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Jüdische Zeitung · 1913-06-05 · 23 (5.6.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
23 (5.6.1913)
Date
1913-06-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 * haben, das kann nicht Weggeleugnet werden. Aktiv haben die Juden gar keinen Anteil an der Entwicklung der Dinge, aber als Verdauungsobjekt zeigten sie sich unüberwindbar. Der polnische Magen, in den sie durch Assimilationsheilkünste hineingeraten sind, kann sie weder' ausstoßen, noch verdauen. Der Handel mit den Ruthenen wickelte sich, in puncto Judenfrage, glatt ab. Herr Leo unterschrieb einen Scheck auf 62 ruthenische Landtagsmandate, Wofür sich wieder Herr Lewicki seinerseits im1 Namen der ruthenischen Nation verpflichtete, das im1 Lande vorhandene herren- ■ lose Gut — die sogenannten Juden — für jetzt und imtnerdar als polnisches Nationaleigentum anzuerkennen. Nach dem’ neuesten Sklavenhandelsgesetz des zwanzigsten Jahrhunderts wären somit die Juden Galiziens in ganz „legitimer“ Weise Leibeigene der polnischen Nation. Mit dem Abschluß dieses Tauschgeschäftes war jedoch nur die theoretische Seite der Sache erledigt. Da hieß es aber die Juden auch in der Praxis ihren „Eigentümern“, den Polen, nutzbar Zu machen und da begannen eben die. Schwierigkeiten. In den Dörfern und kleinen Marktflecken schluckte man wohl die Juden leicht hinunter, denn in großen reinpolnischen Wahlbezirken, wo die Juden nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz der Bevölkerung bilden, kann . das endgiltige Wahlresultat von ihrer Haltung in keiner Weise beeinflußt werden. . Anders aber in den Städten, wo die Juden' in Massen wohnen, 40—60<Vo der Gesamtbevöfkerung ausm'achen. und infolge ihrer Intelligenz und hohen Steuerleistung einen Faktor bilden, : der bei Wahlen seine, durch allerhand Praktiken t nicht hinwegzukünstelnde entscheidende Stim'me zur Geltung bringen kann.' Hier sahen sich die Polen vor einem Problem gestellt, dessen Lösung ihnen nicht gelingen konnte. Einerseits wollte man, aus Furcht vor den Zionisten, keine rein-jüdischen Wahlkreise schaffen, weil die jüdische Masse erfahrungsgemäß den volksfremden Juden-Polen nicht mehr auf - den Leim1 geht und man trachtete daher die \ ‘sdjf^nannic'ri' ,,j’uHiS<Ehenw!'Wahlbezirke soh züziischneiden, daß den schlachZizisdien L.akaien, den Assimilanten, durch starken christlich-polnischen Einschlag der „Sieg“ erleichtert Werde. Andererseits aber konnte man es nicht übers Herz bringen, bedeutende christliche Minoritäten durch Juden — und mögen es auch „Polen, m'osaischer Konfession“ sein — vertreten zu; lassen. Denn bekanntermassen gelängt die polnisch-jüdische „Verbrüderung“ nur dann zur Geltung,. wenn die Polen der empfangende Teil sind; handelt es sich aber darum', dem jüdischen ' „Polen“ etwas zu geben, dann heißt es „Jud bleibt Jud!“ und mag dieser Jude auch Ko-, lischer oder Löwenstein heißen. Die städtischen Mandate mit ihrem Judenpuhkt bedeuteten somit für Bobrzynski und dessen Block die Quadratur des Zirkels und deshalb — ich' Wiederhole es, nur deshalb — j müßte das ganze Reformwerk scheitern. Ver- < gebens versuchte man durch Einführung von 1 Listenwahlen —wo doch Proportionalwahlen für] beide Teile am' zweckmäßigsten wären — den j heiklen Punkt zu überwinden! Ueber die Zionistenfurcht half man sich wohl weg, denn bei Listenwahlen bleibt kein einziges Mandat dem alleinigen Willen jüdischer Wähler überlassen;! dafür räumt aber diese Wahl den Juden auch' bei Besetzung der polnischen Mandate einen Einfluß ein, der manche mächtige polnische Parteien, vielleicht mit Recht, unheimlich anmuten m'uß, trotzdemdie Geltendmachung dieses Einflusses etwa in jüdisch-nationalem' Sinne nicht; zu befürchten ist. Da zeigt sich der vollständige Bankrott der Assimilation in seinen grellsten Farben. Die Löwensteins, Sa res und Ritteis haben wohl in' volksverräterischer Weise alle Rechte der Juden preisgegeben, indem sie die Sicherstellung einer gewissen Anzahl jüdischer Mandate nicht' nur nicht forderten, sondern im Einverständnis mit den ärgsten judenfeindlichen Parteien direkt bekämpften und verhinderten. Sie können sich aber nicljt; rühmen, für djesen Verrat das Ver-1 trauen" der Polen eingetauscht zu haben; Diese j haben den rLöWcnsteih’sfchen Verrat schön eingesteckt; den Verrätern selbst aber wurde — wie sie es schließlich besser nicht verdient haben — der Sessel vor die Tür gesetzt, indem1 man ihnen, den assimilierten Juden, das Recht verweigerte, bei der Wahl polnischer ^Brüder“ mitreden zu dürfen. Der Fußtritt ist ohne Zweifel kräftig genug, aber die dicke Löwensteia’sche Haut hält ihn noch immer für eine Liebkosung. Es wird den Herrn Edlen von Drohobycz und die anderen jüdischen „Vertreter“ im galizischen Landtag vielleicht interessieren, wenn ich ihnen das treff liehe Wort erzähle, mit dem ihr Freund und Assimilationsgenosse, der jüngstverstorbene Dr. Goldhammer, die Assimilation charakterisierte, - und zwar in einem Gespräche mit dem Schreiber dieser Zeilen; das kurz nach den Reichsratswahlen von 1911 stattgefunden hat. Bekanntlich sollte damals Dr. Goldhammer vonseiten der Regierungspartei gegen den Allpolen Dr. Tertil Für deg städtischen Wahlkreis Tarnow kandidiert werden. Durch die energische Inter- - vention eines hohen kirchlichen Funktionärs1 wurde jedoch diese Kandidatur in zwölfter Stunde vereitelt. Nach der durch die maßgeben-, den Kreise geteilten Ansicht des Kirchenfürsten, durfte Dr. Goldhammer, trptz jahrzehntelanger assimilatorischer Dienstleistung, ja trotz Auslieferung seiner einzigen Tochter in den Schoßder alleinseligmachenden katholischen Kirche, gerade seines „Judentums“ wegen, nicht zum Ab-, geordneten von Tarnow — einer Stadt, die, nebenbei bem'erkt, nicht etwa judenrein ist, sondern, ca. 50°o jüdische Wähler hat,— gewählt werden. Bitter enttäuscht sagte damals der in polnisch-nationaler Arbeit ergraute Mann: „Wissen Sie, wie ich mir als Assipiilänt vorkomme? Ich mache hier in meinem .Zimmer die pein-. lichsten Vorbereitungen, um' an dem im anstoßenden Saale stattfindenden, Feste teilnehmen zu können. Wie ich mich aber, festlich gekleidet, anschicke, den Saal zu betreten, finde ich verschlossene Türen, der Eintritt wird mir versagt.“ Nun, Dr. Goldharomer \yaru nicht der Letzte, sdem',- die, Tafel; mitü-der,; Aufschrift^ .„Ecemden i ist der Eintritt verböteh!“• -yotgehalten wurde.. Früher oder später wird auch den Löwensteins, nachdem sie ihre „Pflicht“ getan haben werden '— die Tür vor der Nase zugeschlagen werden., Wir selbstbewußte Juden aber werden um* Eintritt nicht betteln; wir werden mit oder gegen den Willen der Anderen unsere eigenen Feste feiern. :• Die Vorgänge an der Wiener Uniuersifäf. Der Kampf der jüdischen Studentenschaftan der Wiener Universität gegen die Uebergriffe der Deutschnationalen und gegen das Verhalten des akademischen Senates, der lediglich gegen! Juden einschritt und die Deutschnationalen ge-, währen ließ, findet in der gesamten österreichischen Provinz, wie auch im; Auslande ein lebhaftes Echo und aufrichtige Sympathien. Die Begrüßungsschreiben, welche aus allen Gegenden Europas einliefen, zählen nach Hunderten., Erwähnenswert ist, daß in einigen 'Provinzstädten, so in Proßnitz und in Olmütz große Bürgerversammlüngen stattfanden, welche sich fnit den Vorgängen an der Wiener Universität befaßten. In diesen Versammlungen gelangten Protestresolutionen gegen das Verhalten der! Behörden Zur Annahme. In, Krakau fand eine, zahlreich besuchte Studentenversammlung statt, in welcher den Wiener jüdischen Studenten die- Sympathien der Krakauer jüdischen Hochschul-' jugend ausgesprochen wurden. Im' Parlamente! Wurden zwei aut die Krawalle bezüglichen Interpellationen an den Unterrichtsbezw. Landesverteidigungsminis+er von jüdischer Seite eingebracht. Am Dienstag, den 3. Juni, erfolgte die Ant-' wort des Rektorats auf " die verschiedenen s~- ■; wohl von jüdischals auch deutschnationater Seite überreichten Memoranden. Diese Antwort ist. leider in vielfacher Hinsicht nichts weniger als zufriedenstellend, aber sie legt dennqch. Zeug-, nis davon ab, daß das Vorgehen der Deutsch-, nationalen auch vom akademischen Senate ver-’ urteilt wird. Die Ankündigung des Senates taütetc „Der akademische Senat hat bereits . im Jahre 1896, als eine Gruppe deutschnationaler Studenten die jüdischen Studierenden als der Ehre bar erklärte und ihnen deswegen die Satisfaktionsfähigkeit absprach, eine derartige schwere Beleidigung verurteilt und ist gegen die Teilnehmer an jener Beschlußfassung auf disziplinärem1 Wege vorgegangen. Der akademische Senat hat auch im Vorjahr den Vertretern der jüdischen Studentenschaft erklärt, daß er jedes Vorgehen auf das entschiedenste mißbillige, wodurch einzelne Studenten oder Studentengruppen in ihrer Ehre gekränkt werden. Der akademische Senat steht heute auf demselben Standpunkt wie von jeher. Er betrachtet und behandelt alle Studierendert als gleichberechtigte akademische Bürger, er verurteilt eine Anschauung, welche die persönliche Ehrenhaftigkeit eines Studenten von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation oder Konfession abhängig macht, er betrachtet daher den Vorwurf der Ehrlosigkeit gegen jüdische Studenten, wie er im Sinne des sogenannten Waidhofener Beschlusses erhoben wird, als eine schwere Beleidigung. Der akademische Senat wird stets Angriffe von Studierenden auf die Ehre von Kommilitonen einer anderen Nation oder Konfession mit empfindlichen Strafen belegen, wie immer audh der Anlaß und die begleitenden Umstände geartet sein mögen. Andererseits muß der Senat dabei beharren, die in Tätlichkeiten ausartende Selbsthilfe je nach der Lage des Falles — wie bisher — bald schwerer, bald leichter zu ahnden. Wenn von der jüdischnationalen Studenten«- Schaft die Forderung erhoben wurde, alle Verbindungen, welche den sogenannten Waidhofener Beschluß zur Richtschnur nehmen, zu suspendieren, so muß' darauf hingewiesen werden, daß eine solche Maßregel nicht in die Kompetenz des akademischen Senats fällt. Was die Vorgänge der jüngsten Zeit anlangt, welche den unwürdigen und höchst beklagenswerten Szenen auf akademischem Boden führten, so mißbilligt der akademische Senat alle von beiden Seiten vorgefallenen Provokationen und Ausschreitungen sowie die Nichtbefolgung der Anordnungen des Rektors auf das schärfste. Der akademische Senat erwartet mit aller Bestimmtheit, daß die Studentenschaft selbst mitwirken wird, um1 den Weg zur Besonnenheit und ' zu akademischer Haltung wieder zu finden. In dieser Erwartung ist der akademische- Senat geneigt, die notwendig gewordenen Ausnahms- - Verfügungen wieder äufzuheben, sobald vonder ' Studentenschaft für die dauernde Wahrung des akademischen Friedens ausreichende Gewähr geboten wird. Der akademische Senat weist bei diesem1 Anlaß auf ein schon anderwärts erprobtes Mittel zur Schlichtung von Streitigkeiten ' unter den Studierenden hin, auf ein akademisches Ehrengericht. Zur Schaffung eines solchen fordern ' gerade die schwierigen Verhältnisse an unserer Universität besonders auf und hie akademischen Behörden werden die Verwirklichung einer derartigen Institution auf das eifrigste fördern. Der akademische Senat richtet endlich an älfe Studierenden die ernste Mahnung, zur Ordnung zurückzukehren, um' Maßregeln zu verhüten, die der Gesamtheit der Studierenden zu schwerem1 Nachteil gereichen würden. Wien, 3. Juni 1913. Der Rektor: Weichselbaum'. * * Der jüdisch-nationale Hochschulausschuß hat •an den Abgeordneten Kuranda, welcher in seiner Budgetrede die jüdische Studentenschaft der Verbreitung und Erregung des Antisemitismus bezichtigte, folgendes Schreiben gerichtet: An den Herrn Reichsratsabg. Kami'lo Kuranda Wien. Euer Hochwohlgeboren! Sie haben sich in Ihrer Reichsratsrede vom 27. d. M. Gegenüber dem' Unterrichtsminister und Her Jupflz Verwaltung für jüdische Interessen eingesetzt. Sie haben es aber dabei für gut befunden, zu erklären, daß „die Masse der erwachsenen Denkenden nicht hinter Ie^en füng- Unsren .stehen kann, welche das Universitäts- •studium in Aeußerlichkeiten erblicken“ (siel). Sie sagten ferner „daß Sie das Gefühl der Judenschaft zu gut kennen, als daß Sie nicht wüßten, wie diese es empfindet, daß durch das Gebahren der jüdischen Studenten der Antisemitismus nur ge'ördert und weiter erregt wird.“ Wir verzichten darauf, Ihnen die historisch erwiesenen Unwahrheiten dieser Behauptung vor Augen zu führen, weil wir nicht annehmen, dah Sie ' selbst ernstlich daran glauben. Sie haben es fertig Gebracht, Herr Reichsratsab- «reordneter, in jesuitischer Art einen Standpunkt theoretisch gutzuh-ißen und seine Träger und Verfechter praktisch herabzusetzen. Sie haben es: fertig gebracht, der nationaijüdischen Studentenschaft in den Rücken zu falten, zu einer- Zeit, da ihr von ’ Juden aller Parteirichtuhgen

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