Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438432-2438456--3637-2443419
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Zum Schluß ergriff noch Senator L. Meg chelin, der Vertreter Finnlands, zur Erklärung i und Verteidigung das Wort. Finnland sei nicht das einzige Land, in dem die Judenfrage noch nicht gelöst wurde. Man dürfe nicht die ganze Schuld auf sein Volk schieben. Es hätte oft genug den Willen gezeigt, die Gleichberechtigung der Juden dnrchzuführen. Man müsse nicht vergessen, daß die gesetzgeberische Initiative des Sejms von Petersburg abhängig sei; und das äußere sich überall, nicht nur in der Judenfrage. Er hoffe, daß, wenn die Bedingungen, unter denen der Sejm arbeitet, sich ändern werden, auch die Juden ihre Gleichberechtigung erlangen werden. Leider ging Herr Mechelin nicht weiter auf den letzten Beschluß des Sejms ein, in dem sich doch die prinzipielle Stellung des finnländischen Volkes zur Judenfrage gezeigt hat. Die Versammlung war jedenfalls sehr e;ndrucksvoll und es wurde allseitig mit Befriedigung konstatiert, daß das Bankett Gelegenheit geboten hatte, die na'ionale Frage in Rußland, die für uns Juden von so großer Bedeutung ist, offen und freimütig zu diskutieren. v - Rifs dem jüdifdien Geben. , Die Gründung einer palästinensischen Agrarbank. Das in hebräischer Sprache erscheinende Tagblatt „Hastnan“ meldete vor einigen Tagen, daß der Sultan die Gründung einer Agrarbank in Palästina genehmigt hat. Die Bank wird den Namen ,.Jüdische Hypothekenbank“ führen und ihren Sitz in Konstantinopel haben. Das Grundkapital be'äuft sich auf 214 Millionen Rubel. Die einzelnen Aktien lauten auf 85 Rubel Nominale. Das Direktorium setzt sich aus 12 Personen, zur Hälfte ottom'anischen und zur anderen Hälfte ausländischen Juden, zusammen. Als ausländische Mitglieder des Direktoriums sind die Namen WoFssolin, Dr. Jäkobsohn und Dr. Katzeneisohn genannt. Soweit die Meldung des „Hasrnan“. Leider fehlt bis zur Stunde eine offizielle Bestätigung dieser Nachricht, welche, sofern sie den Tatsachen entspricht, die Erfüllung eines längst gehegten Wunsches beinhaltet und geeignet ist, in den weitesten zionistischen und palästinafreundlichen Kreisen große Befriedigung auszulösen. * Beifis vor dem Kiewer Geschworenengericht. Kiew. Die hiesige Gerichtskammer beschloß am 6. Juni in einer geheimen Beratung, die den ganzen Tag dauerte, Beilis unter der Anklage der Beteiligung an der Ermordung des Knaben Justschinski vor das Kiewer Geschworenengericht zu stellen. Es wurde ferner beschlossen;. Beihs im Gefängnis zu belassen. An der Verhandlung nahmen sämtliche Mitglieder der Gerichtskammer teil. Die Entscheidung hat hier großen Eindruck hervorgerufen. * Verurteilung eines judenfeindlichen Journalisten ' in England. London. Der Herausgeber der Zeitschriften „Eye Witness“ und „New Wittness“, Cecil Chesterton, der bemüht ist, den kontinentalen . Antisemitismus nach England zu ver- : pflanzen und u. a. eine heftige Kampagne gegen die beiden jüdischen Mitglieder des englischen Kabinetts eröffnet hat, ist von Godfrey Isaacs, dem Bruder des Justizministers und Direktor •der Marconi-Gesellschaft, wegen Verleumdung verklagt worden. Die Klage gelangte am 7. Juni zur Verhandlung. Chesterton hatte zahlreiche Artikel über den Kontrakt geschrieben, den der Gcneraloostmeister Herbert Samuel, bekanntlich ein Jude, mit der Marconi-Gesellschaft abgeschlossen hatte, und in allen diesen Artikeln war Godfrey Isaacs durch den Schmutz geschleift und der Abschluß des Kontrakts als 'Korruptionsskandal schlimmster Art hingestellt worden, als ob der Generalpostmeister und andere Minister zusammen mit dem Direktor der Marconi-Gesellschaft bei dieser Gelegenheit unerlaubte Privatspekula+ionen gemacht hätten. Chesterton wurde wegen Verleumdung unter dem allerschärfsten Tadel des Richters zu 100 Pfund Geldstrafe und Tragung der sehr hohen Gerichtskosten verurteilt. - Zum Judenboykott in Polen. Warschau. In der Möbelfabrik der Aktiengesellschaft „Wojciechow“ in Kamiensk wurde vor kurzem als Leiter und Direktor dieser Fabrik ein Jude, namens Baum, angestellt. In Anbetracht des Judenboykötts stellten nun dieser Tage sämtliche Meister und sonstigen Beamten dieses Geschäfts an< die Verwaltung der Gesellschaft das Ultimatum, entweder den jüdischen Direktor oder das ganze Personal zu entlassen, da dieses nicht zugeben könne, daß ein Jude an der Spitze des Geschäftes stehe. Die Verwaltung erklärte auf dieses Ultimatum hin, daß, wenn das Geschäft weiter bestehen und sich gedeihlich entwickeln solle, Baum unbedingt Direktor bleiben müsse; wem dies nicht passe, könne seine Entlassung nehmen. * Kultuswahlen in Lemberg. Wie wir bereits gemeldet haben, ist zwischen dem zionistischen und dem offiziellen Kultuskomitee in Lemberg ein Kompromiß geschlossen worden, demzufolge zwei zionistische Kandidaten gemeinsam von beiden Komitees aufgestellt wurden. Montag, den 0. Juni, fand die Wahl aus dem dritten Wahlkörper statt und unser Gg. Simon Oransz wurde einstimmig als Mitglied des Lemberger Kultusrates mit öjähriger Funktionsdauer gewählt. * Das Schicksal der Saloniker Juden. Saloniki. Der griechische Finanzdirektor für Mazedonien, Herr Coffinas, empfing vor kurzem den Redakteur der Zeitung „Progres“ in Athen, der ihn wegen der künftigen Stellung der Juden im Handel von Saloniki interviewte. Auf die Bemerkung des Interviewers, daß die jüdische Bevölkerung in Saloniki zu befürchten scheine, <iie Griechen könnten sie aus ihren Positionen im kommerziellen Leben verdrängen, meinte Herr Coffinas, es sei ganz ausgeschlossen, daß die kaufmännische Bedeutung der Juden Salonikis unter griechischer Herrschaft abnehmen sollte. Der wirtschaftliche Aufschwung, dem Saloniki unter dem neuen Regime entgegengehe, werde im Gegenteil hauptsächlich den dortigen Juden zugute kommen, die ja schon jetzt den Handel beherrschen und denen die griechische Verfassung völlige Gleichberechtigung und freie Entfaltung ihrer Kräfte gewährleist. In Alt-Griechenland sei ja die Lage der Juden in politischer und wirtschaftlicher Beziehung ebenfalls eine durchaus günstige. Ueberdies würde ja die griechische Regierung sich selber schädigen, wenn sie der Judenschaft von Saloniki, die eine zahlreiche, intelligente, gutsituierte und wohlorganisierte Bevölkerungsgruppe bildet, nicht in jeder Weise entgegenkäme. Mit der Judenfreundlichkeit der griechischen Behörden scheint es jedoch trotz dieser Aeußerungen nicht weit her zu sein. Während der Finanzdirektor (wahrscheinlich mit Rücksicht auf die Finanzen) von Entgegenkommen spricht, vertreiben die Behörden, nach russischem Muster, die Juden aus Saloniki. Der Mainzer „Israelit“ berichtet über die Judenausweisungen aus Saloniki in seiner letzten Ausgabe folgendes: „Die griechischen Behörden von Saloniki haben eine bisher nur in Rußland geübte Methode ersonnen, sich derjenigen Juden zu entledigen, die ihnen aus irgend einem Grunde nicht passen. Ein großer Teil der nach Saloniki geflüchteten Juden aus den früheren türkischen Provinzen wie auch die Salonikier Juden selbst, die infolge der Krise wirtschaftlich zu Grunde gegangen sind, werden im Sinne der Gesetze über Vagabondage behandelt und aus der Stadt ausgewiesen. Als der neuernannte Polizeichef von Saloniki Bairas die übliche Antrittsvisite dem Großrabbiner von Saloniki abstattete, brachte dieser das geschilderte Verhalten der griechischen Behörden zur Sprache und ersuchte den Polizeichef, von diesen drakonischen Maßregeln abzusehen, und auch die Juden, falls sie sich wirklich der Vagabondage schuldig machen, in Saloniki selbst die ihnen gebührende Strafe verbüßen zu lassen, ohne sie zur Ausweisung zu verurteilen. Palästina-Nadmifiten. Vom Bezalel in Jerusalem. Die Organisation des Bezalel in Jerusalem, dieser für die Entwicklung der jüdischen Position in Palästina so wichtigen Anstalt, ist derart durchgeführt worden, daß nunmehr die Kunstgewerbeschule, das eigentliche Arbeitsgebiet des Professors Boris Schatz, von den Werkstätten abgetrennt worden ist. Infolgedessen können die Werkstätten nach rein kaufmännischen Prinzipien verwaltet werden, sodaß das Unternehmen aur ganz gesunde kaufmännische Basis gestellt erscheint. Gleichzeitig aber ist -die Schule ihren rein pädagogischen und künstlerischen Zielen gemäß von der Belastung befreit, die die Verbindung mit einem industriellen Unternehmen bedeutet. Diese Trennung soll auch in der Adressierung aller Briefe beachtet werden, die an den Bezalel nach Jerusalem1 gerichtet werden. Die Adresse des Bezalel lautet demgemäß für alle Zuschriften geschäftlichen Inhalts: „W e r k s t ä 11 e n Bezalel G. m. b. H„ J e r u s a 1 e m“; für Zuschriften, die Schulangelegenheiten betreffen, bleibt die bisherige Adresse: „Kunstgewerbe-Schule Bezalel, Jerusale m“. * Lag-Baomer in Jerusalem. Jerusalem. Nach vielen Tausenden zählte die Menge, die sich im Kidron-Tale versammelt hatte, um am Grabe Schimeons des Zaddik das Lag-Baomer-Fest zu feiern. Das prachtvolle Gelände mit seinem natürlichen amphitheatralischen Aufbau bot ein sehenswertes farbenreiches Bild mit allen Nuancen, durch die das buntscheckige Galuth in Jerusalem repräsentiert ist. Die Jemeniten, die Perser, Mesopotamier und andere orientalische Juden, die Bucharer mit ihren langen wallenden Bärten und buntgekleideten Frauen, die polnischen und russischen Juden in den schwarzen Sammethüten und langen schwarzen Kaftanen, sie bildeten alle eine große, leider in zahlreiche einzelne Gruppen deutlich auseinanderfallende, vielgestaltige Masse. Aus dem -Ganzen fiel ein kleines Häuflein von etwa 50 jungen jüdischen Makkabi-Turnern heraus, im Fez und der schmucken Turneruniform (weiße Turnerjacke mit blauem Band). Sie bildeten mit ihren Turnübungen den Schwerpunkt und die Attraktion der ganzen Festversammlung, sie wirkten gestaltend und ordnend auf die chaotische Masse. Dieser Gegensatz zwischen alt und jung war es, den Dr. Schemarjahu Levin, Mitglied des Engeren Aktions-Komitees der zionistischen Organisation, in einer improvisierten Ansprache berührte. Mit tiefer Wehmut wies er auf diese Menge ohne Einheitlichkeit im Gepräge und Charakter hin, die noch so weit hinter dem wie aus einem Guß geschaffenen neuen Jischub zurückbleibe. Um wieder eine Einheit zu bilden, müsse unsere Sprache zunächst wieder belebt werden und uns alle vereinigen. Die Jugend müsse mit aller Kraft sich gegen jeden Versuch, den Sprachenwirrwarr aufrechtzuerhalten und die Ausbreitung der hebräischen Sprache zu verzögern, auflehnen. Jubelnde Hedadrut'e belohnten die kräftigen Worte des immer jugendfrischen Redners, der, zufällig als Gast zugegen, sich zu einer Ansprache hatte erbitten lassen. * Eine deutsch-jüdische Gesellschaft zum Bodenkauf in Palästina. Eydtkuhnen. Eine Gruppe angesehener hiesiger jüdischer Kaufleute hat sich zu einer Gesellschaft zusammengeschlossen, die den Ankauf von Boden in Palästina bezweckt. In der am Sonntag, den 1. Juni stattgefundenen Versammlung gaben Herr Simon Goldberg und Herr Moses Trotzky, welche vor einigen Tagen aus Palästina zurückgekehrt sind, ausführliche Berichte über ihre Unterhandlungen, die sie mit den maßgebenden Behörden geführt haben. Es wurden verschiedene Projekte vorgelegt und nach eingehender Beratung wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, in der jüdischen Kolonie Merchawja (Galiläa) 1000 Dunam Boden, exkl. Bau- und Gemüseplätze, zu kaufen. iü

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.