Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 26 Eine jfidifdie Universität in Jerufalem. Wir geben nachstehend folgende Ausführungen über die geplante jüdische Universität wieder: Seitdem in der Diaspora der Gedanke der jüdischen Renaissance lebt, und seitdem die ersten Träumer der Losung „Die Auferstehung Israels im Lande Israels“ ihre große Gedankenwelt bauen, ist noch keine so große Parole gefallen, wie sie von der letzten Sitzung des Aktions- Komitees der zionistischen Organisation ausgegangen ist Eine jüdische Universität in Jerusalem, das ist die Programm-Parole, die im Herzen eines jeden Juden, der an die Zukunftserlösung seines Volkes glaubt, starke Gefühle hervorrufen wird. Dieser Ruf ist kein zufälliger, nicht plötzlich, nicht in augenblicklicher Begeisterung entstanden, die Herzen einiger Romantiker zu erwärmen und nachher zu verschwinden. Die hebräische Universität in Jerusalem ist die notwendige Folge unserer Renaissancearbeit. „Wir werden jene kulturellen, europäischen Güter ins Land bringen, die uns mit dem inneren Wesen und der historischen Entwicklung der alt-orientalischen Welt vereinigen. Wir verschaffen dadurch jener uns geistesverwandten Welt die nötige Widerstandskraft und die erforderliche Energium der vom Westen her drohenden Invasion Widerstand zu leisten, und wir tragen dazu bei, diejenige synthetische Schöpfung herbeizuschaffen, die das orientalische Wesen und die europäische Zivilisation vereinigen soll“. So sprach Ussisdhkin in der letzten Sitzung des großen-Aktions-Komitees. Das Zentrum für diese kulturell-politische Arbeit soll die Universität in Jerusalem bleiben. Die Universität in Jerusalem wird auch einen überaus wesentlichen ökonomischen Faktor im Lande darstellen. Wenn eine Reihe von Mittelschulen in Palästina bereits wesentliche Erfolge aufweisen darf, so dürfte auch die Universität vom Standpunkte der ökonomischen Entwicklung des Landes einer guten Zukunft entgegengehen. Es i$t überflüssig darauf hinzuweisen, welch unversiegbaren geistigen Quell die Universität in Zukunft bilden dürfte. Die Hochschule in Jerusalem wird das Galutleben in unserem Herzen vollständig besiegen; sie wird nicht nur für die inländischen, sondern für die in der Diaspora lebenden jungen Juden den Boden bilden, auf dem sie sich wiederfinden als ganze Menschen und ganze Juden. Für die jüdische Wissenschaft vollends wird durch die Gründung der Hochschule jene Epoche heranbrechen, die es ermöglichen wird, daß die jüdische Wissenschaft dem Lande, dem sie entstammt, und in der natürlichen Sprache ihren natürlichen und normalen Weg geht. Auf geschichtlichem Boden soll den jüdischen Fähigkeiten die Möglichkeit einer gesunden Entwicklung geschaffen werden. Die Klugen werden sagen: ja, es ist eine schöne Phantasie, die in der realen Welt keine greifbaren Formen annehmen kann. Indes, wie groß ist die Zahl jener Phantasten, die im Laufe der Zeit von uns verwirklicht worden sind? Sind die 40 jüdischen Dörfer, die wir heute in Palästina haben, ist die jüdische städtische Entwicklung, sind die vielen Schulen, dergleichen wir in Palästina nie gesehen haben, ist die ganze jüdische Renaissance in Palästina früher nicht reine Phantasie gewesen? Zwingen ,uns doch die äußeren Umstände weniger an eine Phantasie als an eine Wirklichkeit zu glauben, die geschaffen werden muß. Der Leidensweg der jüdischen Gelehrten in der Diaspora, die Schliessung der Pforten der Hochschule für die gesamte östliche Jugend in den europäischen Ost- und Wcstländern, all diese Leiden müssen das Material geben, um diese Phantasie rasch in Wirklichkeit umzusetzen. Der junge jade wird aufhören, unter schmählichen Zurücksetzungen an fremde Türen zu pochen, um siclj der Wissenschaft hingeben zu können, der Vater, der seinen Sohn in die Hochschule schicken will, wird es nicht mehr nötig haben, seine und seines Sohnes Seele zu zerrütten, ihn zur ewigen geistigen Verbannung zu verurteilen. Die jüdische Universität in Jerusalem wird vielen Eltern Trost und Beruhigung bringen. Langsam schreitet Palästina vorwärts und besiegt das Galutleben. Allmählich erobert die jüdisch-nationale Renaissance in Palästina die Herzen Aller. Die Jerusalemer Universität wird die letzten Festungen des Galut und der Freunde des Galut erobern. ht ^A»<*-6<»*-*MaoIam. Der judifdie Handelsangestellte.*) Sowohl in den reichsdeutschen als auch in den österreichischen jüdischen Blättern wird den jüdischen Angestellten und ihren Sorgen gegenwärtig etwas Aufmerksamkeit zuteil. Auch die „Jüdische Zeitung“ hat in ihrer Nummer vom 20. Juni diese Frage gestreift. Obwohl ich durch fast 6 Jahre im Reiche, und zwar in den verschiedensten Reichsteil’en konditionierte, die dortigen Verhältnisse also ziemlich gut zu kennen glaube, will ich über die in Deutschland jetzt auftauchende Bewegung nichts sagen. Von größerer Wichtigkeit für die österreichische Judenheit ist jedoch das jüdische Angestelltenproblem in Oesterreich. Alle die Mängel und Schäden, die den jüdischen Angestellten des Deutschen Reiches fühlbar werden, treffen uns hierzulande mit dreifacher, ja zehnfacher Wucht. Denn Oesterreich ist wirtschafte lieh nicht so weit entwickelt wie Deutschland und schon dieser Umstand muß die Lage der Handelsangestellten sehr ungünstig beeinflußen; das größere Angebot findet eine geringere Nachfrage. Ferner ist es auch eine unbestreitbare Tatsache, daß der Antisemitismus im gemütlichen Oesterreich uns ganz anders anpackt als im Reiche. In Deutschland fand ich Beschäftigung bei christlichen Firmen, in Oesterreich noch1 nie. Daß selbst jüdische Chefs sowohl in Wien als auch in der Provinz ausdrücklich christliches Personal verlangen, kommt täglich vor. Das sind die furchtbarsten, weil uns Juden am meisten beschämendsten Erscheinungen, denn es kann doch nichts Entwürdigenderes und keine größere Selbstbeschimpfung geben, als es der gegen Juden gerichtete, von Juden ausgehende Boykott ist Die’ „Jüdische Zeitung“ will, selbstverständlich in löblichster Absicht, an solchen Chefs Erziehungsarbeit verrichtet sehen. Es gebe sich aber niemand einer Täuschung hin. Erziehungsarbeit im Sinne der „Jüdischen Zeitung“ wird da wenig nützen. Man vergesse nicht, daß es in der großen Mehrzahl Erziehungsbedürftige sind, mit denen die in Aussicht genommenen Erzieher keine Beziehungen unterhalten. Als Angestellter, ‘als unmittelbar Beteiligter und als Kenner der Verhältnisse behaupte ichj, daß die Erziehungsarbeit nur Sache der Angestellten selbst sein kann. Den Antisemiten ohne Unterschied der Konfession, muß eine Erziehung zuteil werden, die sie an ihren heiligsten Gütern, am Geldbeutel und Kassenschrank trifft. Selbsthilfe, Selbsthilfe und wiederum! Selbsthilfe! Durch Vereinigung kann man den Boykotteuren ein Liedlein vorpfeifen, nach' dem sie so tanzen müssen, wie wir wollen. Nicht nur dem eigenen Chef gegenüber wird der Angestellte erst durch die Organisation zum' Faktor, mit dem man rechnen muß, auch fremden Unternehmern kann der Angestellte als Teil eines großen Körpers ganz anders begegnen, wie als Einzelner. Noch immer spielt der jüdische Angestellte im Handel eine gewisse Rolle, noch immer kann er (als Einkäufer oder dgl.) den Boykott mit einem Gegenboykott bekämpfen. Der jüdische Angestellte wird es tun, wenn er weiß, daß hinter ihm eine Organisation steht; die ihm für allfällige Schäden, die ihm durch' dieses Vorgehen erwachsen, schadlos hält. Da komme ich nun zu einem keineswegs erfreulichen Kapitel. Die jüdischen Angestellten Oesterreichs verfügen bereits über eine derartige Organisation. Ein besonders krasser Fall von Maßregelungen jüdischer Angestellter hat den Anstoß zur Gründung des Jüdischen Handlungsgehilfen verbandes (Wien, II., Taborstraße 113) gegeben. Der Verband, welcher eine Stellenvermittlung und eine Abteilung für Rechtsschutz unterhält, hat außer der sozialen Fürsorge für seine Mitglieder mit aller Entschlossenheit den Kampf gegen den Boykott in seine Tätigkeit aufgenommen und manchen Erfolg in dieser Hinsicht erzielt. So hat z. B. der I. Wiener Konsumverein, der früher übeH kaupt keine jüdischen Angestellten beschäftigte, mit der Anstellung jüdischer Kollegen beginnen müssen. Die Angestellten, auf deren Mithilfe der Verband in erster Linie rechnen zu können glaubte, die zionistischen und jüdischnationalen Kollegen, haben ihren Beitritt zum großen Teil noch nicht erklärt. Ich sage noch nicht, denn es ist kaum denkbar, daß diese Kollegen, bei denen ich doch am meisten Verständnis für die Ziele des J. *) Wir erhielten von einem jüdischen Handelsangestellten vorstehende Zuschrift, der wir; gern Raum gewährt haben. H.-V. voraussetzen darf, noch fernerhin Gewehr bei Fuß oder direkt in den Reihen unserer Gegner uns gegenüberstehen könnten. Bei aller Rücksicht, die ich der mir bewilligten Gastfreundschaft in Ihrem Blatte entgegenbringe, gestatten Sie mir doch wohl, kurta auf die Gründe, die dieses Verhalten zu bestimmen scheinen, einzugehen. Die Einen zieht nur die größere Körper-; Schaft an, und da der J. H.-V. unter den Angestelltengewerkschaften noch nicht der größte ist, ist er für sie erledigt. Daß dieses Argument keines ist, wird Wohl jeder vernünftig Denkende zugeben. Auch die heute großen Verbände waren einmal klein und wären nicht groß geworden, wenn alle angestellten vom „Größen“-Wahn befallen gewesen wären. Es ist aber auch ein bedenklicher Mangel an Logik, der in diesem Nichtargument steckt, denn auch die politische Partei, der sich diese Kollegen angesChlossen haben, ist nicht die größte Partei Oesterreichs, die Juden aufnimmt. Hier tritt ein Zwiespalt zu Tage, den ich nicht begreifen kann. Ein anderer Teil der jüdischen Angestellten tritt aus dem Grunde dem J. H.iV. nicht bei, weil der J. H.-V. kein jüdischnationaler Verband im parteipolitischen Sinne ist. Dieser Einwand ist ein Argument und muß als solches behandelt werden. Ich will mich nicht auf die Bestimmungen des Gesetzes beziehen, denen zufolge Berufsorganisationen politische Betätigung praktisch unmöglich gemacht werden soll. Diese Bestimmungen sind Zwirnsfäden, die ja auch de facto von allen anderen Organisationen mit einem Wippen des- Fingers zerrissen werden. So dürfen wir also diese Frage nicht beantworten, nicht hinter das Gesetz und seine papierenen Bestimmungen kann und will ich mich verstecken, sondern mit aller Offenheit soll diesem Argument das Lebenslicht ausgeblasen;werden. Die Notwendigkeit einer unparteiischen jüdischen Handlungsgehilfenorganisation ist mit Vernunft-sgründen zu beweisen. Der praktische Antisemitismus, der Boykott schädigt alle Angestellten, unmittelbar;und in erster; Linie selbstredend die jüdischen. Und ebenso Lwie der Unternehmer, der seinen Betrieb judenrein haben will, keinen .Unterschied macht, ob der Boykottierte nationaler, religiöser oder bloß Matrikeljude ist, ebenso kann die Abwehr gegen den Boykott, nicht Sache einer Gruppe der jüdischen Angestellten sein. Die Organisation der jüdischen Angestellten ist von Haus aus 'beschränkt auf die Mithilfe eines Teiles der gesamten Berufsangehörigen. Dieser Teil der Gesamtheit sind die jüdischen Angestellten. Innerhalb dieses Teiles noch Schichtungen zu machen, große Gruppen abzuhalten an der Mitarbeit am schweren Kampfe, den die mir Gleichgesinnten führen, wäre töricht. Die jüdischen HandelsH angestelltensorgen sind ihrem Wesen nach wirtschaftliche Sorgen und in diesen Fragen gibt es nur eine Politik, Wirtschaftspolitik, die allet Interessierten umfaßt. Doch so ungeschoren, will ich1 die Vertreter des „Politik“-Argumentes nicht nach Hause gehen lassen. In ihrer Haltung ist ein Widerspruch', der noch weit schwerer bei ihnen als bei den Anhängern des „Größen“-Wähnes wiegt. Der partei-politisch neutralen jüdischen Gei werkschaft wollen sie nicht Gefolgschaft, der politisch gegnerischen Gewerkschaft leisten sie Folge. Eine Organisation wie der „Zentralveri ein“, der wahrhaft [assimilatorisch-feig das jüA dische Angestelltenproblem nicht sehen will, weil es ihm die politische Partei, Austerlitz, Elenbogen u. dglverbieten, er ist ihre Organisation. Freilich ist der Zentralverein „groß“ und nennt sich überdies, allerdings mit Unrecht, eine „Zentral-iGewerkschaft“. Daß Wir in Oesterreich überhaupt für keinen Beruf eine. Zentral- Gewerkschaft haben, daß jedoch Zentral-Gewerkschaften etwas Erstrebenswertes sind, etwas, für dessen Verwirklichung der J. H.-V. richtunggebende Grundsätze aufgestellt hat, erfahren jene Kollegen nicht. J ü d i s ehe Kollegen! Eine jüdische Zeitung erscheint mir geeignet, diese Mahnworte an euch zionistische und jüdischnationale Koli legen zu richten! Euch kann ich hier erreichen, von euch hoffe ich noch immer, daß ihr der Kern sein werdet, für eine jüdisch-proletarische Organisation, die auch die jüdischnatioi nale Bewegung braucht; die, wenn auch politisch neutral, eurem Ideal nützlich und nötig ist. Von euch erwarte ich, daß ihr unsere Berufsorganisation stützt, die, nicht nur für die anderen, sondern auch für euch arbeitet und kämpft. Es trete jeder von euch bei. Die in „Lebensstellungen“ Befindlichen aus Klassensolidarität und jüdischem Gemeinsinn, die minder glücklichen geleitet von einem gesunden Egoismus; denn das, was der J. H.-V. erkämpft, erkämpft er für euch! 0 Kaufet nur bei unseren 0 0 _=: Inserenten. #