Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438432-2438448--3545-2443319- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■ ■ '■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, - II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden 8 _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ m reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5-, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. m ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. ■ Nr. 16, Wien, Freitag, den 18. April 1913 VH. Jahrgang Aufruf. Wir haben den XI. Kongreß der zionbtir sehen Organisation nach Wien einberufen. In dieser Stadt, aus der Theodor Herzls Weckruf ans jüdische Volk ergangen ist, wird un- : sere Organisation ihre Musterung halten. Vor - _■ den Augen der Welt wird sie prüfen, welchen Weg der Zionismus seit dem ersten und seit dem letzten Baseler Kongreß zurückgelegt hat, welche Aufgaben Oim für die nächste Zukunft gestellt sind. Die Beratungen und Beschlüsse des Wiener; Kongresses werden beweisen, daß die zionistische Idee die lebendigen, die zukunftsfrohen ■Kräfte unseres heimatslosen Volkes zur Arbeit für die nationale Erneuerung zusammenschließt. . Die . Vertretung des jüdischen Volkes wird dieses) Mal in einem großen jüdischen Zentrum tagen.Die Zionisten haben dafür zu sorgen, daß .. ihr Kongreß wirklich das Bild des nationalen Judentums unserer Tage werde. Wir kennen unsere Kraft. Wir wissen, daß '“die" Zukunft unseres Werkes dre-Zukunfi unseres Volkes ist. Pflichtbewußte, zionistische Arbeit muß unserer moralischen Kraft, unserer inneren Stärke den Ausdruck prägen. Die Zahl der Delegierten, die von der Zahl der gesammelten Schekel bestimmt wird, ist das Zeichen der Grösse und Macht unserer Organisation. Den der Schekel ist das offene Bekenntnis zum Zionismus. Darum fordern wir die Zionisten der ganzen Welt .auf: Sammelt den Schekel als das Symbol der Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft und des Willens, ihre Zukunft zu sichern. Das Engere Aktions-Komite der Zionisten Orga- Das Engere Aktians-KomitS der Zionistischen Organi-a ion. Warburg Jacobson Hantke Levin Sckolow. Unser Freiheifsfest. Von Julius Löwy, Wien. Unsere materialistische Zeit liebt das Festefeiern. Sie kann dieses Mittels, die Nüchternheit des vom Eisengedröhn der Maschine erschütterten Alltages zu vergessen, nicht entbehren und versetzt sich unter. Anwendung der gewagtesten Stimulanzen in eine halb gerührte, halb freudige Stimmung. Und weil man in unseren Tagen der verblüffendsten politischen Geschehnisse nicht weiß, was der kommende Tag bringen wird, so nützt man den Augenblick und feiert Jubiläen und Feste, deren Anlaß erst weit hergeholt werden muß. Aber eines ist all diesen Festen gemeinsam: die Erinnerung an etwas erworbenes, festgehältenes. Die Feste aber, die wir begehen, erinnern'alle an etwas erworbenes, das verloren ging. Und da wir ,aus begreiflichen Gründen die Massenpsychose nicht kennen, ist es ..jüdische Art, die Veranlassung unserer Feste von einem freieren und höheren Standpunkte, losgelöst vom Stoff, zu betrachten. : Das jüdische Freiheitsfest ist an -dejr Schwelle der Historie entstanden. Es wurzelt dort, wo Sage und beglaubigte Geschichte aufeinandertreffen. Die Patina der Jahrtausende hat es geweiht und verklärt, wundersame Mystik über ein Geschehnis gebreitet^ das selbst ein Wunder war. Eine halbe Million von Parias, erschöpft durch jahrhunderte alte Frohn, wurde aufgeweckt von der glühenden Rede eines Mannes, der die ganze verfeinerte Kultur seiner Zeit in sich vereinigte. Und diese Sklavenhorde erinnerte sich ihrer beleidigten Menschenwürde, ihrer weit im Osten gelegenen Heimat, die sie längst nur mehr in Liedern und Märchen kannte. Sietfand eines Tages, daß der Schande genug sei, legte die Arbeit nieder .und zog fort. Und als ihr, den Arbeitsbienen, das Heer der Drohnen den Weg verlegen wollte, da schlug das jüdische Volk Jß,einer einzigen Nacht die Macht des Phafao in Trümmer, daß das Schilfmeer rot ward vom Blut. Und diese Sklaven lehrte dann, inmitten eines feindlichen, wüsten Landes ein einziger, ins Riesenhafte wachsender Genius Gesetz und Recht. Das sind, sollte man glauben, der Wunder genug und es brauchte nicht erst der zehn Plagen, von denen die Bibel in so naiven Worten meldet. Seither aber steht dieses Freiheitsfest an der Spitze des Jahres und so oft das Jahr sich wendet, ertönt in den jüdischen Häusern das Lied von den „Sklaven, die wir dem Pharao in Aegypten waren“, wird jeder Darbende zum Mahl geladen, zieht unsichtbar der Prophet Elia ein. Aber aus der schlichten Erzählung des zweiten Buches Moses ergibt sich vieles, was auch heute noch gilt. Wo Feuer ist, gibt es Rauch. Und wo immer der nationale Freiheitsgedanke sich durchsetzen will, gibt es kleine Seelen, die ihn nicht fassen oder die ihn ausnützen wollen. Das wären die Ungefährlicheren. Aber die Bibel erzählt von denen, die dem Moses und Aron zornig entgegentraten, als sie den Pharao zwingen wollten, ihr Volk freizugeben. „Ihr habt unser Ansehen anrüchig gemacht vor dem Pharao und seinen Ministern!“ Das ist die Sorte von Menschen, die auch wir kennen, mit ihren versklavten Seelen, hündischen Allüren, ihrer Selbstsucht, die schließlich den freien Gedanken würgen wollen und zur schlimmsten Waffe greifen, der Angeberei. Wir kennen der Leute viele, die den Moses fragten: „Willst du mich so erschlagen, wie du gestern den Aegypter erschlagen hast?“ Und wir wissen, daß diese Leute, unsere Frohnvögte, uns gefährlicher sind als Amalek. Denn das war. nicht Blut von unserem Blute. Es ist gut, daran zu erinnern in die: sem Jahre, da der 11. Kongreß zu uns kommen wird. Es ist gut daran zu erinnern, welchen Leidensweg unser Freiheitsgedanke gehen mußte, ehe die Vertreter unserer Nation sich zum erstenmale auf Herzls Ruf in Basel versammeln konnten. Auch wir haben die Leute gesehen, die uns sagten, daß wir ihr Ansehen anrüchig machen wollen. Wir haben es erlebt und erleben es wieder, daß man von unserer Seite gegen uns mit Denunziantengekläff schüren will. Wir wissen, daß von Wien aus unsere erste Tagung, die in München zusammentreten sollte, hintertrieben wurde. Und wir wollen heute, am Freiheitsfest daran denken, daß unser Werk der Erlösung des Volkes die stärkste Bekämpfung nicht etwa von fremder Feindschaft, sondern von Feindschaft aus dem eigenen Lager erfahren hat. Das Passahfest erweckt in uns nur Erinnerungen an Verlorenes. Aus Aegypten zog das jüdische Volk in seine Heimat, die es lange Jahrhunderte später, durch Parteiungen und Verrat nach blu- : tigen Kämpfen verlor.. Unsere Bewegung steht erst am Anfang ihrer Aufgabe. Wir haben einiges schon erreicht. Und das beste davon ist, daß wir dem ganzen Judentum den Abscheu gegeben haben, vor den Renegaten. Wir müssen es aber auch die Verachtung der Angeber lehren, die in ihrem unsauberen, tagscheuen Kriechen vor den Pharaonen nicht gestört sein wollen. Dann erst wird unsere Arbeit ungehindert sich vollziehen können, bis das Passahfest zu einer Feier der erworbenen nationalen Freiheit gedeihen wird. Rundschau. Jüdisches aus der Sozialdemokratie. Bekanntlich tut niemand so unjüdisch als gerade die jüdischen Führer der sozialdemokratischen Partei Oesterreichs. Jeden Versuch, jüdische Interessen zu wahren, betrachten sie als einen Angriff auf die Menschenrechte und den Ausfluß der ungeheuerlichsten Reaktion. Besonders auf uns Zionisten haben sie es abgesehen. Sie können es uns nicht verzeihen, daß wir den tatsächlich bestehenden Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden konstatieren, obzwar die Herren Adler, Austerlitz etc. ihn schon seit einigen Jahrzehnten für nicht vorhanden erklärt und wegdisputiert haben. Allerdings haben sie diese schwere Arbeit nicht ganz gründlich besorgt. Macht sich doch dieser Unterschied nicht nur in der heiligen Adlerpartei breit, sondern wird auch von den eigenen Genossen der Herren mit stark antisemitischem Akzent betont. So erschien in einem Blatte folgender Bericht: Haust du meiner» Juden, hau ich deinen Juden. „Die internationale Solidarität der Sozialdemokratie treibt merkwürdige Blüten. Tschechische und deutsche Sozialdemokraten stehen einani ir mit solchem Haß gegenüber, daß seine Aeußerungen Freunden des Humors nicht vorenthalten werden dürfen, ln der letzten Zeit lut die Innigkeit des Hasses au! deutscher Seite eine Steigerung erfahren. Es ist aoer auch nicht