Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 29 Löcher, worin der blindeste Aberglaube mit dem gräßlichsten Elend zusammenhockt und streut dort den Samen der Aufklärung in einen Boden, aut dem der Sozialismus mit seiner anscheinenden Negierung alles Mystischen mehr Haß und Verachtung auslöst als das Christentum. Die Utopie des Zionismus, die Errichtung eines Judenstaates, hat einen sehr realen Grund. Es ist die bodenformerische Bewegung unserer Zeit, die der jüdische Geist mit den Träumen seiner phantastischen Seele durchtränkt hat.“ Vorstehende Zeilen sind nicht etwa einem Essay in einer zionistischen Zeitschrift entnommen, sondern waren in der Wiener, vom Täufling Austerlitz redigierten „Arbeiter-Zeitung“ zu lesen. Wie kommt es, daß die zum größten Teile aus Täuflingen und Zionistenfressern zusammengesetzte Redaktion des roten Assimilantenblattes diese vom Standpunkte des Austerlitz direkt hochverräterischen Zeilen hat passieren lassen? Ist etwa eine Aenderung der Sinnesart eingetreten? Das ist nicht der Fall! Diese Aeußerungen befanden sich unter dem Strich, im Romane „Erde“ von Alfons Petzold, dem von der „Arbeiter-Zeitung“ mit Recht verehrten Proletarierdichter. Austerlitz hat es also augenscheinlich unterlassen, den Roman zu zensurieren und so kam es, daß unter dem Strich von Petzold Lügen gestraft wurde, was Austerlitz über dem Strich an Gehässigkeit und Verleumdung in Bezug auf die Zionisten zu veröffentlichen pflegt. * Famose Berichterstattung. In der letzten Nummer der von Dr. Blodi herausgegebenen Wochenschrift ist eine angeblich aus Lemberg stammende Zuschrift zu lesen, die sich mit dem Ergebnis der Landtagswahlen befaßt Die Zuschrift beklagt, das durch den Antagonismus zwischen Zionisten und Assimi- Ianten das Lemberger jüdische Landtagsmandat verloren ging. Die Zuschrift verschweigt, daß sich um dieses verloren gegangene Mandat der berüchtigte Nathan v. Löwenstein beworben hat und daß man darum den Zionisten ‘zu danken hat, daß dieser Schädling und heimtückische Verräter der galizischen Juden mit Schimpf und Schande durchfiel. In der Zuschrift, wird hingegen in sehr durchsichtiger Weise den Zionisten der Vorwurf gemacht, daß sie den Verlust des Mandates verschuldet haben und daß sie als Störer der Einigkeit die Position1 der galizischen Juden schwächen. Dieser Vorwurf ist ganz im Geiste des Herrn Bloch gehalten. Das Karnikel, der Zionismus hat es getan! Das ist die Logik der Bloch’schen Wochenschrift! Dr. Bloch sollte doch wissen, dab es gerade die ihre eigenen Privatgeschäfte besorgenden Assimilantenführer Löwenstein, Kolischer und Genossen sind, die seit Jahren systematisch auf eine Nichtberücksichtigung der jüdischen Wünsche hinarbeiten. Er sollte doch wissen, daß es gerade der in der städtischen Wählerkurie durchgefallene Löwenstein ist, der anläßlich der letzten Wahlreformverhandlungen den berüchtigten Antrag stellte, daß man die Wahlkreise, in denen jüdische Wähler eine überwiegende Majorität haben sollten, durch einen mit einfacher Majorität gefaßten Landtagsbeschluß zugunsten der Polen ändern könne, während zur Abänderung aller anderen Bestimmungen eine qualifizierte Majorität vorgesehen war. Trotzdem haben nach Blochens Meinung die Zionisten wieder einmal ein Kapitalverbrechen begangen, indem sie Löwenstein, den Freund des Bluthundes Feuerstein, den korruptesten aller Moschkos zu Falle brachten. Was soll man nun zu einer solchen Berichterstattung sagen? Nichts anderes als: würdig des Dr. Bloch! Zur Prostitution gezwungene Jüdinnen. Vor kurzem tagte in London der fünfte internationale Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels unter dem Vorsitze des Vizekönigs von Irland, Lord Aberden. Auf dem' Kongresse, welchem Diplomaten, Politiker, Erzbischöfe und Kardinale beiwohnten, hielt der Oberrabbiner von London Dr. Hertz eine bemerkenswerte Ansprache, in welcher er u. a. sagte: „Wir sind alle zu der Ueberzeugung gekom-, men, daß das Verbrechen international und interkonfessionell ist. Und dann sind wir alle Brüder und Schwestern im Unglück, weil alle Völker und alle Religionen in gleicher Weise dem Mädchenhandel unwillig Opfer liefern. Nur das jüdische Volk pflegte seit Tausenden von Jahren eine glückliche Ausnahme zu bilden. Heute ist es leider nicht mehr so. Viele und schreckliche Gewalten sind am Werk, welche die Jüdin in das Leben der Schande hineintreiben und hineinpressen. Hier ist nicht der Ort, auf das wirtschaftliche Elend der Juden in vielen Ländern hinzuweisen, wo die Massen meines Volkes unsäglich viel leiden und wo das Elend die tiefste Tiefe erreicht hat. Aber Sie müssen mir gestatten, Ihre Aufmerksamkeit auf eine Tatsache, welche der Oeffentlichkeit vor einigen Wochen durch Professor Miliukow, Führer der russischen Liberalen in der Duma, mitgeteilt worden ist, zu lenken. Sechs Millionen meines Volkes sind gezwungen, in dem Ansiedlungsrayon Rußlands ein elendes Dasein zu fristen und nur in Ausnahmefällen erhält ein Jude oder eine Jüdin die Erlaubnis, außerhalb des Ansiedlungsrayons zu wohnen. Aber wenn eine Jüdin ein willigt, ein Leben der Schande zu führen, dann erhält sie die Erlaubnis, ungestört und unbelästigt im ganzen russischen Reiche zu wohnen. (Rufe aus dem Publikum: Schande! Schmach!) Nun kommt noch etwas Tragischeres. Das einzige Mittel für eine große Anzahl russischer Jüdinnen, in Petersburg oder in Moskau zu Studienzwecken sich aufhalten zu können, ist die Bewerbung bei der russischen Polizei um das sogenannte „gelbe Billet“, dieses Abzeichen der Schande. (Rufe aus dem Publikum: Schande! Schmach! Pfui!) In früheren Zeiten pflegte noch die russische Polizei mit diesen Mädchen, wenn es sich herausstellte, daß sie ein anständiges Leben führten, insofern glimpflich umzugehen, als sie nur sofort ausgewiesen wurden. Keine geringeren Autoritäten als der deutsche Historiker Mommsen und Leo Errera haben dieses Faktum festgestellt. In jüngster Zeit aber fing die russische Polizei an, zu ganz anderen Mitteln zu greifen. Die unglücklichen Mädchen werden, statt einfach ausgewiesen zu werden, weil sie ein anständiges Leben führen, von der Polizei gezwungen, ihre „gelben Billette“ zu rechtfertigen und oft werden sie von den sie überwachenden Polizisten selbst vergewaltigt. (Laute Pfui-Rufe.) Meine Damen und Herren! Das sind Tragödien, die zu schrecklich sind, um über sie zu weinen, das sind Entsetzlichkeiten und Grausamkeiten, die keiner weiteren Erklärungen und Kommentare bedürfen. Was ich Ihnen soeben mitgeteilt, wird Ihnen ermöglichen zu sehen, warum ich diesen Kongreß, welcher der Degradation der Frau Vorbeugen will, begrüße. Dieser Kongreß kann, mit Gottes Hilfe, eine öffentliche Meinung schaffen, die mächtig genug ist, selbst den Zynismus des Kosaken-Bureaukraten zu überwinden und ihn niederzur in gen, denn dieser Kongreß ist das organisierte und ausgesprochene Gewissen der zeitgenössischen Menschheit, insbesondere was die Frage des Mädchenhandels anbetrifft.“ (Minutenlanger Beifall.) Diese Worte sind umso dankenswerter, als Dr. Hertz sie den anwesenden Vertretern der niederträchtigen zarischen Regierung ins Gesicht geschleudert hat. Den Mut zu solchem Vorgehen bringen leider nicht allzuviele unserer Rabbiner auf. Nur täuscht sich Dr. Hertz in der Wirkung seiner Worte, täuscht sich, wenn er glaubt, daß ein Kongreß imstande ist, den Zynismus der Kosakenbürokraten zu überwinden. Da nützen Reine Sympathie- und Entrüstungskundgebungen. Tausende solcher Kundgebungen sind bereits zu verzeichnen, aber sie haben das schwere Joch, das auf den russischen Juden lastet, nicht im geringsten erleichtert. Aus dieser Not gibt es nur einen Ausweg: Selbsthilfe im Sinne des Zionismus. Unsere lieben Gegner. Bekanntlich spielen seit einiger Zeit unsere Gegner ein neues allerliebstes Stückchen. Bis vor Kurzem bezeichneten sie den Palästinagedanken als Wahnsinn, das jüdische Stammesbewußtsein als Hochverrat, die jüdische Demokratie als ein Rowditum usw. Vor der Macht der Tatsachen: dem Emporblühen des jüdischen Palästina, dem Vordringen jüdischnationalen Geistes bis in die letzten Schlupfwinkel der Assimilation mußte man sich schließlich beugen. Man änderte die Taktik. Die Palästinaarbeit wurde zu einem wahren Fetisch für alle Israeliten, die sehr viel von ihr schwärmten, aber blutwenig für sie taten, ja selbst der Zionismus wurde zu einer „sympathischen“ Idee, nur die bösen Zionisten, die alle ehrenwerten, wohlmeinenden, zahlungskräftigen Juden durch wüste Schimpfereien insultierten, warendas Element, gegen das sich jeder anständige Israelite zu wehren hatte. Wir haben berichtet, daß unsere lieben Gegner in Deutschland sogar auf die famose Idee kamen, einen Antizionistenbund zu gründen, der die Aufgabe haben soll, den „Ton“ der Zionisten zu bessern. Ganz im selben Fahrwasser segelt ein gewisser Dr. Ph. Rosen, der im neuesten Heft von „Ost und West“ über „Palästinaarbeit und Zionismus“ schreibt. Rosen ist entzückt von den Leistungen der- Juden in Palästina, ist erstaunt „über das großartige Werk, das in verhältnismäßig so kurzer Zeit geschaffen wurde“. Er würdigt die Bedeutung der Juden für die Hebung des Orients und sagt sehr schön: „Wenn es irgend einen Punkt auf der Erde gibt, wo die Interessen des jüdischen Volkes mit denen der ganzen gesitteten Menschheit zusammenlaufen oder gar identisch sind, so ist es der Boden von Paläst fn a“. Ganz ausgezeichnet! Ja, Herr Dr. Rosen verteidigt auch die nationale Idee im1 Zionismus und würdigt die Bedeutung der Bewegung für die Gewinnung der Jugend. Also müßte man annebmen, dieser Mann werde einen Freudensprung ins zionistische Lager machen und wacker mithelfen, all das, was er als so schön findet, zu fördern. Weit gefehlt! Nach der Verhimmelung des Zionismus kommt der Pferdefuß: die Beschimpfung der Zionisten. Es ist wirklich eine diabolische Methode: Das Werk loben und die es getan, verfluchen. Natürlich läuft die Kritik, die Herr Dr. Rosen an dem Verhalten der- Zionisten übt, auf die altbekannten Jeremiaden hinaus: die rüde Art der Agitation, das Vorwalten der jüngeren Elemente, „denen jede tiefere Erfassung des Judentums und ' jedes Verantwortungsgefühl abgeht“ usw. Als besonders argen Fehler kreidet uns Herr Dr. Rosen die Arrangierung von Sombartvorträgen an, eines Mannes, der das Judentum verletzt habe und dessen wissenschaftliche Behauptungen einstimmig abgelehnt wurden. Mit Verlaub! Beides ist total unrichtig! Wir verweisen Herrn Dr. Rosen auf das Buch vom Rabbiner Hoffmann, einem unverdächtigen Zeugen, der mit großer Wärme die Arbeit Sombarts lobt. Aber noch mehr: Herr Dr. Rosen schreibt: „In Wien hat die zionistische Jugend jede Erwiderung von anderer Seite unmöglich gemacht und als ein dortiger Rabbiner einen Vortrag zur Verteidigung des Judentums anmeldete, wollte die heißblütige zionistische Jugend die Versammlung sprengen.“ Wir konstatieren, daß das direkt unwahr ist. Eine Diskussion beim Vortrag Sombart hat dieser selbst abgelehnt, sie ist daher nicht von der zionistischen Jugend unmöglich gemacht worden. Was die Grunwaldversammlung betrifft, so wollte dieselbe Jugend nichts anderes, als sich zu dem als frei zugänglich erklärten Vortrag den trotzdem verweigerten Eintritt verschaffen und ebenso die vom Präsidenten angekündigte aber später ver- NESTLE' IM KINDERMEHL PROBEDOSE VERSENDET GRATIS: ■ HENR^KTUjWl^ljBIBERSTRflS^^B NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. 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