Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 16 schön von den Separatisten, daß sie ein deutschgeschriebenes Organ „Der tschecho-slawische Sozialdemokrat“ herausgeben, das aus dem Solidaritätsgefühl heraus gegründet wurde in der Absicht, hie und da hinter die Kulissen der deutschen Sozialdemokratie hineinzuleuchten. Das wird die angenehme Folge haben, daß so manches Heldenstückchen der deutschen Sozialdemokraten, das bisher der Mitwelt schonend vorenthalten wurde, den Weg in die deutsche Oeffentlichkeit finden und gebührend gewürdigt werden wird. Das muß den deutschen Genossen freilich etwas unangenehm sein. Recht schöne Aussichten eröffnen sich für die Zukunft, wenn jetzt schon die tschechischen und die deutschen Genossen einander ihre Parteijuden vorwerfen. Der Brünner „Rovnost“ ist sehr erbittert auf den Juden Dr. Karpeles, der sich erkühnt, zentralistische oder, wie der „Rovnost“ sagt, deutsch-jüdische Konsumvereine für tschechische separatistische Arbeiter zu gründen. Die Juden in der Partei — das ist die Stelle, wo die „Arbeiter-Zeitung“ sterblich ist. Prompt erwidert sie daher am 30. März, daß sie nicht polemisieren wolle mit den „antisemitelnden Redewendungen, die der Partei der Herren Dr. L.eo Winter, Dr. Meißner und Dr. Witt usw. so gut stehen.“- Die Helden Adler und Austerlitz im Kampfe gegen Dr. Winter und Dr. Witt — ein herrlich-humoristischer Anblick!“ * * * Der liberale Krach. Was gegenwärtig im liberalen Lager in Wien dem das Ende selbst. Die Spaltung des fortvorgeht, ist nicht der Anfang vom Ende, sonschrittlichen Häufchens in. noch kleine Häuferln, wie sich1 die Christlichsozialen schadenfroh ausdrückten, ist nicht das Anzeichen von Agonie, sondern die Zersetzung, eines seit langer Zeit faulenden Kadavers. Ueber die Tatsache, daß der bürgerliche Fortschritt in Wien längst tot ist, kann nichts hinwegtäuschen. Mögen liberale Blätter noch so schmetternd den Zusammenschluß aller Freiheitlichen, Fortschrittlichen und wer weiß welcher Gruppen verlangen,, um vorzutäuschen, daß noch, liberale Kadres vorhanden sind — die Tatsachen sprechen.zu eindeutig. In. Wiep bestehen, wie-Hofrat Kuranda, der unentwegte Fortschrittsmann,^inst quaIzer-': rissen, gestand, nur drei Lager: Antisemiten, Sozialdemokraten und Juden. Ehe letzten Bezhksratswahlen auf der Wieden haben den Beweis für diese Behauptung erbracht Die Antisemiten — Christlichsoziale und Deutschnationale — vereinigten in diesem von einem fortschrittlichen Abgeordneten vertretenen Bezirke zehnmal soviel Stimmen auf sich wie der gesamte „Fortschritt“. Das darf aber niemanden Wunder nehmen. Weder der faule, miasmendurchsetzte Zersetzungsgeruch aus dem liberalen Lager, noch die Erfolge der Antisemiten. Denn was sich1 in dem sogenannten liberalen Lager in Wien zusammen - gefunden hat, würde genügen, um zehn Parteien dem Untergange zuzutreiben. Programmlose Streber, abenteuernde Glücksritter, senile Impotenz, Taufjudentum, egoistische Eigenbrödelei, Heuchler und KliquenWirtschaft sind keine zur Erhaltung einer Partei brauchbaren Elemente und Eigenschaften. Letzten Endes hängt Erfolg und Mißerfolg in der Politik von der Reinheit der Grundsätze, von der Tüchtigkeit und auch vom Charakter der Führer ab. Da aber der liberale Wiener Fortschritt weder Grundsätze noch' charaktervolle Führer hat, so darf man sich nicht wundern, daß er so verkommen ist. Denn schließlich sind Schwarz-Hiller, .Kodicek, Blasel und Mittler alles andere, nur nicht geebnet, politische Achtung zu finden und Vertrauen zu erwecken. Bedauerlich' ist es nur, daß gerade die Juden — denn außer diesen nimyit keine Katze diese liberale Sippschaft ernst — vondiesem' fortschrittlichen Klüngel mißbraucht und genasführt werden. Unser Streben muß daher sein, die Judenschaft aufzuklären und den liberalen Komödianten ihren letzten Stützpunkt zu nehmen. Dieser Aufgabe werden wir uns voll und ganz widmen. # * Schamlosigkeit Man sucht vergebens nach einem passenderen Worte, um das Treiben der polnischen Politiker zu kennzeichnen. Dieser Bund von versoffenen Stanczyken, bestechlichen Lumpen und schäbigen Assimilanten hat sifch in der Frage der galizischen Landtagswählreform' bezüglich der Juden so schamlos benommen, daß man nicht genug Worte der Entrüstung und Empörung finden kann. Vorerst haben die edlen Herren von vornherein die Zahl der’ jüdischen Mandate auf ein Minimum festgesetzt. Statt wie es recht und billig wäre, den Juden 23 Mandate zuzuweisen, hatte man die Frechheit (allerdings unter des verruchten Löwenstein Assistenz), vorerst nur 6 Mandate mit jüdischer Majorität vorzusehen. Da aber das ursprünglich in Aussicht genommene Proportiönalwahlrecht in ein Listenwahlrecht umgewandelt wurde,,'verblieben nur drei Wahlkreise mit jüdischer.- Majorität, nämlich Tarnopol, Drohobycz und Stanislau. Nunmehr wurde beschlossen, Tarnoppf und Drohobycz einmandatig zu machen und dem Wahlkreise Stanislau einige Dörfer mit polnischer Bevölkerung einzuverleiben. Es wird Talso in Galizien keinen einzigen Landtagswahlkreis mit gesicherter jüdischer Majorität geben, trotzdem1 die Juden ll°/o der Bevölkerung ausmächen und in vielen Städten die überwiegende Mehrheit bilden. Das alles geschieht mit Wissen und Willen der assimilatorischen Abgeordneten im galizischen Landtage. Die jüdischen Massen und die niditassimilierten Führer der galizischen Judenheit aber lassen es bei platonischen Resolutionen bewenden. „Es geschieht den galizischen Juden recht, wenn sie sich' das gefallen lassen!“ erklärte ein gewesener jüdischer Reichsratsabgeordneter aus Galizien in einem Gespräche mjt einem unserer^ Redakteure Dieser 'jküssfifüch" lit wohl kein Trost, aber er trifft den Nagel auf den Kopf. flus der Wiener Kulfusgemeinöesto&e Die Demission des Präsidenten Dr. Stern. Seit Jahren führen unsere Gewerbetreibenden darüber Klage, daß die Kultusgemeinde bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen den freien Wettbewerb nicht zuläßt Alle ihre Beschwerden waren jedoch erfolglos, obwohl sich sogar das sogenannte offizielle Wahlkomitee schon im Jahre 1904 Veranlaßt gesehen hatte, in das Programm der von ihm damals aufgestellten Kandidaten die Forderung der Zulassung des freien Wettbewerbs bei den größeren Arbeiten der Gemeinde äüfzustellen. Dieser Programmpunkt wurde ganz einfach vergessen und nur zu Wahlzeiten hervorgezogen, ähnlich wie auch die Forderung der Erweiterung des Wahlrechts ‘in manchem offiziellen Wahlaufruf zu finden ist, ohne daß bisher auch nur der bescheidenste Anlauf zur Reform unseres reaktionären Wahlsystems unternommen worden wäre. ■: Als in der Oeffentlichkeit bekannt wurde, daß die Kultusgemeinde den Bau eines Kinder spitäls und einer Friedhofsanlage in Angriff nehme und als auch die Frage des Tempelbaus für die Innere Stadt und eines neuen Gemeindehauses immer brennender würde, war es nur selbstverständlich, daß die Oeffentlichkeit dieser Frage wieder ein erhöhtes Interesse zuwandte. In-erster Linie waren es natürlich die Architekten f und die Gewerbetreibenden, welche sich1 zu Worte meldeten. Ihre Forderungen stießen , auf (len größten Widerstand des Präsidenten Dr. Stern. Seinem Einfluß ist es zuzuschreiben, daß das Vertreterkollegium den Beschluß faßte, daß die Pläne für das Kinderspital im Wege einer beschränkten Konkurrenz zwischen einigen vom Vertreterkollegium namhaft zu machenden Architekten zu beschaffen seien. Selbstverständlich haben die zionistischen Vorstandsmitglieder Oberingenieür Robert Stricker und Advokat Dr. Jakob- Ehrlich gegen diesen Beschluß des Vertreterkollegiums energisch Stellung genommen und haben mit Entschiedenheit den freien Wettbewerb unter unseren Architekten verlangt. Die Angelegenheit gelangte in eiiier ganzen Reihe von Sitzungen der Baukommission, des Vertreterkollegiums und des Kultusvorstands zur Erörterung. Während unsere Gesinnungsgenossen in allen Debatten den Standpunkt vertraten, daß sie nicht als Wortführer der Architekten den Beschluß des Vertreterkollegiums bekämpfen, sondern in Wahrung der Grundsätze einer ordentlichen Verwaltung den freien Wettbewerb fordern müßten, haben andererseits wiederum die Kultusvorsteher Architekt Gärtner, S. Brod und Schramek als Vertreter der Architekten bezw. Gewerbetreibenden die Forderungen unserer Gesinnungsgenossen nachdrücklidhst unterstützt. In der letzten Sitzung des Kultusvorstandes, welche am 10. d. M. stattfand, kam die viel umstrittene Frage endlich zur Entscheidung. In dieser Sitzung hatten sich fast alle Mitglieder des Kultusvorstandse eingefunden. Die Sitzung endete mit einem vollen Erfolg unserer Gesinnungsgenossen, indem der Kultusvorstand mit großer Majorität nach einer mehrstündigen, zeitweise leidenschaftlichen, aber durchaus sachlichen Debatte den von unseren Gesinnungsgenossen'gestellten Antrag in der von Architekten Gärtner modifizierten Form annahm. Nachdem die Annahme des Antrags festgestellt worden wär, .erklärte der‘P r äVid&n't Dr. Stern, daß er nicht in der Lage sei, den Vorsitz weiter zu führen und verließ den Beratungssaal. Hierauf übernahm der erste Vicepräsident Dr. Gustav Kohn den Vorsitz und unter seiner Leitung wurden die in dieser Angelegenheit noch notwendigen Ausführungsbeschlüsse gefaßt. Der Präsident D r. S t e r n hat, wie Tagesblätter gemeldet haben, seine Demission gegeben, und der erste Vicepräsident Dr. Gustav Kohn hat die Führung der Geschäfte übernommen. Damit hat ein denkwürdiger, von beiden Seiten mit großer Beharrlichkeit geführter Kampf ein Ende gefunden. Die zionistischen Kultusvorsteher waren in diesem Kampfe die W o r tführer der öffentlichen Meinung; 'haben doch alle Bezirkskommissionen, in welchen der Gegenstand zur Sprache kam, ihren Standpunkt gebilligt, und selbstverständlich haben sich auch die Architekten und Gewerbetreibenden in ihren Versammlungen die Unterstützung unserer Gesinnungsgenossen erbeten. Nichtsdestoweniger war der Kampf ein sehr ungleicher; denn die Opposition konnte sich nur aut die Ueberzeugungskraft ihrer A rg u - mente verlassen, während der Präsident seinen ganzen Einfluß in die Wagschale geworfen hatte und für den Fall der Nichtannahme seines Antrags mit der Demission drohte. Wer die Zusammensetzung des Kultusvorstandes kennt, wird leicht ermessen können, was eine solche Erklärung bedeutet. Der Präsident hatte, gleich jedem' anderen Mitglied des Kultusvorstands das Recht,- für seine Ansicht einzutreten. Wären seine Argumente überzeugend gewesen, hätte er leicht eine Majorität für sich' gewonnen. Die Demis- LEBENS - VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, L, ASPERNPLATZ 1. ln eigenen Palais. — üersidrerfes Kapital zirka 380 Mllionen. — Ptimienreseroe zirka 113 Klillloneii. -— Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Ö Engagiert Jederzeit tBAtige, leistungsfähige Agenten gegen koke BezOge. Auskünfteerteilf die 6eneralagentsdiait Bien, I., Hsperppiatz 1 (Beiter: David Hebenzahl). Eür Ostgalizien n. Bukowina: Subdirektion Mbl Taubes, lemberq.