Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Nr. 22 zug gewährt. Aber als der jüdische Student mit seiner Last in der Mitte der Gasse war, er allein inmitten von Hunderten, da schlossen die Herren die Gasse und droschen auf den Ohn- 1 mächtigen und auf den durch seine Last Wehrlosen los. Ich kenne aus der Geschichte der Kämpfe mit den wildesten Völkerschaften kein ' Beispiel ähnlicher Niedrigkeit, Falschheit und '.tierischer Roheit. Als der tschechische Straßenpöbel in Prag die deutschen Studenten attakierte, ist es doch gewiß roh hergegangen. Aber der nichtakademische Pöbel hat nichts getan, was an diese Gemeinheit heranreichte. Eine solche Handlungsweise halte ich nicht nur für brutal und bestialisch, sondern für ehrlos. Und -hierin sind die Herren anderer Ansicht. Daher haben sie recht; wir -haben eine verschiedene Ehre. Und ich' bin stolz darauf. Es gab eine Zeit, da gaben die Studenten derrt Volk ein Beispiel, ein lehrreiches, herzerhebendes Beispiel. Diese Zeiten sind wiedergekehrt. -Allerdings dürfte nur ein Teil des Volkes, die Plattenbrüder von den wissenschaftlich ausgebildeten Methoden ihrer akademischen Kollegen profitieren, der andere Teil muß sich - mitder herzerhebenden Wirkung begnügen. Jedes Volk hat die Studenten, die es verdient. Es wird nicht mehr ■ lange dauern, und viele werden ihr Doktordiplom verstecken, weil diese ' Propinationspächter der akademischen Ehre auch eines haben werden. Zionisten auf Bestellung. Eine bei den Gegnern der zionistischen Partei sehr beliebte Methode besteht darin, unzuverlässige, aus der Partei längst eliminierte Persönlichkeiten zu „hervorragenden Zioi’isienführem“ zu stempeln und sie dann in ihren Zeitungen und Versammlungen als „objektive Beurteiler“ auf die zionistische Partei schimpfen zu lassen. Uns Wiener Zionisten wurden schön oft’ solche Subjekte entgegengehalten. Anläßlich der Sombartaffäre war es z. B. Dr. Simon Ber n f e 1 d (Berlin), welcher in Blochs „Oester- 'Veichischer ' Wochenschrift“ als , herv-oiragender Zionist“ gegen die zionistische Partei in Wien losgelassen wurde. Nunmehr gibt uns eine Polemik im Kölner Israelitischen Gemeindeblatt Gelegenheit zu zeigen, was für ein Subjekt dieser Dr. Bernfeld ist, welcher den österreichischen Juden als „objektiver und hervorragender Zionist“ aufgetischt Wurde. Bekanntlich hat der reichsdeutsche Zentralverein deutscher Staatsbürger mosaischen Glaubens vor wenigen Wochen die Zionisten als „Vaterlandsverräter“ denunziert und zwar bei der ohnehin schon genug antisemitischen preußischen Regierung. Geholfen hat dem Vereine hiebei wieder der famose „hervorragende Zionist“ Dr. B e r n f e 1 d, der u. A. in einem Artikel im obgenannten Blatte die Behauntung aufstellte, daß die Zionisten für die Taufe agitieren! Gegen diese wahnwitzige Verleumdung ließ der Zionist Heinrich Löwe im gleichen Blatte an den Lügner Bernfeld folgende Aufforderung ergehen: Herr Dr. Simon B e r n f e 1 d behauptet, „daß sich unter den Zionisten auch eine perverse Klicke befand oder sich' noch befindet, die versteckt und offen für die Taufe Propaganda macht“. Er bedient sich dabri der an solcher Stelle ganz merkwürdigen Redensart: „Davon möchte ich jetzt vorläufig nicht sprechen“. Denn bei einer solchen haarsträubenden Beschuldigung gibt es nicht die Ausrede, „jetzt vorläufig nicht davon sprechen zu wo’len“, um damit anzudeuten, daß aber später die großen Enthüllungen kommen werden. Zu - dem Gedächtnis’ des Herrn Dr. Bernfeld haben wir nicht das Vertrauen, daß er es nicht vergessen wird, später darauf zurückzukommen, und daß diese furchtbare Beschuldigung unbewiesen über dem1 Haupt jedes Zionisten hängt. Denn, wenn man solche Behauptung aussprechen würde, ohne sie zu beweise?, ohne auch nur den Schatten eines Beweises herbeibringen zu können, um sich nachher auszuschweigen, so wäre das eine Kampfesweise, die wir in unseren Ländern nicht "mehr in Gebrair’h haben. Gegen eine solche no’itische Brunnen”er<rifhing gäbe es keine Abwehr. di<* scharf genng wäre. Aber Herr Bernfeld ist offenbar der Meinung, daß uns solche Leute bekannt sind, dem sonst könnte er nicht verlangen: ,.W°nn je, so wäre -indiesem Falle ein glatter Hinauswurf nicht nur angebracht, sondern sogar dringend geboten.“ Das heißt, er kennt sie, wir aber nicht! So lange wir keine Namen kennen, so lange kann jeder Zionist diese ungeheure Beschuldigung auf sich selbst beziehen. Ich aber habe keinen Grund, das des Herrn Bernfeld wegen zu tun. Darum fordere ich ihn klar und unzweideutig auf, was allein die Plicht bei solchen schweren Beschuldigungen ist: Namen nennen! Wenn Herr Bernfelu Namen, nennt, und es sich ergibt, daß die Träger dieser Namen „sich im Zionismus befinden und verdeckt und offen für die Taufe Propaganda machen“, so werde ich dafür sorgen, daß „der glatte Hinauswurf“ alsbald erfolgt. Aber dazu muß! Herr Bernfeld die Namen nenne.?, muß sie öffentlich nennen, wie er öffentlich die ungeheure Beschuldigung ausgesprochen hat, die so lange jedem Zionisten gilt, bis sie Herr Bernfeld auf die Schuldigen einschränkt, die er an dieser selben Stelle mit Namen nennen muß. Für den weiteren Hinauswurf werde ich dann die Sorge tragen. Nur muß auch die Beschuldigung zu erweisen sein .Nennen Sie die Namen, Herr Dr .Bernfeld, geben Sie uns ebenso öffentlich das Material und ich werde den „glatten Hinauswurf“ mit derjenigen Entschiedenheit besorgen, die Sie an mir kennen, wenn es gilt, schmutzigen Charakteren zu zeigen, daß ich mit den Schmutzkerls keine Berührung haben will. In der nächsten Nummer des „Israelitischen Gemeindeblattes“ nenne Herr Bernfeld die Namen! ,, Heinrich Loewe. Es ist nun charakteristisch wie der Lügner Bernfeld auf diese Herausforderung antwortet. Er schreibt im gleichen Blatte: „Die obenstehenden Ausführungen des Herrn Dr. Lcewe habe ich an einer Stätte inachgeschickt bekommen, wo ich den Erinnerungen an Goethe nachlebte, und mir jede Gehässigkeit und literarische Klopffechterei, die zionistische inbegriffen, fernhalten' möchte. Aber eine publizistische Pflicht erfüllend, habe ich die Replik des Herrn Dr. Loewe,'• dieses stolzen Vertreters des AltpreußentumsJ mit Aufmerksamkeit gelesen. Ich fand, daß er alle meine Vorwürfe gegen die Zionisten in Deutschland in der Sache bestätigt, dasjenige aber, was ich als einen sittlichen Mangel hinstelle, seinerseits für eine Tugend erklärte. Was ist darauf zu erwidern? Ich überlasse das Urteil ruhig dem Leser. Ich halte es tief unter, meiner Würde, mich in eine Polemik einzulassen, die mit solchen häßlichen Mitteln eröffnet ..wurde, oder Herrn Loewe gegenüber meine ‘ Bedeutung in der Wissenschaft zu betonen .Wenn Herr Loewe behauptet, ich sei einmal nicht Zionist gewesen, dann aber Zionist und jetzt wieder nicht Zionist, so erwidere ich ihm darauf, daß ich immer Zionist war, wenn man unter Zionismus die Kenntnis des Judentums und die Liebe zu Judentum verstehen, will. Was die zionistischen Gigerl betrifft, die offen und verst’eckt die Taufe unter den Juden propagieren, so kennt man sie in den zionistischen Kreisen nur zu gut. Auf meine Enthüllungen braucht man da nicht zu warten. Im übrigen werde ich auf diese Angelegenheit noch zurüchkc-mmen, wenn ich zum Alltagsleben zurückkehre .Man kann nicht immer unter Palmen wandeln . Berka bei Weimar, den IS. Mai 1013. Dr. Simon Bernfeld. Der Lump, der „den Erinnerungen Goethes nachlebt“, weigert sich Beweise für seine boshaften Verleumdungen zu erbringen. Und so sehen sie alle aus, diese „hervorragenden und objektiven Zionisten, welche vom offiziellen Judentum gegen den Zionismus ins Treffen geführt werden! Soeben erschienen: Neue Palästina» Ansichtskarten. Sechs Sujets aus dem .Leben der jemenitischen Juden. Ferner: Sechs der schönsten Reproduktionen aus dem Werke ,Palästina im Bild*. Preis einer Serie (12 St.) K 1.20, Porto 5 h Wiederverkäufer und Engrosshten erhalten bedeutenden Rabatt. Zn beziehen durch die Ansichtskarten-Abt der „Jüdischen Zeitung“, 11., Karmellterplatz 1. Rus dem jüdiidien Leben. Ein jüdische- Boykott. Der Jewish Chronicle berichtet, daß die jüdischen Gemeinden von Radom, Kieltze und anderen polnischen Orten den Fischgenuß boykottieren, seit sie erfahren haben, daß die Besitzer der polnischen Fischteiche der polnischen antsemitischen Boykottbewegung angehören. Der Rabbi von Pobianitz hat einen Todesdrohbrief erhalten, für den Fall, als die Juden den Boykott nicht aufgeben. Dafür aber hat eine polnische Frauenkonferenz beschlossen, den Boykott gegen die Juden mitzumachen. Gegen die Verunglimpfung von Juden auf der Bühne. Die amerikanischen Juden haben dieser Tage eine Aktion inaugurierte, welch auch in Europa nachgeahmt werden sollte. Es ist das die energische und tatkräftige Stellungnahme gegen den in Amerika überhandnehmenden Unfug, unter dem Vorwände jüdische Charaktere - darzustellen, die Juden auf der Bühne zu verunglimpfen. Diese Aktion hat in Chicago bereits feste Formen angenommen, indem sich dort eine Liga der jüdischen Theaterbesucher gebildet hat, mit dem Zwecke, jene Theater und Varietees, auf deren Bühnen jüdische Charaktere in tendenziös entstellter und verhöhnender Weise dargestellt werden, zu boykottieren. Die Liga hat zu diesem' Zwecke einen Ueberwachungsdienst eingesetzt, der ausgezeichnet funktioniert. Da auch in Amerika die Juden zu den fleißigsten Theaterbesuchern zählen, wird diese energische Abwehr ihren Zweck nicht verfehlen. Zur Beilis-Affaire. K i e Die Gu+achten westeuropäischer Gelehrter z:-m Fa’t Justschinsky haben den Anklagebehörden nicht geringe Verlegenheiten bereitet. Die Herrschaften, die sich in ihrem beschränkten Beamtendünke' über die Meinung der fortschrittlichen Kreise Rußlands voll Ueberhebung hinwegsetz-w genieren sich eben doch ein klein wenig vor Eurona .Zunächst wurde also die „patriotische“ Presse in Bewegung gesetzt, die ihren Lesern nach bewährten Mustern klarzumachen suchte, daß die Koryphäen der europäischen Wissenschaft, di? an den famosen Gutachten der Sikorski, Tufanow und Obo'onskv vernichtende Kri‘ik geübt hnpen. samt und sonders Juden oder von den Juden bestochen seien. Da dieses törichte Märchen aber in der Oeffentlichkeit keinen G'anben fand griff ma", um die große Blamage wettzumachen, zu k'ein'ichen Repressalien . D-r Redakteur der „Kiewskaja Mvsl“ und sein Mitarbeiter Atschkasoff wurden angeklagt, daß sie vor der Hauptverhandlun«- Teile der in de- Sammlung enthaltenen Un+er=uehunr'Sakten vercff?n‘licht hätten. An Ste'Ie der zweiten Anklageschrift wird nunmehr wohl ei-e dritte treten. Leicht dürft” es jetzt den besellten StaatsanwäPen und Untersuchungsrichtern nicht fal'en. Da wird wohl noch unter Vorsitz des Justizministers Stscheglowitow der große Kriegsrat nochmals tanen und die Frage beraten, wie ma? nach den Gutachten von Forel, Bleuler, Meyer, Haberda, Ziemke, Lacassagne, Penner u. a. die „Ritualmordaffäre“ noch zu retten vermag. Vorläufig hat Beilis die Anklageschrift noch immer nicht erha'ten, wenn auch Gerüchte im Umlaufe sind, daß das Gericht wiederum zu seinen Ungunsten entschieden hätte. Jedenfalls wird die Verhandlung wohl kaum vor dem Herbst stattfinden; vielleicht bringt es die amtliche Verschleppungstaktik sogar fertig, den armen Beilis noch bis zum nächsten Frühjahr in Untersuchungshaft schmachten zu lassen. * General v. Rennerdcampf und die Wilnaer Juden. Petersburg. In letzter Zeit häufen sich die Ma-'senausweisungen von Juden aus verschiedenen Gebieten des russischen Reiches. Ein soeben e-lassener Befehl des Kommandierenden des Wilnaer Mi'itärbezirks Generals v. Rennenkamnf bietet einen Beweis für di? Tatsache, daß die Judenverfolgung auch auf anderen Geboten gegenwärtig in Rußland mit Hochdruck betrieben wird. Der General verbietet den Offizieren, sich auf der Straße sowie in öffentlichen Lokalen in Gesellschaft jüdischer Bekannter zu zeigen. Ueber die strenge Durchführung dieser Verordnung haben der Stadtkommandant und seine Adjutanten zu wachen. Dieser Befehl hat unter den Offizieren selbst große Empörung hervorgerufen.