Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 die Gelegenheit, eine Aulaschlacht zu liefern. Selbstverständlich wird sich unsere Studentenschaft weder durch die Roheit der; Deutschnationalen noch durch die ungerechte, parteiische Haltung der Universitätsbehörden in ihrer Haltung beirren lassen. Sie wird nach wie vor mit allen Mitteln für den Schutz ihrer Ehre und für ihre Gleichberechtigung auf akademischem Boden kämpfen. Einer organisierten, jüdischen Studentenschaft muß und wird es schließlich doch gelingen, der Uebergriffe übermütiger Plattenbrüder und pflichtvergessener .Universitätsbehörden Herr zu werden. Die jüdisch fühlende Bürgerschaft Wiens wird es an ihrer Unterstützung nicht fehlen lassen. Rundschau. Palästina im Mittelpunkt des aRjäfrirfichlen Interesses. Die Zurückdrängung der Türkei auf ihre asiatischen Besitzungen hat die bedrohte Lage dieses Staates, als einzigen den Juden freundlich gesinnten, auch den nichtzionistjsdhen Kreisen vor Augen geführt Im' Jewish Chronicle vom- 16. Mai erschien ein Leitartikel, in. dem daraut aufmerksam gemacht wird, daß das Schicksal der Juden aufs innigste mit der Zu-' kunft der asiatischen Türkei verknüpft sei. Die Juden seien das einzige Element, welches imstande .wäre, der Türkei zu helfen, daß sie finanziell und politisch erstarke. Für die Juden .hinwieder sei Palästina, das Land ihrer Väter, ein Heiligtum, das sie — und nur sie allein — mit ihrem Blut und Schweiß düngen und zur Blüte bringen würden. Die Juden stellen eine Kraft von unschätzbarem Wert für die Türkei gerade ’ in ihrer jetzigen Lage dar. Jeder erleuchtete Staatsmann, dem1 die Zukunft der Türkei am Herzen liegt, würde diese Kraft, welche nur darauf wartet, genutzt zu werden, gerne fördern. Er würde den gewaltigen Emigrationsstrom, der heute aus Rußland nach den angelsächsischen Ländern -fließt, •nach'-jenem1 Fleck^ErdeRablenken,;aufijdem; die Juden beweisen könnten', daß er für sie und sie für ihn am geeignetsten wären. Lieber den Zionismus — sosagt der nichtzionistische Autor — seine Ziele,' Methoden usw. kann man verschiedener Ansicht sein, keinesfalls darf die Gegnerschaft gegen den Zionismus irgend einen Juden dazu verleiten, seiner Pflicht gegen Palästina zu vergessen. Palästina ist - kein Spezialheiligtumj das für Zionisten reserviert ist, sondern es ist allen Juden teuer. Zangwills Pläne in allen Ehren, aber nirgends in der Welt, als in Palästina, wird sich der Jude heimisch fühlen. Die in Argentinien angesiedelten russischen Juden sprechen noch heute von Rußland als ihrer Heimat, die in Palästina ansässigen Kolonisten hingegen fühlen, daß nur hierihr Heim ist und nirgends anders. Zum Schlüsse heißt es in dem Artikel: In dieser kritischen Zeit, die für das Land unserer Väter begonnen hat, haben die Juden als Juden, nicht als Angehörige irgend einer Organisation oder Partei, eine besondere Verpflichtung gegen dieses Land. Wenn wir es durch 2000 Jahre in den höchsten und wärmsten Tönen gepriesen haben, so können wir .heute eine leise, mahnende Stimme aus £rez Israel vernehmen, welche uns sagt, daß jetzt die Zeit gekommen sei, um unsere heiligen Beteuerungen der Anhänglichkeit an : das Land durch die Tat zu beweisen. Diese leise Stimme, .wird sich verstärken und ein lautes Echo finden. Es; würde schlimm sein für das Judentum und für Jerusalem1, wenn diese Stimme auf taube Ohren stieße und auf stumpf gewordene Seelen! — Eine solche Sprache von nichtzionisti-i scher Seite können wir uns wohl gefallen lassen. Wir haben nie behauptet, daß die Zionisten ein Privilegium1 auf die Palästinaarbeit haben. Sie; wollen nur die Pioniere sein, wenn die Nichtzionisten dann nacjifolgen, umso besser für die gute Sache. * * * Die Gründung einer Bmägrantenbank. Bekanntlich ist von zionistischer. Seite wiederholt die Schaffung einer Emigrantenbank angeregt worden. Äbch territorialistische Kreise, insbesondere Maxim1 Anin haben des öfteren Vorschläge dieser Art gemacht; Da aber der „Emigrationskongreß“, den die Teritorialisten wiederholt angekündigt haben, welcher diese Frage beraten sollte, nicht zustande kommen kann, schien der Plan vorläufig ein frommer Wunsch zu bleiben: - In letzter Zeit-1 wurde er aberJ von den jüdi-, sehen Gemeinden Rußlands aufgegriffen, welche am1 25. d. M. eine Konferenz abhalten werden, inrt das Projekt zu verwirklichen. Hohe Beträge sollen bereits für das Grundungskapital gezeichnet sein. . Nach glaubwürdigen Statistiken sollen 26°> der von russischen Emigranten nachhause geschickten Summen unterwegs „verlorengehen“. Dabei wird die Summe, welche die jüdischen Auswanderer jährlich von Amerika nach Rußland schicken, auf 200 Millionen Kronen geschätzt! Die Emigrantenbank soll sich auch mit dem Fahlkartenverkauf, der Lebensversicherung etc. befassen, in welchen Zweigen besh’er die Auswanderer von Agenten übervorteilt würden, ferner kleine Darlehen gewähren. Der Sitz der Bank soll in London sein, mit Filialen in den amerikanischen Städten. Znr pumänifdien Juöenfpage. Im Wiener Parlamente brachten die Abge- - ordneten Reizes und.;Genössen am 21-. Mai eineln- :; terpellatiop aq .den!$Einisifrpr^sidenfen,. betreffend die' Gleichberechtigung;der in Süisfria und Umgebung wohnenden Juden ein,, welche durch die Abtretung dieses Gebietes an Bulgarien Gefahr laufen, gleich ihren’, in Rumänien ansäßigen Brüdern, rechtlose - Fremde zu werden.; Die Interpellation weist auf die trostlose Rechtslage der rumänischen Juden hin und hebt hervor, daß Oesterreich' als Signatarmacht des Berliner Vertrages . vom1 Jahre 1878 verpflichtet sei, Rumänien zur gleichmäßigen Behandlung aller seiner Bürger ohne Unterschied der Nationalität und! Konfession zu verhalten. Zum Schlüsse fordern die Interpellanten den. Ministerpräsidenten auf, im1 Wege des Ministeriums des Aeußeren in Rumänien, das gegenwärtig seitens der österreichisch-ungarischen Monarchie wirksame Unterstützung findet,.'nachdrücklich' die Einhaltung des Berliner Vertrages namentlich aber, die rechtliche Gleichstellungder Juden von Silistria mit den übrigen, durch die Vergrößerung des Gebietes hinzukommenden Bürgern zu verlangen. Ueberdies fordern;die Interpellanten den Ministerpräsidenten auf, seinerzeit über die unternommenen Schritte, sowie jü’:er deren Erfolg Bericht zu erstatten. _ * ■■ -i; Ueber die judenfrage in Rumänien schreibt das Wiener Tagblajt „Die Zeit“ u. a.: „Eine Viertelmillion von Bewohnern, die seit vielen Generationen im1 Lande ansässig sind, die nie einem1 fremden Staatsverband ängehört haben ' und alle Pflichten der rumänischen Staatsbürger erteilen,, werden , als Fremde erklärt und. den . drakonischen Bestiipüiungen eines unerhört strengen" Fremdengesetzes unterworfen. Daß ihnen der Besitz der politischen Rechte verweigert wird, ist noch bei weitem1 nicht das Schlimmste. Diese „Kinder des Landes“ können jederzeit aut Grund eines ministeriellen Erlasses aus dem Lande weggejagt werden, Und die Willkür der Verwaltungsorgane, das Uebelwollen irgendeiner einflußreichen Persönlichkeit ist für jeden von ihnen genügend, damit er als lästiger Ausländer 1 über die Grenze geschickt werde.' Es sind sogar Fälle vorgekommen, wo jüdische- Reservist e n auf dem1. Verwaltungswege aus dem Lande gewiesen wurden und dann, wenn sie der ’ Einberufung zur Waffenübung nicht zu folgen vermochten, von den Militärbehörden als Deserteure erklärt wurden. Das Recht der Freizügigkeit besteht für diese Bewohnernicht, und ihr Aufenthalt auf den Dörfern ist an Beschränkungen geknüpft, die sie ganz und gar. dem1 .Gutdünken der Örtsbehörden preisgeben. In ihrer geistigen Ausbildung sind die eingeborenen Juden den schwersten Beschränkungen unterworfen. In einem' Lande wie Rumänien, wo der obligatorische und unentgeltliche Volksschulujiterricht gesetzlich besteht, müssendie jüdischen Schüler beim Besuch der öffentlichen Volksschulen hohe Schulgelder bezahlen, und sie dürfen froh sein, wenn sie überhaupt Aufnahme finden. Der Besuch der öffentlichen Mitfeh schulen ist ihnen so gut wie unmöglich gemacht. Die Ausübung einer ganzen Anzahl von akademischen Berufen wird ihnen vollständig verwehrt, und an den staatlichen Ackerbau- und Gewerbeschulen sowie an der Technischen Hochschule werden sie überhaupt nicht aufgenommen. Sogar denjenigen, die an ausländischen Hochschulen die entsprechende technische Vorbildung gefunden haben, werden die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt. So wurde durch ein Gesetz bestimmt, daß der . verantwortliche •Chemiker einer Spiritusraffinerie r u m ä n is che r Staatsbürger sein müsse, daß selbst der technisch ausgebildete und diplomierte einge-! borne Jude, der eine eigene Raffinerie besitzt, nicht das Recht hat, in dieser Fabrik als chemischer Leiter tätig zu sein. Dieses sind nur wenige Beispiele aus - der unendlichen Reihe der Einschränkungen! Und Hintansetzungen, denen die Juden auf allen Ge- : bieten des-politischen, wirtschaftlichen und. 'kulturellen Lebens ausgesetzt sind. Es gibt, wohlmeinende Rumänen genüg, die nicht allein vom ' Standpunkt der Menschlichkeit, sondern auch vom1 Standpunkt ihrer staatlichen und national len Interessen das Unleidliche dieses Zustandes begreifen und einsehen, wie Schädlich und gefährlich es für das Land ist. Aber sie haben bis jetzt nicht den Mut gezeigt, einem1-künstlich gezüchteten Vorurteil mit Entschiedenheit entgegenzutreten und eine einschneidende Lösung vorzüschlagen.. Als vor zwei Jahren das .neue Gewerbe-, und Industriegesetz, dem- Pafläjrnient vorgelegt wurde und' die Juden beörohferschienen,' durch' eine' Reihe neuer Drängsalierungen in der Möglichkeit behindert zu werden, durch ihre Arbeit ihren Lebensunterhalt zu erwerben, da war es König Karol, der auf eine von den eingebornen Juden an ihn gerichtete Supplik folgenden Bescheid setzte: „Wird der ernsten Aufmerksamkeit des Industrie- und Handelsministers empfohlen, um die nötigen Maßregeln -zu ergreifen. Eine so zahlreiche Bevölkerung, die hier seit Jahrhunderten ansässig und seit vielen Generationen im1 Lande geboren ist, darf nicht in die Lage gebracht werden, nicht von ihrer Arbeit leben zu können.“- Die Folge war, daß die beabsichtigten. Beschränkungen . wegfielen und die eingebornen Juden in bezug auf die Verwendung in Industrie und Gewerbe den Rumänen gleichgestellt wurden. Es . ist aber kennzeichnend für die hiesigen Verhältnisse, daß man. es nicht wagte,-diese Gleichheit im Gesetze selbst auszusprechen, sondern sich, darauf beschränkte, sie in einer ministeriellen ’ Erklärung und in den Ausführungsbestimmungen des Gesetzes zum Ausdruck zu bringen, so daß. der bloße Wille eines künftigen Ministers ausreicht, um1 das ganze Prinzip über den Haufen zu werfen.“ PRÖBEDÖSE VERSENDET. 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