Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438432-2438450--3568-2443344- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 18 zählte, so sind die Ziffern doch von gewisser Bedeutung. Wir greifen einige heraus: geboren gestorben Zuod. Abnahme 1899 4901 2986 + 1915 1904 5219 3834 + 1384 1905 3988 4209 — 221 1910 ISST 2867 -+- 640 In 12 Jahren, 1899—1910, sind somit die Geburten um fast 30%, die Todesfälle nur um ein geringes, 3°/o, gesunken, eine wirklich1 ganz bedenkliche Entwicklung, die Weissenberg eine „Katastrophe“ nennt. Ans der Diener RultusgeraeinOe. Nach einer Fülle von Verhandlungen hinter geschlossenen Türen fand endlich am 30. April wieder einmal eine „öffentliche“ Sitzung mit der Tagesordnung „Rechnungsabschluß“ statt. Ihre Einberufung war aber nicht etwa einer löblichen Meinungsänderung des Präsidiums zu danken, nicht der plötzlich erwachten Erkenntnis, daß die Beratungen einer öffentlichen Körperschaft mii einem Millionen-Budget öffentlich abgehalten werden sollen, sondern sie erfolgte unter dem Zwang des Statutes, welches bei einigen Anlässen, so auch bei der Behandlung des Rechnungsabschlusses, die Oeffentlichkeit vorschreibt. Es ist allerdings zu erwarten, daß die „geheime“ Herrlichkeit in absehbarer Zeit ein Ende nehmen wird. Die zionistischen Kultusvorstinde haben, wie erinnerlich, bereits im Monate Jänner beantragt,!die Sitzungen (prinzipiell öffentlich abzuhalten und nur für die Behandlung rein persönlicher Angelegenheiten oder auf Wunsch der Mehrheit des Plenums die Sitzungen für vertraulich zu erklären. Vorläufig wurde zwar dieser Antrag in die Versenkung getaucht. Man hat ihn, nach altbewährtem Muster, dem Vertreterkollegium zugewiesen und dann der Statutenkommission. Diese Sta'.utenkommission wurde aber ganz ungesetzlicherweise bis auf den heutigen Tag nicht einberufen, ja, nicht einmal konstituiert. Aber die Zeiten, da man unliebsame Anträge auf diese, kalte Manier ins Jenseits befördern konnte, sind doch' vorüber. Die Urgenz wird bald und nachdrücklich erfolgen. Zu Beginn der Sitzung interpellierte das Vorstandsmitglied Dr. Engel in Angelegenheit des Wohlmeyerschen Antrages im niederösterreichischen Landtage, welcher die Ausschaltung der Juden aus dem Offiziersstande, dem Justizdienste und dem politischen Dienste verlangt. Dr. Engel fragte, was das Präsidium zur Wahrung der jüdischen Interessen gegenüber solchen Angriffen zu tun gedenke. Es entspann sich eine lebhafte Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Stern, Dr. Schreiber, Weil u. a. beteiligten. Gesinnungsgenosse Dr. Ehrlich stellte den Antrag, daß in einer Beschwerde an die Statthalterei dagegen Verwahrung einzulegen sei, daß der Statthalter in seiner Eigenschaft als Regierungsvertreter nicht sofort gegen diesen groben Angriff auf eine große Kategorie österreichischer Staatsbürger Protest erhoben hat, und für die Zukunft verlangt wird, daß die Regierung diesbezüglich ihrer Pflicht nachkomme. Den Herren von der Majorität war der Antrag zu „scharf“, und sie begnügten sich, in ganz unpräziser Form zu beschließen, daß in irgend einer Weise die Entrüstung des Kultusvorstandes Über das Vorgehen der Christlichsozialen der Oeffentlichkeit zur Kenntnis gebracht werde. Trotzdem Gesinnungsgenosse Oberingenieur Stricker in Unterstützung des Antrages Ehrlich die Nutzlosigkeit solcher Proteste gegen die Antisemiten hervorhob und energisches Vorgehen bei den verantwortlichen Behörden empfahl, wurde der Antrag Ehrlich abgelehnt. Wenn auch' der Ausgang der Debatte kein zufriedenstellender .ist, so kann man es doch nur begrüßen, daß der Kultusvorstand sich endlich seiner Pflicht, die politischen Interessen der Judenschaft zu schützen, bewußt wird. Wir stellen auch. fest, daß Dr. Stern seiner Empörung darüber Ausdruck gab, daß sich n i em a n d im Landtage zum Protest erhoben hat. Uns Zionisten hat dieses Stillschweigen nicht überrascht. Die Herren Liberalen und Sozialdemokraten haben eben wichtigeres zu tun, auch der von Juden gewählte Jude Kornelius Spitzer, dessen „Tätigkeit“ wir schon oft beleuchtet haben. Er ist nunmehr auch von seinen Parteigenossen im Wiener Kultusvorstande erkannt, wenn es auch Dr. Stern ansdyjjinend nicht über sich bringen konnte, diesen Helden namentlich zu brandmarken. Zum Rechnungsabschluß sprach von zionistischer Seite Obering. Stricker. Er beanständete in erster Linie die mangelhafte Führung der technischen Agenden. Bei der Gebäudeerhaltung und -Verwaltung zahlt die Kultusgemeinde schwer drauf. Sie hat einen technischen Amtsleiter, von dessen Wirksamkeit niemand etwas weiß und der nicht zu sehen ist. Gg. Stricker verlangte unter allgemeiner Zustimmung sofortige Remedur und Ausgestaltung des technischen Amtes, durch welche jährlich viele Tausende erspart werden könnten. Er bespradi ferner die Gebahrung im Spital und beanständete den Posten für die Verköstigung im Betrage von über 150.000 Kronen. Da heuer zufolge Umbaues der Bettenbelag ein viel schwächerer war, ist es unerklärlich, daß die Verpflegskosten nicht erheblich gesunken sind. Er behielt sich vor, auf diese Angelegenheiten noCh zurück zu kommen. Beim Kapitel „Kultus und Unterricht“ wies Gg. Stricker in längerer Rede auf das verheerende Unwesen des Spiellasters im jüdischen Mittelstände hin. Das Turf- und Hazardspiel züchtet jüdische Verbrecher, es verdirbt das weibliche Element so sehr, daß sich jüdische Mütter in der verkommensten Gesellschaft auf dem Turf und in den Spielzimmern herumtreiben, dabei ihre Kinder mitschleppen u. dgl. a. Es stellt folgenden Antrag: „In Anbetracht des Umstandes, daß das Unwesen des Hazard- und Turfspie- 1 es sich auch in den Kreisen des jüdischen Mittelstandes, besonders in jugendlichen Kreisen, in unverhältnismäßig starker Weise bemerkbar mache, legt der Kultusvorstand den Herren Rabbinern und Religionslehrern nahe, beim Unterrichte, bei Abhaltung von Predigten und sonst sich ergebenden Anlässen dieser Angelegenheit gebührende Beachtung zu schenken. Insbesondere werden die genannten Funktionäre ersucht, die Jugend durch Warnung und Belehrung vor dem Spiellaster zu bewahren.“ Der Antrag wurde unter Beifall einstimmig angenommen. Man kann diese Entschließung mit größter Freude begrüßen. Der Antragsteller hat durch seine Anregung den Kultusvorstand mit Erfolg auf ein wichtiges Gebiet sozialer und erzieherischer Betätigung verwiesen. Der liberale Skandal im Diener Gemeinberate. Die beschämenden Vorgänge innerhalb der Wiener fortschrittlichen Partei haben h den Kreisen der jüdischen Wählerschaft die tiefste Empörung ausgelöst. In einer großen, massenhaft besuchten Volksversammlung, welche _ der Jüdische Volksverein für die Leopoldstadt am 26. April ins Hotel Zentral einberufen hatte, fand dieses Gefühl der Empörung seinen lebhaften Ausdruck. Referent des Abends war der Vereinsobmann Oberiagenieur Rcbert Stricker, welcher in einer ausführlichen Rede, den liberalen Niedergang und seine Begleiterscheinungen schilderte. Er erinnerte an die hochtrabenden Versprechungen, welche die liberalen Kandidaten anläßlich der Reichsrats- und Gemeinderütswahlen geleistet hatten. Sie haben gelobt, einträchtig gegen die christlichsozale Reaktion zu kämpfen. Kaum im Besitze ihrer Mandate haben sie sich in vier Gruppen gespalten und befehden sich auf das grimmigste zum 'Gaudium der antisemitischen Gegner. Vor dem Intriganten W eißkirchner kriechen sie, den Christlichsozialen gegenüber schweigen und motivieren ihren feigen Verrat durch die Behauptung, daß sie als „intellektuelle Kulturmenschen“ keine Radaupolitik betreiben können. Dagegen treffen es diese „Kulturmenschen“ sich gegenseitig vor der breitesten Oeffentlichkeit als Betrüger, christlichsoziale Mietlinge etc. zu bezeichnen. Redner wies ferner auf die schmähliche Haltung der liberalen Gemeinderäte anläßlich des Verkaufes des Näschmarktes durch die Kommune hin. Das Wiener Volk ist wieder um zirka 50 Millionen betrogen worden. Weil'aber diesmal die Banken, die von liberalen Direktoren geleitet werden, den Löwenanteil davongetragen haben, schweigt die liberale Presse und schweigen die liberalen Mandatsträger. Hierauf sprachen noch die Gesinnungsgenossen Dr. Paul Weisengrün und Plaschkes in äußerst gediegener und temperamentvoller Weise. Die zahlreich anwesenden Anhänger der liberalen Parteien — schwiegen. Die Versammlung, deren Massenbesuch deutlich bekundet, daß die jüdischnationalen, demokratischen Ideen immer weiter Vordringen, nahm folgende Resolution an: „Die am 26. April im Hotel Zentral tagende Wählerversammlung des jüdischen Volksvereines für die Leopoldstadt nimmt die beschämenden Vorgänge im fortschrittlichen Parteilager mii Entrüstung zur Kenntnis und drückt den fortschrittlichen Mandatsträgern, insbesondere denjenigen des zweiten Wiener Gemeindebezirkes sowie auch den Funktionären der politischen Bezirksorganisationen „Dcnauklufc“, „Freiheitlich-sozialer Verein“ und „Politischer Wirtschaftsverein“ das schärfste Mißtrauen aus. Die Genannten haben die ihnen übertragenen Mandate gröblich mißbraucht und statt, wie sie es vor der Wahl gelobt haben, einen einheitlichen Kampf gegen die ch r j s 11 i c h’soz i a 1 e Reaktion zu führen, ihre Kräfte und die Kräfte ihrer Wählerschaft in gegenseitiger persönlicher, selbstsüchtigen Befehdung verbraucht.'Sie haben dadurch die christlichsozialen Reaktionäre gestärkt und die Interessen der jüdischen Wählerschaft an die Gegner verraten. Die Versammelten sprechen die Hoffnung aus, daß bei den nächsten Wahlen eine geeinte jüdische Wählerschaft würdigen Vertretern ihre Stimmen geben wird und fordert die jüdischen Wähler des Bezirkes zum Ein - trifte in den Jüdischen Volks verein für die Leopoldstadt auf.“ Gesinnungsgenossen! Verkehret nur in jenen Lokalen, in denen die „Jüdische Zeitung“ aufliegt! NESTLE rnrnm kindehmehl PROBEDOSE VERSENDET GRATIS:! HENR^jKT^|M^Ü5lBERSrRfl^^J 9BD NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. In eigenen Palais. — Versilbertes Kapital zirka 380 Billionen. — Prämienreserue zirka 113 Hillionen. —Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit töditige, leistungsfähige Hgenfen gegen höbe Bezüge. Auskünfte erteilt die Generalagentsdialt Bien, 1„ Aspernplatz 1 (Beiter: Daold Hebenzahl). Eör Ostgalizien n. Bukowina: Subdirektion Höbt Taubes, Eemberg.