Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 30 die Bürgerrechte zuerkannt werden, mit allem Nachdruck feststellen, daß die Vorenthaltung der auch den übrigen Juden gebührenden Rechte einen direkten Rechtsbruch und eine flagrante Verletzung beschworener Verträge darstellt. * * * Würdelose Geldjuden. Großen Unwillen erregt in der Londoner jüdischen Gesellschaft das Vorgehen des jüdischen Parlamentsmitgliedes Sir Philipp S a s s o o n und einer dem Vorstande der Anglo-Jewish Association angehörenden Dame, Mrs. Bischofsli e i m, die der Einladung des russischen Botschafters Graf Benkendorff zu einem Diner in der Botschaft Folge geleistet haben. Während der Oberrabbiner von England erst vor kurzem auf dem Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels eine heftige Anklagerede gegen die russische Regierung wegen ihrer barbarischen judenfeindlichen Politik gerichtet hat. während die englische Presse tagtäglich über neue grausame Judenverfolgungen im Zarenreiche berichtet und das vereinigte Komitee der jüdischen Gemeinde- und Wohltätigkeitsverbände wegen der Zurücksetzung englischer Juden in Rußland wiederholt bei der Regierung vorstellig geworden ist, scheuten sich diese gesellschaftlich hochgestellten Vertreter des Judentums nicht, als Gäste des russischen Botschafters an seiner Tafel zu speisen! Der „Jewish Chronicle“ und andere englisch-jüdische Zeitungen wenden sich in schärfster Weise gegen diese empörende Takt- und Würdelosigkeit, die geeignet ist, das Ansehen der jüdischen Gesamtheit aufs schwerste zu schädigen und dein Rechtskampf um die Gleichstellung der Juden in Rußland alle Sympathien aufrechter Christen zu entziehen. Diese Nachricht beweist die traurige Tatsache, daß in der jüdischen Geldaristokratie Englands die Charakterlosigkeit ebenso herrscht, wie anderer Orte. Sie ist aber insoferne erfreulich', als sie doch zeigt, daß die jüdische Ocffentlichkeit in England höher zu bewerten ist als anderswo. Dort regt man sich wenigstens über solche Takt- und Würdelosigkeit auf, in Oesterreich aber hüllt sich die jüdische Presse in tiefstes Schweigen, wenn solche Lumpereien sich in höchsten Kreisen abspielen. Als der zweite Kultuspräsident von T a u s s i g dem Progromzaren Geld lieh, als die Kultusgemeinde dem toten Jedenfresser Lueger offiziell naclnveinte, als Rothschild und Guttmann Geld fürs Luegerdenkmal spendeten und vor wenigen Wochen der Wiener 'Rothschild (das Jubiläum kies Pogromzaren beim russischen Botschafter feierte, da rührte sich keines von den pauschalierten Judenblättern. Nur die Zionisten verurteilten in heftiger Weise die Preisgabe der jüdischen Ehre. Die österreichischen Zionisten sind eben rohe Kerle, die alles Hohe und Edle beschimpfen. Das Martyrium eines totiiraniien jüöiWien flrbeiters. Gesinnungsgenosse Oberingenieur Robert Stricker berichtet: „Unter der Spitzmarke „Das Martyrium eines totkranken jüdischen Arbeiters“ erzählt in der „Neuen Nationalzeitung“, deren Herausgeber Herr Dr. S. R. Landau, daß ein totkranker jüdischer Arbeiter aus Lodz seitens der Verwaltung des der Kultusgemeinde gehörigen Rothschildspitales rücksichtslos abgewiesen wurde. Herr Dr. Landau erhebt dabei gegen mich den Vorwurf, ich, der zionistische Kultusvorstand, wäre diesem totkranken Arbeiter gegenüber meiner Pflicht nicht nachgekommen. Er verbrämt diesen Vorwurf auch durch einige hämische Bemerkungen. Er erhebt gegen mich weiters audi den Vorwurf, ich hätte die Verfolgung sdireiender Mißstände im Rothschildspitale verabsäumt. Ich will ohne eingehende Polemik den Sachverhalt schildern. Am 4. Juli d. J. erschien ein Herr in meiner Wohnung und überreichte einen an mich adressierten Brief des Herrn Dr. S. R. Landau. In dem Schreiben ersuchte mich Doktor Landau, für den Ueberbringer namens Abraham Salomon, Wirkarbeiter aus Lodz in Rußland, zu intervenieren. Derselbe leide an einem schweren Bruch, werde jedoch, trotzdem Dr. Landau sich für ihn eingesetzt habe, im Rothschildspitale nicht aufgenommen. Ich übergab dem Ueberbringer, der kränklich aussah, eine Karte, aut welcher ich die Spitalsverwaltung ersuchte, ihm, wenn nur irgend wie möglich, entgegenzukommen. Am nächsten Tage suchte mich Herr Salomon wieder auf und teilte mir mit, daß er wieder nicht aufgenommen worden sei, er müsse weiter warten, weil laut ärztlich cmGutachten sein Fall keinso schwerer sei, daß andere dringende Operationsfälle um seinetwillen beim herrschenden Raummangel zurückgewiesen werden könnten. Ich sagte hierauf Herrn Salomon, daß ich gegen eine solche ärztliche Entscheidung nichts tun könne. Ich1 will bemerken, daß ich auf meine inzwischen bei Aerzten' gepflogenen Erkundigungen auch wirklich übereinstimmend die Auskunft erhalten habe, daß ein Bruch, sofern er nicht geklemmt oder brandig ist, keine unaufschiebbare Operation erfordere. Uebrigens berichtet im erwähnten Artikel Dr. Landau selbst, daß Herr Salomon trotz der nachher erfolgten Intervention des Vizepräsidenten Dr. Kohn auch nicht aufgenpmnfen' wurde. Wie auf Grund dieses Sachverhaltes der Vorwurf erhoben werden kann, ich hätte angesichts eines tötkranken jüdischen Arbeiters meine Pflicht versäumt, wird mir und vielleicht auch den Lesern dieser Zeilen unergründlich bleiben. Wenn Herr Dr. Landau unter witzelndem Hinweis auf meine Einflußlosigkeit weiter berichtet, daß Vizepräsident Dr. Gustav Kohn inzwischen den Herrn ßalotnon auf , einem Zahlplatze im Wiener A!lgemein«iJ<rankenhau§e unrr tergebracht und die nötigen Mittel aus Almosengeldern beschafft hat, so will ich gerne zugeben, daß das Präsidium dey. Wiener Kultusgemeinde leichter Almosen verschaffen kann, als ich. Auch wünsche ich nicht, daß mein „schwacher“ Einfluß jemals so „stark“ werde, daß man mir zu liebe und gegen den Willen der Aerzte, im Rothschildspital Kranke aufnini'mt oder abweist. Im Briefe des Herrn Dr. Landau war auch ein Passus enthalten, daß laut Aussage des Herrn Salomon im Rothschildspitale die- Privatpatienten des Anstalts Chirurgen Prof. Zucker ka;n dl sofort aufgenommen werden, während man arme Kranke wegen Platzmangels abweist. Ein spezieller Fall wird nicht angegeben, hingegen fügt Herr Dr. Landau hinzu, er wolle im Interesse seines Schützlings vorläufig die Sache nicht öffentlich behandeln. Ich habe nun am 16. Juli an Herrn Dr. Landau geschrieben, daß meine Recherchen rcsultatslos geblieben sind und ich nichts anderes der Spitalskommission vorlegen könne, als seinen Brief. Er möge mir, mit Hinblick auf seine vorstehende Einschränkung, die . ausdrückliche Ermächtigung hierzu erteilen. Am 17. Juli erteilte mir Herr Dr. Landau brieflich diese Ermächtigung, zog aber bereits am 18. Juli in seiner Zeitung gegen den pflichtvergessenen Zionisten Stricker los, der gegen schreiende Mißständ-e im Rothschildspital, trotzdem sie ihm bekannt sind, nichts tun will. Ich habe inzwischen die Anschuldigungen des Herrn Dr. Landau der Spitälskommission zur Behandlung vorgelegt. Nach Ansicht des Dr. Landau hätte ich wohl allein auf die Behauptung des von ihm empfohlenen mir aber gänzlich unbekannten Herrn Salomon gegen den in sehr weiten Kreisen geschätzten Professor Zuckerkandl sofort Sturm laufen sollen, ohne auch nur das geringste positive Anklagematerial in der Hand zu haben. Daß Herr Dr. Landau für eine solche frivole Handlungsweise zu haben ist, hat er durch sein Vorgehen mir gegenüber bewiesen. Ich aber bin hiefür nicht zu haben. Zum Wiener ZionistenKiongreß. Wenige Wochen trennen uns nur mehr von der Eröffnung des Wiener Zionisten-Kongresses. Das Interesse, das die jüdische Oeffentlichkcit für ihn bekundet, übersteigt alle Erwartungen., Man merkt selbst an all denen, die unserer Idee bisher lau oder sogar feindlich gegenüber-« standen, eine gewisse ungeduldige Spannung. Ueberall, bei Freund und Gegner, herrscht das Gefühl vor, daß dieser Kongreß etwas Außerordentliches bedeutet. Nicht sowohl deshalb, weil er berufen wäre, besonders wichtige Beschlüsse zu fassen, sondern weil mit ihm zum erstenmal die zionistische Organisation ihre Kraft in einem jüdischen Zentrum entfaltet. Und dies in einem Zeitpunkt, wo nach langen Stürmen eine erfreuliche Stabilität in der Leitung sowohl als in den Richtlinien der Arbeit eingetreten ist. Einheitlich und gefestigt im Innern, auf ruhmvolle Arbeit in Palästina gestützt, kehrt die zionistische Organisation im Bewußtsein gelieferter Kitaft an den Ort zurück, von dem aus sie geschaffen wurde. Noch herrschen dieselben Männer im jüdischen Wien, die einst den Schöpfer der Bewegung —' Theodor Herzl — mit Spott und Hohn überschüttet,' aber wie ist die Zeit über sie hinweggeschritten, wie anders stellen sie sich heute zu der Sache, die sie ejnstens nicht einmal ernst zu nehmen sich bemühten! i VPie ’sehr hat. cier Palästinagedanke . alle Schichten der judenschaft. ergriffen, wie stark iiät die Welle, welche die nationalempfindende, kampffrohe Jugend trägt! Die Gegner von ehedem, die alt geworden sind in. kosmopolitischen und assimilatorischen Gedank'engängen, sic, die heute nicht 'mehr umlernen können, sie fühlen doch die neue Zeit, sie sind stolz auf ihre Söhne und Enkel, die das Judentum wieder gefunden haben, selbst sie empfinden uns gegenüber: „In Eurem Lager ist das Judentum“ — und nirgend anders. Der Kongreß wird für die Juden Wiens ein Erlebnis sein, das sie als unvergleichlich empfinden werden. Wahrlich, wir selbst sind an das Bild gewöhnt und «doch können wir nie ohne die stärkste innere Erregung den Moment miterleben, an dem' das jüdische Weltparlament eröffnet wird. Wir fühlen uns in diesem Augenblick ,voll .durchdrungen von der Größe der Tatsache, daß hier ein einheitlicher-Wille waltet, der die Welt umspannt und Menschen über tausend Gegensätze der Klasse, der Weltanschauung, der Bildung, der Kultur, hinüber zu einem alftewährteslll.lilhlnlh PROBEDOSE VERSENDET GRATIS HENRI NESTLE,WIEN,I.BIBEBSTBASSE * NESTLE NIEDERLÄNDISCHE EBENS WIEN,J., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais. — Versidiertes Kapital zirba 380 Millionen.—PrähnienreseFoe zirba 113 Millionen. — Billigste Prämien und hulantesfeBedingungen. Engagiert jederzeit tflditige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezöge: Bnsbfinfte erteilt Oie 6eneralagentsAaft (Oien, I., Hspernplatz 1 (Leiter: Dauiö Nebenzahl). EQr Ostgalizien u. Buhouina: SubOirebtion L5bl Taubes, Lemberg. i % --riACT---'- ---