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Jüdische Zeitung · 1913-06-05 · 23 (5.6.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
23 (5.6.1913)
Date
1913-06-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 und von Fremdnationalen vollste Anerkennung zuteil geworden ist Wir wissen, Herr Reichs-.; ratsabgeordneter, daß Ihre Handlungsweise -die-- Revandhe dafür sein soll, daß diezipnistisriien Studenten seinerzeit gemeinsam mit der zionistischen Bürgerschaft Wiens Ihre Wahl' bekämpft haben. Wir meinen aber, daß gerade Ihre Haltung in der vorliegenden Frage der ganzen Oeffentlichkeit ein Beweis sein muß, wie sehr wir mit unserem Mißtrauen Ihnen gegenüber hn' Rechte sind. Für den jüdischen Hochschulausschuß Vecsler. Omstein. * * Oie Entrüstung der jüdischen Studentenschaft über die Haltung des Abg. Kuranda ist nur allzu berechtigt. Wie sehr das Urteil des Herrn Kuranda über den Kampf der jüdischen Studentenschaft verbohrt ist und wie vereinzelt es dasteht, erhellt am schlagendsten aus der privat abgegebenen Erklärung eines jüdischen Professors, eines Mitgliedes des akademischen Senates und Gegners der zionistischen Bewegung, dab das Verhalten der jüdischen. Studentenschaft vom1 akademischen Senate als imponierend bezeichnet wurde. Und dieses Urteil berufener Männer ist wohl maßgebender als das des liberalen Vertreters des Kaiviertels. Tuii’s flnfl’ii’iiti" Wien, II., Taborstr. 17 [Hirschenhaus] empfiehlt sich zur Einrichtung von Vereins- und Schulbibliotheken, sowie Lieferung von Büchern jeder Art. „Antiquariat. jProvInzversand. Sflabriidie tanötapswahlen. (Brief aus M-ähr.-Gstrau.) In Mähren Wird wieder einmal in den Landtag gewählt Was Wunder, «Laß die alte mäh-: rische Sumpfpflanze, die > „Deutschfreiheitfichen“, mit vollen Halmen in die Höhe schießt; undsich des Vertrauens aller fortschrittlich^ und freiheitlich gesinnten Wähler bemächtigen; will. Aber noch weniger verwunderlich ist es,[ daß die Oeutschradikalen neuerlich' Sturm'! laufen und den Deutsch liberalen, die ja| ihre Lebensünfähigkert als 2 (führende Männernicht mehr nachzuweisen brauchen, jäh1 das; Heft aus den Händen reißen und voll Ueber-j mut und Schadenfreude ihre jObeihenschäft proklamieren. Man müßte freilich' nicht wissen, | wie Wählen in Witkowitz gemacht werden,' wollte man der einen oder anderen Partei all-; zuviel Aktionsfähigkeit zusprechen! Alle sind: Nullen und zum1 sklavischen Gehorsam befohlen, wenn das Machtwort yon Witkowitz ge-| sprechen ist Kandidaten für'den Reichsrat oderden Landtag, ja selbst für : die Ostrauer Gemeindestube (von der Witkowitzer Gemeinde-; Vertretung gar nicht zu reden) werden vom! allmächtigen, an'isemi tischen .Generaldirektor des: jüdischen Witkowitzer Eisenwerkes, Dr. Frie-, dridi Schuster, rücksichtslos und selbstherrlich ernannt und jeder Widerstand gegen solche Ernennungen hieße Majestätsbeleidigung begehen, auf die auch im Witkowitzer Königreiche die schärfsten — wirtschaftlichen — Strafen gesetzt sind. Diesmal gefiel sich Generaldirektor Schuster in Her „Ernennung“ jdes Bahnbeamten Jung aus Iglau, einer vollständig unbekannten und,; . wie man nun weiß, auch unbedeutenden- Person,: zum1 Landtagsabgeordneten; für den hiesigen. Wahlkreis. Ueberflüsrige weise fand man es für passend, daß der ernau-te Mann eine Wähler-, Versammlung in Ostrau abhalte, um sich ..vorzustellen“, Was aber, piit demjErneimungsdekrete in der Tasche, kaum noch nötig war. Wie sah' nun diese Versammlung aus? Einige hundert Witkowitzer Arbeiter mit je zwei Kronen als Legitimation versehen, besetzten unter Führung -höherer Kreaturen des absolutistischen Generaldirektors frühzeitig den Saal und unterhielten sich in ihren' Umgangs- und Muttersprachen (böhmisch und polnisch) über alltägliche-Kleinlichkeiten. um1 so recht .gemütlich den Beginn der „deutschfreiheitlichen“ Wählerversammlung abzuwarten. Die Regie des Abends war sehr geschickt geleitet, die Verteilung der Rollen klappte vortrefflich, die Ingenieure waren richtig an verschiedenen Stellen des Saales placiert, so daß sie immer rechtzeitig das Kommando über ihre gtreuen Truppen /führen und daher immer im richtigen Moment mit Begeisterung oder Entrüstung, GebrüUe öder .Gelächter, je nach Bedarf eingreifen konnten. Die, wenigen im Saale vorhandenen echten Deutschen und die . Juden -waren jm huchstäblidien undbildlichen Binne des Wortes an die Wand -gedrückt. Was . die Kandidatenrede ides Bahnbeaihten Jung. anbelangt, so ist darüber nicht viel’ zu sagen. Sie enthielt gut einstudierte Phrasen über Deutsche und -Tschechen im Landtag, verziert mit einigen Brocken Wirtsdiafts- und Finanzpolitik, deren Inhalt stark nach Wittkowitzer Schreibmaschinen roch, einige Bemerkungen über die * deutsche Arbeiterpartei, deren Existenz immer wieder mit Gewalt bewiesen werden will und als deren Mann der Kandidat eigentlich1 auftritt. Es entbehrt übrigens nicht eines pikanten Reizes, daß die Wahl des Mannes, dessen ganzer Lebenslauf es angeblich sein soll, dem1 Arbeiter zu helfen und' den internationalen Sozialdemokraten den selbstbewußten deutschen Arbeiterstand entgegenzustellen, daß die Wahl eines solchen Arbeiterhelden von der jüdischen .Witkowitzer Gewerkschaft gefordert und gut bezahlt wird! Die Versammlung hätte gewiß den von Witkowitz gewünschten und strikte vorgeschriebenen Verlauf samt Heilrufen, Vertrauenskundgebung una Resolution genommen, (wenn nicht unsere Jüdischnationalen, mit sicherem Material ausgerüstet, am Platze gewesen wäre. Ihr Wortführer, Dr. Felix Winterstein, vertrat in zündender, wirksamer Weise den absolut ablehnenden Standpunkt aller Juden gegen die Kandidatur Jung. Redner besprach die Politik des Deutschen. Nationalverhandes, dem’ die Partei des Kandidaten verschrieben sei, das Bündnis -der Deutschnationalen und Christlichsozialen gegen die Juden, die beschämende Stellungnahme des Nationalverhandes gelegentlich der Resolutionen Schmied und Schmeral’, wies an der Hand von Belegen,-die rein antisemitische Richtung der engeren Parteigenossen des Kandidaten nach und kam schließlich auf die jüngsten Studentenkrawalle an‘ der Wiener Universität und deren unmittelbare Ursache, den berüchtigten Waidhofener Beschluß zu sprechen. Er brachte zur Kenntnis, daß:der Kandidat Jung Mitglied, der „Iglavia“ sei, welche auf dem" Waidhofener Prinzips fuße und daß man den Juden wohl nicht zumuten könne, daß sie für einen waschechten Antisemiten, sfimmen werden. Die Juden sind vielmehr untej den obwaltenden Umständen gezwungen, den Gegenkandidaten (zu wählen. Dr. Winterstein Verzichtete von vornherein aufeine Antwort. darauf, ob Jung Antisemit sei und ob er den Waidhofener Beschluß anerkenne. Der Erfolg dieses mannhaften, imponierenden Auftretens unseres Gesinnungsgenossen Dr. Winterstein war em "unerwarteter. Das Sturmgeheul der Deutschnatipnalen, von dem1 der uner-, schrockene Redner fortwährend unterbrochen} .wurde, so oft ein..treffender Hieb niedersauste, j der frehetisfche rBHfä,l 'der- Juden,-gaben Zeugnisj von der Richtigkeit ,des: selbstbewußten Auf-; tretens der Juden, die sich dennoch nicht alles; bieten lassen. Wenn man bedenkt, daß selbst j der Kultusvörsteher, der Wackere Deutsche Dr.; Alois Hilf, ineiner ' immerhin wirkungsvollen. Rede die Ausführungen des Herrn Dr. Winterstein, wenn auch etwas Verklausuliert, unterstützte, wenn man weiter bedenkt, daß der Kandidat trotz weiterer unzweideutiger Anfragen der Herren Dr. Altbach und Dr. Schmied die Antwort auf!dje Frage bezüglich' des' Waid-: hofener Beschlusses .und seiner Stellung zur. Judenfrage strikte Verivei"rer*e, wenn .man weiter: bedenkt, daß es vielleicht zum1 erstenmal in Ostrau vorkam'.- daß - die Judenschaft sich ganz jder yon den 'Jüdischnationalen proklamierten Ansicht anschließen, dann kann der Erfolg dieser unerschrockenen, Wacker verire+enen Aktion' nicht genug hoch fangerechnet werden.; ■ Daß 'der Kandidat selbst den Deutschen ' nicht sehr angenehm ist und diese sich dessen inne zu werden beginnen, daß der unheilvolle. Einfluß des Generaldirektors Schuster für Ostrau! ' verhängnisvoll zu Werden beginnt, ist nicht un- ■ sere Sache. Wirrhatten uns nur darum1 zu! kümmern, daß diese Kandidatur, diese Provokation, Wie Dr. Winterstein richtig ausführte, ejnen . Faustschlag - ins Gesicht der Juden be- ' deute und einmütiger (Beifall ertönte in den Reihen der Juden,; als Dr. Winterstein betonte,; däb eS kein Jude:,zuwege bringen könne, dem Antisemiten Jung die Stimme zu geben. Daß; .dies auch wirklich nicht .geschehen wird, dessen ist tatm bereits ganz sicher, und in Konsequenz der skandalösen Vorgänge sind, die Juden dies-, -mäl (abgesehen von einigen unverbesserlichen Volksverrätern, die einem' unwürdigen Zwänge gehorchen zu (müssen glauben) ganz, einig. Aber hinausschreien muß man es wieder einmäl, daßesdie ..Zierden“ des Judentums, -die Herren Rothschild und Gutmann sind, die . einen ausgesprochenen antisemitischen, übermütigen . und vom 'unumschränkten Machtdünkel aufgeblasenen Generaldirektor ungehindert ge- •währen - lassen, wenn er Hieb um' Hieb gegen die Juden führt .und immer nur das tut, was den Juden z<cm! „Schaden gereichen muß. Sb lange dieses beschämende, ise’bsten twürdicren’de . Treiben dieser ,.großen“ Tuden nicht aufhört, ist an eine' Gesundung Wer Verhältnisse nicht zu denken. Leider ist die Hoffnung, daß diese Herren zur Einsjcht kommen werden, sehr gering und es Wird, noch lange dauern, ehe m'an die WiUfcürherrSchaft de$ Despoten von Wif-: -kowitz wird .brechen können. Es Wäre denn,; . dab die' -Verhältnisse .Stärker- Werden, als ihr Lenker, daß endlich 'die Bürger von Ostrau aus ihrem lethargischen Zustande, der sie zum willenlosen Werkzeuge Schusters macht, erwachen und daß nicht nur die Juden, sondern vor allem' die Ostrauer Deutschen erkennen lernen, welch unwürdige Rolle sie spielen, wenn sie sich widerspruchslos ins Witkowitzer Schlepptau nehmen lassen. Und sie haben es wahrlich nicht notwendig, die Ostrauer! ■ Selbstbewußte, * freiheitliche Deutsche und selbstbewußte Juden könnten sich zu erfolgverheißender, wirtschaftlicher Arbeit zusammenfinden, ohne _ sich die - Grenzen ihrer Selbstbestimmung von einem' Witkowitzer Generaldirektor vorschreiben zu lassen. Vielleicht geht dieser Wunsch doch in Erfüllung, denn oft zeitigen kleine Ursachen große Wirkungen. Der gegenwärtige skandalöse Zustand schreit zum' Himmel. Jedenfalls ist die Kandidatur des Bahnbeamten Jung aus Iglau, der uns mit Iglauer Ammenmärchen imponieren wollte, für jeden Juden erledigt und es werden auch diejenigen Juden, die den sozialdemokratischen Kandidaten absolut nicht zu währen geneigt sind, klug daran tun, nicht etwa leere Stimmzettel abzugeben, oder der Wahl' fern zu bleiben, Weil dies alles nur indirekte und nicht unwillkommene Wahlhilfe für den Kandidaten Jung bedeutet. Für die Juden gilt daher die dringende Parole: Entweder den sozialdemokratischen Kandidaten Dr. Wilhelm Haas, Advokat in Mähr.-Ostrau, zu wählen, oder aber die Stimme einer beliebigen, jedoch passiv wahlberechtigten Persönlichkeit zuzuwenden, da dieser Weg der einzige ist, um' die Position des antisemitischen, auf dem Waidhofener Beschlüsse eingeschworenen Kandidaten Jung zu schwächen und womöglich seine Wahl zu vereiteln. Es tue jeder Jude seine Ehrenpflicht, denn jede einzelne Stimme, die nicht dem1 Antisemiten zugewendet wird, kann von weittragender Bedeutung werden! Am' 3. d. M. fand in Brünn eine Versammlungjüdischer Landtagswähler statt, die Gelegenheit geben sollte, den jüdischen Standpunkt gegenüber den von verschiedenen Parteien aufgestellten Kandidaturen Stellung zu nehmen. Wenn auch konstatiert werden müß, daß die mährischen Landtagswähler unsere Juden und auch unsere Gg. Gg". wieder einmal unvorbereitet trafen, wurde doch etwas erzielt, was nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Die Versammlung fand in einem' der größten Säle Brünns statt und war derart von Wählern besucht, daß viele keinen Platz 'mehr fanden. Seihst enragierte Gegner mußten erklären, daß dies ein Ereignis im1 Brunner jüdischen Leben sei. und dab Brünn eine solche rein jüdische Versammlung noch nie gesehen habe. Die Versammlung wurde vom Gg. Dr. K. Sonnenfeld mit einer kurzen Ansprache eröffnet und Gg. Dr. Ja'kob Ehrlich', der in der opferfreudigsten Weise nach Brünn geeilt war, setzte, in einer eineinhalbstündigen, von allengegnerischen Versammlungsteilnehmern einstimmig anerkannten sachlichen Rede das Programm des jüdischen Nationalvereines auseinander. 'Er zerfaserte die Charakterlose Politik der deutschfortschrittlichen Juden Mährens, die sich die Kandidatur eines Rogelbödk, eines waschechten Antisemiten vom Schlage eines Seidl und Teufel widerspruchslos - aufoktrovieren lassen, schönte auch nicht den falschen Standpunkt der Sozialdemokraten in der Judenfra^e und schloß unter stürmischem Beifall der Wähler mit einem Appell an dieselben, einen energischen Kampf gegen die ^deutsch-nationale“ Verhändlerei (der deutschfortschrittlichen Partei aufzunehmen. Von - den Sozialdemokraten errrriffen Prof. Dr. PollaCk und Gemeinderat Taub das Wort, die sich die Präzisierung ihres Standpunktes recht bequem machten. .indem sie erklärten, gegen-die prinzipiellen Erklärungen des Gg. Dr. Ehrlich in dieser Versammlung nicht polemisieren zu wollen. Der jüdische deutsch-fortschrittliche Genfeindefat Po'lak versuchte die Kandidatur Ro<re1böcks (deutsche Arbeiterpartei! vom' Standpunkte der deutschen Gem'einwirtschaft mehr zu entschuldigen als zu begründen. Hierauf ergriff Gg. Hjckl das Wort und nahm die Ausführungen der einzelnen Vorredner Schonungs'os unter die Lupe, wobei er sich hauptsächlich mit - der Konfessionslosigkeit des sozialdemokratischen Kandidaten 'beschäftigte und die Stellung der Sozialdemokraten in der Jude-’frage einer Scharfen Kritik unterzog. Zum Schlüsse der Versammlung wurde’ folgende Resolution angenomm=-,. «regen deren ersten Teil die anwesenden Sozialdemokraten Protest erhoben. ..Die am' 3. Juni im großen Saale der Schwechater Pieriia'Ie versammelten jüdischen Landtagfiw.ähler nehmen die ers+atte*en Referate zur befriedigenden Kenntnis, fordern sämtliche jüdische Bürger Mährens und Schlesiens auf, in die zu errichtende jüdische Gesamtorganisation einrntreten, da nur so die ideellen und wirtschaftlichen Interessen der iüdischAn Bevölkekerung-voir und ganz gewahrt werden körfnen. Gleichzeitig gibt die Versammlungbewußt jüdi- .scher Wähler ihrem -Bedauern darüber Ausdruck,

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