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Jüdische Zeitung · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 auchdafür gewissenhaft Sorge tragen müssen, -daß der Kongreß den kräftigen Widerhall finde, den er zu einer vollen Wirkung benötigt -Hoffentlich wird das westösterreichische Zentralbüro bei der Organisation des Wiener Kon-; gresses den Einfluß ausüben, der ihm kraft seiner Stellung und seiner Kenntnis der mitunter recht komplizierten Wiener Verhältnisse unbedingt zusteht und sicherlich auch eingeräumt' wurde. Wichtiger noch als die sozusagen äußerliche Organisation des Kongresses scheint mir die Aussprache der österreichischen Zionisten über das, was sie von dem kommenden Kongreß; erwarten; respektive auf ihm durchzuführen ge-, denken. Es regt sich bereits allerorten. Die, Presse unserer Organisation beschäftigt sich bereits überall mit dem kommenden Kongresse. Diskussionen werden geführt, nicht immer,, mit der wünschenswerten Objektivi'ät, Ansichten vertreten und bekämpft, nur bei uns in Oesteri. reich ist es vorläufig noch stille. Haben wir wirklich nichts vorzubringen? Sind wir alle in j allen wichtigen Punkten einig? Hat das E. A. C.,; das da und dort eine mitunter überaus scharfeKritik erfährt, in Oesterreich nur unbedingte Anhänger, oder unbedingte Gegner? Sind wir über das Programm des Kongresses alle einig? Haben: wir nicht, wenn der Kongreß in Wien stattfindet, auch etwas vorzubringen, was unseren: Kampf in Oesterreich betrifft und die Stellungnahme des Gesamtkongresses erwünscht oder erforderlich macht? Sind wir nicht unbedingt verpflichtet, die Sache unserer heldenhaft kämpfenden Studentenschaft vor dem Forum des Kongresses zu führen, da fast alles, was Amt oder Würden im österreichischen Judentum besitzt, unsere Jugend im Stiche läßt oder sich mit lächerlichen Protesten und Resolutionen begnügt.: statt werktätige Hilfe zu leisten? Ist das Erziehungsproblem, das bei uns in Oesterreich infolge der nationalen Schulen der zahlreichen. Völker, infolge des ausgesprochenen Klerikalismus für die jüdische Jugend besonders schwierig' ist, keiner eingehenden Beratung wert? Von manchem anderen zu geschweigen, das nicht, minder wichtig und notwendig wäre. In anderen Jahren brachte unser österreichischer Parteitag die Gelegenheit, Fragen, die vorher auf den Distriktstagen beraten worden waren, gemeinsam einer Beratung und eventuell Entscheidung zuzuführen. Heuer soll der Parteitag erst nach dem Kongresse stattfinden. Ich zweifle nicht, daß ernste Gründe die Leitung .der westösterreichischen Zionisten zu diesem außergewöhnlichen Entschluß gebracht haben. In welcher Weise werden wir westösterreichischen Zionisten aber nun vor dem Kongresse zu einer Aussprache und, wenn sich Differenzen zeigen, zu einer Vereinbarung kommen? Schon ist in unserem Zentralblatt „Die Welt“, von einer Opposition die Rede, von einer Opposition, der von einer Seite Programmlosigkeit vorgeworfen wird, während von anderer Seite kardinale Unterschiede behauptet werden. Wie stehen wir zu diesen Dingen? Sollen wir aut dem Kongresse ad libitum stimmen? Ohne vorherige Beratung mit der gewählten Vertretung in den Distrikten und in Wien? Das wäre gewiß nicht in Ordnung. Es wäre also darnach zu streben, daß die Distriktslage einberufen werden, daß ihnen das Programm des Kongresses vorgelegt, daß über auftauchende Fragen beraten werde. Aus den Beschlüssen oder Anregungen der Distriktstage wäre das Material für einen außerordentlichen Parteitag zu gewinnen, der eventuell einen Tag vor der Eröffnung des Kongresses zusammentreten könnte und sich mit nichts anderem zu beschäftigen hätte, als mit der Stellungnahme der westösterreichischen Landsmannschaft. Wenn es möglich ist, daß so längst überholte Termini wie „Politische und praktische Zionisten“ hervorgeholt werden, Termini, die infolge der Entwicklung unserer Organisation ihren ursprünglichen Sinn verloren haben und nur Unklarheit und Verwirrung stiften können, dann müssen wir dazusehen, daß wenigstens wir österreichischen -Zionisten uns klar werden über das, war wir Wllen, über das, was unserer Organisation und unserem Volke, nottut. Ob man das dann so oder so nennen will," mag uns gleichgültig sein, wenn es nur klär und im. Sinne unserer Entwicklung ist — Dr. Siegmund Werner-Iglau. Wien, II., Taborstr. 17 [Hirschenhaus] empfiehlt sich zur Einrichtung von Vereins- und Schulbibliotheken, sowie Lieferung von Büchern jeder Art. Antiquariat. Provinzversand. Das Sdiiddal der finnlänöifdien Mn. Bekanntlich haben die Finnen unter dem zarischen Despotismus viel zu leiden. Ihr Schicksal erregt die Teilnahme aller Kulturmenschen, nicht zuletzt aller freisinnig denkenden Juden. Aber das so stark bemitleidete und gequälte Volk hat trotzdem Lust und Muße, die in seiner - Mitte lebenden Juden wütend zu verfolgen. Ihr Antisemitismus geht so weit, daß sie gegen- Erleichterungen, welche die antisemitische rus-: sische Regierung den finnländischen Juden gewähren will, protestieren. Kürzlich ergab' sich Gelegenheit,, mit-diesen Freiheitshelden ab-: zurechnen. , Am 27. April fand in Moskau unter der. Leitung des Fürsten Paw. D. Dolgorukow die Jahresversammlung der Moskauischen Abteilungder „Friedensliga“ statt. An dieser Versammlung nahmen der bekannte Führer der finnländischen Liberalen Senator L. Mechelin und der Professor der Helsingforser Universität Korph teil. Bei dem Bankett war auch der Zionist Dr.; Tsclilenow zugegen und dieser beleuchtete die Situation der Juden Finnlands in folgender Rede, t die großes Aufsehen machte: „Ich habe immer ein Gefühl größter Hochachtung vor dem finnländischen Volk gehegt, ln einem armen Lande hat es eine hohe Stufe der Kultur erreicht und: ohne Gewalttaten, aber auch ohne Konzession; seine Rechte und Freiheiten trotz ungünstiger: äußerer Verhältnisse erkämpft. Als ich verschie-: dene Orte Finnlands .aufsuchte und das Leben.; die Kultur, die Menschen näher kennen lernte,; erfüllte mich das Gefühl der Achtung und des Staunens in steigendem Maße. Aber eine grausame Enttäuschung harrte meiner, als ich meinen; Paß vorzeigen mußte, da ich die Absicht hatte. :r längere Zeit an einem. Orte zu weilen. Das mir; so gut bekannte Wort „m i t Ausnahme der; Juden“ tauchte wieder in meinem Gedächtnis; -auf.- -Wie. sich h e r a u ss t e 11 te,- über-, trifft Finnland.sogar das gegen uns;, Juden so unfreundliche Rußland. Hier; habe ich als Mann mit höherer Bildung doch: irgendwelche Rechte, dort -r-, gar keine. Keinen> einzigen Tag darf ein fremder Jude auf dem: Boden Finnlands weilen. Es gibt dort zwar ein winziges Häuflein Juden, die man so Zu sagen als Einheimische gelten läßt: aber ihre; rechtliche Lage ist ein Muster der Rechtsiosigj keit und Erniedrigung. Jedes halbe Jahr muß der Jude sich auf der Polizei melden, um wieder; für ein halbes Jahr das Wohnrecht zu erlangen. Ein Jude hat kein Recht, ein Mädchen aus Rußland zu heiraten, denn dadurch würde die Zahl der ^Privilegierten“ vergrößert werden. Ich will nicht mehr Beispiele anführen; ich glaube, die erwähnten genügen . . . Ich hatte natürlich auch schon früher eine Vorstellung von der rechtlichen Lage meiner Brüder in Finnland. Aber die nahe Berührung mit all diesen . Einzelheiten, die mit einer den Finnländern eigenen Festigkeit und Entschiedenheit in der Praxis durchgeführt wurden, übte auf mich einen niederdrückenden Eindruck aus. Ich habe diesen herrlichen Erden Winkel mit bedrückenden Gefühlen verlassen. . Es ist notwendig, daß das Volk das ungeheure Unrecht, das darin liegt, einsieht, und es wird damit aufräumen. Die Frage muß nur klar und ernst auf die Tagesordnung des Sejms (Landtag) gestellt werden. Und jetzt, noch zu unserer Zeit, ist dieser Augenblick gekommen. Der Sejm hat-den Gesetzentwurf wegen der Rechte der russischen Bürger in Finnland besprochen. Es wurden Reden gehalten, die den Ernst dieser Frage richtig beleuchteten. Und nun? Das Gesetz wurde angenommen, aber mit dem verhängnisvollen Zusatz „m i t Au snalime der Jude n“. Diese Tatsache wird noch fürchterlicher, wenn man folgendes überlegt: Als der Gesetzentwurf wegen der Rechte der Russen in Finnland in der Kommission der dritten Duma geprüft wurde, bestanden die Parteien der Rechten auf die Erweiterung der Privilegien für die Juden. Sie taten das natürlich nicht aus Liebe zu den Juden, sondern aus dem Wunsche, auch den Finnländern etwas einzubrocken. Die Vertreter meines Volkes in der Duma verzichteten darauf, ihre Rechte aus so schmutzigen Händen zu empfangen. - Sie hielten diese Aufdringlichkeit für ihrer und des finnländischen Volkes unwürdig. Außerdem glaubten ’ sie - an das Rechtsbewiißtseiri der- ■Firifilärtäei*- für’ den Fall, daß diese Frage5dem Sejm-.vorh‘°geny tvüVde. Und nun hat d e!r" ’ 1 ib e r a I e S e j rii eines liberalen Volkes, das für die Rechte e i n e r! "• schwachen Nation kämpft, die sclio h ‘b estelicnde Re cht- I ö s i g k e i t der Juden gesetzlich genehmigt! Was bedeutet das? Wie soll man die begeisterten Worten des hochbejahrten und infolge seiner Verdienste hochgeehrten Vertre’ers des finnländischen Volkes mit diesem Beschlüsse der änderen Vertreter desselben Volkes, die im Sejm gestimmt haben, in Einklang bringen? Ich kann nur eine Erklärung geben. Dieselbe nämlich, die Senator Mechelin hiervorgebracht hat, als er die herrschende Politik der letzten Jahre erklären wollte. Sie bedeutet einen krankhaften Zustand, sagte er, sie ist ein Produkt, das pathologisch erklärt werden muß.' Sie ist deswegen anormal, weil sie nicht den Interessen derjenigen entspricht, die sie vertreten. Ich glaube an die Zukunft Finnlands, an ' die Erfüllung seinen Hoffnungen. Aber diese ist mit den Schicksalen der anderen Nationen, die zum mächtigen Rußland gehören, eng verbunden. Es ist eine einheitliche Arbeit der intelligenten Kräfte aller Nationen notwendig, utn diejenigen Prinzipien zur Herrschaft gelangen zu lassen, die in sich auch die Erfüllung der Hoffnungen Finnlands bergen. Durch seinen letzten Beschluß hat der Sejm diese Arbeit nur erschwert; denn ich bin überzeugt daß die fortschrittliche russische Gesellschaft auf eine solche Tei'ung der Nationen und Bürger nicht eingehen wird.“ Darauf sprach Fürst Paw. D. Dolgorukow, der etwa " folgendes ausführte: Er begrüßte die offene und ehrliche Art, iri4 der der Vertreter der jüdischen Nationalität hier gesprochen habe. Er sei der Ansicht, daß ein so aufrichtiger und offene Meinungsaustausch bei einer ernsten politischen Unterhaltung zwischen Personen, die einander mit gleichem Vertrauen und Achtung begegnen, immer am Platze ist. Er sei überzeug4, daß die fortschrittliche russische Gesellschaft die Lösung der nationalen Frage in Rußland ausschließlich im Sinne der freien Selbstverwaltung und der Gleichberechtigung aller Nationen für möglich halte. Dieser Grundsatz muß für alle Nationen ohne Ausnahme gelten. Der Redner bedauert die Abwesenheit der Vertreter Polens auf dieser Versammlung und spricht die Hoffnung aus, daß das Gesagte auch zu ihren Ohren dringen wird. Seinen hochverehrten Freund, Senator Mechelin, bitte er aber, den Freunden in Finnland fnitzutei'en. daß sie nur unter der Bedingung auf das Mitgefühl und die Mitarbeit der fortschrittlichen russischen Gesellschaft rechnen können, wenn für die Gleichberechtigung aller Nation e n. darunter natürlich auch der jüdischen, gekämpft würde. Denn nur aut der Grundlage des Rechtes und der Gleichheit können wir uns die normale Entwicklung Rußlands und die Erfüllung der Hoffnungen Finnlands denken.. Stürmischer Beifall von allen Teilnehmern des Banketts begleitete diese Rede, Hi

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