Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 17 (25.4.1913)
- Date
- 1913-04-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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17 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3f einige Vorträge, darunter eigen über Zionismus, Prof. Freud zeigte vor 400 Leuten in einem gemieteten Kinotheater die „schönen Lichtbilder des N. F. und jüngst gab es ein sehr gelungenes Purim-Kinderfest mit Beteijung der Kleinen. Am 19. März konnte nach langen Vorarbeiten und nach Ueberwindungj großer Hindernisse im Saale der Kultusgemeinde eine Bezalelausstellung eröffnet werden. Die großen Bemühungen des Komitees, an dessen Spitze unser Professor Freud stand, brachten‘einen befriedigenden materiellen und einen noch schöneren moralischen Erfolg. Hier zum etstenmale hatten die Hunderte von Besuchern Gelegenheit, wirkliche Palästinaarbeit zu sehen. Dje Anerkennung war allgemein und ehrlich und dürfte dem Bezatel hier manchen Freund geworben haben. Letzthin hatte unser. „Circolo sionistiqo“ liebe Gäste, die strammeg Palästinareisenden unter Dr. Zlocistis Führung finit Dr. Schmarjahu Lewin als zufälligem Mitreisenden. Obwohl erst im letzten Augenblicke verständigt, sorgten wir für Quartier und boten den,Gästen einen kleinen Empfang an unserem Vereinssitze im Restaurant Goldberger, wobei einige Reden gehalten wurden. Im1 Ganzen sieht man, dgß auch hier jüdische Arbeit geleistet wird. Möchte ihr auch der verdiente Erfolg beschieden sein! B—S. Die Juden und die Politik. Von Adolf Böhfm, Wien. In einer der letzten Nummern der „Jüdischen Zeitung“ wurde v,on einem deutschen Juden berichtet, der sich als strammer Parteigänger der — Feudalen bekannte und. daran Bemerkungen über die kopflose Haltung der Juden in der Politik geknüpft. Dieses Kapitel ist ein unerschöpfliches und so weit man auch in der Geschichte des Emanzipationszeitalters zurückgeht, immer und immer wieder wird sich das Urteil bestätigen, daß ein hehr feiner Kopf, der deutsche Dichter Theodor Fontane — der übrigens unbewußt ..über*.die. Stellung,*der-..Juden zu den Deutschen stets in zionistischem Sinne dachte und kein. Antisemit war, zählte er doch Auerbach, Lindau, Brahm zu seinen besten Freunden — schon vor 30 Jahren in einem Briefe aussprach: „Sie“ (die Juden) „sind und bleiben einem politisch unverständlich; sonst so praktisch, verfallen sie politisch sofort der Phrase; sie sind Phantomanbeter, Anbeter eines Gottes, den sie sich erst machen. Wie in ältester Zeit immer Rückfälle in den Götzendienst. Aber es hilft ihnen nichts; sieschreiben Zeitungen, aber nicht — Geschieht e.“ Dieses Phantom war zumeist der „Fortschritt“, die „Aufklärung“, die „Zivilisation“,. An diesen Götzen hielten und halten sie fest, mag auch der Gang der Ereignisse täglich und stündlich beweisen, daß all diese Dinge keine politischen Kategorien sind, daß sich in der Politik alles um Macht- und Interessenkämpfe dreht und fast überall gerade jene Richtung siegreich ist, welche in der Ideologie der Juden den Gegensatz zum Fortschritt verkörpert und jedesfalls irgendwie antijüdisch tendiert. Geht man dieser Erscheinung nach und begnügt .sich nicht damit, einfach zu konstatieren, daß die sonst so praktischen Juden einfach keinen .politischen Sinn haben, so muß man zu ihren Gunsten manches einräumen. Die „fortschrittliche“ Ideologie war es ja, welche die anderen Völker bewogen hat, die Juden zu emanzipieren, die liberalen Parteien waren, wenigstens programmatisch, stets gegen den Antisemitismus und schließlich war und ist das liberale Wirtschaftsprogramm eine Vertretung der Interessen von Industrie und Händel, welchen Berufen die Juden zumeist angehören. Es muß daher zugegeben werden, daß, wenigstens in früheren Zeiten die Politik der Juden gar nicht so sinnlos war. Und was die politische Begabung oder die Fähigkeit, politisch umzulernen betrifft, so steht es damit bei den anderen Völkern nicht besser als mit den Juden. Der Deutsche ist speziell ein Beispiel für politische Unbegabung, wie sie nicht ärger gedacht werden kann. Der große, verhängnisvolle Irrtum der Juden lag gar nicht in der Richtung politischer Doktrin, sondern in dem völligen Uebersehen des nationalen Momentes. Sie merkten nicht, daß alle Interessen- und Kulturkämpfe nicht im luftleeren Raum vor sich gehen, sondern zunächst innerhalb der Nationen. So wie das englische Sprichwort sagt: „Wright or wrong — my country“, so liegt es rm Fühlen jeder Nation, diese Kämpfe zuerst unter sich ausmachen zu wollen, nach außen aber als Nationsganzes zu erscheinen. Nationsfremde oder Leute, die als solche empfunden werden, sollen sich in diese Familienstreitigkeiten nicht einmischen. Dieses Empfinden ist bei alten Nationen vor- Akjademie mit nachfolgendem Tanze. Prof. Chajes.„ sprach über die Makkabäer, musikalische Darbietungen folgten, unter welchen die vom ganzen Orchester gespielte Hatikwah besondere Zustimmung fand. Eine prächtige Manifestation war die Chanukahfeier in der neuen Synagoge; hinreißend die Festrede des Oberrabbiners, in welcher die F'eigheit als das jüdische Erbübel gekennzeichnet wurde. Auch hier machte die Hatikwah‘ — Gesang und Orgel — den Schluß. Jüngst wurde Enrico Salem zu Grabe getragen, der durch mehr als 40 Jahre mit an der Spitze der Kultus-Gemeinde gestanden war. Das Millionenvermögen des streng religiösen Mannes fiel — bis auf ein Legat von 50.000 K für jüdische Zwecke — ausschließlich getauften Erben, Kindern und Enkeln, zu. Die notgedrungene Erwähnung dieser traurigen Erscheinung in der Grabrede des Oberrabbiners brachte man-t chen; unserer Israeliten aus dem Häuschen; die übrigens beim Anblicke der Plakate unserer „Pro Cultura“ nicht minder erschrocken waren. (Man darf doch bekanntlich' keinen Antisemitismus erregen.) Aus denselben Kreisen dürfte wohl das Entrefilet im hiesigen „Piccolo“, einem Renegatenblatte italienischnationaler Juden aus Ungarn— Neue Freie Presse in italienischer Ausgabe — entstammen, das unter dem Titel „Mar- ChesChwan“ in geistloser Weise die Setzung auch des hebräischen Datums auf unsere zur Makkabäerfeier versandten Einladungen bekrittelte. .(Wieder einmal hatten wir Antisemitismus erregt.) Eine besondere Gruppe bildet hier die mehrere hundert Köpfe starke Kolonie der Juden aus Korfu, zum größten Teil bei dem großen Korfuer Pogrom in den Achtzigerjahren Geflüchtete. Meistens dem Proletariat angehörig, Trödler, Hausierer, Arbeiter und dgl., laufen die Leute in der letzten Zeit Gefahr, durch die Berührung mit der sehr gemischten Einwohnerschaft der hiesigen Altstadt, wo sie wohnen, ungünstig beeinflußt zu werden. Das wäre um so mehr zu bedauern,', als. die Korfioten viel jüdische Tra-. dition und Religiosität besitzen. So können wir •uns nur freuen, daß es unserem Gg. jur. Leonzini, der gleichfalls aus Korfu stammt und bei dies.en seinen Landsleuten sich' großer Beliebtheit erfreut, geglückt ist, sie zu einer Vereinigung zusammenzuschließen, die 'moralische Hebung und materielle Selbsthilfe bezweckt. Bisher hielt ini Kreise dieser neuen Vereinigung Prof. Chajes Feuilleton. (Nachdruck verboten.) Die Juden in Skandinavien. Von Ludwig B a 16. Im unmittelbaren Mittelpunkte des seit Monaten tobenden Balkankrieges steht neben der Türkei das russische Reich. Obwohl es nicht in Waffen steht, sich an dem kriegerischen Treiben nicht beteiligt, so wiß man doch, daß es ohne seine Ermutigung nicht zum Kriege gekommen wäre. Man weiß, mit welch gierigen Blicken Rußland gen Konstantinopel blickt und man weiß auch, ja man hat es schon vor Monaten gewußt, daß Rußland auch im höhen Norden rüstet, um Schweden und Norwegen an den Leib zu rücken und auf diese Weise die finnischen Besitzungen zu erweitern. Der weltbekannte schwedische Forschungsreisende Sven v. Hedin hat auf diese Gefahr im vergangenen Sommer aufmerksam gemacht und. daß er durch seine Enthüllungen einen heiklen Punkt Rußlands berührte, beweist die Tatsache, daß ihn hierauf die Russische Geographische Gesellschaft — wahrscheinlich auf höheren Befehl — ausgestoßen hat. „Sven von Hedin — schrieben damals die russischen Blätter — ist jüdischer Abstammung. Dies erklärt auch, die Tatsache, daß er eine Woche nach einer Audienz bei dem russischen Ministerpräsidenten, dem er die größten Komplimente machte, in einer Broschüre Rußlands Pläne enthüllte. So hinterlistig, so tükisch kann nur ein Jude sein. Ein Arier — niemals!“ Sven von Hedin ist jüdischer Abstammung? Wird der jüdische Leser staunend ausrufen. Ja, gibt es denn Juden in Schweden? In der Tat war bisher von den Juden der skandinavischen Halbinsel, sehr wenig zu hören. Die Dreiländerhalbinsel Skandinavrai hat in der jüdischen Geschichte niemals eine Rol’.e gespielt. Wie denn auch? In Norwegen und Schweden wurden die Juden überhaupt nicht geduldet, in Dänemark waren sie stets den größten Demütigungen und dem zähesten Hasse des Volkes ausgesetzt. Merkwürdig genug bei dem skandinavischen Volke, in dem der Katholizismus, der nach der Auffassung vieler eine der Hauptursachen des Judenhasses darstellt, niemals festen Fuß fassen konnte, bei einem Volke, das sich um den Preis großer innerer Kämpfe die religiöse Freiheit errungen hat, das zu einer Zeit, wo Europa sich in einem Stadium ^mittelalterlicher Verwilderung uno Unwissenheit befand, bereits eine blühende Universität besaß, bei einem Volke, in dem bereits seit J ahrhunderten das Schreiben und Lesen als Allgemeingut gilt. Die Haltung der Skandinavier den Juden gegenüber macht alle liberalen Theorien über den Quell des Antisemitismus, der ja hauptsächlich im Katholizismus und dem Mangel an Aufklärung zu suchen sei, zuschanden. Dieses bequeme Theoriegebäude war übrigens immer baufällig und ist unter dem Eindrücke der Vorgänge im protestantischen Preussen, im aufgeklärten Frankreich und im mohammedanischen Marokko und Jemen bereits in sich selbst zusammengebrochen. Ich will nicht näher auf die Gründe des Judenhasses eingehen, doch »möchte ich auf die Tatsache hinweisen, daß er bei den nordischen Völkern — die stammverwandten Finnen hinzu - gerechnet — trotz der lächerlich' geringen Zahl der dort ansäßigen Juden stets ganz besonders ausgeprägt war. Betrachten wir dies vom rein psychologischen Standpunkte, so vermögen wir die nordische Seele zu begreifen. Gibt es e1was grundverschiedeneres als das in sich abgeschlossene, abgerundete Wesen des blenden, küh len, mit seinem Lande engverwachsenen Nordländers und die typische Erscheinung des schwarzlockigen, leidenschaftlichen, umherirrenden, unbeständigen Juden, der immer ein Stück prallen aneinander und daß hiebei stets der Orient mit sich trägt? Die größten Gegensätze ringewanderte, sich in Minderheit befindende Jude den kürzeren ziehen mußte, entspricht der inneren Folgerichtigkeit der Dinge und bildet einen immer wiederkehrenden Schlußreim des jüdischen Dramas in der Zerstreuung. I. Schweden. Noch niemals empfand ich ein solches Gefühl der Einsamkeit, als wie mein Eisenbahnwagen von der Dampffähre, auf der wir die Ostsee durchquert haben, auf schwedischen Boden hinüberrollte. Selbst meine spärlichen, in knapper Zeit dem Sprachführer abgerungenen Kenntnisse jder Landessprache konnten mich nicht darüber hinwegtäuschen. In allen Ländern, die ich bisher besuchte, fühlte ich mien heimischer als hier, denn überall fand ich einen Zusammenhang mit der jüdischen Vergangenheit oder Gegenwart. In einem Lande, das in der jüdischen Geschichte eine terra incognita darstellt, war ich niemals gewesen. Wer weiß etwas von Skandinaviens Judenheit? Wohl die allerwenigsten. Die meisten dürften bloß wissen, daß der erste moderne Rabbiner der Wiener Juden Isak Noah Mannheimer, ein dänischer Jude war. Dies für die Vergangenheit. Für die Gegenwart hingegen ist allgemein bekannt, daß der berühmte Kritiker Georg Brandes eigentlich Maurice Cohen heißt und der Geburt nach Jude ist. Während mein Zug durch die fruchtbaren, jedoch langweiligen und durchaus nicht sehenswerten Schonen dahinbrauste, saß ich sinnend da und trachtete meine Kenntnisse der schwedisch-jüdischen Geschichte zu sammeln. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts werden die Juden in Schweden zuerst genannt und zwar in den Kirchenbüchern der Hauptstadt. Es handelt sich hierbei um den fast erzwungenen Uebertritt zweier Juden zur lutherischen Landeskirche. Zugleich wird das Gesetz erwähnt, wonach den fremden Juden verwehrt ist, sich in Schweden niederzulassen, es sei denn, daß sie die heilige Taufe empfangen. Der berejt$ ansässigen Ju-