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Jüdische Zeitung · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG Sette 3 Herzls beruhte, sondern darauf, wie Herzl die Bewegung auffaßte: Der Zionismus muß die Frage des jüdischen Volkes von großen Gesichtspunkten aus auffassen und ein System schaffen, aus dem' heraus die Zukunft neu gestaltet werd en kann. Er muß seine Forderungen klar und eindeutig stellen und sie ohne j'edes Kompromiß vertreten, d. h. eine radikale Nationalpolitik treiben. Nur weil wir glauben, daß die Tendenzen Herzls in der Organisation lebendig geworden sind, gehen wir nach Wien, in die Stadt, in der Herzl gewirkt und den politischen Zionismus organisiert hat. Der XI. Zionistenliongreft in (Oien. Der Kongreß findet vom 2.—9. September 1913 (30. Ab—7. Eiul 5673) in Wien statt. Die Adresse des Kongreßbüros lautet: Büro des XI. Zionistenkongresses, Wien, II., Karrr.eliterplatz 1. Kongreßbesucher, die wegen Platzmangels zu den Verhandlungen keinen Einlaß erhalten sollten, werden an den allgemeinen Veranstaltungen teilnehmen können, die in größerer Anzahl stattfinden. Es sind u. a. ein akademischer Festakt, ein Turn- und Sportfest, mehrere Meetings, Lichtbildervorträgc und Ausstellungen geplant. Der Einlaß zu jeder Sitzung und jeder Veranstaltung ist nur gegen Karten gestattet, die für jede einzelne Veranstaltung besonders ausgegeben werden. Die Einlaßkarten für die Verhandlungen kosten für jede Sitzung K 1.—. Es finden 11 Sitzungen des Kongresses statt. Da schon jetzt eine große Zahl von Bestellungen auf Einlaßkarten vorliegt und eine äußerst starke Beteiligung zu erwarten ist, empfiehlt es sich, die Karten im Vorverkauf zu bestellen. Die Gebühren für Karten im Vorverkauf betragen: Für die Eröffnungssitzung (sämtliche Plätze) K 3.—; für jede weitere Sitzung Sitz K 1.50, Logensitz K 3.—; für sämtliche Verhandlungen K 18.—, bezw. K 33.—. Bestellungen für Einlaßkarten zu den Verhandlungen sind unter gleichzeitiger Einsendung des Betrages an das Kongreßbüro zu richten. Bestellungen, welche ohne Einsendung der entsprechenden Geldbeträge erfolgen, müssen unberücksichtigt bleiben und können nicht beantwortet werden. Die Unterbringung der Kongreßbesucher dürfte erhebliche Schwierigkeiten bereiten, da die Kongreßwoche schon an sich den stärksten Reiseverkehr für Wien bringt und außerdem mehrere andere Kongresse gleichzeitig statt- ’ finden. Die Kongreßbesucher werden daher in ihrem eigenen Interesse ersucht, sich über die Dauer ihres Aufenthaltes in Wien bald klar zu werden. In der nächsten Veröffentlichung des Kongreßbüros wird ein Formular für Logisbestellungen enthalten sein. Das Büro des XI. Zionistenkongresses. * Der XI. Zionisten-Kongreß in Wien. Nach den bereits eingelaufenen Anmeldungen und Vormerkungen auf Sitzplätze zu schließen, wird die Beteiligung am nächsten Kongresse alle Erwartungen bei weitem übersteigen. Besonders zahlreich sind die Vormerkungen von galizischen und russischen Zionisten. Es zeigt sich, daß es ein glücklicher Gedanke war, den Kongreß in Wien abzuhalten, wo sich Ost- und Westjudentum berühren. Der XL Zionisten’kongreß verspricht die größte jüdisch-nationale Demonstration der Diaspora zu werden. Das österreichische Eisenbahnministerium hat den zum XL Kongresse reisenden Teilnehmern aur den österreichischen Staatsbahnen namhafte Preisermäßigungen gewährt. Die Ermäßigung der Fahrpreise ist im' Hinblick auf die voraussichtlich große Beteiligung aus allen Weltgegenden erfolgt. Ueber das Ausmaß der gewährten Ermäßigungen werden wir demnächst berichten. * * * Die Vorbereitungen zu den anläßlich des XI. Zionistenkongresses geplanten Veranstaltungen sind bereits im vollen Gange. Jede dieser Veranstaltungen soll den Fortschritt der zionistischen Arbeit auf den verschiedensten Gebieten des jüdischen Lebens veranschaulichen. Die Kongreßteilnehmer werden Gelegenheit haben, innerhalb der Kongreßdauer ein Bild des aufstrebenden jüdisch-nationalen Lebens zu sehen. Rundschau. Denunzianten aus der „guten“ jüdischen Gesellschaft. Die Gegner der zionistischen Bewegung rekrutieren sich vorwiegend aus der „besseren“ jüdischen Gesellschaft. Diesen manierlichen Herren und zarten Damen ist das rohe, gemeine und ungesittete Betragen der Zionisten in der Seele zuwider. Gute Sitten, Takt des Herzens und alle anderen schönen und guten Dinge sind in diesen Kreisen zu finden, aber bei den Zionisten ist die Roheit, die .Pöbelei und die Sittenverlotterung. Dieses Sprüchlein wird nun seit fünfzehn Jahren geplappert. Und es gibt sogar Halb- und Viertel-Zionisten, die ein klein wenig dran glauben und herzlich bedauern, daß es dem Zionismus nicht gelingen will, in diese „besseren“ Kreise einzudringen. Zum Tröste dieser Sehnsüchtigen und zur Aufklärung der Indifferenten sei das neueste Stücklein aus der „besseren“ antizionistischen Gesellschaft erzählt. So läßt sich am besten weisen, wohin man gehen muß, wenn man Reinheit des Charakters und der Sitten, Takt des Herzens finden will, zur „besseren“ antizionistischen Gesellschaft oder zu den verlotterten Zionisten. Der verächtlichste Lump ist und bleibt der Denunziant. Es freut uns daher doppelt, daß er bisher bei unserem Stamme so selten anzutreffen war, die Angeberei blühte bei .uns nicht, sie war ‘nie eine jüdische Spezialität. Plötzlich aber beginnt diese scheußliche Sumpfpflanze in unserer Mitte zu wuchern, und zwar in der besten aller „besseren“ jüdischen Gesellschaften. Wir haben bereits berichtet, daß der antizionistische reichsdeutsche „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ die Zionisten bei der preußischen Regierung als „Vaterlandsverräter“ vernaderi hat. Nunmehr hat sich in K ö l n ein Fall ereignet, der alles übertrifft. Der Kölner israelitische Kultusvorstand hat eine Erklärung veröffentlicht, daß er mit den zionistischen Studenten nichts zu tun haben wolle, weil dieselben ein. staatsfeindlich es un d a n t i pa t r i ö t is th es Element bilden! Und noch mehr! In einer öffentlichen Sitzung der Kultusgemeinde hat der Vorstand Justizrat C a 11 m a n n unter dem Beifall seiner Kollegen die Regierung direkt aufgefordert, die Zionisten zu verfolgen und von allen Staatsämtern auszuschließen. Er hat mit Bezug auf die zionistische „Vereinigung jüdischer Studenten“, d. i. die Organisation aller reichsdeutschen zionistischen Akademiker, wortwörtlich folgendes gesagt: „Die Stellungnahme, die diese Vereinigung in der Oeffentlichkeit einnimmt, die würde mich veranlassen, wenn ich Minister wäre, ihren Mitgliedern keine Staatsanstellung zu geben!“ Diese beispiellose Lumperei löste das Beifallsgeschrei seiner Kollegen aus, die alle Millionäre, Geheimräte, kurz allererste Repräsentanten der „besseren“ jüdischen Gesellschaft sind. Ein E i nziger wagte einen schüchternen Hinweis auf die bodenlose Gemeinheit und sagte: „Ich bedaure, daß hier Mitglieder des Bundes jüdischer Studenten, die sich in Staatsstellungen befinden, in Ihrer Existenz angegriffen werden, ebenso solche, die vor Begründung ihrer staatlichen Laufbahn stehen. Ich bedaure solche Kundgebungen des Vorstandes.“ Er wurde von den Mitgliedern der „besseren“ jüdischen Gesellschaft verlacht! Der Pöbel, der sich die „bessere jüdische Gesellschaft Deutschlands“ nennt, will eben, daß die antisemitische Regierung die zionistischen Juden mit Stumpf und Stiel ausrottet. Daß so wie so fast alle Staatsämter in Deutschland den Juden verschlossen sind, ist ihm nicht wichtig, die Zionisten müssen raus! * # Preußischer Mannesmut. Es ist eine ganz merkwürdige Erscheinung, daß alte und fast eingewurzelte völkische Eigenschaften einer Nation sofort ins Schwanken und Schwinden geraten, wenn es sich um die Judenfrage handelt. Der Engländer gilt als der Schützer des individuellen Eigentums, als der ver- I körperte Respekt vor dem Besitz des Nebenmenschen. Vor zwei Jahren aber haben wir es erlebt, daß anläßlich der Unruhen in den südenglischen Bergwerksstädten die sonst so korrekten Engländer nach Herzenslust jüdische Läden geplündert, und auch was niet- und nagelfest, gestohlen haben. Der tolerante, freigeistige Franzose läßt sich willig von Pfaffen und Offizieren gegen die Juden führen und erblickt bei dieser Gelegenheit im Säbel und Weihrauchwedel, sonst nicht gerade hochgehaltenen Requisiten, heilige Symbole. Der sonst wirklich gutmütige Russe wird den Juden gegenüber zur schändlichsten Bestie. Und auch des Preußen derbe Grobheit, wird problematisch, wenn es um die Juden geht. Eine jüngst im Deutschen Reichstage abgeführte Judendebatte bildet hicfür den besten Beweis. In Deutschland, insbesondere aber in Preußen werden die jüdischen Ausländer brutal behandelt. Sie werden unter strengere Polizeiaufsicht gestellt, Kuppler und Spione werden nicht verächtlicher behandelt. Leute, die durch Jahrzehnte ohne jeden Anstand ihrem ehrlichen Erwerbe nachgegangen sind, werden in der Nacht aus dem Bette geholt und an die Grenze geschafft. Daß es unter solchen Umständen nur ganz wenigen und ganz besonders protegierten jüdischen Ausländern gelingt, das deutsche Staatsbürgerrecht, die Naturalisation zu erlangen, ist selbstverständlich. Im Deutschen Reichstage kamen in der vergangenen Woche diese Vorgänge zur Sprache. Freisinnige und sozialdemokratische Redner benützten sie, um das preußische Ministerium des Innern anzugreifen. Da gab der Regierungsvertreter, Geheimrat L ew a 1 d im Namen des Ministers in feierlicher Form die Erklärung ab, daß das Religionsbekenntnis bei der Beurteilung der Naturalisa'ionsgesuche kein maßgebendes Moment bilde. Als Beweis fügte er hinzu, daß von den im letzten Jahrzehnt eingereichten 623 Gesuchen jüdischer Ausländer, 352, also über die Hälfte, genehmigt worden seien. Man war über diese unverschämte Lüge und Verdrehung einfach paff. Besonders über die Ehrlichkeit der angeführten „Statistik“, die jedem Pferdedieb zum Ruhme gereichen würde. Der feine Regierungsvertreter hatte nämlich vergessen zu erzählen, daß die preußische Regierung die meisten Bittsteller sofort nach Einreichung des Naturalisationsgesuches a u sweist. Daher kommt es, daß die jüdischen Ausländer aus Furcht vor der Ausweisung nicht mehr um das preußische Staatsbürgerrecht ansuch en und so ist man zur schönen Zahl von „nur“ 270 abgewiesenen Ansuchen gelangt. Statt offen für ihre antisemitische Praxis einzu treten, greifen diese „biederen, offenen und mannesmutigen“ Preußen zu Gaunerkniffen, und eine löbliche königliche Regierung verschanzt sich feige hinter Lügen. Was aber nicht verhindern kann, daß bei der nächsten Gelegenheit die saubere Gesellschaft preußischer Herrenmenschen jede Gemeinschaft mit den Semiten ablehnen wird, weil die Semiten „heimtückisch und verschlagen“ sind! Kongiefipräladieo. Zum ersten Male seit der Begründung der zionistischen Organisation wird heuer unser Kongreß in Wien stattfinden. Es gab, und gibt vielleicht noch, mancherlei Gründe, die gegen die Abhaltung eines zionistischen Kongresses gerade in Wien sprachen und sprechen. Sicher ist es, daß die westösterreichische zionistische Organisation durch die Wahl Wiens zum Kongreßorte nicht nur eine besondere Ehrung erfuhr, sondern daß ihr auch eine große Verantwortung auferlegt wurde und daß wir österreichischen Zionisten alles daransetzen müssen, um gerade diesen Kongreß zu einem besonders großen und eindrucksvollen zu machen. Wenn auch natürlicherweise die Wichtigkeit und Bedeutung eines Kongresses vom Orte seiner Tagung nicht im wesentlichen bestimmt wird, so ist es doch kein Zweifel, daß sowohl das Milieu als auch die Resonanz, die ein Kongreß vorfindet, von großer Bedeutung sein können. Die österreichischen Zionisten kennen das Wiener Milieu, sie werden demgemäß ihre Ratschläge zu gehen und ihre Vorkehrungen zu treffen haben. Sie werden aber

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