Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 untersuchen, warum sie dies heute nicht ist. Natürlich ist jemand, der wie ich, weder dem Direktorium noch dem Aufsichtsrat angehört, nicht in der Lage, in die Geschäfte der Bank genauen Einblick zu nehmen, aber von einigen allgemeinen Gesichtspunkten aus ist eine Kritik schon möglich. Und nur um diese handelt es sich. Ich will daher auf einige Punkte eingehen und bemerke, daß es mich nur freuen würde, wenn die Bankleitung mich desavouieren hvürde. Aber sie verstehe mich nicht falsch. Ich schreibe nicht, um sie anzugreifen und untersuche nicht, wer schuld ist. Ich will nur zur Klarheit kommen, was zu ändern >väre, um zu dem gewünschten Ziel zu gelangen. Ich gliedere meine Kritik in folgende Punkte: Reserven-und Dividendenpolitik. Am verfehltesten halte ich das fortwährende Bestreben der Bank, Dividenden zu geben, bevor noch ein genügender Reservefonds angehäuft ist. Das sind gewiß alte Sünden, und der Grund war der, daß man „populär“ (werden wollte. Man fürchtete, daß das Volk, welches das Aktienkapital gezeichnet hatte, ungeduldig werden könnte und keine weiteren Aktienzeichnungen erfolgen würden. Das ist vielleicht ein volkspsychologischer, jedenfalls aber kein kaufmännischer Standpunkt. Kaufmännische Institute dürfen aber nicht nach unkaufmännischen Gesichtspunkten geleitet werden. Uebrigens war die ganze Spekulation auf die Massenpsychologie eine völlig irrige. Obzwar man schon im ersten Jahre 21/12<>/o Dividende zahlte, wurde diese von den Aktionären gar nicht behoben — ein Zeichen, wie wenig ihr Sinn auf Dividende stand — und der Bank gelang es auch nicht, weitere Aktien in großer Zahl zu begeben. Nach dieser Erfahrung hätte man die Dividendenzahlung durch Jahre einstellen und den Gewinn auf Reservekonto buchen sollen. Man tat das nicht. Mit Ausnahme von 1903, wo der Gewinn ein minimaler war, wurde fortwährend Dividende gezahlt, ja manchmal bemühte man sich sogar, über die durchschnittlichen S1/«0/» hinauszugehen (1906 und 1912). Und so kam es, daß die Bank nie eine nennenswerte Reserve zusammenbrachte. Einem Aktienkapital von zirka 260.000 Pfund, einem Umsatz von mindestens 8,000.000 Pfund (nach Angaben Dr. Katzeneisohns am 9. Kongreß zu schließen), Debitoren von 240.000 Pfund und einer Bilanzsumme von zirka 460.000 Pfund (laut Bilanz vom 31. Dezember 1912) steht ein Reservefonds von 3300 Pund gegenüber, nicht einmal l1/»0/» des Aktienkapitals! Zwar ist in der Post „unbehobene Dividenden“ eine -Art stiller'Reservefonds angehäuft, doch so lange diese nicht als verfallen erklärt wurden, dürfen sie nicht als solcher angesehen werden, andererseits ist für die Position der Bank nach außen (Beurteilung in der Finanzwelt, die einen der allerwichtigsten Faktoren für die Stellung der Bank bildet) nur der wirkliche Reservefonds maßgebend. Und bei dieser Sachlage erhöht die Bank nro 1912 noch die Dividende von 2(4 auf 3°/o! Was soll damit erzielt werden? Die Popularität der Bank wird damit kaum wachsen, überdies ist diese kein Faktor, (der so wichtig wäre, wie die innere Situation Ides Institutes. Würde die Bank anstatt ihrer heutigen verfehlten Politik durch drei Jahre keine Dividende zahlen, so könnte sie einen Reservefonds von zirka 10o/o des Aktienkapitals ansammeln. Das ist zwar nicht allzuviel, könnte sich aber immerhin schon sehen lassen. Geschäftsbetrieb. Der größte Vorwurf, den man der Leitung .machen kann, ist der, daß es ihr nicht gelang, fremde Gelder (Depositen) heranzuziehen. Ohne diese ist natürlich ein rentabler Bankbetrieb unmöglich. Verdienen kann eine Kommerzbank nur daran, daß sie Geld zu billigem Zinsfuß leiht und zu höherem verborgt. Die Bilanz pro 1912 zeigt ein Depositenkonto von 41.000 Pfund, das ist nicht einmal 1IC des Aktienkapitals, indes man gewöhnlich ein Verhältnis der eigenen zu den fremden Geldern von 1:3 als normal ansieht. Es ist ausgeschlossen, daß <Jie Bank .je eine angemessene Dividende verteilen können wird, wenn sie überwiegend nur mit eigenem Gelde arbeiten soll. Um aber Depositen heranzuziehen, muß die Position, das Ansehen der Bank gestärkt werden. Dazu ist die Erhöhung der Reserve eines der wichtigsten Mittel. Die eigenen Gelder hat die Bank in ganz merkwürdiger Weise verkapselt. Die Hälfte des Aktienkapitals ist in Effekten angelegt. Diese Effekten werden aber wieder verpfändet, um der Bank Mittel zu schaffen. Es ist mehr als fraglich, ob diese Manipulation einen Sinn hat und ob sie sich rentieren kann, d. h. ob es nicht lucrativer wäre, entweder die Effekten liegen zu lassen und die Koupons einzukassieren oder sie zu verkaufen. Ersteres träfe zu bei den Aktien der A. P. C. (nahezu 100.000 Pfund) die 41/n°/o tragen, indes die Bank damit nur 3<>/o verdient, letzteres für die Konsols, die nur 2(4% tragen, bei denen aber ein fortwährender Kursverlust zu konstatieren ist. Wahrscheinlich al pari (100) oder nahe daran gekauft, stehen sie heute nur mehr mit 75 zu Buch! Bei den heutigen Geldverhältnissen ist in absehbarer Zeit nur immer neuer Verlust zu erwarten. Man muß überhaupt fragen, wozu die Bank nahezu 100.000 Pfund in Aktien der A. P. C. festlegt? Diese wären mit Leichtigkeit sukzessive unter den Zionisten zu plazieren, und die Bank erhielte dafür das bare Geld. Freilich, solange sie damit nur 2(4—3o/o .verdienen kann, scheint es besser, sie besitzt Aktien des A. P. C., die 41/go/o tragen, doch behindert dieser nicht rasch realisierbare Besitz ihre Liquidität. Welcher Art die Geschäfte der Bank sind, läßt sich natürlich nicht genau aus der Bilanz ersehen. Es sind Wechsel-, Lombard- und wahrscheinlich Warenvorschußgeschäfte. Wenigstens spricht der Bericht von dem russischen Getreidegeschäft. Es ist sehr fraglich, ob nicht eine Londoner Bank viel näherliegende Geschäfte machen könnte, als solche in Odessa oder Kiew, bei denen sie eine leichtere Kontrolle, keine Agentenspesen usw. hätte. Doch darüber kann man natürlich nur ganz allgemein sprechen. Daß diese russischen Geschäfte nicht rentabel sein können, werde ich sofort zu zeigen versuchen. Rentabilität. Aus dem Gewinn- und Verlustkonto ist nur das Endergebnis zu konstatieren, da keine detaillierten / ngaben gemacht werden. So fehlt die Post ..Passivzinsen“, die wahrscheinlich vorher von den Aktivzinsen in Abzug gebracht worden ist. Aus dem genannten Konto geht hervor, daß der Reingewinn für 1912 8049 Pfund war. Das werbende Kapital betrug: Aktienkapital. 259.251 Reservefonds (ohne die 1000 Pfund aus Gewinn 1912) . . 2.777 Unbehobene Dividenden . . 24.712 Zusammen . . 286.740 (Die unbehobenen Dividenden stellen ein zinsloses Darlehen für die Bank dar.) Hievon machen 8049 Pfund 2.8<>/o aus. Das werbende Kapital der Bank hat sich also mit 2.S°/o verzinst, was eine Verteilung von B% vom Aktienkapital nicht rechtfertigt. Eine nähere Analyse des Gewinnes ist zwar nicht möglich, doch lassen sich einige Anhaltspunkte gewinnen. Der Brutto-Ertrag an Diskonten, Zinsen, Dividenden, Provisionen, war 17.867 Pfund. Dem stand gegenüber: Regie und Steuer.S.279 Abschreibungen: Mobilar . . 55 Effekten . . 537 Dubiosen . 585 Kuponbogen 200 Zusammen . . 9.S18 So. daß vom Bruttoertrag . . . 17.867 Pfund, netto.8.049 Pfund verblieben. Die Regie macht zirka 44% des Bruttogewinnes aus — kein abnormaler Betrag bei gewöhnlichen Verhältnissen, bei dem I. C. T. aber, wie wir noch sehen werden, zu viel, die Abschreibungen 8<>/o. Auch hier zeigt sich, wie klein der Reservefonds veranlagt ist. Wenn man in einem normalen Jahre 1539 Pfund abschreiben muß, ist eine Reserve von 3000 viel zu niedrig. Wenn ich von der Höhe der Spesen sprach, so schwebt mir folgende Erwägung vor: Der Trust hatte von seinen Effekten eine Dividendeneinnahme von zirka 5000 Pfund. Den Dividendenertrag berechnete ich wie folgt: Pfund 27.550 Konso's 2('»% Piuid 689 „ 93.616 A. P. C. ä 10 d. „ 3.900 „ 15.000 A. L. B. ä 6 o/o „ 000 Zusammen Pfund 5.4S9 Da aber die angeführte Zahl von A. P. C. und A. L. B. Aktien erst am 1. März 1912 in der Bilanz erscheinen und früher der Besitz des J. C. T. an diesen Papieren geringer war, nahm ich nur 5000 Pfurd an. Die Mexikobankaktien scheinen erst am Schluß des Jahres erworben worden zu sein, ebenso die Anteile des Ind. Synd., weshalb ich die Erträge ganz vernachlässigte. Die Ziffer von 5000 Pfund dürfte ziemlich genau stimmen. Rechnen wir hievon die Abschreibung von Effekten, zirka 500 Pfund ab, so bleiben noch immer nahezu 4500 Pfund, auf die fast gar keine Spesen sind. Rechnen wir diese vom Gewinn ab, so bleiben nur 3500 Pfund Gewinn. Mit anderen Worten: Mit den 132.000 Pfund, die in Effekten angelegt waren, verdiente der Trust 4500 Pfund, mit dem restlichen werbenden Kapital von 154.000 Pfund nur 3500 Pfund! Das sind nur 2.3%! Ferner: die Spesen und Abschreibungen (diese vermindert um die 537 Pfund bei Effekten), zusammen 9281 Pfund, sind auf eine Bruttoeinnahme von 17.867 —4500, rund 13.400 Pfund zu rechnen und machen daher die enorme Summe von 70% aus! Das ist aber noch nicht alles. Die Geschäfte mit der A. P. C. und jene mit der A. L. B., die nach Angaben der Direktoriums den breitesten Raum unter allen Engagements einnehmen, machen einerseits fast keine Spesen, andererseits geben sie aber einen sicheren Zinsgewinn. Rechnet man dies auch noch ein, so muß man den Eindruck erhalten, daß auf die sonstigen Geschäfte vielleicht S0% oder mehr Spesen sind, ein ganz unmögliches Verhältnis. Wenn daher immer wieder gefordert wird, die Bank möge ihre russischen Geschäfte liquidieren, so ist diese Forderung schon aus rein kaufmännischen Gründen nur zu sehr berechtigt, wenn man auch von den prinzipiellen gänzlich absieht. Liquidität. Hierüber habe ich schon einleitend gesagt, daß jede Bank, nicht nur der J. C. T„ ihre Mittel zum Teile liquid halten müsse, also in Barvorrat, Effekten, kurzfälligen Anlagen usw., um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Das ist also keine Eigentümlichkeit des J. C. T. und rechtfertigt nicht, daß aus dem Titel der Liquidität das ungünstige Gesamtergebnis hergeleitet wird. Uebrigens ist bei außerordentlichen Fällen selten eine Bank in der Lage, aus Eigenem standzuhalten, sondern sie braucht dazu Hilfe anderer Institute. Solche kann man aber nur erlangen, wenn man in der Finanzwelt Ansehen genießt und Verbindungen hat. Daher kann vom Standpunkt der Liquidität auch nichts besseres gewünscht werden, als daß der J. C. T. eine kräftige Kommerzbank werde. Wie weit die Bank heute liquid erscheint, kann aus der Bilanz nicht entnommen werden, da man daraus nicht ersehen kann, welche Aktiven rasch realisierbar sind. Nur die eine festgewurzelte Meinung, die sich auch im zionistischen „A. B. C.-Buch“ findet, kann als unrichtig nachgewiesen werden: daß die Anlage eines Teiles des Bankkapitals in Konsols zur Liquidität gehöre. Diese Konsols sind lombardiert (verpfändet), sind also nur etwa zu einem Zehntel (Ueberschuß des Kurswertes über den Leihungswertl bares Geld. Die Anlage von ca 100.000 Pfund in A. P. C.-Aktien sind schon gar keine Erhöhung der Liquidi'ä*, sondern eine Behinderung derselben, weil diese Aktien börsemäßig nicht verkäuflich sind, die Bank sie übrigens auch sonst (unter der Hand, als Exotica) nicht verkaufen darf. Soweit sie verpfändbar sind, scheint nach der in der Bilanz angegebenen Lombardschuld, von ihnen ausgiebiger Gebrauch gemacht worden zu sein. Daß bei dem vor mehreren Jahren vorgekommenen Run auf die A. P. C. übrigens die Liquidität der Bank nicht ausreichte, geht daraus hervor, daß in allen Andeutungen immer Herr Kann und seine eigene Bankposition als rettende Faktoren hingestellt werden. Resume. Diese kurze Betrachtung kann umsoweniger erschöpfend sein, als sie sich ja nur auf die Bilanzen stützt, die sehr wenig von dem Bankgetriebe verraten. Aber dieses wenige hat uns gezeigt, daß die Bank 1. eine ungenügende Reserve hat. 2. daß es ihr nicht gelang, Depositen heranzuziehen, weshalb die Basis für einen rentablen Bankbetrieb nicht gegeben ist, 3. daß die Geschäfte, die sie, abgesehen von jenen .mit den zionistischen Instituten, macht, unrentabel sind, 4. daß sie nach Lage der Dinge keine Dividenden verteilen noch weniger aber diese erhöhen sollte, 5. daß ihr Effektenbesitz zu ihrer Liquidi'ät nichtc beiträgt, hingegen entweder (wie bei den Consols!) eine zu geringe Verzinsung und stete Kursverluste oder twie bei den A. P. C.-Aktien) eine unnötige Festlegung ihrer Mittel bedeutet. Ich möchte daher sagen: Es geht nicht an, daß die Bank in dieser Weise weiter geführt wird. Es gibt nur zwei Wege: Entweder die Geschäfte zu liquidieren und das Kapital nach Palästina zu überführen, etwas, was Herr Kann Photograf E. Preiss, II., Karmeliterplatz 1 im Hause des Kongressbüros. 6 Visit K 4.—, 6 Kabinet K 8.—, Postkarten 12 Stück 3 Kronen. 10 Perzent fallen der zionistischen Organisation zu.