Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 halten. Als aber um i/o3 und um 3 Ühr die , Abendblätter in das Parlament kamen, konnte man die ausführlichsten Berichte gerade über die Affäre lesen, für deren Geheimhaltung solche Vorkehrungen getroffen worden waren. Im Nationalverband herrschte darüber die größte Aufregung. Der Obmann Dr. Groß stürzte in den Verband mit den Worten: „Welcher Schuft hat das wieder in die Judenblätter gegeben!“ Es wurde nun eine hochnotpeinliche Untersuchung eingeleitet, um den „Schuft“ auszuforschen. Der Verdacht richtete sich zunächst gegen den Abgeordneten Hummer, da einige Beamte der berüchtigten „Deutschnationalen Geschäftsstelle“, die ständig in der Säulenhalle Dienst halten, um, wie man erzählt, den Verkehr der Nationalverbändler mit der „Judenprcssc“ zu überwachen, angaben, sie hätten ihn bald nach Schluß der Verbandssitzung im Gespräch mit Journalisten gesehen und er müsse ihnen diese wichtige Mitteilung diktiert haben. Hummer wies aber durch das Zeugnis dieser Journalisten nach, daß sie die Mitteilungen aus dem Verband damals bereits ihren Blättern telephoniert und daß sie sie von ihm nicht erhalten hätten. Nun wurde die Untersuchung wieder gegen „unbekannte Täter“ aufgenommen. Die Untersuchung, die Dr. Groß führt, dauert noch fort. Da man aber jetzt den „Spitzeln der Geschäftsstelle“ — wie die entrüsteten Abgeordneten des Nationalverbandes sie nennen — nicht mehr glaubt, ist man in großer Verlegenheit. Die Angelegenheit hat im Nationalverband üble Aufregung hervorgerufen. — Eine andere kuriose Geschichte aus dem Deutschen Nationalverband wird uns von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt: Anläßlich der Verhandlungen über die protestierten Wahlen im Plenum, sollte Hofrat Bachmann über das angefochtene Mandat des Lieblings der Rothschild-Gutmannwerke in Witkowitz, Dr. Licht, das Referat erstatten. Da er aber abwesend war, wurde der Klubgenosse des Dr. Licht, der „freiheitliche“ Abgeordnete Herold ersucht, für Hofrat Bachmann einzuspringen. Herold lehnte jedoch mit folgender Motivierung ab: „Was kümmert mich denn der Jud Licht?“ Dr. Licht, der schon längst gekauft ist und von seinem Klubgenossen so unsanft an seine Abstammung erinnert wurde, erfuhr wohl von der ganzen Affäre, aber nach Täuflingsart steckte er die Beleidigung (denn in diesem Zusammenhänge bedeutete doch der Hinweis Herolds auf Lichts Abstammung eine Beleidigung) ein und kuschte. Nichtsdestoweniger werden sowohl die „Ju¬ Eeuillefon. Herkunft der Musik und älteste Musik der Juden.*) Die sagenhafte Ueberlieferung der alten Völker führt den Ursprung der Musik auf die Schöpfung göttlicher Wesen zurück. Göttlicher Herkunft ist die Musik, sie ist eine Gabe der Götter, welche in Sang und Spiel Lehrmeister der Menschen gewesen. Der Ursprung dieser Sagen ist in dem engen Verhältnis zwischen Religion und Musik, das überall und immer bestanden hat, leicht gefunden. Nicht nur in der Gegenwart, auch in der grauesten Vergangenheit werden religiöse Bräuche und Kultuszeremonien von Gesang oder von den Klängen der Musikinstrumente begleitet. Keine andere Kunstart erzeugt religiöse Stimmung und Empfindung in so hohem Grade, wie die Musik. Diese bringt den Menschen bis zum Zustand der Begeisterung, der Ekstase. Auch bei den Juden wurden alle Kultusgebräuche und Tempelfeierlichkeiten von Liedergesang begleitet. Gott Zebaoth auf seinem Throne ist von einer Engelschar umringt, die Ihm Lobpreis singt. Unter Trompetengeschmetter verkündet Moses dem Volke die Gebote Gottes. Diese engen Bande, die Musik mit Religion verknüpfen, werden wohl auch den Grund für die mythische Erklärung des göttlichen Ursprungs der Musik abgegeben haben. Die Wissenschaft weist verschiedene Erklärungsversuche für die Entstehung der Musik auf. *) Einem Aufsatze von S. Kisselhof „Das jüdische Volkslied“, der .Sammlung „Die jüdische Gemeinschaft“, Jüdischer Verlag, Berlin, entnommen. Das Büchlein ist für den Preis von 60 Hellern durch die „Jüdische Zeitung“ zu beziehen. denblätter“ wie auch viele deutschtümelnde Kultusjuden in Mähren und Böhmen nach wie vor den Deutschen Nationalverband verhätscheln und deutschradikale Antisemiten bei Wahlen unterstützen. * * ♦ Antisemitische Ausschreitungen eines gal'zischen MittelschullehrerSf ln der VII. Klasse der Jaroslauer Realschule unterrichtet der strafweise nach Jaroslau versetzte Professor Thaddäus Kaniowski polnische Literatur. Dieser saubere Patron gefällt sich in antisemitischen, pöbelhaften Anrempelungen der jüdischen Schüler. Aus der großen Anzahl seiner antisemitischen Aeußerungen seien folgende Aussprüche hervorgehoben: „Christus ist von den Juden getötet worden, und dieser Mord ist bis zum heutigen Tage nicht gesühnt.“ „Der Talmud, dieses Schandbuch, diese dumme Sammlung unsinniger Ritualvorschriften." Bei Aeußerungen antisemitischen Charakters hatte es aber nicht sein Bewenden. Kaniowski Verfolgte die jüdischen Schüler in unmenschlicher Weise. Dieses Verhalten des antisemitischen Jugendbildners veranlaßte einen jüdischen Hochschüler, namens Adolf Lipper, dem Kaniowski einen Brief zu schreiben, in welchem die Aenderung des pöbelhaften antisemitischen Benehmens gefordert wurde. Auf Grund dieses Briefes, welchen Kaniowski dem Schulleiter Dr. Ralski übergab, wurde gegen Lipper eine Untersuchung wegen Erpressung und gefährlicher Drohung eingeleitet. Lipper gab nun zur Erhärtung seiner Vorwürfe einige Schüler als Zeugen an. Die Eltern dieser Schüler verlangten nur. mit Rücksicht darauf, daß ihre Kinder als Zeugen in einer eigentlich gegen Prot. Kaniowski gerichteten Untersuchung Zeugenschaft abzulegcn haben, die Amovierung Kaniowskis aus der Maturitätsprüfungskommission. Direktor Dr. Ralski leitete darauf eine Untersuchung gegen diejenigen Schüler ein, deren Eltern die Amovierung Kaniowskis verlangt hatten. Alle .Schüler, bis auf einen, einen allpolnischen Antisemiten, bestätigten die gegen Ka: niowski erhobenen Vorwürfe. Dafür wurden sie von der Schuldirektion strenge bestraft, und zwei jüdische Schüler, Saul Turnheim und Gabriel Bratspieß, welche sich in sechs Tagen der Maturitätsprüfung unterziehen sollten, wurden ausgeschlossen. Dieses Vorgehen der Professorenkonferenz rief die hellste Empörung der gesamten Oeffentlichkeit he'rvor. Wie ungerecht und parteiisch die Schulleitung auch sonst ist, erhellt aus der Tatsache, daß zweihundert Ja- So sieht Lukretius in der ursprünglichen Musik des Menschen ein Nachahmen der Natur. Die Vögel mit ihren biegsamen Stimmen lehrten den Menschen singen; der Zephyrhauch im hohlen Uferrohre lehrte ihn auf der Schalmei spielen. Andere wiederum, so Plato, Taine und Herbert Spencer meinen, der Gesang sei nichts anderes, als eine Weiterentwicklung des Schreies, das Lied eine allmähliche Entwicklung des lautlichen Ausdrucks von Freud und Leid. Professor Naumann weiht der Musik der Kinder Israels ein besonderes Kapitel seiner Musikgeschichte. Er behauptet hier, daß die Juden, die den Monotheismus, den Glauben an den alleinigen Gott verkündet haben, ebenso wie die Griechen einen außerordentlich großen Einfluß auf die Entwicklung der Musik ausgeübt haben. Auf die älteste Musik der luden, wie auch der anderen ursprünglichen Völker, läßt sich aus den Denkmälern der ältesten Zeit ein Rückschluß ziehen. Als Denkmäler dieser Art können Musikinstrumente, die bei Ausgrabungen gefunden wurden, dienen: Abbildungen dieser Instrumente auf Ruinen ältesten Ursprungs oder auf Münzen; endlich Beschreibungen der verschiedensten Erscheinungen musikalischer Volksbetätigung in den ältesten heiligen Schriften. Auf den Ueberresten des Triumphbogens, der von den Römern Titus, dem Besieger des iüdischen Reiches, zu Ehren errichtet wurde, befinden sich neben dem Leuchter und den heiligen Geräten, die vom Sieger dem Tempel entnommen wurden, auch Abbildungen von Trompeten, anscheinend aus Messing, die vom Triumphator dem besiegten Volke geraubt wurden. Höchstwahrscheinlich sind es Signalhörner, die von den Juden Im Kriege benutzt Wurden. Einige Forscher glauben, daß die Abbildungen auf dem Titusbogen den „Schofar“ darstellen sollen. Doch ist diese Annahme falsch; die abgebildeten Trompeten sind nämlich von ganz gerader Form roslauer Bürger noch vor Wochen ein Memorandum an den Landesschulrat richteten und die Amovierung Kaniowskis sowie eine Sanierung der unhaltbaren Zustände verlangten. Die ganze Affäre ist zum Gegenstand einer parlamentarischen Interpellation gemacht worden, welche vom Abg. Breiter eingebracht wurde. Beherzigenswerte Worte. In einer Polemik über die wirtschaftliche Zukunft der reichsdeutschen Juden, welche in der Berliner Jüdischen Rundschau geführt wird, findet sich ein Passus, welcher bemerkenswert ist, weil er ein wichtiges Thema treffend behandelt. Es heißt dort: Wir müssen dafür Sorge tragen, daß in sehr viel stärkerem Umfange als es heute geschieht jüdische Chefs auch jüdische Angestellte beschäftigen. Hier herrschen' zum Teil noch die sonderbarsten Anschauungen. Es gibt leider viele Juden, die die anderen Juden nicht für fleißig oder akkurat oder diszipliniert halten. Sie fürchten sich vor dem Gleichheitsgefühl aller Juden untereinander, sie glauben, daß sie dem Juden als Untergebenen gegenüber selber keine Autorität haben, von ihm keinen Respekt empfangen werden. Mit der jüdischen Köchin und dem jüdischen Kinderfräulein beginnt die Tragikomödie, mit dem jüdischen Prokuristen endet sie. Wird doch oft gesagt, daß wir unserer Art nach für die Beamtenschaft hn Großbetrieb weniger geeignet wären, als für die Selbständigkeit. Schreiber dieses hat früher ähnliches geglaubt, hat sich aber aus der Praxis von der Unrichtigkeit überzeugt; die jüdische Anpassungsfähigkeit hat auch hier gesiegt. Vor allem ist das weibliche jüdische Personal absolut erstklassig; es sind für die Zwecke, in denen heute Großbetriebe Damen einstellen, überhaupt keine fleißigeren, intelligenteren, sich für das Geschäft tatsäch'ich in höherem Grade aufopfernden Beamten zu finden, als Jüdinnen.; Und für das männliche Personal gilt das gleiche, überall dort, wo Intelligenz und nicht nur Sitzfleisch eine Rolle spielen. Diese Erkenntnis von der hervorragenden Geeignetheit des jüdischen Personals muß den jüdischen Chefs immer wieder gepredigt werden; sie wirkt viel kräftiger als der Appell an die jüdische Solidarität, der ja auch' nicht fehlen darf. Soviel wirtschaftliche Macht, daß wir auch das Dreifache der jüdischen Stellensuchenden unterbringen können, wenn wir wollen, haben wir deutschen Juden noch in den Händen. Dieses Wollen gilt und haben keinerlei Aehnlichkeit mit dem gebogenen „Schofar“, der ein Widderhorn ist. Der „Schofar“ ist eines der ältesten Musikinstrumente des jüdischen Volkes, was durch seine Verbreitung bei Juden der verschiedenen Länder bewiesen wird, sowie durch seine Erwähnung in alten Büchern. Auch zeugt von seinem grauen Alter, daß das Widderhorn verwendet worden ist: es muß aus der Zeit stammen, als die Juden noch das Nomadenleben eines Hirtenvolkes führten. Nach der Bibelüberlieferung sind die Mauern von Jericho unter dem Dröhnen des „Schofar“ gefallen. Die herzzerreißenden, langgedehnten Laute des „Schofar“ erschallen alljährlich in der Synagoge an den „jomim noroim“, den Tagen des Schreckens und der Gebete, zu Neujahr „rosch haschono“ und am Versöhnungstage „jom kippur“. Auf den jüdischen Münzen aus dem Zeitalter Alexanders des Großen, also mehr denn drei Jahrhunderte vor Christo, finden sich Abbildungen von Musikinstrumenten: auf der e:nen Seite die Leier, auf der anderen die Harfe. Diese Münzen beweisen allerdings am allerwenigsten die jüdische Herkunft der genannten Instrumente; wohl aber ihre Verbreitung bei den Juden. Wir werden es unterlassen, zahlreiche Zitate aus der Bibel anzuführen, die von einer bedeutenden Entwicklung der Musik, der vokalen wie der instrumentalen, bei den Juden in der ältesten Zeit zeugen. Man erinnere sich nur an Tubal Kain, dem die Bibel die Erfindung der Saiten- und Blasinstrumente „Kinor“ und „Ugab“ zuschreibt; an Mirjam mit der Pauke; an den mächtigen, feierlichen Hvmnus „Os joschir“ nach dem Uebergange der Juden durch das Schilfmeer; an Moses, den Urheber der TempelmUsik, die er den Aegyptern entnahm; an Josua und die E/oberung Jerichos; an Barak und Deborah: die Tochter Jephtah‘s; David, den Psalmensänger» der durch sein Lautenspiel die Sorgen Sauls