Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1913-07-25 · 30 (25.7.1913) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
30 (25.7.1913)
Date
1913-07-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438432-2438462--3701-2443489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30_' _ JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 freiwilligen Dienen zwingt. Wir fühlen, daß dieser Wille auch das Schicksal meistert und die sogenannten Naturnotwendigkeiten umbiegt. Wir wollen — und der „unaufhaltsame“ Prozeß der Assimilation wird gehemmt, wir wollen — und aus schwachen Ghettojuden werden Helden und Pioniere, wir wollen — und das verwüstete Land deckt sich mit Blumen und Früchten, wir wollen — und eine tote Sprache erwacht zu neuem Leben. Und so empfinden wir angesichts des Kongresses die höchste Befriedigung, die dem Menschen erreichbar ist und das Gefühl, gegen alle Widerstände den Willen zum Siege geführt zu haben! Wie aber wirkt die eiserne Konsequenz der zionistischen Schar erst auf die Halben und Lauen, die sich nie zu einem ganzen „Ja,“ oder „Nein“ aufschwingen 'können! Im Tiefsten erschüttert, unentrinnbar gepackt, vollkommen umgewandelt, verlassen sie den Kongreßsaal. Der Anblick des jüdischen Weltparlaments bricht allen gegnerischen Trotz und wenn jeder Jude auch nur einmal einem Kongreß beigewohnt hätte, die lächerliche und traurige Figur des jüdischen Antizionisten wäre für immer verschwunden. Doch hören wir auf die Debatten! Da tagt eine Woche lang ein Parlament, das keine Rekrutenkontingente bewilligen, keine Steuern zwangsweise auferlegen, keine Strafgesetze gegen widerspenstige Bürger beschließen kann und doch — die kolonisatorischen Leistungen, die nach den Beschlüssen dieses anscheinend so ohnmächtigen Parlaments erfolgen, können jede Großmacht beschämen! Wo ist das orientalische oder tropische Land, in das eine europäische Regierung in kurzer Zeit Ansiedler zu zehntaüsenden gebradit, ihnen Musterfarmen, Stadtviertel. Mittel- und Fachschulen errichtet hätte? Die Konsuln aller Großmächte in Palästina sind in ihren Berichten an die Staatskanzleien voll des Lobes über die zivilisatorischen Leistungen der Zionisten. 1 . '! ' 1 ‘ i Die Regierungen verfolgen mit Aufmerksamkeit die Fortschritte derselben, nur die sogenannteh Judenblätter verschweigen sie ihren Lesern. Der Kongreß in Wien, äh der Stätte, an der das assimilatorische Journalistentum die höchste Macht ausübt, wird in einer so eindrucksvollen Weise, wie es nicht hundert Zeitungsartikel Vermögen, den Zionismus und sein Werk an die jüdische Oeffentlichkeit bringen, daß alle Unkenntnis, alle Gleichgültigkeit schwinden und an ihre Stelle in allen Kreisen der Judenschaft ein lebhaftes Interesse treten wird. Wir mögen in unseren Voraussetzungen vielleicht die Entwicklungsfähigkeit der durchschnittlichen Großstadtjuden zu hoch einschätzen. Gewohnt an Sensationen, die rasch verfliegen, sind sie einer nachhaltigen Empfindung kaum fähig. Aber glücklicherweise hängt der Erfolg unserer Sache nicht von der Zahl etwaiger Mitläufer, Sondern nur von ihrer inneren Kraft ab. Der Wiener Kongreß wird dokumentieren, in wie hohem Maße unsere Idee, unsere Bewegung, unser Werk gefestigt sind. Dieser Eindruck wird bleiben, in den andern, wie in uns. Und deshalb wird der Kongreß jedem' das Gefühl bringen: „Le sionisme est en marche, rien ne Fartetera“ — „Der Zionismus ist am Wege, nichts wird ihn aufhalten können. b. Entsetzliche Judenverfolgungen in RussisduPolen. Während sich bisher die Polen in Rußland mit dem Boykott der Juden beschäftigt haben und sich' damit begnügten, sie auszuhungern, gehen sie nunmehr zur Mordbrennerei über und erweisen sich als noch geschicktere Schlächter, als ihre russischen Pogromlehrer. Entsetzliche Schandtaten werden gemeldet. So schreibt man aus Petersburg. Ist die Lage der Juden in Rußland keineswegs beneidenswert, so haben die in Polen lebenden Juden noch weit mehr zu leiden. Mit ganz entsetzlicher Roheit werden die Judenverfolgungen in den polnischen Gebieten betrieben. Nach jüngsten Berichten steckten in einem in der Nähe von Warschau gelegenen Dorf polnische Halbwüchslinge, von Erwachsenen dazu ermuntert, sämtliche Häuser der Juden in Brand. In den Bemühungen, ihr Hab und Gut zu retten, wurden sie von den Polen gehindert, obendrein verhöhnt und furchtbar verprügelt, während ihr Eigentum in Rauch und Asche aufging. Noch ein Akt unmenschlicher Grausamkeit wird, den Petersburger Morgenblättern aus Lodz gemeldet. Im Dorfe Wendszowa W o 1 j a wurden nachts drei von Juden bewohnte Häuser angezündet. Als die Bewohner den Versuch machten, ihr letztes Besitztum in Sicherheit zu bringen, wurden sie von der polnischen Bevölkerung mit bestialischer Wut ins Feuer gestoßen. Ein siebenjähriges Mädchen, das sich auf das Dach eines brennenden Gebäudes geflüchtet hatte und um Hilfe flehte, mußte, weil ihr solche verweigert wurde, unter Hohngelächter der entmenschten Bande den Flammentod sterben. * Aus Warschau wird berichtet: Im Flecken Parczewo, Gouvernement Siedlic, war eine Christin zum jüdischen Feldscher gegangen, um ihre beiden Kinder impfen zu lassen. Unterwegs kam ihr eins der Kinder abhanden. Sofort verbreitete sich das Gerücht, die Juden hätten einen Ritualmord begangen. Das Haus des Feldschers wurde hierauf von einer erregten Menschenmenge gestürmt und demoliert, zahlreiche jüdische Läden wurden geplündert, fünf Juden verwundet. Abends fand man das .verlorene Kind, welches sich verirrt hatte. Eine Untersuchung Würde eingeleitet. Der zionistische ZentraMs. Ueber den Zionistischen Zentralfonds schreibt „Die Welt“ in folgender überaus beachtenswerter Weise: Man verkennt leider noch oft den eigentlichen Zweck, die Aufgaben und die Bedeutung des Zionistischen Zentralfonds. Man sagt, wir brauchten den Zionistischen Zentralfonds zur Bestreitung der organisatorischen Bedürfnisse unserer Partei, zur Deckung unserer Agitationskosten, zur Begleichung unserer Verwaltungsspesen. Man müßte heute doch schon wissen, daß für diese Zwecke der Schekel bestimmt ist. Den Schekel nehmen wir prinzipiell nur von solchen Juden entgegen, die sich uneingeschränkt zu unserem Programm bekennen. Die direkten Ausgaben der zionistischen Organisation für Agitations- und Verwaltüngssperen sind in den letzten Jahren bedeutend angewachsen. Diese Ausgaben können und müssen durch die Schekeleinnahmen gedeckt werden. Der Zionistische Zentralfonds ist nicht für diese Zwecke geschaffen. Seine Bestimmung ist es, der Fonds zur Erfüllung der großen politischen und (kulturellen Aufgaben zu werden, die das Programm der zionistischen Bewegung ihr zuweist. Diese Aufgaben aber können nicht für alle Zeiten und für alle Verhältnisse im vorhinein bestimmt und begrenzt werden. Ein jeder neue Schritt vorwärts eröffnet ganz neue Perspektiven und weist uns neue Aufgaben zu, die zu ihrer Ausführung neue Mittel von uns erfordern. Die Arbeit auf diesem Gebiete ist ja unbegrenzt und erfordert demgemäß überaus große, unbegrenzte Mittel. Ein Beispiel: Das Projekt der Gründung einer jüdischen Hochschule in Palästina. Schon um die Möglichkeit der Realisierung eines solchen Planes zu studieren und sie eventuell vorzuberciten, um die notwendige Propaganda und eine großzügige Aktion dafür zu entwickeln, bedarf es großer Mittel, für die ein Fonds wie der Zionistische Zentralfonds aufkommen müßte. Das Programm der zionistischen Bewegung strebt nichts ausschließlich für unsere Partei an; es steht vollkommen im Dienste unseres ganzen Volkes, dem es in Palästina eine neue gesicherte Heimstätte schaffen will. An dieser Arbeit ist die ganze jüdische Gemeinschaft interessiert; ihre Sache führen wir. Die Ausführung dieses Programms bedarf unendlicher Arbeit und diese Arbeit bedarf großer Mittel. Aber eben diese Arbeiten, die auf dem Gebiete der politischen und kulturellen Tätigkeit zu leisten sind, geben uns in erhöhtem Maße den Anspruch auf das Interesse und die Unterstützung aller Juden. Der Fonds, der die Mittel für diese Arbeiten zur Verfügung stellen soll, muß ein Zentralfonds sein: ein gewaltiger Fonds, der aus großen und reichlich fließenden Jahreseinnahmen aller Juden, die unser Werk fördern wollen, allmählich zusammenströmt. Er muß ein Zentralfonds sein, für den sich alle Juden, die die Bedeutung der nationalen Arbeit, der zionistischen Bewegung zu schätzen wissen, mit opferwilligem Sinn besteuern. Und er muß ein Zentralfonds sein, in dem Sinne, daß er sowohl die großen Kosten einer kontinuierlichen politischen, kulturellen und kolonisatorischen Arbeit deckt als in jenen Ausnahmefällen seltener Art bereit steht, in denen eine ihrer Verantwortung sich wohlbewußte Bewegung die Entwicklung unserer Volksgemeinschaft wie mit einem Ruck über Hindernisse heben könnte. Wer für politische Vorgänge Sinn hat, wird wissen, daß solche Situationen durchaus nicht außer dem Bereich der Berechnungen liegen dürfen. Durchdrungen von der Erkenntnis der überragenden Bedeutung, die dem neugeschafienen Zionistischen Zentralfonds zukommt, hat das Engere Actions-Comite beschlossen, ihn weiter auszubauen und ihm eine feste Form zu geben. Das Engere Actions-Comite der zionistischen Organisation wird daher dem XL Zionistenkongreß Vorschlägen, von den Einkünften für den Zionistischen Zentralfonds, so verhältnismäßig klein sie auch jetzt noch sind, stets den vierten Teil als Reserve für besondere Fälle festzulegen. Dieser Teil des Zionistischen Zentralfonds dürfte nur unter ganz bestimmten Bedingungen angetastet werden, etwa wenn sich vom Großen Aktions-Comite oder gar vom Zentralkomitee zwei Drittel der Mitglieder dafür aussprächen. Wir glauben nicht, daß wir selbst mit dem Zionistischen Zentralfonds alle Arbeit leisten werden, die unsere nationale Zukunft fordert. Auch der Zionistischen Zentralfonds, so stark er werden kann, ist nur klein, gemessen an der Fülle und Größe des Werkes, das uns von allen anderen zu tun übrig gelassen ist. Wir aber müssen unsere Hände an dieses Werk legen; es geht nicht an, daß die zionistische Organisation, die einzige umfassende nationale Vertretung des jüdischen Volkes, ganz wichtige Arbeiten politischer und kultureller Art Organisationen überläßt oder zuweist, die gar nicht den Anspruch darauf erheben, das ganze nationale Judentum vertreten zu wollen. E. Preiss^II., Karmeliterplatz 1 im Hause des Kongressbüros. 6 Visit K 4.—, 6 Kabinet K 8.—, Postkarten 12 Stück 3 Kronen. 10 Perzent fallen der zionistischen Organisation zu.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.