Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 31 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 dete jedoch in einer völligen Niederlage der Kellnerleute. Alle Kandidaten der unter Dr. Strau chers Führung stehenden jüdischen Nationalpartei bekamen über zweidrittel der abgegebenen Stimmen. Gg. Dr. Straucher stellte nach den Wahlen an den neuen Kultusrat die Vertrauensfrage in der Form, daß er sein Mandat als Kultuspräsident, obzwar er für 6 Jahre gewählt ist, vor der Ablaufszeit niederlegte. Seine einstimmige Wiederwahl hat bewiesen, daß die große Majorität der Bukowinaer Jüdenschaft nach wie vor seiner Führerschaft das größte Vertrauen entgegenbringt. Das Resultat der Wahlkämpfe muß freudig begrüßt werden, ln der Czernowitzer Kultusgemeinde sind gewiß manche Reformen dringend nötig und eine ehrliche und vernünftige Opposition könnte da wertvolle Dienste leisten, wie eben in jedem Verwattungskörper. Aber die Führung der heutigen Opposition erscheint absolut nicht vertrauenswürdig.* Vor allem stehen diese Herren unter der Führung des Abgeordneten Wassilko, eines Mannes, dessen Qualitäten in unserem Blatte zur Genüge beleuchtet wurden. Juden, die dich im Kampfe gegen Juden von einem Wassilko leiten lassen, verdienen nicht den Namen einer ehrlichen Opposition. Die politischen Grundsätze dieses Gelegenheitsmachers in die Politik bringen, heißt sie korrumpieren. Auch scheint der offzielle Führer der Opposition, Professor Kellner, am wenigsten berufen, einem so durch und durch national fühlenden Mann, wie es Dr. Straucher ist, als gleichwertig gegenübergestellt zu werden. Man mag über Dr. Straucher das oder jenes sagen, eins muß jeder anerkennen: der Mann hat die Bukowinaer Judenschaft aus dem assimilatorischen Sumpf herausgerissen, er hat das Judentum in seinem Lande organisiert und stark gemacht und ist der populärste, energischeste Vertreter, den die österreichischen Juden heute besitzen. Er ist eine willensstarke, kraftvolle Erscheinung. Er besitzt das, was allen anderen jüdischen Repräsentanten Oesterreichs völlig abgeht: Volkstümlichkeit und warmes Gefühl für ailes Jüdische. Sein Sieg in dem verflossenen Wahlkampfe ist daher auch vom nationalen Standpunkte aus als großer Erfolg einzuschätzen. * * * Die_ Verzweiflungstat eines jüdischen Arbeiters. In Chicago hatte sich kürzlich der zwanzigjährige jüdische Arbeiter Benni Bernstein vor den Geschw'orenen zu verantworten. Er war wegen Tötung eines Arbeitsgenossen angeklagt und der Staatsanwalt beantragte die Verhängung der Todesstrafe. Die Verhandlung förderte jedoch solche Details zutage, daß die Geschworenen den Angeklagten trotz erbrachten Beweises freisprachen. Bernstein ist vor wenigen Jahren aus Rußland nach Amerika ausgew’andert. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es ihm Arbeit zu finden. Er verdiente zirka 30 K pro Woche und verwendete einen beträchtlichen Teil seines Lohnes zur Unterstützung seiner armen, in Rußland lebenden Eltern. Bald ereilte ihn aber das alltägliche Mißgeschick des jüdischen Jndustriearbeiters in Amerika, er wurde infolge Ueberanstrengung und Unterernährung lungenkrank und lag wochenlang im Spital. Nach seiner Entlassung kam er bei der Firma Rothschild & Co. unter. Hier mußte er neben einem Kollegen arbeiten, dessen antisemitische Roheit ihm zum Verhängnis wurde. Sein „Kollege“ begnügte sich nicht, ihn wegen seines Judentums beständig und unflätig zu beschimpfen, sondern mißhandelte ihn auch. Bernstein beschwerte sich bei seinen jüdischen Chefs, aber vergeblich. Er erhielt auf seine Klagen immer wieder die Antwort, daß er doch trachten möge, sich mit sei ne n Christ-, liehen Kollegen zu vertragen! Den kranken, gehetzten Juden erfaßte schließlich die Verzweiflung und als ihn der brutale Antisemit wieder einmal angriff, stürzte er sich auf ihn und stach ihn nieder. Angesichts dieses Tatbestandes fällten die Geschworenen den Freispruch. Leider gibt kein Gesetz die Handhabe, die moralischen Urheber dieses Totschlages zur Verantwortung zu ziehen, die jüdischen Chefs, welche sich gewreigert haben, den Angehörigen ihres eigenen Volkes vor dem antisemitischen Pöbel im eigenen Hause zu schützen. Die Angelegenheit hat sich in Amerika zugetragen, aber sie ist darum keine exotische, keine Spezialität der neuen Welt. Sie kann sich morgen in Oesterreich abspielen. Die Vorbedingungen sind da. Wer den Betrieb in Fabrikswerkstätten und am Bau kennt, der weiß, wie bitter die isolierten jüdischen Arbeiter zu leiden haben. Die antisemitisch organisierte Arbeiterschaft tut alles mögliche, um ihnen das Dasein zu verleiden. Es sei nur daran erinnert, daß vor wenigen Jahren ein Wiener Tramway-Kondukteur in der Donau Schutz vor denn unmenschlichen Quälereien suchen mußte, denen er seitens seiner „Kollegen“ ausgesetzt war. Aber auch die freiheitlich und sozialdemokratisch gesinnte Arbeiterschaft springt mit den wenigen jüdischen Metallarbeitern so um, daß die Kunde von irgend einer Verzweiflungstat gar nicht überraschend käme. Und was das Verhalten unserer jüdischen Chefs betrifft, so tun sie in den meisten Fällen auch nichts, um ihren jüdischen Arbeiter zu schützen. Auch für sie ist. der Antisemitismus ihrer Angestellten etwas Geheiligtes, das nicht angetastet werden darf. Es gibt unzählige jüdische Betriebe, in welchen wüste antisemitische Propaganda betrieben wird. Die jüdischen Beschwerdeführer erhalten von ihren jüdischen Chefs bestenfalls die frivole Antwort: „Sie müssen trachten, sich mit ihren christlichen Kollegen zu vertragen.“ Ganz wie bei den Rothschilds in Chicago. Als man einem Größten unter den jüdischen Großen, dem verstorbenen Kultusvorstand R. von Guttmann vorhielt, daß in seinem Witkowitzer Werke Juden im allgemeinen nicht angestellt, und die wenigen, die dort sind, von den Bediensteten, hinausgedrängt werden, da gab der Großjude die Antwort: „Jch kann nichts machen. Mein Qeneraldirektor Schuster und meine Beamten und Arbeiter sind halt Antisemiten!“ y v - c , c v. . * Adolf Stand über galizische Fragen. Adolf Stand, der vor einigen Tagen in Wien weilte, äußerte sich einem unserer Redakteure gegenüber über aktuelle galizische Fragen, welche die Juden dieses Kronlandes im starken Maße tangieren. Gg. Stand sagte: Nach dem Muster des in Wien mit den offiziellen Juden anläßlich der Kultuswahlen abgeschlossenen Kompromisses, gelang es der Lemberger Parteileitung, zwei Mandate in der Lemberger Kultusstube durch die bewährten Gesinnungsgenossen Dr. Alexander Hausmann und Direktor Oransz zu besetzen. Die zwei zionistischen Mandatare haben schon in den ersten Kultusratssitzungen Gelegenheit genommen, ihren prinzipiellen Standpunkt zu kennzeichnen und es steht zu erwarten, daß sie nützliche und gute Arbeit leisten werden. Bezüglich der stattgefundenen Landtagswahlen äußerte sich Gg. Stand: „Die Landtagswahlen erbrachten den Beweis, daß die zionistische Partei entgegen den Behauptungen der assimilatorischen und anderer Gegner den stärksten Einfluß in den jüdischen Massen besitzt. Insbesondere trat dies bei den Landtagswahlen in Lemberg zutage, wo es gelang, Natan Löwenstein hauptsächlich durch die energische und zielbewußte Agitation der Zionisten gegen diesen Kandidaten zu Falle zu bringen. Wenn dadurch bedauerlicherweise ein jüdisches Mandat verloren ging, so trifft die Schuld ausschließlich die offiziellen Juden, welche an der Kandidatur Löwensteins hartnäckig festhielten. (Alle österreichischen Zionisten und bewußten Juden sind mit der galizischen Parteileitung in diesem Punkte eines Sinnes, denn die Wahl Löwensteins in der allgemeinen Kurie bedeutet eine viel grössere Schädigung des jüdischen Ansehens als der Verlust des Mandates. Anm. d. Redaktion.) Zur Besprechung der zionistischen Fragen übergehend, äußerte sich Stand: „Die Agitation anläßlich des Zionistenkongresses zeitigt schöne Erfolge. Wir hoffen heuer 50 Delegierte aus Galizien zum Kangreß entsenden zu können. Die galizische Delegation hält treu zur gegenwärtigen Leitung, die unser volles Vertrauen genießt. Für den 1. September haben wir nach Wien eine Konferenz der galizischen Delegierten einberufen. Bei dieser Gelegenheit werden wir bezüglich wichtiger galizischer Parteifragen Beschlüsse fassen. Was die von uns geforderte separate Nationalfondsammelstelle in Lemberg anbelangt, so müssen wir bei dieser Forderung beharren:, sollen die Sammlungen in Galizien einen weiteren Aufschwung nehmen.“ PalästinasNaAriditen. i - ,j.?■ •* Ein Krawall in Rechoboth. Jaffa. Am Freitag, den 25. Juli, kam es gelegentlich eines Einbruchsversuchs einiger Beduinen in die jüdische Rolonie Rechoboth zu einem Krawall. Bei der Verfolgung der Beduinen wurden ein Jude und ein Araber getötet und mehrere Leute verwundet. Die Behörden von. Ramleh und der Kaimakam von Jaffa griffen ein und die Ruhe wurde alsbald wieder hergestellt. Eine größere Bedeutung ist dem Vorfall nicht beizumessen. Es handelt sich um eines jener Intermezzi, die nun einmal leider bei der der Kolonisationsarbeit unvermeidlich sind. * Ein neues jüdisches Stadtviertel in Jerusalem. Jerusalem. Ein reicher jüdischer Kaufmann in Kalkutta, Joseph Abraham Schalom, hat in Jerusalem ein größeres Terrain erworben, auf dem er 24 Wohnhäuser erbauen läßt, die armen spaniolisch-jüdischen Familien zu je dreijähriger unentgeltlicher Benutzung überlassen werden sollen. Außerdem erhält jede Familie 1000 Mk. jährlich unter der Bedingung, daß die Männer in der zur Erinnerung an den Stifterzu gründenden Jeschibah „Porath Joseph“ täglich dem Thorastudium obliegen. Das Bauterrain kostet 130.000 Frcs., die Kosten des Häuserbaues sollen sich auf etwa 250.000 Frcs. belaufen. Nach einer Mitteilung der Jerusalemer Zeitung „Hacheruth“ hat Herr Schalom in der Kalkuttaer Filiale der Bank of England anderthalb Millionen Francs für palästinensische Wohlfahrtszwecke deponiert. 40»/o der Zinsen sollen zur Erhaltung des genannten Stadtviertels und 5o/o für das jüdische Hospital in Hebron verwendet werden. Die Verwaltung des neuen Stadtviertels besteht aus den Herren: Nissim Eljaschar, Elia A. Sasson, A. Ch. Valero und Nissim Nachum. ■* Palästina als Einwanderungsland. In einem Berichte aus Palästina schreibt der Korrespondent der „Welt“: In letzter Zeit wurde in der palästinensischen Presse angeregt, die Juden zweier voneinander weit entfernter und in vielen Beziehungen verschiedener Gebiete auf Palästina als ein für sie geeignetes Einwanderungsgebiet hinzuweisen. Es handelt sich um die Juden der Buchara und der ehemals türkischen Gebiete der Balkanhalbinsel. Bezüglich der bucharischen Juden berichtet A. Lewin-Jerusalem, der zu der Jerusalemer bucharischen Kolonie Bezie- I Pbofogral I 10 Perzent E. Preiss, II., Karmeliterplatz im Hause des Kongressbiiros. 6 Visit K 4.—, 6 Kabinet K 8.—, Postkarten 12 Stück 3 Kronen. fallen der zionistischen Organisation zu.