Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr.-16 Zu den mährisdrcn Lanfltagswahlen. In der allgemeinen Kurie des Wahlkreises O I m ü t z und P r o ß n i t z wird von der sogenannten deutsch freisinnigen Partei der Angehörige der deutschen Arbeiterpartei, der bekannte Antisemit Prayon als Kandidat aufgestellt. Ihm steht als Gegenkandidat der Sozialist Schloßnicki gegenüber. Die deutschfreisinnige Partei wird selbstverständlich wieder die Frechheit haben, von den Juden die Wahl des Antisemiten Prayon zu verlangen. Wir erwarten aber, daß kein Jude die Charakterlosigkeit besitzen wird, dieser Einladung Folge zu leisten. Der Parteirat der Proßnitzer Jüdisch nationalen hat bereits den Beschluß gefaßt, sich für die Wahl des sozialdemokratischen Kandidaten mit aller Energie einzusetzen und auch die Olmützer Gesinnungsgenossen werden sich zweifellos diesem Beschluß anschließen. Der Jüdische Nationalverein in Wien wird die mährischen Gesinnungsgenossen in ihrem Kampfe unterstützen. Aus dem jüdifdien Leben. Amtseinführung des neuen Londoner Chief Rabbi. London : Die Installation des neuen Oberrabbiners von England, Dr. Hertz, fand am Montag, den 14. April, in der Great Synagogue statt. Da der neue Chief Rabbi vor kurzem seinen Vater verloren hat, vollzog sich die Zeremonie der Amtseinführung in den einfachsten Formen. Zahlreiche niditjüdische Würdenträger, darunter der Lord Mayor von London und die Sheriffs, die in Amtstracht erschienen, wohnten dem feierlichen Akte bei.. «> Der König von Italien über die Juden als Diplomaten. Rom. Zum Gesandten des Königreichs Italien in Kopenhagen wurde vor kurzem Conte di Carubio, ein Jude, ernannt. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekleidete bereits ein anderer Jude, Isak Artom, das gleiche hohe Amt. In einer Unterredung mit einer führenden Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde Roms sprach König Victor Emanuel seine Genugtuung darüber aus, daß-er einen jüdischen Diplomaten auf einen so hohen Posten .berufen konnte. Seit langem sei er überzeugt, daß die Juden gerade für den diplomatischen Dienst her-, vorragend befähigt sind, und er habe wiederholt beabsichtigt, Juden zu Gesandten und Botschaftern an fremden Höfen zu ernennen, doch zeigten sich die betreffenden Regierungen, darunter auch die eines als entschieden liberal gellenden Staates, abgeneigt, einen' jüdischen Gesandten zu akzep'ieren. Bloß der König. von Dänemark habe der Ernennung eines Juden als Gesandten an seinem Hof bereitwilligst 'zugestimmt. Vom jüdischen Technikum in Haifa. Im Aufträge des jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina reist der Direk- Hund, wie die Rittersfrauen, wenn sie Hirsche' oder Juden jagen“, zischelte man. Durch soldies Gehaben entfremdete sich Jadiet allen. Schon wurden ihre tiefbekümmerten Brüder gemieden, man wies mit Fingern nach der Entarteten, heiße Fluchworte trafen ihr Ohr und wosich das stolze, herrische Ding zeigte, liefen die Kinder davon. «- Da ging plötzlich .mit dem Mädchen eine merkwürdige Veränderung vor sich. Sie sang des Abends nicht mehr die fremden Weisen, welche die hohe Gaß' so verletzten, und nahm denn Hund nicht mehr mit sich. Am Markte schloß sie sich allmählich den Frauen und Mädchen an, die sich rasch von ihrer siegreichen Anmut gewinnen ließen. Für -jede hatte sie jetzt ein gutes Wort und eine gefällige Handlung und man konnte sie allsabathlidh mit dem Geschmeide der toten Mutter angetan, an der Seite ihrer Schwägerinnen in strahlender Schönheit zur Schul' gehen sehen. Jachet hatte nämlich von der hohen Gaß ein gefährliches Geheimnis zu hüten. Draußen auf dem lieblichen Wiesenplan vor der Stadtmauer hatte sich der Ghettoschönen ein schlanker, wohlgestalteter Geselle ritterlich ge-, nähert Mit dem ersten Gruße, mit dem ersten Blick hatte er sie erobert. Da schwand die hochmütige Eigenherrlichkeit, wie das Eis vor der Sonne und Jachet wurde ein hingebungsvolles, unterwürfiges, glühend liebendes Weib. Weit draußen traf sie sich in kurzen, heimlichen Stunden mit dem Geliebten und sonnte sich an dem gelassenen Frohmut dieses kerngesunden, fahrenden Studiosus, der ein buntes Barett trug und einen blanken Degen um den Leib geschnallt hatte. . tor dieses Instituts, Herr Dr. A. Finkeistein, am 15. April nach Haifa, um;dort an Ort und Stelle die nötigen Vorbereitungen zu treffen für in einem Jahre zu erwartende Eröffnung des die Fortführung der Bauten und für die etwa Instituts. * Generalversammlung des Hflfsvereins der deutschen Juden. Berlin. Die Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden fand Sonntag, den 13. April, in Berlin statt. Die starkbesuchte Versammlung nahm ‘ mit Befriedigung den Rechenschaftsbericht des Vorstandes zur Kentnis. Herr Dr. James; Simon, der Vorsitzende des Vereins, erstattete den allgemeinen Bericht über die Hilfstätigkeit und das Schulwerk, während Herr Dr. Paul Nathan ausführlich über das durch den Balkankrieg nötig gewordene Hilfswerk auf dem Balkan berichtete. Aus dem Jahresbericht geht hervor, daß die Entwicklung des Hilfsvereins der deutschen Juden auch im abgelaufenen Jahre eine günstige war. Der Hilfsverein hat über 26.000 Mitglieder und mehr als 170.000 Mark Jahresbeiträge. Zu diesen regelmäßigen Beiträgen brachte das Jahr 1912 wieder eine Reihe von Schenxungen und Zuwendungen. Die einmaligen Beiträge inklusive Stiftungen und die Mitgliederbeiträge betrugen eine Million Mark. Unter den einmaligen Spenden ist besonders eine Zuwen- Zdung von Herrn Dr. James Simon im Betrage von 100.000 Mark zu erwähnen. Ferner wandten zwei bekamt e Förderer der jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina dem Hilfsverein größere Summen für palästinensische Zwecke Zu; Herr Gotz aus Moskau stiftete 50.000 Mark für das Rabbinerseminar, in Jerusalem, Herr Feinberg aus Irkutsk 50.000-.Frcs. für ein jüdisches Mädchenheim in Palästina. In rund 50 Bildungsanstalten aller Art, die der Hilfsverein unterstützt oder unter seiner eigenen Verwaltung hat, werden heute etwa 7000 Zöglinge herangebildet. Das Schulwerk, an dem der Hilfsyerein beteiligt ist, besteht u. a. aus 14 Kindergärten, 10 Knabenschulen, 3 Mädchenschulen, H gemischten Srhu’en (2 Kolonieschulen). 1 Mittelschule, 1 Handelsrealschule, 1 Handwerkerschule, 2 Fortbildungsschulen, 1 Lehrerseminar, 1 Kindergärtnerinne-’kursus, 1 Rabbinerkursus, 2 Mädchenheime.- Nahezu 30 dieser Anstalten, wovon der größte Teil unter eigener Regie des Hilfsvereins steht, befinden sich in Palästina und Syrien. Das Technikum in Haifa, in dessen Kuratorium der Hilfsverein » entsprechend vertreten ist, soll bereits, im Aoril 1914 eröffnet werden. Die Ausgaben für das Schulwerk betrugen -im Jahre 1912 rund 280.000 Mark. Das Hilfswerk für die notleidenden Juden im Osten hat' im Jahre 1912 besonders große Dimensionen annehmen müssen. Erdbeben in der Türkei, der Balkankrieg und die starke Auswanderung der Juden aus Rußland infolge des immer wachsenden Druckes und der fortgese'zten Ausweisungen machten große Aufwendungen nötig. Das Hilfswerk für Rußland und die Auswanderung erforderten im Jahre 1912 rund 215.000 Mark. Die gesamten Ausgaben des Hilfsvereins waren entsnrechend der großen Not unter den Juden im Orient und in Osteuropa erheblich höher als im Vorjahre, nämlich 664.000 Mark und erhöhten sich bis zum April dieses Jahres Ein stummes seliges Verweilen an seiner Schulter, ein flüchtiges bebendes Kosen, ein heisses, seufzendes Umfassen,: ein letzter hastender Kuß — und schon jagte s'ie die Angst vor der Entdeckung in die Judenstädt zurück. Und während sie die Geschwister, die Frauen, die Kinder mit guter Rede und freundlichem Handeln belog, nagte die Sorge um ihr Liebesglück und die Einsamkeit in ihrer Brust. 1 In den schlaflosen Nächten aber saß die Sehnsucht an ihrem Lager und ihr Schicksal mußte sich erfüllen. Es war ein Freitag-Nachmittag im Vorfrühling, einer jener täuschender Tage, da der Himmel lockt und flimmert wie.zur Zeit der Pfingstrosen und an denen jedes- Herz vergißt, daß stündlich ein frostiger .Wind die Schneewolken zusammentreiben und den: Frühlingsglanz imt einem frostigen Leichentuch} bedecken könnte. — Jachet hatte daheim sorglich den Sabbath gerüstet, die Leuchter gescheuert, die Kinder der Brüder gekleidet, den Tisch! und die Speisen vorbereitet und sich selbst aufs beste geschmückt. Zitternd wie ein gefährdetes Wild, war sie dann aus dem Hause geschlüpft und zum Stelldichein geeilt, denn die Tage waren noch kurz, und sie mußte rechtzeitig be:m Kiddusch sein, wenn der erste Stern den; Einzug der hohen Braut verkündigte. Aber ein herber, betörender Duft entstieg den Feldern, das Rauschen des Blutes lghmte den Willen — und Jachet kam nicht zum Kiddusch. Die besorgten Brüder hatten heimlich — aus Angst und Scham die Abwesenheit der Schwester verbergend — nach dem Mädchen vergeblich Umschau gehalten. Längst war das Mahl verzehrt, irf den Häusern (ler Heiligsten waren längst die Smireslieder verinfolge des Balkanhilfswerks auf über- 900.000 - Mark. Die Ausweisung von 1700 jüdischen '^Studenten aus Kiew. Kiew. Die hiesige Handelshochschule, die vor einigen Jahren aus einem Privatinstitut in eine staatliche Anstalt umgewandelt wurde, wird von 1700 jüdischen Studenten und Studentinnen besucht. Bei der Uebernahme der Handelshochschule in staatliche Verwaltung hatte die Regierung in die Satzungen der Anstalt eine Bestimmung eingefügt, wonach für die Aufnahme jüdischer Studierender eine Prozentnorm.« mit rückwirkender Kraft festgesetzt wird.;Diev 1700 jüdischen Handelshochschüler waren infolgedessen mit einem Schlage aus der Anstalt ausgeschlossen. Nach jahrelangen Kämpfen gelang/es ihnen, durchzusetzen, daß sie wenigstens , als. „freie Hörer“ zugelassen wurden. Jetzt erklärten aber idie Kiewer Behörden, daß sie als - säßen und die Stadt verlassen müßten. Wieder freie Hörer nicht das Wohnrecht in Kiewvbebegann ein langwieriger Rechtskampf und „die Anrufung höherer Instanzen. Allein alle Vorstellungen und Bitten der bedauernswerten jüdischen Studenten blieben erfolglos: Vor einigen Tagen erhielten sämtliche „wohnrechtsloseo“ freien Hörer und Hörerinnen die polizeiliche Aufforderung, innerhalb einer kurzen Frist die Stadt Kiew zu verlassen. In letzter Stunde wurde beim Generalgouverneur ein zeitweiliger Aufschub der Ausweisungen erwirkt, doch ändert dies nichts an der Tatsache, daß 1700 jüdische Lernbeflissene, die seit Jahren in Kiew ihren Studien obliegen, in den nächsten Monaten gezwungen sein werden, ihr Studium plötzlich zu unterbrechen und die „heilige“ Stadt zu verlassen. PapteisNachrichfen. Mitteilung des Inner-österr. DistrcktskomStees. II., Karmeliterplatz 1. Wir haben in den letzten Wochen an die im Distrikt vertretenen Vereine und Gesinnungsgenossen ca. 300 Schekelblock zur Verteilung gebracht. Wir richten nunmehr an jeden einzelnen Gesinnungsgenossen die dringende Bitte, Sich eitrigst der Schekelagitation zu widmen und die eingegangenen Beträge ehest an das D.-K. abzuliefern. Es muß daher . Ehrenpflicht - jedes Zionisten sein, die wenigen Monate, die für die Schekelagitation zur Verfügung stehen, eifrigster Werbearbeit zu widmen. Weitere Sch'ekelblock sind im Bureau zu haben. 1. S ch1 ek el a us w eis 5673; Gg. Max Markus K 84.—, „Ness Zionah“ 18.—, „Moriah“ 24.—. Zion. Frauenverein 100.—, ..Theologia“ 18.—, Zion. Zentralverein 120.—, Wr. Zionistische Vereinigung 18.—, Gg. Isidor Gewitsch 20.40, Diverse 9.60, zusammen 412.—. Gesinnungsgenossen! Verkehret nur in jenen Lokalen, in denen die „Jüdische Zeitung“ aufliegt! klungen, die Lampen und Lichter brannten schon blab und müde in den Fenstern — da schlich sich ein tummes, trunkenes, engverschlungenes Paar im Schatten der Gassen durch die Judenstadt. Jachet leitete den Buhlen über die Holztreppe in ihre Schlafstube. Im Ergeschoß aber züngelte in der Kupferlampe eine sterbende Flamme hoch auf und verfing sich im Linnenvorhang. Leise zischend begann sich eine blaue, dünne Schlange hinaufzuringeln, wurde immer dicker und behender, umschlang das Gebälk, sdhoß prasselnd zum Dach hinauf, teilte sich, in hundert Arme, fraß sich gierig weiter und eh man's versah, war das Haus in grelle Flammen gehüllt. Der grauende Morgen sah nur mehr den rauchenden Schutthaufen. Unter den Trümmern fand man neben-den verkohlten Gebeinen Jachets und ihres Geliebten den Degen mit dem Kreuzesgriff und die erbleichenden Väter der Gemeinde vergruben zitternd diesen Fund, von dem man um Gottes Willen nicht erfahren durfte. Ein günstiges Geschick (fügte es, daß der fahrende Jüngling ortsfremd war und drüben in der Christenstadt nicht vermißt wurde, denn sonst hätte die sündige Brautnacht des Judenmädchens der ganzen Gemeinde Wehklagen und Todesopfer gebracht. Späterhin ward der Platz, auf welchem Reb Mavers Haus stand, mit einer Mauer umgeben und es'wurde die Lezende überlierert, daß einst am Freitag abends allhier ein frevelndes Paar Hochzeit feiern wollte, was nach Krakauer frommem Ortsbrauche strenge verpönt, ist.