Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 26 beflegelt und beleidigt werden. Erst vor wenigen Monaten spielten sich an der Lemberger Universität empörende Vorgänge ab. Die allpolnischen Studenten verhängten damals den Boykott über mehrere aus Rußland gekommene jüdische Hochschüler. Der Senat der Lemberger Universität lieb die allpolnischen Flegel gewähren. Aehnliches wiederholte sich in Wien und auch hier schritt der akademische Senat gegen die nichtjüdischen Beleidiger nicht ein. Vielmehr waren es die jüdischen Studenten selbst, die sich sowohl in Wien als auch in Lemberg zu helfen wußten. Nun, da es einmal Brauch und geduldeter Brauch an den österreichischen Universitäten wurde, die Rechte der anderen zu verletzen, Gesetz und Anstand mit Füßen zu treten, wissen die deutschnationalen und allpolnischen Skandalbrüder natürlicherweise nicht mehr die Grenzen einzuhalten. Ein slawisches Sprichwort besagt: „Wenn des Juden Hütte brennt, ist des Herrn Schloß in Gefahr.“ Man hat die jüdischen Studenten, ohne einzugreifen, beleidigen und entrechten lassen. Jetzt treten die •Folgen zutage. Werden die Universitätsvenvaltung und die akademischen Behörden die Lehre aus dieser Erscheinung ziehen? * Vom Deutschen Schulverein. Der Deutsche Schulverein, welchen Juden trotz wiederholter Warnungen noch immer unterstützen, hat letz hin in einer Stellenausschreibung für Lehrer von den Bewerbern die Beibringung des Taufscheines verlangt, das heißt, von vornherein die Bewerbung jüdischer Lehrer unmöglich gemacht. Gegen diese antisemitische una ungesetzliche Ausschreibung wurden in der Oeffentlichkeit Proteste laut und im Wiener Gemeinderat brachten liberale Gemeinderäte eine Interpellation ein. Die Leitung des Deutschen Schulvereines, die wohl keine Juden anstellen, sich es jedoch mit den jüdischen Geldgebern nicht verderben will, veröffentlichte daraufhin in den Zeitungen eine Erklärung, wonach es ihr nicht möglich sei, eine andere Form der Ausschreibung zu wählen, da zuiolge des Reichsvolksschulgesetzes der Leiter einer Schule der Konfession der Majorität der Schüler angehören müsse. Diese Verdrehung des Sachverhaltes ist sogar einem Anhänger des jüdisch-liberalen „Prager Tagblattes“ zu bunt erschienen und er richtete an sein Organ folgende Zuschrift: „Die Bemerkung, daß das Reichsvolksschulgesetz vorschreibt, es müsse der Schulleiter derselben Konfession angehören, wie die Mehrzahl der Schüler, ist ja richtig, aber in der Ausschreibung des Schulvereines hat es sich nicht um Schulleiter, sondern um Schullehrer gehandelt. Uebrigens, warum hält sich der Schulverein gerade an diese Bestimmung des Reichsvolksschulgesetzes? Die Behörden nehmen diesen Paragraphen nicht so genau. Unzählige Beispiele könnte ich Ihnen anführen. Als krassestes Beispiel führe ich die Alt- und Josefstädter Schulen an. In diesen Schulen sind die Mehrzahl der Kinder Juden, die von Lehrern unterrichtet werden, die den „Taufschein“ nachweisen können. Ich liebe die Deutschen mit ihrer voranleuchtenden Kultur. Aber über die Nation stelle ich die Freiheit. Eine Nation kann sich nur dann mit Recht einer Kulturnation nennen und als solche sich behaupten, wenn sie die Freiheit über alles stellt.“ Die Aufregung des guten Mannes kommt etwas zu spät. Seit Jahren wird von unserer Seite immer wieder darauf hingewiesen, wie antisemitisch die Leitung des Schulvereines ist. Letzthin hat der Obmann des Deutschen Schulvereines Abgeordneter Dr. Gustav Groß, der Liebling der Iglauer Juden, sogar eine Interpellation des Abgeoordneten Mühlwert mitunterschrieben, in welcher die Einführung einerProzentnorm für jüdische Studierende an österreichischen Schulen gefordert wird. Und da empört man sich darüber, daß die Stellenausschreibungen antisemitisch sind! Der Fisch stinkt vom Kopf! Noch einmal lassen wir an alle Juden die Warnung ergehen: Keinen Heller für den antisemitischen Deutschen Schulverein! Das Waiöhofenep Prinzip. Der stramme Kampf, welchen die Wiener, zionistischen Studenten in den letzten Monaten, gegen die Willkür ideutschnationaler Studenten und Professoren geführt haben, war erfolgreich. Das Rektorat wurde gezwungen, das übermütige Treiben der bierstolzen deutschen Akademiker zu verurteilen. Der Senat hat nunmehr darauf verzichtet, eine Gerichtsbarkeit auszuüben, die sich lediglich gegen die jüdischen Studenten kehrt und die Deutschnationalen Provokateure schont. Der jüdische Student kann wieder seiner Ehre gegen antisemitische Beschimpfungen schützen, ohne befürchten zu müssen, daß er dafür von der Hochschule ausgeschlossen wird. Die jüdischnationale Studentenschaft hat durch ihr mutiges und würdiges Vorgehen die gesamte öffentliche Meinung auf ihre Seite gebracht und die deutschnationalen Helden sind recht verzagt geworden. Ja, man munkelt sogar, daß sie unter dem Drudke der allgemeinen Verurteilung im Hauptpunkte nachgeben und das famose W a i dhofener Prinzip fallen lassen wollen. So berichten wenigstens die Wiener Zeitungen und im „Morgen“, einem deutSchliberalen Blatte, ist folgendes zu lesen: „Die deutschnationalen Studenten beharren nicht mehr auf dem Waidhofener Prinzip. Wie wir erfahren, ‘hat kürzlich in einem Gasthaus in der Alserstraße eine Versammlung von Vertretern der Wiener deutschnationalen Studentenvereine stattgefunden zu dem Zwecke, den Beschluß vom Jahre 1896, der das Waidhofener Prinzip festsetzte, zu erneuern. Dieses Ziel wurde aber -dieses Mal nicht erreicht, vielmehr haben die meisten Vertreter gegen die weitere Aufrechterhaltung des Waidhofener Grundsatzes Stellung genommen. Das Waidhofener Prinzip wurde bekannt lieh' am 11. März 1896 von einer Vertretersitzung mehrerer deutschnationaler Studentenverbindungen auf Antrag eines Sdhönerianischen Mediziq ners, namens Albredht, beschlossen. Die Ursache des Beschlusses bildete die für die Deutschnationalen immerhin unangenehme Tatsache, daß im Jahre 1895 bei jüdischk nationalen Verbindungen bessere Schläger als in den dcutschnationalen Vereinen zu finden waren. Um nun weiteren Abfuhren seitens der Jüdischnationalen zu entgehen, hätten die deutschnationalen Studenten sich plötzlich zu folgendem Grundsatz bekannt: In vollster Würdigung der Tatsache, daß Zwischen Ariern und Juden ein tiefer moralischer und physischer Unterschied besteht und daß durch jüdisches Unwesen unsere Eigenart schon viel gelitten. hat, und in Anbetracht der vielen Beweise, die auch der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und seiner Charakterlosigkeit gegeben, faßt die heutige Versammlung deutscher, wehrhafter Studentenverbindungen den Beschluß, dem Juden £uf keine Waffe mehr Genugtuung zu geben, da er nach unseren deutschen Begriffen deren unwürdig und der Ehre völlig bar ist.“ Dieser Beschluß fand jedoch schon damals nur bei den im sogenannten Waidhofener (Kyffhäuser Verband) vereinigten Studentenverbindungen Anerkennung, die Burschenschaften lehnten den Beschluß ab. Nur verhältnismäßig kurze Zeit stellten sich die Burschenschaften Bruna. Sudetia, Germania, Liberias iund Teutonia 'auf den Waidhofener Standpunkt, den sie aber, wie gesagt, bald aufgaben. Der Beschluß wurde von den Burschenschaften schon mit Rücksicht auf die ehrenrätlichen Bestimmungen für die Reserveoffiziere nicht aufrecht erhalten. Allein auch in den Waidhofener Vereinen löste dieser Grundsatz Unzufriedenheit aus. Zahlreiche Vereine kamen dem Beschlüsse in der Weise nach, daß ihre Mitglieder in Ehrenaffären mit den jüdisch-- nationalen Studenten die Genugtuung mit der Waffe gaben, jedoch vorher aus dem Vereine austraten. Nach dem Zweikampf traten sie dann wieder ein. Es kam auch -vor, daß die kontrahierten Deutschnationalen, sofern sie in der Reserve dem Militärstand angehörten, bei Kontrahagen mit Juden die Uniform anzogen, also als Soldaten und nicht als Mitglieder einesdeutschnationalen Studentenvereines losgingen. Dieser Zustand, den sogar eine Anzahl deutscher Studenten als inkorrekt und unaufrichtig sowie als undeutsch, oft auch als „romfreie Jesui4 terei“ und Silbenstecherei ansah, dauerte diet ganzen Jahre an. Die alten Herren der Studentenvereine kümmerten sich überhaupt nicht um den Beschluß. ' Erst eine Rauferei Zwischen den deutschnationalen und jüdisch-nationalen Studenten, die sich im Vorjahre in der Josefstadt ereignete, brachte die Angelegenheit wieder in den Vordergrund. In den Studentenvereinen wurde das sonderbare Prinzip lebhaft diskutiert, und dazeigte sich Zum Schrecken der Alldeutschen^ daß die deutäch-nationalen Studenten den Waidhöfener Grundsatz nicht mehr anerkennen wollten. Die Schönerianer waren über diesen Umschwung ganz entsetzt, weshalb zur Verschärfung der Gegensätze unter den Studenten Streitige keiten in der Aula der Universität provoziert wurden. Der Plan War ganz gut angelegt, es kam zu den bekannten Krawallen an der Wiener Universität. Jetzt hielten die Anhänger des Waidhofener Prinzips wieder die Zeit für gekommen, einen neuerlichen Beschluß im alten Sinne der deutschen Studentenschaft wagen zu können. Es wurde eine diesbezügliche Versammlung einberufen; ein Herr Doktor Schächermayer hielt eine große Brandrede gegen die Juden und stellte schließlich nachstehenden" Antrag: { „Die im Kyffhäuser Verbände vereinigten wehrhaften Vereine Deutscher Studenten in der Ostmark erklären, daß sie nach' wie vor auf dem Waidhofener Prinzip stehen und die unverfälschte Beobachtung desselben allen Vereinsmitgliedern zur Pflicht machen. Mitglieder, die sich an diesen Grundsatz nicht halten, werden ausgeschlossen und können einem wehrhaften Vereine nie wieder angehören.“ Da aber trat das Unerwartete ein: die meisten Vereine sprachen sich gegen das Prinzip aus, ja der Verein deutscher Studenten auä Nordmähren stellte sogar einen Gegenantrag, in welchem es heißt, daß „die Situation nicht angetan ist, eine Mehrheit für den Antrag Schachermayer zu finden. Der Verbandstag sieht sich genötigt, den Antrag auf einen kommenden Verbandstag zu vertagen.“ Dieser Antrag, der das Wiederaufleben des Waidhofener Prinzips verhinderte, wurde tatsächlich angenommen, der Antrag Schächermayer aber abgelehnt. Als die Vertreter des Waidhofener Prinzips' in der Versammlung sahen, daß sie mit ihrer Agitation das gerade Gegenteil erreicht hätten, ältbewährleslJI'liHil.'lh PROBEDOSE VERSENDET GRATIS HENRI NESTLE,WIEN,I.BIBERSTRflSSE 1 XTICnCDI S \micrur LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT JN ltUliKLAJNUlotnL WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. 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