Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 sionsandrohung war aber ein zu gewagter Einsatz, insbesonders deshalb, weil die Oeffentlichkeit seinen Standpunkt niemals verstehen wird. Herr Dr. Stern darf sich also darüber nicht beklagen, daß er seinen Einsatz verloren hat. Seit'den Neuwahlen in den Kultusvorstand bot diese Frage die erste Gelegenheit zur Austragung eines prinzipiellen Streites. Die zionistischen Kultusvorsteher haben, eine durchaus gerechte Sache vertreten und wir freuen uns aufrichtig ihres großen Erfolges. Die Gehdtsregulierung der Beamten. Wie bekannt, haben die Beamten der Wiener Kültusgemeinde wiederholt beim Präsidium der Kultusgemeinde um Gehaltsregulierung angesudit. Vor kurzem verlangten sie die Durchführung der geplanten Gehaltsregulierung mit der Wirksamkeit vom 1. Jänner 1913. In der letzten Sitzung des Kultusvorstandes brachten unsere Gesinnungsgenossen D r. Jakob Eh‘rlich. und Oberingenieur Robert Stricker in dieser Angelegenheit eine Interpellation ein. Nach einem Hinweis auf ■ eine Eingabe der Beamtenschaft heißt es in dieser Interpellation: „Da im Kultusvorstand die Geneigtheit bestehen dürfte, dem Ansuchen der Beamten zu willfahren, es jedoch für den Fall der Nachzahlung der Gehaltserhöhung für den Haushalt der Beamten nicht gleichgiltig ist, w.ann diese Nachzahlung erfolgt, es sich vielmehr empfiehlt, diesen Zeitpunkt nicht weiter als unbedingt notwendig hinauszuschieben, erlauben wir uns an den Herrn Präsidenten die Anfrage zu richten, ob die Vorarbeiten für die geplante Gehaltsregulierung schon soweit vorgeschritten sind, daß eine baldige Behandlung dieses Gegenstandes im Kultusvorstand zu. erwarten ist.“ Die Hefte gegen die jööifrfien Studenten Sie bricht von allen Seiten los. An den Stattender höchsten Gelehrsamkeit werden die niedrigsten Intriguen ersonnen, um die Juden fern- :zuhalten. Nicht etwa.,in Rußland, sondern im zivilisiertestem Westen. Nur mit einem 'Unter-7 schiede: Die russischen Gelehrten haben aus ihrem Vorhaben nie ein Hehl gemacht und die Juden öffentlich verfolgt. Die ehrenwerten deutschen und französischen Professoren aber nehmen zu den erbärmlichsten Verdrehungen ihre Zuflucht und gebrauchen Manöver, deren sich der gewiegteste Pferdedieb nicht zu schämen brauchte. Nachstehend das Resultat einer Woche. Paris. Wie sehr böse Beispiele gute Sitten verderben, ist in der Konferenz der französischen Medizinstudierenden, die kürzlich hier stattfand, wieder einmal zutage getreten. Ganz nach deutschen Mustern wurde eine Resolution gefaßt, die sich dem Wortlaute nach zwar gegen Feuilleton. Die hohe Gass’. Ein Krakauer Bild von Otto Abeies. Schwer wie ein Witwenschleier hängt der Himmel über der „Hohen Gaß“, als wollte er ihre Schande verdecken. Wer hat die Schöne so grausam verstümmelt und'besudelt? Welche furchtbare Faust hat die uralte Synagoge in den Boden gehämmert, daß nur mehr das edle Antlitz aus der Erde ragt? Wer hat den großen freien Platz davor mit Tröäelbuden besät, aiis denen die schmutzigen Lappenhervorquellen, und aus denen die Gier nach armseligen Kupfermünzen schreit? -.Wer hat die heilige „Ramuschul“ zerschunden*;daß sie hilflos dasteht, wie ein armer Sünder nach dem Spießrutenlaufen? Wer hat in den Vorhof der „Neuschul“ die verwahrlosten Kinder gesetzt und wer läßt wie zum Hohne zwischen diesen drei Häusern Gottes die Jamergestalten herumstolpern, denen sich der Kaftan in Fetzen um die Knöchel ringelt, wie graues Gewürm? : Niemand fragt —, niemand antwortet —. ‘ ■ * Aut der entgegengesetzten Schmalseite dieses geräumigen Platzes, den sie „Die hohe Gaß“ nennen, der alten Schul gegenüber, liegt ein nacktes Stück viereckigen Bodens, von einer mannshohen Mauer ringsum behütet. - Dort stand einst ein stattliches Haus, hochgiebeljg, mit vorgebautem Stockwerk und einer alle ausländischen Studenten richtet, in Wirklichkeit aber lediglich die jüdischen Studierenden aus Rußland treffen soll. Die französischen Medizinstudierenden forderri: 1. daß die Ausländer von dem Studium an den medizinischen Fakultäten Frankreichs vollständig ausgeschlossen werden sollen; 2. daß es den ausländischen Studenten im allgemeinen verwehrt sein soll, sich in Paris zu konzentrieren; es sind vielmehr Maßnahmen .zu treffen, um ihre Verteilung über die Universitäten der Provinz herbeizuführen; 3. daß künftig Ausländer zur Ausübung der ärztlichen Praxis in Frankreich nicht mehr zugelassen werden. sollen, selbst wenn sie im Besitze eines französischen Diploms sind, und daß die bereits praktizierenden Ausländer zur Erwerbung des französischen Bürgerrechtes und zur Leistung von Militärdienst angehalten werden sollen. ,— Man sieht, aller Chauvinismus und Deutschenhaß kann es nicht verhindern, daß die reaktionär-antisemitische deutsche Studentenschaft : auch in Frankreich Schule macht. 1 Prag. Im chemischen1 Institut der Prager deutschen Universität (medizinische Fakultät) findet sich folgender Anschlag: „Der Besuch der Vorlesungen über organische Chemie ist nur gegen Vorweisung der Platzkarten gestattet. Zum Bezug der Platzkarten und zur Vormerkung auf Arbeitsplätze im Laboratorium wollen sich' die Studierenden beim Herrn Adj. Dr. Eckert melden, und zwar die Studierenden, deren Name mit A—K beginnt, am 14. April, L—R am 15. April, S—Z am 16. April zwischen 8—10 Uhr vormittags und 3—5 Uhr nachmittags. Die Hörer und Hörerinnen des chemischen Institutes werden gleichzeitig obligatorisch gegen Unfälle im Laboratorium 'versichert, wofür die Prämie (1 Krone) beim Bezug der Platzkarten zu entrichten ist. > Für die nach Oesterreich-Ungarn zuständigen Hörer (Hörerinnen) werden bis zum 16. April (inklusive) die ersten 120 Sitzplätze im Hörsaal und die ersten 115 Plätze im Laboratorium reserviert. Da nur eine relativ kleine Zahl von Arbeitsplätzen zur Verfügung steht, können im Sommersemester keine Mediziner im zweiten Jahrgang Aufnahme finden. Die definitive Zuteilung der Arbeitsplätze erfolgt am 21. April von 3—6 Uhr nachmittags. Mayer.“ Der Anschlag klingt’hacmlqs.i Tatsache .ah$r, ist: 1. die nicht nach Oesterreich-Ungarn zu-’ ständigen Hörer sind r ii s s i s ch e J u d e n. 2. Tm ersten Jahrgang studieren an der medizinischen Fakultät 146 Hörer, davon 46 russische Juden. Es gibt daher nur 100 hach Oesterreich-Ungarn, zuständige Hörer. 3. Es ist Tatsache, daß in den Vorlesungen die russischen Juden sich nie nach vorn gesetzt haben, sondern in die hinteren Bankreihen, und daß die vorderen de facto den inländischen Hörern reserviert blieben. 4. Herr Professor Dr. Mayer ist ein getaufter Jude. Kommentar überflüssig. München. Ein jüdischer Student, der in Rußland ein Gymnasium absotviert und in Bern sein erstes Semester verbracht hat, erhielt auf sein Gesuch um Immatrikulation an der Universität München folgende gedruckte Erwiderung: „Universität München. Immatrikulation von Studierenden aus Rußland und aus den Balkanstaaten. Für die an der hiesigen Universität studierenden russischen Staatsangehörigen wurde von der bayerischen Regierung im Frühjahr 1911 eine Höchstzahl festgesetzt. Diese Ziffer ist zurzeit noch weit überschritten, da aus früheren Semestern noch viele russische Studenten immatrikuliert sind; es ist auch für die nächsten Semester kein solcher Abgang zu erwarten, daß Neuaufnahmen stattfinden können. Wenn wieder Plätze f rei werden, so können nur solche russische Studierende ausgenommen werden, die sich über eine ausreichende Kenntnis der deutschen Sprache sowie darüber ausweisen, dah sie ein achtklassiges Knabengymnasium absolviert und schon an einer russischen Universität oder russischen technischen Hochschule studiert haben. Auch für die Studierenden aus den Balkanstaaten sind Höchstzahten festgesetzt und können nur insoweit Aufnahmen stattfinden, als Abgänge stattfinden; Gesuche um Vormerkung auf freiwerdende Plätze können unter Beifügung der Zeugnisse an das Universitäts-Rektorat gerichtet werden.“ Mit dieser Verfügung hat die Reichstagsdebatte über die Zulassung russischer (lies: russisch-jüdischer) Studenten berei’s ihren Kommentar für die Praxis gefunden. Es ist traurig, daß Deutschland sich damit zum Helfershelfer der russischen Juder.poli'.ik gemacht hat. Berlin. Es wird aus Leipzig berichtet, daß bereits mit dem beginnenden Sommersemester die dortige Universität von russischen .Studierenden den einjährigen Besuch einer russischen Universität und die Beherrschung der deutschen Sprache fordert. Diese Entschließung kann nur antisemitische Motive haben, denn den Bewei? des einjährigen Besuches einer russischen Universität kann von den russischen Studierenden nur der Jude nicht erbringen; wären ihm die russischen Universitäten nicht verschlossen, er brauchte nicht ins Ausland zu gehen. Das Märchen. Die Wälder atmeten der Sonne zu, Die Gräser gleißten wie gereifte Aetren. öa sagtest Du: ' „Du!! Wenn wir zwei in Palästina wären...“ Und in die Tiefen meines Blutes drang Das schlichte Wort wie Sehnsuchtsaug’ der [Sphären; Die Seele klang: „Du!! Wenn wir zwei in Palästina wären...“ Zu meines Lebens Märchen ward dies Bild; Durch all mein Kämpfen, Hassen und Begehren Tönt’s engehnild: „Du!! Wenn wir zwei in P:.ri3tina wären...“ Beda. anmutig gewundenen Holztreppe gegen die Hofseite hin, eine Zierde der hohen Gaß. Der Hausherr, ein begüterter Pelzhändler und gelehrter Talmudist, war gestorben und nun wohnten seine Kinder hier, zwei Söhne mit ihren Familien und die spätgeborene Jachet, die schön war, wie ein schweigsamer Sommerabend. Von ihr sei hier erzählt, denn die Geschichte der hohen Gaß ist mit'ihrem Namen verknüpft. Schon als Kind war Jachet ein wundersames, selbstherrliches Geschöpf. Sie war in der Familie wie ein fremder, seltsamer Gast, durch dessen Gegenwart man geehrt ist und den man mit allem umgibt. Mit einem kurzen, gebieterischen „Nein“ hatte sie nach dem' Tode der Eltern abgelehnt, den jungen Schriftgelehrten zu heiraten, dem sie als achtjähriges Kind Verlobt worden war und die Brüder wagten nicht zu widersprechen. Sie hatte keine Gespielin und' niemand durfte sich ihrer Freundschaft rühmen. Wenn sie auf den Fischmarkt kam — so erzählt man noch heute — ging ein neidisches Flüstern durch die Gruppen der Mädchen und Frauen und alle machten ihr unwillkürlich' eine Gasse. So schritt sie dahin, die schweren braunen Flechten zogen ihr den Kopf in den Nacken und wenn sie nach links oder rechts hinblickte, oder gar lächelte, wars beglückend wie ein königliches Geschenk. Die beiden Stuben, die sie im väterlichen Hause bewohnte, trugen reichen Blumenschmuck an den Fenstersimsen und die Talmudjünger, di“ vorübergingen, verstummten im Disput, als fühlten sie über ihren Köpfen Jachets blendend weiße Stirn zwischen dem sorgsam gepflegten Blumengeranke hervorleüchten. Dieses Mädchen war zwischen dem engverschlungenen Leben der Judenstadt einsam geblieben. Etwas Häßliches, Beklemmendes lag über der hohen Gaß, das Jachet abstieß und tiet verletzte: die Askese. Der giftige Eifer bedrückte Winket und Plätze, verdunkelte den goldenen Schimmer der Freitagabende, erstickte die Lieder des Volksmundes. Er rauhte den jungen Frauen den Haarschmuck, jagte die schlaftrunkenen Knaben durch das Morgengrauen in die Betstube und befahl den Männern, sich zur Wand zu kehren, wenn ein Mädchen des Weges kam. Er vergällte jedes Tröpfchen Freude mit namenloser Angst vor Gesetzesübertretungen, ließ allenthalben das drohende Gespenst der Sünde auftauchen und schwang zornig seine Geißel über dem kostbaren, tiefinnigen Ineinanderweben von Lust und Leid in den engen Mauern der uralten Judenstadt. Das alles empfand lachet schmerzhaft, wie öin Kind der Berge die SMckluft der Hütten im Tale. Vaterhaus und Gasse wurde ihr zum leidigen dumpf?” Kerker. Gar oft verließ sie. in ihr stolzes, ceidenes Brusttuch gehüllt, die hohe Gaß, erging sich an den luftigen Ufern der Weichsel, lauschte den Liedern der Hirten und brachte sie nach Hause mit. Am Abend hörte man dann aus den blumigen Fenstern die fremden Lieder, die den Frommen wie Kriegsrufe der Feinde klangen, über das Dach der alten ScbuF ziehen — —. Einst hatte sie sieht gar von den Wiesen einen herrenlosen Hund mitgebraebt, den sie nun überall mit keckem Totz mit sich führte, so sehr sie sich damit gegen die gute Sitte verging. „Reb Mayers gottlose Tochter geht mit einem