Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438432-2438454--3613-2443393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 22 lieh' einmal in einem jüdischen Zentrum abzühalten. , Herr Cowen wettert weiterhin gegen die „Heimlichkeit“ des Engeren Aktionskomitees. Sofern es sich um die Richtlinien der zionistischen Politik handelt, wie sie oben gekennzeichnet wurden: innigste Interessengemeinschaft mit der Türkei, Neutralität gegenüber allen Mächtegruppierungen, Erwerbung des Wohlwollens aller iMächte, liegen sie klar zu Tage und sind des öfteren vor aller Oeffentlichkeit, insbesondere auf den Kongressen, dargelegt worden. Der Vorwurf der „Heimlichkeit“ ist daher ein ungerechtfertigter. Meit aber Herr Cowen, daß das Engere Aktionskomitee alle Schritte, die es in Durchführung dieser Politik macht, an die große Glocke hängen soll, dann möge er aufhören, sich selbst als einen „Politiker“ zu bezeichnen, er wäre dann der unpolitischste Kopf, über den die Bewegung verfügt. Herr Cowen behauptet ferner, es sei „beunruhigend“, daß die gesamte Administration „bezahlten Beamten,, Sekretären und .Untersekretären“ überlassen Werde. Er erweist durch diese Kritik, daß er nicht nur ein schlechter Politiker, sondern auch ein schlechter Verwalter ist. Wir betrachten es als ein Hauptverdienst des Engeren Aktionskomitees, den Grundsatz duchgeführt zu haben, daß in Verwaltungsdingen und in allen übrigen Ressorts die laufende Arbeit durch ständige Kräfte, die der Sache ihre ganze Zeit widmen, verrichtet werde, nicht aber von freiwilligen Hilfskräften, die nur bei Gelegenheit mithelfen können und zeitweise ganz versagen. Durch das System der Schaffung eines zionis'ischen Beamtenstabs — ein System, das schön die vorige Leitung inauguriert hat — ist die Arbeit in den Zentralstellen so klaglos und fruchtbar verrichtet Worden, daß in deh 2 Jahren des neuen Regimes darin mehr geleistet wurde, als sonst in fünf. Wir in Oesterreich haben seit Bestand der Organisation, also in 16 Jahren, zusammengenommen nicht soviel Unterstützung in unserer Arbeit seitens der Zentrale gefunden, als seit Etablierung des neuen Regimes. Die Sekretäre und Beamten, weiß Herr Cowen sehr gut, arbeiten aus Begeisterung für die Sache und begnügen sich mit dem sehr geringen Entgelt für ihre Arbeitsleistung welchen die zionistische Organisation ihnen bieten kann. Dafür ist ihnen der tiefste Dank aller Zionisten sicher, mit Ausnahme vielleicht des Herrn Cowen, der wahrscheinlich auch den englischen Ministern, Staatssekretären etc. verübelt, daß sie „Bezahlung“ annehmen! Herr Cowen täte gut, den Mund nicht gar so voll zu nehmen. Denn er ist ja nicht nur Kritiker der zionistischen Politik und Verwaltung, sondern er hat selbst, als Direktor der Bank, Gelegenheit, die Ueberlegenheit seiner Pläne und Gedanken zu erweisen, wobei er aber schon gestatten muß, daß an seiner Tätigkeit ebenso scharfe Kritik geübt werde, als er sie fortwährend praktiziert. Die Bank ist das einzige zionistische Institut, das noch vorwiegend von jener Gruppe von Zionisten verwaltet wird, die sich gerne in einen Gegensatz zur heute herrschenden stellt und die „politische“ nennt. Wie sieht es nun mit der Leitung der Bank aus? Schon die Unpopularität dieses Volksinstitutes beweist, wie weit es von dem entfernt wurde, was Herzl aus ihm machen wollte. Welcher Zionist hat eine lebendige Vorstellung vom Jewish Colonial Trust, etwa eine solche, wie von den Schöpfungen Warburg-Ruppins, welche die „Politiker“ so verlästern, der P.-L.-D.-C. zum BeisDiel? Und woher stammt das? Lediglich aus dem vollkommenen Versagen der Leitung der Bank, die nicht verstanden hat, dieser auch nur eine rein kommerzielle. Position zu erringen. Infolgedessen war es von jeher das Bestreben der einsichtigen Zionisten, möglichst alle Gelder der Bank nach Palästina zu überführen, in das .glänzend geleitete Tochterinstitut, die Anglo Palestine Cy. ln der Bankdebatte am neunten Kongreß wurde auch ein dahingehender Antrag von Julius Simon angenommen, der aber bis heute noch' nicht vollständig durchgeführt worden ist. Immerhin sind schön etwa 3/4 der Mittel der Kolonialbank nach Palästina überführt worden, so daß die Eigenbedeutung der von Herzl mit so großen Erwartungen ge- Q JÜDISCHE ZEITUNG schaffenen, von Herrn Cowen und seinen Freunden, die sich stets als die wahren Erben Herzls bezeichnen, so glanzvoll geleiteten Bank sehr stark reduziert erscheint. ’ Fast komisch muß es daher berühren , wenn Herr Cowen, der wahrscheinlich richtig voraussieht, daß der nächste/ Kongreß nicht gewillt sein wird, die Leitung'der Bank in den bisherigen Händen zu lassen, sidh gegen diese Perspektive dadurch schützen will, daß er — wie zwei assimilatorische Hetzblätter berichten — prophezeit, das Engere Aktionskomitee, falls es die Leitung der Bank erhielte .werde diese, dem finanziellen Ruin ausliefern. Es muß daran erinnert werden, daß es gerade in den früheren Zeiten unter der Herrschaft der Freunde Cowens üblich war, die Defizite der Zentrale durch Anleihen bei der Bank zu decken .während das jetzige Engere Aktionskomitee imstande war, durch Inaugurierung des Zentralfonds sich alle Mittel zu beschaffen, die es braucht, ohne jene der Bank in Anspruch zu nehmen. Die so scharf kritisierte neue Leitung fand in solchem Maße das Vertrauen (der Zionisten, daß diese sich gerne für ihre Zwecke hoch besteuerten, während frühere ähnliche Versuche fast immer gescheitert sind. Meint aber Herr Cowen, daß die Bank durch schlechte Geschäfte, „ruiniert“ werden würde, so soll er doch einmal die Erfolge seiner Direktionsführung aufweisen. Der Bankfachmann der E. A. C., Herr Dr. Jacobsohn hat durch seine Leitung der Anglo Levantine Banking Cy erwiesen, daß; er sein Fach: versteht. Diese Bank ist unserrentabelstes Unternehmen, das auch trotz der jahrelangen Kriegszeiten in der Türkei keine erheblichen Verluste erlitt. Und wenn vielleicht Herr Cowen meint, eine Beteiligung der Bank am „Bezalel“ sei viel weniger wichtig als Eskompte- und Warengeschäfte in Rußland zu machen, wie jetzt, so dürfte er kaum viele Zionisten für seine Ansicht gewinnen können. Nach den glänzenden Leistungen der neuen Leitung ist es ein starkes Stück, so zu sprechen, wie es Herr Cowen tat. Die "'Antwort wird ihm der elfte Kongreß nicht schuldig bleiben. Wir glauben, daß aus dem Kläger ein Angeklagter werden und der Kongreß mit den sogenannten „Politikern“ gründlich abrechnen wird. Die Protestuerfammlung der jüöitöien BöpgepiAaft. Am1 Samstag, den 24. Mai, fand im Hotel Continental eine Versammlung jüdischer Bürger statt, in welcher die Vorgänge am der Wiener Universität besprochen und. gegen die Haltung der akademischen Behörden in der Angelegenheit des Waidhofner Prinzips protestiert wurde. "Präzise um1 1/29 Uhr wurde die Versammlung, welche einen Massenbesuch aufwies, eröffnet. Vor 8 Uhr waren ca. 800 jüd. Studenten in Viererreihen aus dem1 IX. Bezirke über den Kai zum Versammlungslokale aufgezogen. Ein Teil der Studenten hatte vorerst den ganzen Saal besetzt und verlieh dann auf Geheiß des Präsidenten des Z. K. Dr. Karl Pollak, der zum' Vorsitzenden äusersehen war, willig die Plätze, um' den heranström'enden Scharen von Burgern Platz zu machen. Die meisten Studenten aber hatten sich vor dem' Saaleingang postiert, wo sie eine Gasse für die Einlaß Begehrenden bildeten. Das taten sie namentlich aus dem Grunde, weif zu befürchten stand, daß die deutschnationalen Studenten einen Sprengungsversuch unternehmen würden. Diese Befürchtung erwies sich als grundlos; die Vorkehrungen und das Arrangement der Versammlung erbrachten jedoch den Beweis, welch stramme Manneszucht in den Reihen der jüdischen Studenten herrscht. Während sich vor dem Lokale hunderte Personen stauten, weil sie wegen Platzmangel keinen Einlaß fanden, nahm im vollgestopften Saale die Protestversammlung ihren Verlauf. Der Vorsitzende Dr. P o 11 a k ersuchte zunächst die Erschienenen, einen ungestörtep Verlauf der Versammlung zu ermöglichen und ungestüme Aeußerungen der Entrüstung über die skandalösen Vorgänge zu unterdrücken. Dieser Aufforderung wurde trotz des außergewöhnlichen Massenbesuches und trotz der begreiflichen Erregung in mustergiltiger Weise entsprochen. Der erste Referent, Inspektor Fried, erinnerte an die Freiheitskämpfe im Jahre 1813, deren Hundertjahrfeier in allen deutschen Gauen, somit auch in der Leopotdstadt begangen werdet Schon nac hdem Jahre 1813 bewiesen die deutschen Studenten, von welch unduldsamem, antisemitischem Geiste sie erfüllt sind. Ehe deutsche Seite 3 Studentenschaft ist sich inbezug auf die Juden immer treu geblieben. Allerdings wurde 1813 kein Waidhofner Prinzip aufgestellt, denn es gab noch keine wehrhaften jüdischen Studenten, welche den deutschnationaten Beleidiger empfindlich zu züchtigen verstanden. Als jedoch, dank der jüdisch-nationalen Bewegung, ein junges und starkes, wehrhaftes jüdisches Studentengeschlecht herangewachsen war, da erfand man das Waidhofner Prinzip, welches für die Beleidiger sehr bequem ist, da es sie vor den Konsequenzen ihres frechen, judenfeindlichen Benehm'ens schützt. Diese Methode ist aber nichts anderes als hereditärer Hooliganismus. Denn .ein Hooligan ist ein Verbrecher, der Schandtaten ohne Furcht vor Strafe begeht, somit im Vergleich zum gewöhnlichen Strolch, der auf eigene Gefahr handelt, viel niedriger und feiger ist. Was gegenwärtig an der Universität geschieht, ist die brutalste Verhöhnung alles Rechtsgefühtes und wer kein Rechtsgefühl besitzt, der hat auch keinen Charakter. Die Universität sollte aber nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch den Charakter bilden. Der akademische Senat hat aber bis jetzt keine Veranlassung genommen, auf den Charakter der deutschnationalen Studentenschaft veredelnd einzuwirken. Am Schlüsse seines Referats drückte Inspektor Fried der jüdischen Studentenschaft die Sympathien der jüdischen Bürgerschaft, welche aut ihre Hochschuljugend stolz ist, aus und forderte die Studenten auf, im gerechten Kampfe auszuharren. Bevor der nächste Redner, Student G r ü nb a u m, das Wort ergriff, verlas Dr. P o f 1 a k eine Begrüßungsdepesche der Brünner jüdischnationalen Studentenschaft, sowie .die Entschuldigungsschreiben der jüdischen Hochschullehrer Ehrmann und Königstein, von welchen der erste mitteilte, daß er ebenso wie die jüdischen Studenten sich durch die Vorgänge an der Universität aufs! tiefste beleidigt führe. Student Grünbaum schilderte die praktischen Konsequenzen des Waidhofner Prinzips. Oft werde ein jüdischer Student von einem1 deutschnationalen Kollegen angerempelt. Gestellt, erklärt dann der „Waidhofner“, daß er Juden prinzipiell keine Satisfaktion gebe. Man hat in solchen Fällen keinen anderen Ausweg, als dem frechen Beleidiger mit einem Faustschlag zu antworten. Da kommt aber das Bezirksgericht und verurteilt den jüdischen Studenten. Ueberdies zeigt der Deutschnationale den Juden beim Rektorat an. Der akademische Senat aber relegiert daraufhin den jüdischen Studenten, zieht jedoch den deutschnationalen "Beleidiger nicht zur Verantwortung. Es ist kein Fall vörgekomm'en, in dem auch der Deutsch nationale relegiert worden wäre. Der Redner schloß seine Rede mit folgenden Worten: „Ich habe das Mandat erhalten, im Namen der jüdischen Studenten gegen den VorwurT zu protestieren, als ob wir gegen den deutschnationalen Charakter der Wiener Universität ankämpfen würden. Wir demonstrieren gegen _die Anhänger des Waidhofner Prinzips, ln zwölfter Stunde richten wir an den Senat die Bitte, uns die Gleichberechtigung zu geben, die uns als unser gutes Recht gebührt. Wir versichern, daß der Kampf von uns mit allen gebotenen Mitteln, jedoch als Gentlemen fortgeführt werden wird. Er wird aber erst dann enden, wenn der letzte jüdische S+udent von der Universität relegiert sein \vird.“ Der letzte Redner, Dr. Fri+z Löhner, verweist auf die Hinterhälti ricei1der Kampfmethode der deutschnationalen Studentenschaft, die erst dann angreife. wenn sie sich in vielfacher Ueberzahl befinde. Der Redner zieht dann eine Paratelle zwischen den gleichfalls zum großen Teile antisemitischen reichsdeutsch“n und Wiener Studenten. die alle schlechten Eigenschaften in siQ$| potenziert haben. Uebrigens spie'en, meinte Dr. Löhner, im gegenwärtigen Kamnfe auch die politischen Drahtzieher eine große Rolle. Diesen sei es sehr angenehm, daß die Rauflust der Deutschnationalen, die sich in Graz gegen die Klerikalen geäußert habe, in Wien auf die Juden abgelenkt werde. Dr. Löhner erwähnte auch, daß das Verhalten mancher Mitglieder des akademischen Senates zum schärfsten Proteste herausfordere. Hierauf verlas Dr. Alfred L ö w y, der Obmann des zionistischen Verbandes ehemaliger Hochschüler, folgende Resolution, welche begeisterte, einstimmige Annahme fand. „Die am 24. Mai 1913 versammelten jüdischen Bürger Wiens sprechen dem1 akademischen Senat wegen seiner bisherigen parteiischen Stellungnahme ge^en die akademischen Rürger jüdischer Nation ihre Mißbilligung aus. Der akademische Senat hat seit 17 fahren durch sein Schwellen gegenüber dem emuörendenWaidhofner Besch’usse, „Juden sind von Gebu-t jeder Ehre bar“ sowie dadurch, daß er indische Studenten. die zur Ehrennotwehr griffen, unnachsichtlich mit Relegation bestraft, anstatt ihnen den Milden: ngsorund des unwiderstehlichen Zwanges zuznbilh^en, den Terrorismus der deutschnatinna'e-’ S‘u'fe*>^en begünstigt und'großgezogen. Die Versamm'ung fordert die Unterrichtsverwaltung auf, die von ihr theoretisch anerkannten Gleichberechtigung ehestens in die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.