Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438432-2438450--3569-2443345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Dublin 1× ep/1044462
- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
JÜDISCHE ZEITUNG Seite S Die luden in Ungarn. Nach dem Statistischen Jahrbuch der ungarischen Städte und dem Jahrbuch des kön. ung. statistischen Bureaus für das Jahr 1911 befinden sich in Ungarn — mit Ausschluß von Kroatien und Slavonien — 911.175 Juden (5% der Gesamtbevölkerung,) gegen 831.162 im Jahre 1900, von denen nach dem Statistischen Jahrbuch der Städte im Jahre 1900 334.380 in den Städten, die übrigen auf dem Lande wohnten. Die ungarische Judenheit verfügte im Jahre 1911 über 563 Muttergemeinden und 1S08 Filialgenieinden, an denen 416 Rabbiner und 1324 Rabbinerstellvertreter amtierten. In demselben Jahre wurden 7590 jüdische Ehen geschlossen, von denen 395 (5,21 o/0) Mischehen sind. Die Zahl der jüdischen Geburten betrug 24.735. Taufen ließen sich im Laufe des Jahres 1911 473 Juden, wogegen 113 Christen zum Judentum übertraten. Seit dem Jahre 1S95 ließen sich nach dem Statistischen Jahrbuch 6917 Juden taufen. In Wirklichkeit ist die Zahl der Taufen jedoch viel höher, da diejenigen Austritte aus dem Judentum, deren Anmeldung beim zuständigen Rabbinat — entgegen den gesetzlichen Bestimmungen — unterbleibt, von der Statistik nicht erfaßt werden. Was die Beschäftigung der Juden anbelangt, so sind sie außer im Handel zumeist in den wissenschaftlichen und freien Berufen tätig. So sind sie unter den Privatgelehrten und Schriftstellern mit 17,9«/o, unter den Journalisten mit 39,6«/o unter den Künstlern mit 20°,o, und unter den Schauspielern mit 20,1 % vertreten. Die Zahl der Budapest er Juden betrug irrt Jahre 1910 203.687 gegen 8S0.371 der Gesamtbevölkerung, also 23,1 %. Seit dem Jahre 1901 haben sich die Juden um 20,6°/<> vermehrt, und zwar um 10°,« durch natürlichen Zuwachs und um; 10,6% durch Zuwanderung, während die Ges amt bevölkerung sich um 20% vermehrte, und zwar durch natürlichen Zuwuchs um 8,9% und durch Zuwanderung um 11,1%. Die bei den Antisemiten beliebten Abhandlungen über die exorbitante jüdiscner Zuwanderung sind also Märchen. Es sind verhältnismäßig weniger Juden zugewandert, als Christen. Die besondere starke Lebenskraft der Juden läßt kennen: folgende Altersraten-T abelle er- Altersklas. Röm. kath. Evang. Reform. Juden 0— 5 9.39o/o 8.17o/o 8.47o/o 9.86o/0 5—10 8.06 „ 7.42 „ 6.83 „ 9.42» 10—15 8.03 „ 7.57 „ 7.09» 9.50» Die Juden haben somit m e h r Ki n di'ef r' als die Nichtjuden, trotzdem die Geburtsrate bei den Juden weit ungünstiger ist, als bei den Nichtjuden, denn unter den 21.654 Neugeborenen des Jahres 1908 waren nur 4016 Juden, also 18,5%, wogegen die Einwohnerzahl der Juden in Budapest 23,1% und im Jahre 1908 sogar etwas darüber betrug. Das Plus an Kindern erklärt sich nur durch die besonder s geringe Kindersterblichkeit bei den Juden. So starben Kinder im ersten Jahre 10,9% jüdische gegen 71",.. röm. kath. Kinder im Alter von 2—5 Jahren 10,S"« jüdische gegen 72% röm. kath. Es muß hier bemerkt werden, daß die röm. kath. 59,8% der Gesamtbevölkerung ausmachen. Die besondere günstige Vitalität der Juden läßt sich auch aus dem Verhältnis der Totgeburten ersehen: Unter den 762 otgeburten des Jahres 1908 waren 119 Juden, also 15,6%, oder besser gesagt auf 100 neugeborene Juden entfallen 2,9% Totgeburten und auf 100 neugeborene Nichtjuden 3,7 Totgeburten. Die Juden sind aber auch langlebiger als die Nichtjuden, wie folgende Altersrat-Tabelle zeigt: Altersklas. Röm. kath. Evang.' Reform. Juden 70-75 0.450/o 0.48% 0.29% 0.58% 75-80 0.18. 016» 0.12» 0.23» 80-85 0.06» 0.04» 0.03» 0.11, 85-90 0.02» 0.04» 0.01» 0.05» Im Verlaufe des Jahres 1908 starben in der Hauptstadt 2543 Juden, d. s. 131 Tote aut je 1000 Juden, hingegen entfallen auf 1000 Röm. kath. 206, auf 1000 Evang. 1S9 und auf 1000 Reform. 194 Tote. Die Juden zeichnen sich aber auch durch eine unverhältnismäßige Immunität gegen verschiedene ansteckende Krankheiten aus. So starben zum Beispiel an Tuberkulose: Röm. kath. 22,4%, Evang. 20,7%, Reform: 20,4% und nur 13,9"ii Juden. Die jüdifdie Presse in Rußland im Jahre 1912. Ein bekannter russischer Zionist, Herr Boris Goldberg in Wilna, veröffentlicht an Hand des Buches „Die Zeitungswelt in Rußland“ von j. W. Wolffsohn (2. Auflage 1913) interessante Daten über die jüdische Presse Rußlands, worunter ererstens diejenigen Zeitungen versteht, die in hebräischer oder „jiddischer“ Sprache (dem sogenannten Jargon) erscheinen, zweitens diejenigen polnischen und russischen Blätter, die sich nur mit jüdischen Angelegenheiten belassen. Die Gesamtzahl der in Rußland am Schluß des Jahres 1912 periodisch erscheinenden jüdischen Organe betrug 3S (Ende 1910 30); davon erschienen : 1. in der jüdisch. (Jargon)-Sprache 20 [1910 13 2. „ „ hebräischen Sprache 8[ » 7 3. „ „ russischen „ 9[ „ 8 4. » „ polnischen „ 1 „ 1 Mithin entfällt fast der gesamte Zuwachs tuf die Jargonpresse; in dem Stande der heiräischen und russisch-jüdischen Presse ist keine vesentliche Aenderung eingetreten. Von den anleren Sprachen, die in Rußland so zahlreich vertreten sind, hatte außer der polnischen, die ihr einziges bereits 48 Jahre existierendes Organ „Israelita“ (Warschau) besitzt, keine ein jüdisches Organ aufzuweisen. Auch das im Jahre 1910 m der judenpersischen Sprache erschienene hat sein Erscheinen eingestellt. Von diesen 37 jüdischen Organen erschienen täglich 13 [9], wöchentlich 15 [14], monatlich 5. die übrigen erscheinen Smal bezw. 4mal im Jahre usw. Von den Tagesblättern erscheinen in Jargon-'ll [1910 7], in Hebräisch 2 [ „ 2]. Von den 15 Wochenschriften erscheinen in russischer Sprache 7 [1910 5 in Jargon 4 „ 4 in hebräischer Sprache 3 „ 4 in polnischer » 1 » 1 Von den 5 Monatsschriften erscheinen in Jargon 3, in Hebräisch 2. Der Haupttypus der Jargonpresse ist die Tageszeitung, die gewöhnlich im Einzelverkauf verbreitet wird und eine oder zwei Kopeken kostet. Der jüdische Zeitungsverkäufer ist in den jüdischen Straßen der Städte des „Ansiedlungsrayons“ eine typische Figur geworden. Bei der hebräischen und russisch-jüdischen Presse ist dagegen das Abonnement die Grundlage, und der Absatz der Einzelnummern spielt eine gänzlich untergeordnete Rolle. In hebräischer Sprache erscheinen zwei Tageszeitungen („Hazephira“ in Warschau und „Hasman“ in Wilna). Das verbreitetste hebräische Wochenblatt ist „Haolam“ in Odessa, die gelesenste Monatsschrift „Haschiloah“ ebenda. Die russisch-jüdische Presse beherrschen die Wochenschriften. Ueber die Auflagezahl der einzelnen Organe ist nur eine ungefähre Schätzung möglich. Von den großen Tagesblättern „Harnt“, „Moment“ und „Fraind“ (sämtlich' in Warschau) werden am Freitag gewöhnlich um 40—50% mehr Exemplare abgesetzt, als an anderen Tagen. Man schätzt die Auflage dieser erwähnten drei Tageszeitungen an gewöhnlichen Wochentagen auf ca. 120.000 Exemplare, am Freitag (und an den Tagen vor den jüdischen Feiertagen) auf ca. 170—180.000. Die Gesamtauflage der Jargonpresse wird auf 180—240.000 Exemp. der hebräischen Presse . „ 10— 20.000 „ der russ.-jüd. Presse . . „ 14— 16.000 „ geschätzt ParteisNachrichten. Om zionistische Zentralfonds. Das Engere Aktionskomitee hat in der Erwägung, daß die Durchführung aller dringenden Arbeiten in und für Palästina von der ausgiebigen Stärkung des Zentralfonds abhängig ist, beschlossen, die Wichtigkeit der Zentral- Feuilleton. (Nachdruck verboten.) Die Juden in Skandinavien. Von Ludwig B a t ö. (Fortsetzung.) Die ersten jüdischen Gemeinden des Landes, Stockholm und Gotenburg, haben längst aufgehört Zentren der Judenheit zu bilden. Heute leben die Juden über das ganze Land zerstreut. Stockholm zählt ungefähr 2800, Malmö und Gotenburg je 1000 Seelen. Kleinere Gemeinden bestehen in der Universitätsstadt Lund, sowie im nördlichen Oeresund. Die Gesamtzahl dürfte ungefähr 6000 betragen, also im Verhältnisse zu der Gesamtbevölkerung von 5 Millionen Seelen, kaum mehr als eins von Tausend. Und die Zahl der Juden nimmt immer mehr und m'eh'r zu. Staunend sah ich, daß dieses Land beginnt, ein jüdisches Einwanderungsländ zu werden. Die Besiedlungsmöglichkeiten sind zwar eingeschränkt, dafür liegt aber das Land in der nächsten Nähe des größten jüdischen Auswan-' derungslandes Rußlands. Stockholm ist von St. Petersburg aus auf der See in 30 Stunden für billiges Geld zu erreichen. Und die russischen Juden gehen nach Schweden, nicht viele, aber ziemlich regelmäßig. Sie beherrschen vollständig das jüdische Leben — soferne von einem solchen die Rede sein kann — da die wenigen eingesessenen Juden in der schwedischen Bevölkerung aufgegangen sind und die spärlich eingewanderten deutschen Juden sich teilweise nicht zu erkennen geben und zum1 Teil im Vorstande der Kultusgemeinde sitzen. Unlängst war in den jüdiscnen Blättern zu lesen, daß der in Rußland geborene Sohn eines nach Irland emgewanderren Juden an der Universität zu Dublin den ersten Preis für gälische Sprache davontrug. So ungefähr verhält es sich auch in Schweden. Die eingewanderten Juden zeichnen sich auf allen Gebieten aus. Als Künstler der Sprache, als Führer geistiger Bewegungen, als Musiker, als Finanzmänner. Der Jargon ist — wie in den angelsächsischen Ländern — infolge der Sprachverwandtheit bald vergessen und man hört denn auch alte Juden und Jüdinnen schwedisch sprechen. Allerdings ist mir versichert worden, daß ihre Sprache bloß ein schwedischer Jargon sei. Haben auch die Juden im allgemeinen einen ziemlichen Wohlstand erreicht, so müssen sieb die Neueingewanderten scheußlich plagen, um das tägliche Brot verdienen zu können. Und niemand steht ihnen bei. Nirgendwo können sie Hilfe oder Rat Finden, es fehlt an jeglichem Zusammenschluß. So kam es denn, daß die Assimilation, die mit dem Dekret des König Karl Johann XIV. einsetzte und durch Mischehen und Taufen gefördert wurde, die unumschränkte Herrscherin in der Judenheit des Landes ist. Als zu Beginn der achtziger Jahre, nach den ersten Pogromen, die regelmäßige Einwanderung aus Rußland begann, fanden die Emigranten ein haltloses, zugrundereformiertes Judentum vor, das im Begriffe war, aus den Fugen zu gehen. Ihr Verdienst ist es, daß dies bisher noch nicht geschehen ist, allein sie waren von zu geringer Zahl, um ein neues jüdisches Milieu schaffen zu können. In Amerika und Südafrika war es möglich, weil die Einwanderer aus Rußland in grösserer Zahl waren und auf keine nennenswerte Assimilation stießen. Sie schufen daher ein jüdisches Leben nach eigenem Willen. In Schweden hingegen fanden sie jüdisches Leben vor, aber in welchem Zustande! Und sie vermochten nicht dieses Siechtum zu heilen. Es gab kein Judentum, das ihnen eine Stütze, einen Anhaltspunkt gewährt hätte. So begann der Untergang aus Mangel an Zusammenschluß und die Söhne einstiger Talmudschüler schreiben patriotische Leitartikel für den Stockholmer Aftonblated und die Töchter schwärmen für altschwedische Kunst und Geschichte. Gustav Adolf! Oh, wie glänzen die Augen der jüdischen Jugend bei Erwähnung dieses Namens. Er war unser bester und größter König, sagen sie bewegt, und vergessen, daß Gustav Adolf niemals duldete, daß sich ein Jude in seinem strenggläubigen protestantischem Reiche niederlasse. Die Goluspsychologie bleibt sich immer treu. Selbst in Schweden, das in so vielen Beziehungen vom übrigen Europa abweicht, bleibt sie dieselbe. Auch in Schweden entwickelt sich das Gefühl, das ich Einwandererdünkei nennen möchte. Wie in Wien der vor zwei Jahrzehnten eingewanderte galizische Jude, der in der Stadt oder im Alsergrund wohnt, in verächtlichem Tone von „zudringlichen, unmanierlichen polnischen Juden“ redet, wie in England russisch-jüdische Emigranten auf die Gefahr der