Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 - Die antisemitische Bewegung in England. In der Pfingstnummer des Pester Lloyd schreibt Sidney Low über den Judenhaß im jfeien England u. a.: „Zum1 ersten Male in der ganzen politischen (jeschichte Großbritanniens ist jüngst in einem1 parlamentarischen Kämpfe die antisemitische Frage aufs Tapet gebracht worden. , Die Wahlen, die diese Woche im Londoner Bezirk Whitechapel stattfanden, drehten sich hauptsächlich um1 diesen Gegenstand. Whitechapel liegt im' „East End“ und ist der einzige Bezirk in England, wo die jüdischen Stimmen den Atisschlag geben. Es ist beinahe eine israelitische Kolonie und jede zweite Person auf der Straße gehört der jüdischen Gemeinde an. Die „jiddische“ Sprache ist hier so allgemein, daß sogar der postierende Schutzmann sie versteht; und es gibt einige Bewohner in Whitechapel, die als Parlamentswähier eingetragen sind .und .kein Englisch verstehen. Tatsächlich' sind hier die Christen in der Minorität; und. kein Kandidat hat Aussicht, gewählt zu werden, wenn er nicht Einfluß auf die jüdischen Stimmen besitzt. Die Juden haben aber ihre eigenen Ansichten über die britische Politik. Einige sind Unionisten und andere Radikale, und sie stimmen nach ihrer Ueberzeugung. Die Rothschilds, die als das Haupt der jüdischen Gesamtheit in Großbritannien betrachtet werden können, sind starke Unionisten, und sie üben ihren Einfluß aui ihre Glaubensgenossen in Whitechapel gewöhnlich Zugunsten des Kandidaten ihrer Partei aus. An den letzten Wählen hat kein Mitglied der großen Finanzdynastie persönlich' teilgenoirimen, was an sich schon bedeutsam ist, .und zeigt, daß die Umstände ganz besondere waren. Der Abgeordnete für Whitechapel ist gewöhnlich, wie nur natürlich, von jüdischer Rasse und Religion. Seit. einigen Jahren blieb dieses Mandat in den Händen von Persönlichkeiten, die mit dem großen jüdischen Finanzhaus Samuel, Montagu u. Co. in Verbindung stehen, das in der City "und im East End weite Interessensphären 'beherrscht;-Es hat eben jetzt auch' beträchtlichen politischen Einfluß; ein Mitglied der Familie, Mr. Herbert Samuel, sitzt als Generalpostmeister im Kabinett; ein anderer, Mr. Edwin Samuel Montagu, ist Unterstaatssekretär für Indien; ein dritter ist Sir Stuart Samuel, der Whitechapel im Parlament mehrere Jahre hindurch''vertreten hat; ein vierter wurde dUrCh Mr. Asquith zum1 Peer erhoben und sitzt nun im Obeihause. Alle sind starke Liberale und Arihähger der jetzigen Regierung; eine Tatsache, die es selbstverständlich umso schlimmer macht; daß sie alle mehr oder weniger in die finähzielle und politische Sensation des Augenblicks verwickelt sind. .Esi>sind zwei bestimmte Fragen der Politik und Finanz, die seit einigen Monaten die Oe ff ent-, lichhkeit. beunruhigen, und zwar das indische Silber'-und die Marconiverträge. Die erste der bellten . Fragen war die Ursache der jüngsten Wahlen in Whitechapel. Es war während der letzten;Parlamentssession erwiesen worden, daß die Regierung das Silber, das sie zur indischen Währung benötigte, zum größten Teil durch dt£ ■ Firma Samuel, Montagu u. Co. ankaufte, eine Transaktion, die infolge der engen Verbindung zwischen dieser Familie und dem Kabinett;und seinen Anhängern höchst abfällig kritisiert wurde. Es ist nicht erwiesen, daß es sich dabei um /^Korruption gehandelt oder daß das öffentliche; Wohl ernsteren Schaden genommenhätte.- Doch der Privy Council,- das höchste .gesetzliche Tribunal des britischen Weltreiches, JODISCHE ZEITUNG entschied, daß Sir Stuart—Samuel sich gegen das Gesetz vergangen hätte, das einem Mitglied des Parlamentes untersagt, sich an Verträgen mit der Regierung zu beteiligen, und dab er demzufolge das Mandat niederlegen müsse. Das ist die Ursache, warum er wieder vor seinen Wählern in Whitechapel' erscheinen mußte. Er erhielt sein Mandat, doch mit stark reduzierter Majorität. Vielleicht hätte er es verlören, hätten nicht viele der jüdischen Unionisten für ihn gestimmt, lim gegen die Judenhetze zu protestieren, die einige der konservativen Blätter in Szene za setzen versuchten. Die Marconi-Affäre ist,’ ernster, und mag noch zu einer politischen Krise erster Ordnung führen. Am Anfang des Vörigen Jahres unterhandelte die britische Regierung mit den Gesellschaften für drahtlose Tefegraphie wegen Errichtung einer Reihe elektischer Stationen für Post- und Marinezwecke inr ganzen Reiche. Den Vertrag sicherte sich provisorisch1 die Marcohi- Gesellschaft, als in der City sich das Gerücht verbreitete, daß einige Mitglieder des Kabinetts an den Marconi-Finanzen stärk interessiert seien. Dieses Gerücht fand den WJg in die' Zeitungen, und es wurden Verdächtigungen ausgesprochen, die den Kronanwalt und den Schatz-? k a n z 1 e r, deren Namen besonders häufig genannt wurden, veranlaßten,' im Unterhause die Erklärung abzugeben, daß .sie niemals Marconi- Aktien besessen hätten. Doch die Angriffe wurden weiter fortgesetzt. Besonders hefrig waren sie in der Wochenschrift der Herren Hifaire Belloc und Cecil Chesterton, die diese Affäre vom Standpunkt ihrpr allgemeinen Feindseligkeit gegen'die Juden behandelten. Soweit es überhaupt eine antisemitische Bewegung in England gibt, sind diese beiden begabten Schriftsteller ihre Führer. Sie sahen mit Entzücken, daß fn die Marconi-Geschichte einige der Gegenstände ihrer besonderen Abneigung mitverwickelt waren. Der Präsident der Marconi-Gesellschäft, Mr. Godfrey Isaacs, ist Jude; ebenso natürlich auch sein Bruder, Sir Rufus Isaacs, der Kronanwalt, der verdächtigt wurde, seinen Einfluß hn Kabinett zugunsten der Gesellschaft verwendet zu haben; und ebenso Mr. Samuel, der tiehefaipostmefster,“ der’ für' den Abschluß des Kontrakts verantwortlich w,ar. Die Presse führte eine schärfe Sprache; die Anklagen selbst aber waren vager Natur, bis der Pariser „Mat in“ sie . in so dürre Worte kleidete, daß die beschuldigten Minister, Sir Rufus Isaacs und Mr. L'oyd George, sich genötigt sahen, zur Klärung der Angelegenheit die gerichtliche Klage anzustrengen.’ Diese aberbrachte nicht ganz das erwünschte“ Resultat; denn es zeigte sich, daß, obwohl diese Minister kein direktes Interesse an der englischen Marconi- Gesellschäft hatten, sie doch Aktien in einem1 mit ihr engverbundenen Unternehmen, der American Marconi Company besaßen. Wie weit dieses Verhalten gesetzlich war, kann vorläufig nicht entschieden werden; denn die ganze Angelegenheit der Marconi-Verfräge und der Klage der beiden Minister wird jetzt durch eine besondere Kommission des Unterhauses geprüft, die ihr Gutachten noch nicht abgegeben hat. Auch wurde Mr. Chestertort der Verleumdung bezichtigt und sein Prozeß ivird jetzt vor dem Kriminalgericht verhandelt N werden. So Ist augenblicklich die öffentlich^ Meinung im1 unklaren über die ganze Angelegenheit. Ausgenommen die Bellocs und Chestertons und ein paar andere Fanatiker, herrschen in diesem Streit viel mehr politische Empfindlichkeiten als solche der Rasse und Religion. Der Versuch, eine Judenhetze zu organisieren, hat in England wenig Aussicht auf Erfolg. Es gibt Juden und Peri Seite 3 sonen jüdischer Abstammung auf beiden Seiten des Unterhauses und in den innersten Kreisen der britischen Gesellschaft, Politik und Journalistik. Mr. Leo Maxse; der Redakteur der „National Review“, der mit außerordentlicher Brillanz und Schneidigkeit gegen die Marconi- Verträge gefochten hat, ist, wenn ich nicht irre, selbst jüdischer Abstammung; und wenn die Samuels und Isaacs, die gerade jetzt im liberalen Lager eine so große Rolle spielen, Juden sind, so können die Konservativen nicht den größten aller ihrer modernen Staatsmänner vergessen: Beujamin Disraeli, Earl of Beaconsfield, der immer stolz auf seine Abstammung zurückblickte. Und die großen Grundbesitzer der konservativen Partei sind ebenso wie die Liberalen geneigt, in die Familien der jüdischen Handels- und Finanzaristokratie hineinzuheiraten. Lord Ro- Isebery, der einstige liberale Premier, jetzt ein unabhängiger Unionist, heiratete eine Rothschild und seine Tochter wurde die Frau des Lords Crewe, des Führers der Liberalen im Oberhause. Lord Curzon, in jener Körperschaft die auffallendste Erscheinung aut konservativer Seite, heiratete Miß Leiter aus Chicago. Die israelitischen Verbindungen der englischen Gesellschaft sind viel zu ausgebreitet, als daß eine antisemitische Bewegung in den höheren Kreisen willkommen sein könnte. Als einzelne werden die Juden nach ihren Verdiensten behandelt. Als Rasse sind sie nicht eben populär. Das alte religiöse Vorurteil, das die Juden jahrhundertelang aus England ausschloß, ist nicht ganz tot; und in den Fabriksvierteln von London, wo der jüdische Emigrant für den eingeborenen Arbeiter eine furchtbare Konkurrenz bedeutet, ist es durch wirtschaftliche Eifersucht verschärft. Sollte es jemals eine Judenhetze geben, so kann sie weit eher in Whitechapel entstehen als in Park Lane.“ ■ ■ ■ : ■ ■ ■ ■ ■•■■■■■?•■■■ Der zion. Mädchen-Verein,MORIA4 veranstaltet Sonntag, den 18. Mal 1913 auf der Schafberg-Alpe ein großes FRÜHLINGS-FEST verbunden mit Vorträgen (»Frau Hofrat“, Einakter von Beda), Tanz, Juxpost, Schönheitskonkurrenz etz. Beginn 3 Uhr nachm. Reg'ebeitrag 70 Heller. Gäste willkommen! 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