von Odessa, General Tolmatschew, die von der Regierung anbefohlene Judenhetze organisiert. Er hat die Mord- und Plünderbanden persönlich angeführt und an ihren Schandtaten aktiv teilgenommen. Also ein richtiger Räuber und Mörder ist nunmehr Bürgermeister von Odessa. Einige fortschrittliche Zeitungen haben sich erlaubt, an die frühere Tätigkeit des neuen, würdigen Stadtoberhauptes zu erinnern. Sie wurden sofort konfisziert und von der Regierung mit schweren Strafen belegt. Der in Rang und Würden eingesetzte Mordbube erfreut sich also des ausgiebigsten Schutzes des Zaren und seiner Henkersknechte. Unter solchen Umständen ist die Aufregung der Odessaer Juden nur zu leicht begreiflich. Die Sündenfallerzählung wird ins Einzelste motiviert und die Schlange näher als Somael, der Erzböse bezeichnet. Die Schuld des ersten Menschenpaares bringt — es wird hier nur die Tiefe der biblischen Erzählung kommentiert — Fluch auch über die Erde. Die Kainsgeschichte beginnt vor der biblischen Erzählung und setzt diese fort. Wo Kain in der Bibel im Lande „Nod“ (der Unstetheit) Aufenthalt findet, ist es hier ein Zittern der Erde, das den Schuldbeladenen verfolgt, der durch mehrere Generationen hindurch noch als ein Grauen unter den Menschen umherirrt, bis er von Lemech, seinem Ururenkel, auf der Jagd für ein Tier erlegt wird. Das hohe Alter der Erzväter des Menschengeschlecht hat ja noch' späten Erklärern Mühe gemacht — die Agada läßt ohneweiters Ahnherren und Urenkel Zusammenleben. Die mystische Gestalt des Henoch erscheint mit den Legenden späterer Propheten und Heiligen ausgestattet, ja er wird nach seinem Tode in den obersten Rang der Engel erhoben. Durch ihn geht auch die Kette der Weisheit vom Urmenschen zu Noach, der von einem Engel das Buch des Weltenwissens empfängt. Interessant und stellenweise sogar ergötzlich sind einige der Sündflutgeschichten, in welche, wie in die Schöpfungssagen, manche orientalischen Tierfabeln eingeflossen sein dürften. Auch der Vogel Phönix (Milham) fehlt nicht in dem reichen Schatze. Daneben erscheinen rätselhafte Urweltriesen, wie z. B. das seltsame Nabeltier, das direkt der Mutter Erde angewachsen ist. Das der Sündflut vorangegangene Geschlecht

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