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Jüdische Zeitung · 1913-07-18 · 29 (18.7.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
29 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ggg NRTmL -JÜDISCHES DRGRN^ JÜDISCHE ZEITUNG ■ Erscheint wöchentlich. — _ Redaktion, Administration und Inserateriautnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ m reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Fiir das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075.*1 i ='i_. . ——— _j - ■ ' -g—g— Nr. 29._ Wien, Freitag, deli 18. Juli 1913 VII. Jahrgang Die Judenstaöt Saloniki unterm Kreuz. Ein Mahnruf zu zionistischer Arbeit. Aus Saloniki meldet man die Massenflucht von Juden, welche über Aegypten längs der palästinensischen Küste nach Anatolien ziehen, um den Verfolgungen der griechischen Sieger zu entgehen. Der neuzeitliche Kreuzfahrerpöbel setzt seinem Werke die Krone auf. Was an mohammedanischen Greisen, Weibern und Kindern zu morden war, ist gemordet, was an wehrlosen Türken abzuschlachten und zu verstümmeln war, ist gleichfalls besorgt. Aber der fromme Eifer ist noch lange nicht gesättigt. Die von' Weihrauch benebelten Köpfe gottgläubiger Mörder wollen nicht nüchtern werden. Die mit Weihwasser benetzten Bajonette wollen nicht zur Ruhe kommen; sie sind an den gottgefälligen Aufenthalt in menschlichen Eingeweiden gewöhnt und wollen nicht in die kalte, trockene Scheide zurück. Jetzt hebt ein wiiäes Morden unter den christlichen Brüdern an. Sie wüten untereinander noch scheußlicher als sie es den Türken und Albanesen gegenüber getan haben. In Belgrad werden bulgarische Gefangene von den „Damen der besten Gesellschaft“ in Stücke gerissen. In Athen desgleichen. König Reter läßt mit Kolbenstoßen die verwundeten bulgarischen Waffenbrüder an seinem Balkon vorübertreiben und Zar Ferdinand, der glorreiche Kreuzritter, hockt angstbleich in einem Winkel seines Palastes, weil ihn draußen seine Untertanen mit schußbereitem Revolver erwarten. Nunmehr ist der Balkanmoloch dabei, eine der stärksten und blühendsten Judengemeinden zu verschlingen: Saloniki. Unter der toleranten türkischen Herrschaft ist sie emporgediehen. Die Stadt ist zu zwei Dritteilen von spaniolischen Juden bewohnt. Die 80.000 Juden spielen eine dominierende Rolle als Kapitalisten, Großhändler, Handwerker und Arbeiter. Sie haben Saloniki zum bedeutendsten Handelsplatz des europäischen Ostens gemacht und waren für die Türkei in sozialer und politischer Hinsicht tonangebend. Nun hat ein grausames Geschick Saloniki den Griechen in die Hände gespielt. Gerade den Griechen, den grausamsten und verschlagendsten Judenhassern. Der blutgierige griechische Antisemitismus ist nur zu wohlbekannt. Die willigsten Pogromveranstalter des südlichen Rußlands sind die Griechen und wo immer im Orient ein Blutmärchen auftaucht, ist der Autor ein Grieche. Kaum in Saloniki angelangt, hat die griechische Soldateska eine blutige Judenhetze veranstaltet und nunmehr, nachdem die griechischen Behörden installiert sind, werden die Juden durch „amtliche“ Maßnahmen in die hellste Verzweiflung gebracht. Die stolzen, tüchtigen Saloniker Juden greifen zum Wanderstab und flüchten in die gastliche Türkei. Die Judenfrage ist somit um ein Wanderungsproplem bereichert und es ist Pflicht der Zionisten, sich sofort und tatkräftig mit diesem Problem zu befassen, umsomehr, als sich hier ein fruchtbares Feld für Palästinaarbeit bietet. Bereits vor Monaten hat die „Jüdische Zeitung“ auf die Wichtigkeit der Saloniker Frage hingewiesen. Am 16. Mai 1913, zur Zeit als die Frage, ob Saloniki autonom, bulgarisch oder griechisch wird, die jüdische Oeffentlichkeit beschäftigte, schrieb ein hervorragender Kenner der Balkanverhältnisse in einem großen Artikel in unserem Blatte u. a.: „Ein griechisches Saloniki wird eine plötzliche Katastrophe sein, ein bulgarisches Saloniki bedeutet ein stufenweises Verdrängen, wobei die jüdischen Positionen langsam1 von den Bulgaren bezogen werden. Und da es immer gut ist, von zwei Uebeln das kleinere zu wählen, ist es im Interesse der jSaloniker Juden wünschenswert, daß die Stadt bulgarisch werde. Aber noch einmal sei es betont: nicht im jüdischen Interesse befaßt man sich mit der Lösung der Frage von Saloniki, und wenn Griechenland etwa ein Mittel findet, Bulgarien, wie in der letzten Zeit in der europäischen Presse zu lesen war, durch gewisse Kompensationen zufrieden zu Stellen, so wird der ganze Lärm, welcher von den Juden geschlagen wurde, für die Katze sein und die Katastrophe wird doch eintreten. Dann wird erst die jüdische Pflicht beginnen und anstatt Zeit mit der Diskussion einer Frage, die ohne uns und gegen uns entschieden werden wird, zu verlieren, ist es .vernünftiger, sich von nun an mit dem Schicksal der Juden von Saloniki nach dem Kriege zu beschäftigen. Da die Zahl dieser Juden sehr groß ist, lastet die Verantwortung für die Saloniker Judenfrage auf allen jüdischen Organisationen. Ich will diese Frage vom Standpunkte der zionistischen Organisation unterzuchen. Ich habe bereits betont: einerlei ob Saloniki griechisch oder bulgarisch wird, die Juden werden ihre Positionen einbüßen und eine große Zahl wird auswandern müssen. Ein großes Zentrum des orientalischen Judentums ist verurteilt, zu verschwinden. Darf man es zugeben, daß die Juden von Saloniki in alle vier Weltrichtungen zerstreut werden? Ist es ratsam, daß sie nach Aegypten, Amerika und — wer weiß — wohin auswandern? Wäre es nicht vielmehr angebracht, diese Emigration zu lenken und zu organisieren?jUndschließlich, haben wir nicht die Pflicht, dafür zu sorgen, daß diese Emigration wenigstens i um. Teile nach Palästina gelenkt werde?' Es gibt in Saloniki zweifellos Elemente, die im Stande wären, eine oder mehrere landwirb* schaftliche Kolonien in Palästina zu bilden. Eä gibt zweifellos eine große Gruppe von Leuten,, welche über kleinere Kapitalien verfügen, die gefährdet sind, wenn sie Saloniki verlassen und sich ohne Wegweiser auf die Wanderung begeben. Diese Kapitalien könnten aber nutzbringend in Palästina angeicgt werden, wenn man bei Zeiten d!e notwendigen Maßnahmen trifft, damit sich diese Emigration unter Bedingungen vollzieht, die für das Einwanderungsland. und auch für die Einwanderer günstig sind. Es gibt zweifellos in Saloniki genug jüdische Kapitalisten, welche in Saloniki keine Aussicht haben, ihre Kapitalien nutzbringend zu verwerten. Diese Kapitalisten könnten in Palästina industrielle Unternehmungen gründen, welche Aussicht auf einen angemessenen Ertrag bieten, unsere Position in Palästina stärken und einer großen Anzahl von jüdischen Arbeitern Beschäftigung geben würden. Es gibt also die verschiedensten Elemente der Bevölkerung, welche auch Palästina auswandern könnten, sich und dem Lande zum Nutzen. Diese Frage verdient die größte Aufmerksamkeit. Unser Palästinaamt ist in erster Linie berufen, sich mit ihr zu befassen. Es Wäreauch 'gut, wennsich eine spezielle Kommission nach Saloniki begeben würde, um an Ort und Stelle die Verhältnisse zu untersuchen und für den nächsten Kongreß einen Bericht zu verfassen. Diese Gedanken bewegten mich bei der Lektüre der auf die Frage von Saloniki bezughabenden Literatur. Kann ein Teil meiner Vorschläge Verwirklichung finden? Die nächste Zukunft wird darüber Aufschluß geben.“ Die Voraussage unseres Mitarbeiters hat sich nur allzurasch erfüllt. Die Juden verlassen fluchtartig Saloniki. Es darf nunmehr keine Zeit verloren werden. Die zionistische Partei muß sofort im Sinne des Verfassers eingreif en. Bei dieser Gelegenheit werden ganz gewiß auch Kreise zu interessieren sein, die vorläufig unserer Bewegung noch fernestehen, denn das Schicksal der Saloniker Juden steht im Mittelpunkte des jüdischen Interesses. Der in wenigen Wochen tagende XI. Zionistenkongreß muß wohlinformiert und wohlgerüstet an die Behandlung dieser brennendsten jüdischen Frage herantreten. Rundschau. Das Pech des Herrn Austerlitz. „Der Zionismus ist eine die Trägheit ungezählter Massen Juden umpflügende Kraft, der Sozialismus des jüdischen Ostens. Er kriecht in Photograph Nachim Chefez II., Taborstraße 41. Erstklassiges Melier fcünsflerisdier Rnbtang. Langjähriger Lieferant der Kultusgemeinde, empfiehlt sich den Kongreßmitgliedern für sämtliche in das Fach einschlagende Arbeiten auf das Beste. Das Atelier befindet sich im Parterre. Telephon 22195.

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