Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 werte durch' stete Erhöhung der Mieten Nutzen ziehen werden. Ich werfe ihnen dies natürlich nicht vor, sie haben keinen Anlaß anders als nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen vorzugehen, aber wir selbst müssen bei ferneren Gründungen darauf achten, daß die Hilfe des Nationalfonds zu einer solchen Form der Ansiedlung führt, bei welcher der durch die Gesamtheit geschaffene Wertzuwachs an Grund und Boden dieser Gesamtheit zugute komme und nicht einzelnen Privatpersonen. In einem interessanten Artikel (in Nr. 6 der „Welt“ hat Dr. Elias Auerbach, Haiffa, den Vorschlag gemacht, zur Niederhakung, der „Mietsspekulation“ Hiäuserhaugesellschaften in Palästina zu errichten, durch welche auch weniger bemittelte.: Leuten der Erwerb eines eigenen Häuschens ermöglicht werden würde. Gewiß wjäre die Gründung und erfolgreiche Tätigkeit einer solchenGesellschäft ein sehr großer Fortschritt in der bezeiChneten Richtung und ich kann mich der heftigen Kritik nicht anschließen, welche Nehemia de Lieme in Nr. 11 der „Welt“ an dem Auerbachschen Projekt gejübt hat. Die genossenschaftlichen WiöhnungSgesellschaften haben in Europa schön sio viel des Guten geleistet, daß man über ihren Wert, auch vom Standpunkt des .'Gemeinwohls, heute nicht mehr im Zweifel sein kann. Aber de Lieme hat in einem Punkte doch vollkommen Recht: Auch die Wiohnungsgesellschaften kennen nur den Privatbesitz von Grund und Haus, und es macht keinen so großen Unterschied, ob der Besitzer in seinem Häuschen wohnt oder es vermietet. Liema sagt ganz richtig, wenn die Mietpreise steigen, dann verläßt der Besitzer das Haus, das er bewohnt und vermietet es, wie dies in Tel Awiw der Fallest. Mit jan'deren [Worten: DieGrundwertsteigerung kommt dem Privatbesitzer zu gute. : ' . Dies kann nur vermieden werden, „wenn der Boden dauernd im Obereigentum der Gemeinschaft (Stardtviertel, Wöhnuhgsgenössenschaft etc.) erhalten wird, so daß jede Spekulation mit ihm für immer ausgeschlossen und der Wertzuwachs' der Gemeinschaft bleibt.“ Nur wenn dieses Prinzip bei der Gründung von städtischen Niederlassungen geübt werden wird — und der Nationalfonds kann da sehr viel Einfluß nehmen — kann wirklich etwas sozial wertvolles geschaffen und die Zu'kunftsperspektive der Gartenstadtbewegung sich eröffnen: Daß sich' Mittelstädte bilden, bei denen nach einem vorher festgelegten Plan nur ein Teil der im Gemeineigentum befindlichen Fläche bebaut wird,während an der Peripherie Raum für Industrieunternehmungen und Nahrungsmittelbau gelassen wird. Wp sonst in der Welt könnte eine so großzügige Idee, die Niederlas'sUngsart der Menschen nicht dem Zufall und dem blinden Walten des privatwirtschaftlichen Vorteils zu überlassen,, sondern durch volle Einsicht in die Bedingungen menschlicher Siedlungen dahin zu gelängen, diese nach einem vorher festgelegten Plan ins Leben zu rufen, verwirklicht werden, als bei der neujüdjsChen Kolonisation in Palästina? Schwieriger steht die Frage der Bodenreform in den Kolonien. Zwar ist auch1 dort das Steigen der Bodenwerte so empfindlich geworden, daß sie die Weiterausdehnung der Siedlungen erheblich erschwert. Smelianski hat sogar schon eine “Wertzuwachssteuer“ zu Gunsten der Gemeinden nach deutschem Muster vorgeschlagen, und es wäre nur zu wünschen, daß die Kolonien sie verwirklichen würden. Aber für Neusiedlungen ist es ungemein schwer, das Prinzip aufzustellen, daß der Boden im Eigentum der Gesamtheit verbleiben müsse. Dies komplizierte die Frage der Bauernsiedlung in Palästina so beträchtlich, daß anzunehmen ist, daß sie unter Herrschaft dieses Prinzips kaum fortschreiten könnte. Wohl aber hängt das Gedeihen der Arbeitergenossenschaften von diesem Prinzip ab, was anläßlich der Oppenheimerschen Propaganda genugsam betont worden ist. Auch praktisch ist schon erwiesen, daß sogar bei bloßen Arbeiterheimsiedlungen die Vernachlässigung dieses Prinzips schlechte Folgen hat. Auf der letzten Tagung j u d ä i s c h e r A r b e iter verlangte der Referent Katzenellsoh'n, daß Maßnahmen getroffen werden sollen, um jede Bodenspekulation innerhalb der Arbeitersiedlungen unmöglich zu machen. Es sollen sämtliche Kolonisationsgesellschaften den Grundsatz durchführen, den Arbeitern den Boden nur in Erbpacht zu geben. Diese Forderung wurde infolge der Nachteile erhoben, welche sich aus der Praxis der Arbeiterkolonie Ain Ganim (bei Petach Tikwa) ergeben hatten. Von Interesse ist, nebstbei bemerkt, daß der Referent aus der Praxis heraus auch andere theoretisch von Oppenheimer aufgestellte Forderungen als Voraussetungen für das Gedeihen von Arbeitersiedlungen bezeichnete: die freie Zuwahl der Genossen und ihre solidarische Haftung. Solange die bodenreformerischen.ldeen von ihren Verfechtern nur als schöne Theorien in die zionistische Bewegung getragen wurden, hatte man vielleicht eine Entschuldigung, sie nicht zu beachten: sie drohten die Kolonisationsaufgabe noch mehr zu erschweren, von ihr die erstmalige Lösung von Problemen zu verlangen, die noch nirgendwo gelöst wurden. Seit aber aus der Praxis in Palästina heraus in Stadt und Land sich die Stimmen mehren, welche auf die empfindlichsten Schäden hinweisen, welche aus der privaten Aneignung des Bodens naturnotwendig fließen mußten, wäre es für den Zionismus an der Zeit, die bodenreformeriseben Ideen mehr zu beachten und zu befolgen, als es bisher der Fall war. Krankheiten der Juden. Dieses Thema besprach Professor Dr. Lewin- Charlottenburg kürzlich in Breslau. Professor Lewin kam nach seinen interessanten, von großen Zahlenmaterial belegten Ausführungen zu dem Resultat, daß die Disposition zu gewissen Krankheiten keine ,Rasseneigentümlichkeit sei. Auch die angeborene Immunität gegen Seuchen begründe sich nicht in der Rasse, sondern im östlichen Europa vielmehr auf die Befolgung der Religionsgesetze, koscheres Essen, Waschungen und den mangelnden Alkoholgenuß, im Westen dagegen auf die bessere soziale Lage. In einer jüdischen Familie werde ein Kranker besonders sorgfältig gepfegt. Alle Krankheitserscheinungen, wie auch ihre Verhütung, beruhen nach Ansicht des Redners auf den Milieueigentümlichkeiten. Die Kindersterblichkeit sei bei den Juden weit geringer, als bei den Christen. Auch eine prozentual erheblich kleinere Anzahl der verheerenden Magen- und Dannkrankheiten bei Kindern sei bei den Juden festgestellt worden. Die meisten jüdischen Kinder werden von den Müttern gestillt. Daß die Juden in der Vergangenheit wenig auf Infektionskrankheiten reagierten, lag an der strengen Isolierung in Krankheitsfällen und der hohen hygienischen Fürsorge. Obwohl der Körperbau der Juden auf eine weite Verbreitung der Tuberkulose hinzuweisen scheint, lehren die Zahlen, daß die Schwindsucht viel weniger unter ihnen verbreitet ist, als unter den Christen. Man kann das dadurch erklären, daß sich die Juden durch jahrhundertelanges Wohnen in Städten gegen die Schädigungen der Stadt geschützt haben. Als jüdische Krankheit bezeichnet man die Nervenleiden und die Diabetes. Fast dreimal soviel zuckerkranke Juden wie Christen gibt es in den Privatkliniken. Dagegen zählt in den Polikliniken ein zuckerkranker Jude zu den Seltenheiten. Das beweist, daß die Zuckerkrankheit eine Krankheit der oberen Zehntausend ist. Die oberen Schichten stellen ihr zehnmal soviel Opfer, wie die unteren. Daß die Juden dabei so stark vertreten sind, liegt an ihrem Beruf. Sie stellen ein großes Kontingent der Gelehrten, Künstler, Börsenmänner und Oroßkaufleute. Diese Berufe neigen stark zur Zuckerkrankheit. Wenn man eine objektive Statistik schaffen will, müßte man erst unter gleichen Lebensbedingungen Vergleiche anstellen. Die Epilepsie sei bei den Juden geringer. Zu Konstitutionskrankheiten der Nerven neige der Jude sehr; die Erklärung dafür liege, wie bei der Zuckerkrankheit, an den Milieuerscheinungen: im Osten an der traurigen Lage, im Westen an der Stadt und dem Beruf. Syphilis und Rückenmarkserkrankungen fehlen bei den östlichen Juden. Eine erschrecklich große Anzahl aller Geisteskrankheiten werde von den Juden gestellt. Auch Idioten gebe es bei den im Westen lebenden Juden mehr als bei den Christen. Newyork macht eine Ausnahme; hier kommen nur 10 Prozent Juden auf die Geisteskranken, während nach der Bevölkerungszahl 15 Prozent erreicht werden müßten. Der Selbstmord ist im Osten äußerst selten, im Westen ziemlich häufig. Rus dem jüdihhen Rehen. Die Antwort der Zionistischen Vereinigung für Deutschland auf die Resolution des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Am 1. Mai fand im Saale des Brüdervereinshauses in Berlin eine außerordentliche Tagung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt, die sich mit der Stellungnahme gegen die bekannte Resolution des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens beschäftigte. An der Tagung waren durch 90 Delegierte die deutschen Ortsgruppen der Zionistischen Vereinigung, das Kartell Zionistischer Verbindungen, der Bund Jüdischer Corporationen, die Jüdische Turnerschaft und die übrigen nationaljüdischen und zionistischen Verbände in Deutschland vertreten. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Rechtsanwalt Dr. A, Hantke. eröffnete die öffentliche Sitzung, der mehrere hundert Personen als Zuhörer beiwohnten, um 5 Uhr nachmittags und erteilte Herrn Rechtsanwalt Dr. Klee (Berlin) das Wort zu seinem Referat. Der Referent bedauerte die Resolution des Zentralvereins, die ein Attentat auf die Einheit des deutschen Judentums darstellt, und erklärte, daß die Zionisten notwendigerweise mit dem Austritt antworten müssen. Sie müßten zur Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte aller deutschen Juden einen neuen Verband gründen. Dr. Moses (Mannheim) führte aus, daß der Zentralverein gegen die Zionisten direkt antisemitische Methoden angewendet habe, Kurt Blumenfeld (Berlin) sprach über die Tendenz des jüdischen Nationalismus und Julius Simon (Mannheim) über die Bedeutung des Zionismus für die Erhöhung des menschlichen Wertes der Juden. Hierauf wurde eine Resolution einstimmig angenommen, die die deutschen Zionisten zum Austritt aus dem Zentralverein auffordert und die Gründung eines Vereins verlangt, der unter strikter Wahrung der Neutralität in allen innerjüdischen Fragen für die Rechte aller deutschen Juden eintritt. Der Resolution der Zionisten schlossen sich in eigenen Erklärungen der Bund Jüdischer Corporationen, das Kartell Zionistischer Verbindungen und die Jüdische Turnerschaft an. J&öteis Fabriks-Marke.