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Jüdische Zeitung · 1913-05-23 · 21 (23.5.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG Der Kampf der JüöiMwiationalen an der Qiener Universität. Der Lieber fair auf die jüdischen Studenten am; Samstag, den 17. Mai. . Als. die jüdischen Studenten Samstag, den den 17. Mai wie gewöhnlich in die Aula kamen, fanden sie den mittleren Teil derselben, wo sie seit .Jahren ihren Bummel absolvieren, von deutschnationalen Studenten besetzt. Die jüdischen Hodisdhüler brachten überdies in Erfahrung, daß ein Ueberfall auf sie geplant sei. Daraufhin begab sich der jüdische Hochschulausschuß in die Rektoratskanzlei und verlangte Vorkehrungen zur Aufrechthaltung der Ruhe. Der Kanzleidirektor versprach diesem Wunsche nachzukommen und verfügte die Sperrung der Haupttore. Die Deutschnationalen hieltet!, nachdem die Tore gesperrt wurden, eine Versammlung in der Aula ab und ein deutschnationaler Hochschüler hielt eine Brandrede gegen die Juden, welche er als Eindringlinge bezeichnete, die man 'vom deutschen Boden der Wiener Universität verdrängen müsse. Auf Grund einer neuerlichen Intervention des jüdischen Hochschulausschußes beim Rektor ga-an+ierten rie gleichfalls erschienenen Vertreter der deutschrationalen Studenten den ruhigen Abzug der jüdischen Studenten, wenn man die Tore öffnen würde. Dieser Vorschlag wurde angenommen. Kaum waren aber die Tore geöffnet, als draußen har- . rende deutschnationale Studenten in die Aula eindrangen. Durch den Zuzug ermun'ert, überfielen nun die Deutschnationalen die jüdischen Studenten mit Knütteln, Eisens‘öcken und Totschlägern. Hiebei gingen die deutschna'‘iona’en Raufbolde so .weit, daß sie mit Messern stachen. Bei diesem Ueberfal'e gingen die Scheiben der Verbindungstüren zur -philosophischen Fakultät in Trümmer. Durch die Glassplitter wurden viele jüdische Studenten verletzt. Die deutschnationalen Hooligans drangen bis zur Tür der Rektoratskanzlei ein, -fanden diese jedoch ^gesper^f. Vpr der Rektoratskanzlei befanden' sich', jüdische Stiidenjen, welche vergebens Einlaß verlangt hatten, um über die Ausschreitungen der deutschnationalen Raufbolde Beschwerde zu zu führen. Die jüdischen Studenten wurden in die Ecke gedrängt und von der hundertköpfigen •Horde überfallen. Selbstverständlich setzten sich die jüdischen Studenten mannhaft zur Wehr und schickten so manchen deutschnationalen Studenten mit einem Denkzet'el heim. Der erdrückenden Uebermacht der Deutschna+iona'.en vermochten sie jedoch' nicht Stand zu halten.. So viel über die Vorgänge am Samstag. Es sei nur noch erwähnt, daß am selben Tage die deutsChlibera’en ass:mi'ato-i'ch"n Korporationen zur Erinnerung an das Jahr 1813 einen Festkommers veranstalteten. An diesem Kommers nahmen fast lauter Juden teil. Auch der „deutschdemokratische“ Abgeordnete der Leopoldstadt, Dr. Ofner, war, zugegen. Diese edle Gesellschaft fand aber kein Wort der Entrüstung über die Roheiten ihrer deutschnadona'en „Volksgenossen“. — Die Exzesse am Montag. . Die jüdischnadona'en Studenten waren schon um 10 Uhr in.größerer Anzahl erschiene’’, da sie aus Erfahrung wußten, da* die deutschnntionaJen. Hochsdiüler . in unrnhi^ei Zeiten mit Vorliebe einzelne jüdische Studenten und Studentinnen überfallen.0 Üm so’che Exzesse gegen einzelne, zu verhüten, muß die Gesamtheit der iüdFchen Studenten auf ihrem P<-st»g_ sein. Die Deutschnä+ionalen waren vorderhand in verschwindender Minderzahl. W?re der Fall umgekehrt p-eWesen, so hätte -die deutsche Majorität, wie sie es immer tut, die Minderheit sofort überfallen. Die jüdischen Studenten aber ‘hätten! versnrochen, Ruhe zu bewahren und sich bloß auf Abwehr eventueller Angriffe zu beschränken . und hielten auch Wort. Mittlerweile wuchs die Zahl der Deutsch nationalen immer mehr und überstieg bald die Zahl der versammelten jüdischen Studenten. Es fanden wiederum Verhandlungen in der Rektoratskanzlei •bezüglich des Abzuges statt. Beide Lager — Juden .und Deutsche — verpflichteten sich gleichzeitig abzuziehen. Der Rektor und die Dekane Horst-Mayer sowie v. Schrdeder begaben sich in die Aula, um den Abzug — die Juden sollten rechts, die Deutschen links äbziehen — zu überwachen. Doch, wie gewöhnlich, hielten die deutschnationalen Studenten ihr Wort nicht und weigerten sich, den Pakt einzuhalten. Es folgte später vielmehr seitens der Deutschnationalen ein vehementer Angriff auf die Juden, die von 10 Uhr bis halb 3 Uhr ausgeharrt hatten, und eine furchtbare Keilerei, in dgren Verlauf schwere Verletzungen vorkamen, war. bald im Gange. Die Exzesse der Peutschnationalen setzten sich bis auf die Rampe , fort. Dort aber trennte die heranstürmende Polizei beide gegnerischen Lager. Es sei erwähnt, daß während der Verhandlungen im Rektorat der Dekan der philosophischen Fakultät Herr v. Sdjroeder den jüdischnationalen Studenten gegenüber ein Benehmen zur Schau trug, das wohl eines randalierenden völkischen Agitators aber nicht eines alten objektiven Lehrers würdig war. Nicht unerwähnt bleibe das rohe. Benehmen der Polizeiorgane, die, wie in vielen anderen Fällen, durch Roheit zu ersetzen versuchten, was ihnen an Voraussicht, Geschicklichkeit und Takt gebrach. Die Tagesblätter verzeichneten auch einen - Vorfall, zufolge welches ein jüdischer Passant, der von den Deutschnationalen, die gerade ein Autodafe aus den aufgelesenen Hüten und Stöcken veranstalteten, angeflegelt .wurde, einen Revolver zog und jeden Angreifer zu erschießen drohte. Selbstverständlich stob das beleidigende Gelichter, das um das Feuer herumstand und gröhlte, angesichts dieser energischen Haltung auseinander. * Am selben Tage fand eine Versammlung der Antiduell-Liga statt. Die deutschnationalen Studenten konnten es sich nicht versagen, hinzugehen und .dort antisemitische Skandale zu provozieren. Was das Judentum mit der Antiduell- Liga zu tun hat, ist, zwar unerfindlich. Immerhin fügte es sich. nicht schlecht, daß die edlen Herren jüdischen Assimjlanten und Täuf- ' linge, '\Vie der' Abgj DrT Nfctiiltann, ‘die-dofitv-'zugegen waren, an ihr Judentum erinnert wurden. Abg. Neumann bekannte sich, sogar in einem Zwischenrufe zu „jener Gruppe, die man Juden nennt“. Wir verzichten auf ihn und überlassen ihn ganz der Gemeinschaft, welcher er sich durch seine Fahnenflucht angeschlossen hat. * Eine Kundgebung des Rektors. Der Rektor der Wiener Universität, Hofrat Professor Weichselbaum, hat im' Anschlüsse an die montägigen Exzesse folgende Kundgebung an die Studentenschaft erlassen: „An die Studenten der Wiener Universität! Die Wiener Universität war in den letzten Tagen der Schauplatz skandalöser Szenen. Am Samstag den 17. d, M. hat eine Anzahl deutschnationaler Studenten in der Absicht, für wirkliche oder vermeintliche Provokationen jüdischer Studenten Genugtuung zu nehmen, einen Angriff gegen diese auf akademischem Boden vorbereitet, trotzdem die Beteiligten wissen konnten, daß bezüglich der den Anlaß bildenden Vorfälle das Disziplinarverfahren bereits anhängig war. Verstärkt durch die Reihen der zum Bummel aufziehenden Korporationen haben diese Studenten eine Prügelei begonnen, in deren Folge mehrere Studierende ernste Verletzungen davongetragen haben. Deutschnationale Studenten haben schließlich einen Sturm auf das Rektorat versucht, und, da sie dessen Eingänge verschlossen fanden, die Türen beschädigt, sowie auf den Sängen Möbel- Türen beschädigt, sowie auf den Gängen Möbel- und ähnliche Ausschreitungen begangen, dis tief unter dem Niveau einer Demonstration, von Akademikern stehen.“' Der Rektor venlrteilf' ferner die Vorfälle von Montag, kündigt eine -strenge Untersuchung an und rügt besonders den Unfug, daß vor der Universität ein Feuer angezündet wurde. Der Schluß der Kundgebung lautet: „Ich verfüge bis aufweiters die Sperrung der Vorhalle der Universität. Ich verbiete ferner das Betreten der Universität durch Nichtangehörige, indem ich anordne, daaß an dem Tore in der Reichsratsstraße auf welches bis auf weitere Verfügung der Zutritt beschränkt bleibt, die Legitimationen vorzuweisen sind. Ich erlasse ferner bis auf weiters ein allgemeines Farbenverbot. Die Vorlesungen und Prüfungen nehmen bis auf weiters ihren Fortgang, dagegen werden Lokafnberlassungen an studentische Vereine für die Dauer der Speriung der Universität sistiert.“ Dienstag, den 20. d. erschien im Abendblatt der „Neuen Freien Presse“ folgende Zuschrift: „Die Wiener Universität ist in den letzten Tagen der Schauplatz wüster Raufereien gewesen, bei denen nicht die große Zahl der mehr öder weniger schwer Verletzten verwunderlich ist, sondern vielmehr der Umstand, daß bisher keine lebensgefährlichen Verwundungen zu konstatieren waren. Diese auf das tiefste bedauerlichen Ausschreitungen können aber nur dem oberflächlichen Beurteiler als kindische Raufefereien erscheinen, sie sind vielmehr der elementare Ausbruch der Empfindungen einer zum Aeußersteu getriebenen Minorität. Seit dem „Waidhofner Beschluß“, der die Juden für „jeder Ehre bar“ erklärt, kann ein jüdischer Hochschüler im Falle eines Konflikts mit einem deutschnationalen Kommilitonen — einige angesehene Korporationen machen eine Ausnahme — keine Satisfaktion bekommen, auch dann nicht, wenn er der angegriffene und beleidigte Teil war. Hilft sich der Betreffende in der Aufwallung verletzten Ehrgefühls durch eine persönliche Züchtigung seines Gegners, so hat er es nicht nur mit diesem zu tun, sondern auch mit der Polizei und nachher mit dem Bezirksgericht Soweit wäre ja alles noch verständlich. Vor einiger Zeit hat aber der akademische Senat eine Verordnung aus dem Jahre 1849 in Anwendung gebracht, nach welcher er jüdische Studenten, die sich in solchen Fällen der Ehrennotwehr bedient haben, relegiert, sogar dann, wenn diese Tat gar nicht auf akademischem Boden stattfand. Ein solcher Fall ereignete sich unlängst in Klosterneuburg und endete mit der Relegierung eines Studenten von (der Wiener Universität. Farbenverbot, Schließung der Universität u. dgl. sind nur momentane Palliativmittel. Eine Abhilfe für die Dauer wird nur dann geschaffen werden können, wenn der akaademische Senat die Achterklärung gegen jüdische Hochschüler, die Söhne von Steuerzahlern sind und alle ihre Pflichten gegenüber dem Staat und der Gesellschaft zu erfüllen haben, durch seine Autorität aufzuheben hilft.“ * Eine jüdischnationale Abordnung beim Unterriditsminister und beim ' Rektor. Mittwoch nachmittags begab sich eine Abordnung des Vereines der ehemaligen zionistischen Hochschüler, -.bestehend-, aus -den Gg^.-Dre Karl •PoIIak, Dr. Alfred Löwy und Inspektor Ingenieur Emil Fried, m das Unterrichtsministerium, wo sie vom Unterrichtsminister Dr. v. Hussarek empfangen wurde. Die Abordnung überreichte dem Minister ein Memorandum, in dem ausgeführt wird, daß sich1 seit Jahren bedauerliche Vorgänge auf der Universität ereigne, die eine Folge des Beschlusses des Waidhofener Verbandes der wehrhaften Vereine, wonach die Juden als „jeder Ehre bar“ aangesehen werden, zu bezeichnen .'seien. Nicht nur gegen die jüdischnationaaten, sondern auch gegen Studenten anderer Nationalität entwickeln die deutschnationaien Studenten einen unglaublichen Terrorismus. Der akademische Senat habe zwar gegen die Vereine, die den Waidhofener Beschluß konsequent durchführen, keine Stellung genommen, relegierte aber unnaachsichtlich jüdischnationale Studenten, die von dem Rechte der Ehrennotwehr, die ihnen einzig übrig blieb, Gebrauch machen. Diese Relegationen 9ind in der letzten Zeit auch in solchen Fällen erfofgt, die sich fern vom akademischen Boden aabgespielt bähen. Die bisherigen Mittel des akademischen Senats gegen die Unruhen: Sperrung der Aula, Farbenverbot usw. seien nur erfolglose oder zweckwidrige Palliative. Das Memorandum schließt mit der Bitte, daß der Unterridhtsmi- Soeben erschienen: Neue Palästina- Ansichtskarten. Sechs Sujets aus dem Leben der jemenitischen Juden. Ferner: Sechs der schönsten Reproduktionen aus dem Werke »Palästina im Bildt Preis einer Serie (12 St) K 1.20, Porto 5h Wiederverkäufer und Engrossiten erhalten bedeutenden Rabatt. Zu beziehen durch die Ansichtskarten-Abt. der Jüdischen Zeitung-, lt, Karmeliterplatz 1.

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