Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 2 Nr. i9. wurde hervorgehoben, wie bedeutend er für die Wissenschaft und für die Entwicklung Oesterreichs gewesen. An seinem Begräbnis nahmen Vertreter des Hofes und der höchsten Aristokratie teil. Von keiner Seite aber wurde erwähnt, daß der in der Stefanskirche eingesegnete Josef Unger eigentlich ein Jude gewesen, der sidi beizeiten von seinem Volke losgesagt hat, um ungehindert Karriere machen zu können. Audi Josef Unger erinnerte sich nicht gern an seine jüdische Abstammung. Stolz thronte er auf den Lorbeeren seiner Erfolge und ergriff nie das Wort, um — wenn schon nicht als Judenstämmling, so doch als Freiheitsmann -- gegen die Entrechtung der Juden aufzutreten. Im Gegenteil! Als ihn der Zufall zum Richter, einer jüdischen Angelegenheit machte, da beobachtete er eine den Interessen des Judentums feindliche Stellung. Unvergessen wird das Urteil des Reichs geridites über die Beschwerde der Bukowinaer Juden, betreffend die Frage der jüdisdien Nationalität bleiben! Unger präsidiert? damals im Senate, welcher sich gegen die jüdische Nationalität aussprach. Das Urteil des Reichsgerichtes kann natürlich nicht Wunder nehmen, aber die Taktlosigkeit, daß ein getaufter Jude über diese Angelegenheit zu Gericht saß, trug nicht dazu bei, vor dem Charakter Josef Ungers Ehrfurcht einzuflößen. Die „Jüdische Zeitung“ veröffentlichte anläßlich des Reichsgerichtsurteiles einen offenen Brief des Gg. Luzian Brunner an Josef Unger. Darin wurde ausdrücklich festgesteüt, daß Unger, der sich schon einmal gegen das Judentum ausgesprochen — anläßlich seiner Fahnenflucht — keine moralische Berechtigung habe, in der Frage der jüdischen Nationalität das Richteramt zu üben. Der offene Brief wurde Seiner Exzellenz rekommandiert eingeschickt. Und die Exzellenz schwieg sich — wie in so vielen Fällen, wo es um Juden ging — aus;. Man wird natürlich wieder ungehalten sein, daß ^cjje^. Zionisten, .von diesem großen Toten nicht viel Gutes zu berichten haben. Es sei! Mögen ihn die anderen loben! Ihnen ist er Freund und Helfer gewesen. Die Juden aber können höchstens insofern Rücksicht üben, daß sie schweigen. Und dieses Schweigen ist eine furchtbare Anklage. * * * Die Oesterreichische Länderbank im Dienste der russisch-polnischen Pogrctnleute. Nach übereinstimmenden Meldungen von Warschauer Blättern spielten sich in Dombrowo (Russisch-Polen) empörende Vorgänge ab. Die Kohlengruben „Flora“ in Dombrowo sind das Eigentum der Wiener Länderbank. Die Verwaltung dieser Kohlengruben hetzt und verfolgt die Juden mehr als alle anderen Bergwerke des Bezirks. Früher arbeiteten hier jüdische Fachleute, die jetzt fort mußten. An ihre Stelle wurden Christen aus Warschau berufen. Diesen fehlt noch die Uebung und die Fachkenntnis der verdrängten Juden, allein man nimmt es nicht so genau mit ihnen und bringt um1 der „guten“ Sache willen gerne das Opfer. Auch die jüdischen Lieferanten wurden durch christliche ersetzt. Man zahlt höhere Preise als früher, nur um eine Anzahl von Juden ums Brot zu bringen. Die Direktion hat auch einen Konsumladen für die Arbeiter eröffnet, und widerspenstige Arbeiter, die ihren Bedarf bei Juden kaufen, werden rücksichtslos verfolgt und verdrängt. — Die Juden Russisch-Polens haben unter dein' Terror der Polen ,entsetzlich zu leiden. Mit einem beispiellosen Eifer widmen sich die Angehörigen dieses Edelvoikes der Judenverfolgung. Sie, die fortwährend über die Bedrückung durch die russischen Despoten jammern, laufen zur russischen Regierung, um die Juden zu denunzieren und reichen Gesuche ein, man möge die mageren Redite der Juden noch verkürzen. Vor den jüdischen Geschäften in Polen stehen aristokratische Damen und elegante Herren stunlang Wache und halten die Kauflustigen durch Bitten und Drohungen vom Betreten der Geschäfte ab. Doppelt schändlich aber ist es, dab dieses Treiben mit jü dis ehern Gel de unterstützt wird, daß dieser Schlachzizenpöbel es wagt, das Geld österreichischer Juden seinen Pogromzwecken dienstbar zu Inachen. Die Aktien der Oesterreichischen Länderbank sind zum: größten Teile in jüdischen Händen.- Es ist. daher unser gutes Recht zu verlangen, daß die Leitung der Länderbank diesem bösartigen antisemitischen Unfug, welcher in ihren Unternehmungen betrieben wird, ein Ende mache. Berufene Faktoren werden diesbezüglich an die Leitung der Oesterreichischen Länderbank herantreten und die Antwort der Öeffentlichkeit bekanntgeben. * * * Eine judendebatte im Deutschen Reichstage. Anläßlich . der Beratung über das Militärbudget entwickelte sich im Deutschen Reichstage eine interessante Judendebatte. Von seiten des Zentrums, der Freisinnigen und der Sozialdemokraten wurde aii. den Kriegsminister die Frage gestellt, warum seit dreißig Jahren kein jüdischer Einjähriger zum Reserveoffizier ernannt und warum in die Kadettens cli ulen und sonstigen militärischen Erziehungsanstalten kein Jude aufgenonimen wird. Bezüglich des ersten Punktes wiederholte der Kriegsminister die gebräuchliche offizielle Lüge, daß bei der Wahl von Reserveoffizieren keine konfessionellen Rücksichten geübt werden, fügte aber auch hinzu, daß er auf die Entschließungen des Offizierkorps, dem die Wahl der Reserveoffiziere obliegt, keinen Einfluß nehmen könne. Bezüglich des zweiten Punktes gab er keine so jesuitische Antwort, sondern erklärte^; „daß die Kadetten-, schulen c h r i s 11 i c h - k o n f e s s i o n e 11 e‘n Charakter tragen, daher Juden nicht aufgenommen werden können. Es sei zur Ehre des Deutschen Reichstages gesagt, daß diese unverschämte Erklärung beim Zentrum, bei den Freisinnigen und den Sozialdemokraten helle Entrüstung entfesselte. Mit der Begründung, daß die Kadettenanstalten aus öffentlichen Mitteln erhalten werden, zu denen die Juden einen sehr hohen Anteil beitragen, stellten die Sozialdemokraten den Antrag, daß die Kadettenschulen eine bestimmte Anzahl von Juden aufnehmen müssen. Angesichts dieses resoluten Antrages versagte allerdings der Mut der nationalliberalen und freisinnigen Helden, die über einen platonischen Protest nicht hinaus wollten, und der Antrag wurde abgelehnt. Es wurde nur die Resolution des Freisinnigen A b- 1 a ß vom Reichstage angenommen, welche verlangt, daß bei Besetzung militärischer Stellen lediglich die persönü.he Tüchtigkeit zu entscheiden habe. Auch eine sozialdemokratische Resolution, welche verlangt, daß „kein Angehöriger des Heeres wegen seiner religiösen oder politischen Ueberzeugung zurückgesetzt werde“, wurde mit großer Stimmenmehrheit angenommen. Uns Oesterreichern drängt sich hier vor altem ein Vergleich zwischen der reichsdeutschen und österreichischen Sozialdemokratie auf. ln Deutschland gibt es sehr wenige sozialdemokratisch organisierte Juden. Trotzdem harren die jüdischen Führer beim Judentum aus. Ja,'die meisten von ihnen, wie der verstorbene Paul Singer, haben wiederholt öffentlich erklärt, daß sie den Abfall vom Judentum für feig undniederträchtig erachten und aus . diesem Grunde im konfessionellen jüdischen Verbände, als dem einzig gesetzlich anerkannten, bleiben. Auch versäumt es die sozialdemokratische Partei bei keiner Gelegenheit offen und rückhaltlos, getreu ihrem Programme, für die Gleichberechtigung der Juden positiv einzutreten. Es sei hier auch an das energische Eintreten der deutschen Sozialdemokratie gegen das Schäehtverbot erinnert. (In Oesterreich war’s umgekehrt!) Bei uns in Oesterreich aber, wo es viel mehr organisierte Juden gibt und insbesondere das jüdische Geld eine große Rolle spielt, ist’s ganz anders. Da laufen die Führer, die Adler, Austerlitz, Hartmanns etc. schleunigst vom Judentum weg. um als Christen oder Freireligiöse zu paradieren. Und wenn die Judenfrage aufs Tapet kommt, erklären sie; daß die Sozialdemokratie keine Judenscliutztrüppe sei und halten das sonst so beredte Maul! Palästinasiediung unö Bodenreform. Von Adolf Böhm, Wien. In der ersten Zeit nach: ihrer Begründung; stand die zionistische Organisation stark unter dem Eindruck der Vorstellung, daß das j'üdiSChe Zentrum in Palästina auf modernen sozialen Grundsätzen aufgebaut werden müsse. Insbesondere wollte man dies in Bezug auf die Bodenfrage durchführen. Der Boden sollte nicht zum Spekulations- und Gewinnobj'ekt gemacht werden können, sondern er müsse im Sinne der altjüdischen Ideen, die sich mit denen der modernen Bodenreform vollkommen decken, Gemeingiut der Nation sein. Der Einzelne dürfe darauf nur Pächter oder Erbpächter werden. Die Grundidee des Nationalfonds war diese und keine andere. Dieser Gedanke ist jm Verlaufe der neueren Kolonisation fast vollständig in den Hintergrund getreten. Im mühsamen, praktischen Kolonisieren war es notwendig, bei den vorhandenen, ..fast unüberwindlichen Schwierigkeiten nicht noch eine neue Form der Bodenrechtsverhlältnisse durchzuproben, und den Antrieb auszuschalten, welcher im. Mk> ment der Erringung des Eigenbesit'zers an einem Stück Boden für den Besitzer lag- Aber heute, wo die ersten Schritte schön getan sind, muß doch wieder daran erinnert werden, daß eine Zuweisung des gekauften Bodens bloß an Privatbesitzer nicht im Sinne des Zionismus und seiner weiteren nationalen und ethischen Ziele liegen kann, umsomehr als aus den Kreisen der Ansiedler selbst immer mehr Stimmen laut werden, welche die Nachteile eines solchen Systems, die bereits stark fühlbar geworden sind, beklagen und Abhilfe fordern. Es gilt dies vor allem für die städtische Kolonisation. Ich habe schön in der Sitzung, in welcher die Gründung von Tel Awiw beschlossen würde, und seither immer wieder darauf aufmerksam gemacht, daß diese Schöpfung keine „Gartenstadt“ im eigentlichen Sinne des Wortes sei, sondern daß die Besitzer der Häuser Privatpersonen sind, welche aus dem unausbleiblichen Steigen der Grund- IS NESTLE HBfl KINDERMEHL PROBEDOSE VERSENDET GRATIS: ■ HENRI NESTLE,WIEIUBIBERSTRASSE1 | NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais. — Vepsidiertes Kapital zirka 380 Nillionen. — PrämienpeseFoe zirka 113 Nillionen. — Billigste Prämien unö kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit füihtige, leistungsfähige Agenten gegen höbe Bezüge. Auskünfte erteilt öie Ceneralagentsdiaft Dien, I., Bspernplatz 1 (üeiter: Dauiö Hebenzahl); Eür Ostgalizien u. Bukowina: Suböirektion höbt Taubes, üemberg.