Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 22 Tat um'zustetzen, anstatt es gutzuheißen, daß jüdische Studenten, die Ihre Ehre verteidigen, doppelt und dreifach bestraft werden. Die versammelten jüdischen Bürger sprechen den jüdischen Studenten für ihre mutige und maßvolle Haltung Anerkennung aus und werden sie in dem gerechten Kampfe bis zum Aeußersten unterstützen.“ Nach dem’ Schlußworte des Vorsitzenden, der allen Anwesenden für ihr Erscheinen dankte, wurde die Versammlung, welche aut alle Teilnehmer den machtvollsten Eindruck ausgeübt hatte, geschlossen. Unter Absingung der Hatikwah verließen die Versammelten den Saal. Die Veriammlung der jüdildien Stu; öentenfrfiaff. Dienstag, den 27. Mai, präzise 1/28 Uhr abends fand im Hotel oCntinental eine Versammlung der jüdischen Studentenschaft statt, zu welcher unter anderen der Präsident des zionistischen Zentralkomitees Dr. Karl P o 11 a k und Ob.-Ing. Stricker erschienen waren. Von den jüdischen Hochschullehrern hatte es keiner für wert erachtet, sidi einzufinden. Den Vorsitz in der Versammlung führte Ing. Eugen Buchbinder, der zunächst die aus allen Teilen der Monarchie (aus Budapest, Prag, Brünn, Graz, Krakau, Lemberg und Czernowitz) sowie auch aus dem Auslande eingelaufenen Begrüßungsschreiben und Telegramme, in denen der Wiener jüdischen Studentenschaft die Sympathie kundgegeben wurde, verlas. Als erster Redner erstattete der Vorsitzende des . jüdischen Hochschulausschusses, Student O r n s t e i n Bericht über die letzten Vorfälle an der Universität wie über die Tätigkeit des Hochschulausschusses. Der nächste Redner, Herr Dr. Skutetzky erinnerte an die zahlreichen Kämpfe, welche die jüdische Studentenschaft in früheren Jahren um ihr Recht ausgefochten habe und forderte zu weiterem ununterbrochenen Ringen um das gute Recht der jüdischen Studenten und zu straffem Zusammenschluß auf. Namens der kleinen Gruppe der jüdischen Sozialdemokraten sprach Student Grosser in jüdischer Spradie. Trotz gewisser prinzipieller Gegensätze zu manchen Erscheinungen in der Studentenschaft erklärte er seine Bereitschaft, sich dem allgemeinen Verbände der jüdisch-nationa'en Studenten anzuschließen und sich am Kampfe gegen die deutschnationalen Angreifer und Beleidiger zu beteiligen. Herrl Dr. Karl P o 11 a k sprach in herzlichen Worten der jüdischen Studentenschaft wegen ihrer mannhaften, dabei maßvol'en, äußerst disziplinierten Haltung Dank und Anerkennung aus. Student Vecsler befaßte sich vornehmlich mit der Frage des Ausbaues der jüdischnationalen Studentenorganisation, da nur eine solche auf die Dauer Erfolge und wirksamen Schutz der jüdischen Studenteninteressen gewährleisten könne. Cand. iur. W a 1 d m a n n sprach in ähnlichem Sinne und forderte eine Kräftigung der studentischen Wohlfalirtsin-titulionen sowie die schleunigste Errichtung des seit langem geplanten Studentenheimes. Ob.-Ing. Stricker forderte zu nationaler ■ und zionistischer Betätigung auf. denn es sei in erster Linie der zionstischen Partei zu verdanken, daß die jüd'schen Studenten sirii zusammengeschlossen haben und zum Bewußtsein ihrer jüdischen Würde gelangt sind. Der Redner erwähnte auch die schmähliche Haltung der meisten jüdischen Hodischul'ehrer, derentwillen zum großen Teile die jüdische Studentenschaft verfolgt werde. Hierauf verlas Student Ornstein einen vom Hochschulausschuß an die jüdischen Hochsrhu1lebrer gerichteten Zirkularbrief, in welchem die jüdischen Professoren an ihre Pflicht, dijüdische Studentenschaft im schweren Kampfe zu unterstützen, erinnert w-’-de’’. Cand. iur. W a 1 d m a n n verlas hierauf folgende Resolution, welche einstimmige Annahme fand: ,.Dic am 27. Mai im Hotel Continental ver- : sammelten jüdischen Hochschüler protestieren gegen die bisher seitens des akademischen Senates geübte Praxis zufolge welcher die beleidigenden, auf dem Boden des Waidhofner Prinzips stehenden deutschnarionalen Hochschü'er nicht zur Verantwortung gezogen, die in Ehrennotwehr handelnden jüdischen Studenten jedoch relegiert wurden. Die Versammelten fordern den akademischen Senat auf, schleunigst die in den Memoranden der jüdischen Studentenschaft enthaltenen Forderungen zu erfüllen. Schließlich sprechen die Versammelten dem jüdischen Hochschulau^scliuß für seine bisherige Tätiekeit Dank und Vertrauen aus und geloben, im Kampfe um ihre gerechten Forderungen zu verharren, wobei sie' ausdrücklich erklären, daß sie auch vor den weitgehendsten Konsequenzen nicht zurüdkschrecken.“ . Nach einem kurzen Schlußworte des Vorsitzenden Ing. Buchbinder wurde die Versammlung, welche einen äußerst würdigen und von hoher Disziplin zeugenden Verlauf genommen hatte, geschlossen. Die fleuffdinafionalen Raufereien an der Universität und der Wiener Kultusvorstand. Die zionistischen Kultusvorsteher D r. Jakob E h r I i c h und Ob.-Ing. Robert Stricker haben in der Sitzung des Kultusvorstandes vom 25. d. M. folgenden Antrag überreicht: „Die Wiener jüdische Studentenschaft führt seit Jahren gegen eine gewalttätige deutschnationale Majorität auf akademischem Boden einen mannhaften Kampf um die jüdische Ehre. Im Jahre 1896 hat die deutschnationale Studentenschaft in' ihrer überwiegenden Mehrheit aut einer Tagung in Waidhofen alle jüdischen Volksangehörigen als „von Geburt aus“ ehrlos erklärt und sie nimmt seither für sich das Recht in Anspruch, Juden zwar beleidigen zu dürfen, jede Sühne für die angetanen Beleidigungen aber mit dem Hinweis auf diesen Beschluß zu verweigern. Die akademischen Behörden nehmen seit einiger Zeit der jüdischen Studentenschaft gegenüber eine sonderbare Stellung ein: Sie duldendes zwar, daß sich die deutschnationalen Studenten unter Zugrundelegung des bübischen Waidhofner Prinzips organisieren, bestrafen aber und relegieren sogar jene jüdischen Studenten!, welche dei feigen Beleidigern die wohlverdiente Züchtigung angedeihen lassen. Diese unhaltbaren Zustände veranlassen uns im Hinblick auf die von den deutschnationalen Studenten in den letzten Tagen verübten Brutalitäten den Antrag zustellen, der Kultusvorstand möge folgenden Beschluß fassen : Der Wiener' israelitische Kultusvorstand erklärt die durch den sog. Waidhofner Beschluß, welcher die Juden als von Geburt aus ehrlos brandmarkt, auf den Wiener Hochschulen geschaffenen Zustand als gesetzwidrig und unhaltbar. Der Waidhofner Beschluß, welcher die ganze jüdische Gemeinschaft als jeder Ehre bar bezeichnet, fordert zur Verachtung der jüdischen Glaubens- und Stamhiesgenossenschaft auf und : ist somit geeignet, die Interessen der jüdischen Staatsbürger aufs schwerste zu gefährden. Dieselben deutschnationalen Studenten, we'che sieh unter Betonung des Prinzips der Ehrlosigkeit aller Juden in einer großen Anzahl von akademischen Vereinen organisieren, werden nach Absolvierung ihrer Studien Lehrer, Richter und Verwaltungsb ea mf e. Der in der Zeit der größten Empfänglichkeit zur Verachtung des Judentums systematisch erzogene Lehrer, Richter und Verwa'tunpfsbeamte kann dem jüdischen Schüler und dem’ jüdischen Bürger unmöglich objektiv und wohlwollend entgegentreten. Bleibt erd deh sogar satzungsgemäß verpflichtet, alle Juden für sittlich minderwertig zu halten. Der Wiener israelitische Kultusvorstand legt aus ' diesen Erwägungen beim' k. k. Unterrichtsministerium entschiedenst Verwahrung dagegen ein, daß auf den österreichischen Hochschulen Korporationen zugelassen werden, welche den sog. Waidhofner Beschluß zum Organisationsprinzip erhoben haben. Der Kultusvorstand erhebt weiters Protest dagegen, daß die. Unterriidi.fsbehörden es einerseits dulden, daß die''deüfschnationale Studentenschaft den jüdischen ijfudenten die Ehre abspricht, hingegen jene jüdischen Studenten mit Disziplinarstrafen: b,eiegen, welche sich gegen ihre Beleidiger zur Wehre setzen. Der Kultusvorstand spricht schließlich sein Bedauern darüber aus, daß die akademischen Behörden seit Jahren die gegen die Behandlung der luden auf akademischem Boden gerichteten Beschwerden der jüdischen Studenten unberücksichtigt lassen und verlangt energischen Schutz der jüdischen Studenten vor den sich ständig wiederholenden Übergriffen der Deutschnationalen. -' Wir stellen ferner den Antrag, diesen Beschluß dem'-k. k. Unterrichtsministerium und dem Ministerium des Innern mitzuteilen.“ Noch bevor dieser Antrag zur Verlesung kam, erklärte der . Präsident D r. Stern, daß er beim1 UnterrichtSrninister und, fa'Is notwendig, auch beim Ministerpräsidenten vorsprechen werde, um' Schutz der jüdischen Studentenschaft zu verlangen. . Unter Beruhmg auf diese Erklärung sprachen einige Mitglieder des Kultusvorstandes die Ansicht aus, es könnte mit der beantragten Resolution der Aktion des Präsidenten vorgegriffen werden und es sei deshalb die Beschlußfassung zu vertagen, bis der Bescheid des Ministers vorliegen würde. Hierauf wurUe — gegen die Stimmen der beiden Zionisten — die Beschlußfassung vertagt. Kultusvorstelier B r o d sprach sein Bedauern darüber aus, daß die Kultusgemeinde bei der großen Demonstrationsversammlung der jüdischen Bürgerschaft im' Hotel Kontinental, welche außerordentlich imposant und würdig verlaufen sei, nicht offiziell vertreten war. Präsident D r. Stern gab hierauf die Antwort, er sei genügend informiert, er brauche nicht in Versammlungen zu gehen. Wir glauben jedoch, daß der Vorstand der Kultusgemeinde dort, wo ein Kampf um: die jüdische Ehre geführt Iwird, nicht fehlen sollte. Es wurde ihm' auch die Berührung mit unserer studentischen Jugend nicht schaden. Man kann von ihr lernen, wie man für jüdische Interessen mit Leidenschaft und Energie eintritt und diese Kenntnis ist sehr von Nutzen. Würde der Kultusvorstand seine Aufgabe erfassen, Wüßte er an der Spitze unserer Jugend marschieren; er begnügt sich jedoch damit, iljr bedächtig und retardierend nachzugehen. Wien, II., Taborstr. 17 [Hirschenhaus] empfiehlt sich zur Einrichtung von Vereins- und Schulbibliotheken, sowie Lieferung von Büchern jeder Art. Antiquariat. Provinzversand. Blätterstimmen über die Vorgänge an der Wiener Universität. Ueber die niederträchtige Feigheit und Roheit der deutschnationalen Studenten regt sich nunmehr auch in deutschen Blättern, welche den Jüdischnationalen sonst sehr feindlich gegenüberstehen, die Entrüstung. Im Wiener „Morgen“ schreibt Dr. Emil von Hoffmannstal: Akademische Ehre. Im Frühjahr prügeln sich die wilden Volksstämme am Balkan und die Studenten an der Wiener Universität. Das ist ein alter heiliger Brauch, den wir ebenso zu respektieren haben, wie die Polizei den akademischen Boden. Die deutschnationalen Studenten haben die schäbigste ihrer Waffen, den Waidhofner Beschluß, frisch geputzt, schimpfen und beleidigen flott darauf los und sagen nachher, sie gäben keine Satisfaktion, „weil die Juden aller Ehre bar“ seien. Man mag über die Art der Genugtuung denken, wie man will, über diese Art der Genugtuungsverweigerung kann m'an nur einer Meinung sein. Mit derselben Begründung wurde ich in einer Versammlung niedergeschrieen, nachdem die anderen Argumente erschöpft waren. Also recht bald. Und der Hauptschreier, den ich' erst durch längeres, unhöfliches Zureden bewegen konnte, sich als den Ru'er zu bekennen, hatte nicht so ganz unrecht . Unsere Ansichten über Ehre gehen wirklich auseinander. Ich halte es für ehrlos, Frauen zu ohrfeigen und mit Jauche zu begießen, wie es in Graz geschehen ist; ich halte es für ehrlos, zu beleidigen und dann Genugtuung zu verweigern, wenn es auch n:cht r>ie mit den Waffen sein muß; ich halte auch ‘olgenden Vorfall für ehrlos: an jenem' denkwürdigen Schlachttag an der Universi+ät warteten die Deutschnationalen gegenüber den jüdischnationalen ruhig stundenlang, bis sie in der achtfachen Ueberzahl waren. Dann fielen sie mit allen möglichen Werkzeugen, Totschlägern und Gummiknütteln über sie her, wobei sie für "i-ea ausrriebi'Ten Schichtwechsel sorgten, den sich die Jüdischrationalen nicht leisten könnten. Als sich eine" der letzten infolge der Atmosphäre, in der er stundenlang ausgeharrt hätte, und der Mißhand’ungen ohnmächtig wurde, lud ihn einer seiner Genossen aut die Schultern, um1 ihn hinauszutragen. Da bildeten die Deutschnationalen eine Gasse, um1 ihn durchzutassen, .wohl in der echt germänisch-ritterlichen .Empfindung, dab man dem wehrlosen Gegner freien Ab-