Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 17 (25.4.1913)
- Date
- 1913-04-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Säte 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. Ü handen — nicht zuletzt hei der jüdischen — nur ist es zugegebenermaßen außerordentlich schwer, in den geschlossenen großen Nationalstaaten dieses Motiv als wirksam zu erkennen, als tiefste Wurzel des politischen Antisemitismus, umsomehr, als den Nationen selbst dieser Zusammenhang nicht klar bewußt ist. In Oesterreich, diesem Nationalitätenstaat, ist es leichter, diese Erkenntnis zu gewinnen. Sehen wir doch hier sogar eine Erscheinung, die auf gar keine andere Weise erklärt werden kann: den Separatismus der tschechischen Sozialdemokratie. Er ist den meisten Politikern, ja selbst den Führern der österreichischen Sozialdemokratie, die zumeist Juden sind, ein unlösbares Rätsel. Es handelt sich bei dieser Bewegung nicht etwa um eine Autonomie der tschechischen Sozialisten, diese besteht längst in ausreichendstem Maße, sondern darum, daß die Arbeitergewerkschaften national zertrennt werden sollen, was natürlich den Klassenkampf schwächt, ja teilweise unmöglich macht und damit die Interessen der Arbeiterklasse, welche die Gewerkschaft bilden, aufs schwerste schädigt. Der Riß geht nicht etwa bloß durch Reichs- oder Kronlandsorganisationen, sondern in gemischtsprachigen Ländern, ja selbst in Wien, durch die einzelnen Betriebe. Arbeiter derselben Fabrik, derselben Branche, desselben Ortes, bisher derselben Gewerkschaft angehörig, bilden nun zwei fast feindliche Lager; bei-Streiks und anderen Vorkehrungen zur Verbesserung der Lage der Arbeiter ist dies natürlich nicht nur ein Hindernis, sondern macht in der Praxis solche Vorstöße unmöglich, wirkt daher zugunsten der „Klassengegner“, der Unternehmer. Was ist also der reinste Widersinn, und es ist begreiflich, daß die Führer der Sozialisten diese ungeheuerlichen Bestrebungen nicht fassen können und sie mit den gröbsten Mitteln zu bekämpfen suchen. Ja, noch mehr: Die tschechischen Separatisten verraten die grundlegende Idee der Sozialdemokratie, den Klassenkampf auch in anderer Weise, indem sie sich in manchen nationalen Fragen., mit den . „bürgerlichen“, Tschechen vereinigen und mit ihnen gegen die deutschen Parteien, auch gegen die deutsche Sozialdemokratie kämpfen! Die Erscheinung des Separatismus, welche außerhalb der Sozialdemokratie wenig beachtet und innerhalb derselben nur so erklärt werden konnte, daß die Separatisten gar keine Sozialisten sind, ist in Wahrheit ein außerordentlich bedeutsames Symptom. Sie ist die Probe auf den wird kaum Erwähnung getan. Trotzdem gab jes solche; sie waren es ja, die die abenteuerlichen Feldzüge Karl XII finanzierten. Sie wurden aber nur geduldet,' ihr Vorhandensein gesetzlich niemals anerkannt - Bald kamen auch fremde Juden hinzu — trotz des strengen Verbotes — allein was hatte das strenggläubige Schweden beginnen sollen, wenn es infolge der sinnlosen Eroberungspolitik seiner Könige in Geldnöten gelangte und sich stets fremde Juden fanden, die bereit waren, der leeren Staatskasse hilfespendend beizuspringen. Ende des 18. Jahrhunderts hatten die Stockholmer Juden bereits eine eigene Synagoge am Neuen Markt, die sich jedoch bald für die zunehmende jüdische Bevölkerung als zu eng erwies. Ein gut Teil der alten Beschränkungen war bereits gefallen und als in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Windhauch der Judenemanzipation auch die schwedischen Gemü'er berührte, entschloß sich der edle König Karl Johann XIV, die jüdischen Gemeinden, insofeme sie den gesetzlich vorgeschriebenen Organisationsformen entsprechen, anzuerkenr.en und sie den Gemeinden ißgt Landeskirche gleidhzustellen, .ferner die Judehäls fast vollwertige und gleichberechtigte Bürger anzuerkennen. Einen Sturm der Entrüstung entfesselte der gute König durch seine kühne Tat Er konnte seine französische. Abstammung nicht leugnen, er kannte jedoch seine Schweden nicht Und so mußte er wohl öder übel nachgeben und die Gleichstellung der Juden und ihrer Gemeinden stark einschränken. Seitdem sind viele dieser Einschränkungen wohl aufgehoben, zu einer völligen Emanzipation — nicht einmal zur paoiernen — haben eh ' die Juden immer noch nicht gebracht. Sie können weder Mitglieder des Staatsrat es,v noch auch Minister werden, aus gewissen Mili :ärstellungen sind sie ebenfalls ausgeschaltet -tfiid all dies nach dem Wortlaute des' Gesetzes. ' (Fortsetzung-folgt) das Exempel, ob nationale oder Klasseninteressen die stärksten sind, sie vernichtet den Wahn vom internationalen Klassenkampf und bestätigt die Wahrheit, daß die Nation eine untrennbare Einheit isit, so daß alle Kämpfe zunächst innerhalb der Nation ausgetragen werden müssen. Man wird diese symptomatische Wertung des Separatismus vielleicht für übertrieben halten, es darf aber nicht vergessen werden, daß die sogenannte Internationalität der Sozialdemokratie in keinem Lande auf die praktische Probe gestellt wurde. Daß ‘sich die nationalen Sozialisten zu einer Internationale verbinden können, um ihre Klasseninteressen, die überall dieselben sind, zu fördern, beweist gar nichts dagegen, denn das ist ja nur eine reibungslose Aneinanderreihung von Gleichartigem. Erst wenn im Ernstfälle etwa das deutsche Proletariat sich mit dem französischen verbinden ■ wollte, um gegen die Klassengegner zu marschieren,, würde es sich zeigen, daß, wie Bebel gesagt hat, jeder deutsche Sozialist seine Flinte auf die Schulter nehmen würde, um die, Gesamtheit der Deutschen, inclusive der Klassengegner,. zu verteidigen. In Oesterreich allein, wo gemischtsprachige Länder zahlreich und anders als in Rußland, die nationalen und sozialen Schichtungen bereits klar abgrenzbar sind, konnte das Problem, ob die nationale oder ' soziale Idee die stärkere, ist, praktische Bedeutung erlangen. Durch den Separatismus scheint diese Frage beantwortet. Denn es gibt wohl' kein stärkeres politisches Band,', als das der Kiassensolidarität der Arbeiter und ihrer marxistischen .Ideologie. Und selbst dieses Band wurde zerrissen, im Momente, ■ wp das nationale Moment in Frage kam. Wenn der Separatismus auch nicht direkt jüdische Interessen tangiert, so ist er doch für logisch Denkende nur eine Konsepuenz derselben Entwicklung, welche die Juden aus den deutschen bürgerlichen Parteien trieb, und sie bald auch aus denen der tschechischen und. polnischen treiben wird;'. Der deutschliberalen Par- . - . -iw..) tei stand ihre nationale Zugehörigkeit genau so über ihrer politischen ‘ Ideologie, . das. Deutschtum über ihrem Liberalismus, wie den Separatisten ihr Tschechentum über ihrem Markismus. Aus diesem Grunde gaben sie den Juden gegenüber ihren Liberalismus preis, um sich mit den antisemitischen Deutschen zu einem nationaldeutschen Bund zu vereinigen. Die gleichen Anwandlungen , sieht , man im tschechischen und im polnischen bürgerlichen Lager. Immer wieder zeigt es sich, daß von allen Gemeinschaften die nationale die stärksten' Zusammengehörigkeitsgefühle auslöst; Daß die Nation als höchste Einheit .empfunden wird, und alle sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kämpfe zunächst innerhalb, der Nationen ausgetragen werden müssen. Dreierlei sollten, die Juden daraus lernen: Erstens, daß sie in ihren politischen Ideologien das nationale Moment vergaßen und sich irrten, wenn sie glaubten, man könne „Demokrat“, „Liberaler“, ^„Sozialist“ sein, ohne jede nationale Zugehörigkeit; zweitens, daß sie überall als nationsfremd angesehen werden und daher, auch wenn sie. sich national drapieren, mit dem steten Erstarken des Nationalgefühls bei den Völkern, aus allen politischen Gemeinschaften ausgeschlossen werden müssen, auch aus solchen^ bei denen noch die „Internationalität“ ein Dogma ist, und drittens, daß es nur eine politisch vernünftige-,.Haltung geben kann: Trotz aller Gegensätze "der Anschauungen innerhalb der Judenheit sich 1 national, als jüdische Gemeinschaft, zu konstituieren. Damit würden sie nicht nur tim, was' ihnen von außen aufgezwungen wird, sondern was an und für sich das einzig normale ist. 1 Die Zufumft Oer turiiei. Die englische Revue „Near . East“ (Naher Osteh) bringt einen Artikel über die Zukunft ddt Türkei äiis 'der jFeder eines Jungtürken, der sich1 -tiiüef;- dem1 Pseudonym „Djenan“ verbirgt. Na'dt 'itftfi bedrohen die Zukunft der Türkei in' AsienTttih'e Reite von Gefahren. Als erste bezeichnet er die russischen Ansprüche, in Armenien „Ordnung zu machen“. Demgegenüber müsse die Türkei eine starke Armee bereithalten und die Festungen in Stand setzen. Ferner müßten Frankreich und Deutshcland für die Intregrität der Türkei interessiert werden, namentlich durch Gestattung von wirtschaftlichen Unternehmungen. Die zweite Gefahr stamme von dem Wunsche der Mächte nach einer internationalen Kontrolle der türkischen Finanzen. Dagegen gibt es nichts als eine Reorganisation des Staatshaushalts, na*- mentlich weitgehende Sparsamkeit inbezug auf die Armee, deren Reduktion durch den Verlust ..Makedoniens und Albaniens möglich ist. Ferner müsse im Yemen Frieden geschafft werden.- Die dritte Gefahr stamme von den englischen Aspirationen auf den Süden der Provinz Bagdad. Diese rühren von dem Wunsch Englands her, den indischen Besitz gegen alle Angriffe sicherzustellen. Demgegenüber solle die Türkei die Rechte Britanniens auf den persischen Golf und das Rote Meer anerkennen, unter .der Bedingung, daß England zur Entwicklung der Türkei eseine Beihilfe leistet. Die b,Kapitulationen“ (Gerichtsbarkeit der Konsuln für fremde Staatsangehörige) wurde Djenan empfohlen, bestehen zu lassen. Die nationalen Gefahren der inneren Politik sind nicht minder groß, wie die äußeren Bedrohungen. Insbesondere betrifft dies die arabische Frage, die heute vor allemin Syrien eine schwierige ist. Nur durch das Systemder Dezentralisation kann sie unschädlich gemacht werden. Noch1 ernster vielleicht ist die kurdische Frage. Den unzivilisierten Kurden kann nur schwer Raison beigebracht werden. Djenan empfiehlt das Engagement von englischen Offizieren aus den indischen Grenzprovinzen, welche Erfahrungen in der Pazifikation wilder Volksstämme haben. Von der Lösung der kurdischen Frage hänge jene der armenischen ab. Die Armenier haben sich während des Krieges als ' loyale Bürger erwiesen. Lassen die Türken ihnen Gerechtigkeit widerfahren, so werden sie auch weiter loyal bleiben. Imübrigen müsse der Türkei freie Haha zum“ Abschluß von Handelsverträgen und im Zollwesen gelassen werden, was heute nicht der Fall ist. Insbesondere müsse die ' Einfuhr von Alkohol durch hohe Zölle erschwert werden. Die Christen wollen die Jungtürken völlig gleich behandeln, wie die Mohammedaner. Das Engagement fremder Offiziere für die Gendarmerie würde verbürgen, daß keine gegenseitigen Ausschreitungen (mehr stattfänden. Wie man sieht, hat die Türkei eine schwere Aufgabe vor sich, wenn sie all diese Fragen lösen will. Hoffen wir, daß die Mächte ihr endlich die nötige Ruhe gönnen, das Reformwerk durchzuführen. - Max Nordau an den jüöifrfien Wanöer- M „Blau-Weife“. vor kurzer Zeit gegründeten Jüdischen Wanderbund folgendes Begrüßungssdireiben: 8 rue Henner, Paris, 14. April 1913. Hochgeehrte Herren, „Der Jüdische Wanderbund!“ Welcher Name für eine; Vereinigung von Juden! Aut den ersten Blick möchteman an eine Absicht schneidender Selbstironisierung im Geschmacke des Aristophanes ■ oder Voltaires glauben. Ist nicht das ganze Judentum seit anderthalb Jahrtausenden ein „Jüdischer Wanderbund“ gewesen, so weit es durch gemeinsamen Glauben und Gemeinbürgersdiäft überhaupt ein Bund war? * - Ist nicht unsere ganze Geschichte in der Zerstreuung ein einziges, dauerndes Wandern.? — Freilich — dieses Wandern war kein fröhliches Umherziehen in der Natur. Es war ein wegemüdes Schleichen unter zermalmender Last, ohne Ziel, ohne Rast, ohne Heimkehr; eine Flucht aus bekannten Qualen in unbekannte, vielleicht, schlimmere. . Jung-Juda hat gleichwohl ntcht gezögert, seine_ neue Vereinigung „Wanderbund“ zu nennen. - : ' Das war" tapfer. Das war geistreich. Jung- Juda hat dem alten Wort einen neuen Inhalt geben wollen. Es hat, um der Mödespräche einen mir widerwärtigen Ausspruch zu .'entlehnen, seinen Wert umgewertet. . Das Wandern, zu dem Jung-Juda'sich verbindet, ist ein anderes als das der Väter; Es ist ein genießliches Wandern., Es ist ein Wandern, nicht nur in der Natur, sondern zur' Natur. Nicht'mit-scheuem, bangem Auslüg nach verfolgenden und lauernden Feinden, sondern mit helläugigem Aufblick zu Ziehenden Wölken,- jungem Laub, holden BäunjbJüten, spielenden Vogelpärchen. Es ist ein' Waifdern, das: dip:‘'Glieder stärkt, die Brust weitet,;rdie Seele mif- Bilögni und Wonne füllt; ‘ --■ 1 r?l-- ~