Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seiie 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 15 sehe*, wenn jüdische Tatkraft die Staatskassen füllen, den Handel und die Industrie zu neuer Blüte bringen und Spanien auf das Niveau der modernen Wirtschaft emporheben würde.. Anders liegt aber die Frage, wenn man sie vom Standpunkte der spaniolisdien Juden betrachtet. Diese haben nicht den geringsten Anlaß, einem Staate zu trauen, welcher ihre Vorfahren in solch unmenschlicher Weise behandelt und rücksichtslos vertrieben hat. WohC ist die Lage,der spaniolisdien Juden durch die Besiegung der Türkei verschlechtert worden und die neue griechische oder bulgarische Herrschaft bedeutet für die Spaniolen eine Einbuße an Freiheit und Selbstbestimmungsrecht. Aber diese Situation ist — es gehört nicht viel dazu, um da den Propheten zu spielen — noch viel besser als das Schicksal eines Mohren in Spanien, der nach' getaner Pflicht vertrieben werden wird. Die Auswanderung nach Spanien wäre ein Weg'vom Regen in die Traufe. Aber noch ein Umstand kommt in Frage: die nationale Ehre. Ntchtswürdig ist das Volk, welches angetane Unbill und Schmach leicht vergißt. Wir glauben darum nicht, daß sich so viele spaniolische Juden bereit eiklärt haben, nach Spanien zurückzukehren. Die spaniolisdien Juden sind seit jeher wegen ihres Stolzes bekannt und dieser Stobt kann gewiß auch nicht durch' die Tatsache ge- ■ brachen worden sein, daß die stolzen Spanier zu Kreuze krochen'und die einst so verachteten Juden liebevoll und ergebenst zur Rückkehr ins „Vaterland“ einladen. * * .* Deutsche Aufrichtigkeit. Die Frage der ausländischen' Studierenden an den deutschen Universitäten ist auch im' preußischen Abgeordnetenhaus« zur Sprache gekommen. Abgeordnete aller Parteirichtuhgen befaßten sich mit der Bewegung gegen die ausländischen Studierenden und alle sagten es in mehr oder minder deutlicher Weise, daß diese ganze Hetze eigentlich ein Ausfluß des unter der' deutschen Studentenschaft tief eingewurzelten Judenhasses. ist.- Dje Abgeordneten der Rechten entUödeten sich' ..«qgäjrt. russisch-jüdischen Studenten - und Studentinnen sinnlose, ganz unberechtigte Verleumdungen anzudichten. Nur der sozialdemokratische Abgeordnete Liebknecht nannte das. Kind beim rechten Namen, indem er als die einzige Ursache des Boykottes gegen die russisch-jüdischen Studenten die Borniertheit und den nationalen Chauvinismus der. deutschen 'Hochschüler bezeidinete. Immerhin sticht die Judendebatte des preußischen Abgeordnetenhauses noch wohltuend von den Maßnahmen mancher deutscher Universitätsbehörden ab. So bestimmte das Rektorat von Leipzig, daß nur diejenigen russischen Studenten an der Leipziger ahna mater Aufnahme' finden würden, welche bereits ein Jahr lang ordentliche Hörer an einer russischen Hochschule gewesen sind. Die Absicht der Leipziger Universitäts- Verwaltung geht also dahin, die russischen Juden von der -Aufnahme auszusdiließen, denn gerade die jüdischen Studierenden aus Rußland — welche infolge der Perzentnorm1 zum Studium nicht zugelassen werden — sind aut die ausländischen Universitäten angewiesen. Wer alsoein Jahr lang ordentlicher Universitätshörer -in Rußland war, der ist Nkhtjude. Diesem jedoch sind nach wie vor Tür und Tor der Leipziger Universität geöffnet und er fällt, trotzdem er Ausländer ist, nicht mehr lästig. Wer noch einen Augenblick gezweifelt hat, dab der ganze Ausländerspektakel in Deutschland ein antisemitischer Exzeß ist, muß durch' die Debatte im preußischen Abgeordnetenhause und durch die Ankündigung des Leipziger Rektorats eines Besseren belehrt sein. Die Unaufrichtigkeit der deutschen Unterrichtsverwaitung . und Universitätsbehörden aber - zeigt sich in dieser Affäre im' widerwärtigsten Lichte. * * * Das Ende eines' Rituatmnrdmärchens. Wir haben seinerzeit über das Ritualmordmärchen in Kolin berichtet. Es handelte sich um ein böhmisches Dienstmädchen, das bei dem jüdischen Kaufmanne' Wdißberger bediehstet war und eines Tages verschwand. Der christlichsoziale Hetzpfaffe H r a c h o w s k i, der.beschuldigt war, mit dem verschwundenen Dienstmädchen intimen Umgang gepflogen zu haben, verdächtigte die Juden in Kolin, daß sie an dem verschwundenen Mädchen einen Ritualmord begangen hätten. Die klerikale und antisemitische Presse Böhmens bemächtigte sich1 der Koliner Rituahnorlüge, (wodurch in der ganzen Ümgegeiid große Beunruhigung entstand. Vor einigen Tagen' wurde jedoch die Leiche des Verschwundenen Mädchens aus der Elbe gezogen und der -behördliche Augenschein ergab, daß das Mädchen einen Selbstmord begangen hat. Damit ist‘ fre Koliner Ritualmordlüge begraben. Das Ritualmärchen als solches aber wird — jahrhundertelange Erfahrungen berechtigen, zu dieser Auffassung — fröhliche Auferstehung feiern. Umsomehr, als die Staatsanwaltschaft es auch in‘diesem Falle nicht für nötig befunden hat, die Verbreiter des Blutmärchens in den . Anklagezuständ zu versetzen. Unbehelligt waltet Pater*Hrachowski weiter seines Amtes als Religionslehrer und Jugendbildner. Er pflanzt. ungestört in die'Herzen der ihm anvertrauten Kinder Judenhaß und den Glauben an den jüdischen Ritualmord. Und diesen Glauben werden wieder gerichtsordnüngsimäßig erbrachte Beweise von der jüdischen Unschuld, noch die Belehrungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus ausrotten. Die ungariidie Moderne. (Eine Kunstwart-Affäre in Ungarn.) ö.-." Die ungarische Literatur ist im Auslande fast völlig unbekannt. Man weiß wohl, daß es Dichter namens Arany und Petöfi gab, daß der Romancier Jökai nette Sachen schrieb, mehr hat .Europa nicht erfahren. Erst in der allerletzten Zeit, seit ungefähr 6—7 Jahren beginnt man sich für die aufstrebende ungarische Literatur zu interessieren. Allerdings ist dieses Interesse mit der Zeit sö stark geworden, daß man in Berlin und Wien, wo die Stüdke ungarischer Autoren oft die Wochenrepertoirs der Theater füllen, anhebt, ,über die „magyarische Invasion“ Klage zu führen. Deutsche Dichter — heißt es allgemein ' — müssen mit ihren wertvollen Werken einem1 Brödy, Molnär, Lengyel und wie sie alle heißen, weichen. Man kann sich leicht vorstellen, daß dieses Vordringen magyarischer Dichter im Auslande in den vaterländischen Blättern großen Jubel auslöst, wenn sich auch mitunter einzelne Stimmen geltend machen; die all diesen Autoren anationale und sittenverderbende Tendenzen unterschieben und sie allesamt verdammen. In der allerletzten Zeit veröffentlichte der rumänische Dichter und Üebersetzer ungarischer Autoren, Oktavian Goga, einen literarischen Aufsatz, in dem er klipp und klar darlegt, daß man von einer jungungarischen nationalen Literatur schlechthin nicht sprechen könne, da es ein zeitgenössisches (magyarisches Schrifttum nicht gibt. Das kemmagyarische Element werde immer mehr und mehr zurückgedrängt, wogegen die Juden immer; mehr zur Geltung kommen und allmählich' Alleinherrscher $ier ungarischen Literatur werden. Es sei' eine ungarische Literatur bis vor 30 Jahren vorhanden gewesen, jetzt aber, wo. es fast' durchwegs Juden sind,,die an der Schaffung' einer modernen Literatur in ungarischer Sprache " mihvirken,. könne man von einer magyarisch en Literatur «nicht mehr sprechen. All diese Juden — meint ferner Goga — bringen nichtmagyarische, ja sogar dem magyarischen Wesen widersprechende Noten in die Sprache und Literatur. Der Vorstoß der Juden führe zu der Entnationalisierung des ungarischen Schrifttums. Ueber Oktavian Gogas Ausführungen erhob sich-'ein fürchterlicher Sturm in den ungarischen Blättern, wohlgemerkt, in jenen Blättern, die von Juden geschrieben sind. Die Juden wurden nämlich von einer wahnsinnigen Angst erfaßt. Sie mußten sich sagen: Nun bieten wir seit einem halben Jahrhundert alles, auf, am Vollmagyaren zu werden. Wir sind bemüht, all unserem1 Tun und Lassen einen magyarischen Charakter zu geben. Wir haben die innersten Geheimnisse der ungarischen Sprache erlauscht, wir beherrschen sie besser als die Magyaren selbst, Wir opfern unser jüdisches Volkstum, das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den (übrigen Juden des Erdballs, mit Herz und Seelewollen wir Ungarn, nur Ungarn sein und nun kommt so ein Rumäne und macht die Magr yaren aufmerksam: „Liebe Freunde, ihr lasset doch Eure Bücher und Theaterstücke und Zeitungen ausschließlich von Juden schreiben. Eure Literatur ist kein Geist von Eurem Geiste!“ Und die verbitterten Juden, wie Ignotus (Hugo Veigelsberg) im „Nyugat“, Alexander Braun im „Huszadik Szäzad“ und viele andere mehr lassen Riesengeschütze gegen Oktavian Goga auffahren, der ihren ungarischen Geist in Zweifel zieht. Sie sprechen von einem „Antisemiten“ Goga, sie befehden den „Ungärnfresser“ Goga, gegen. den die ungarische Literatur zu verteidigen sie berufen seien. All dies hilft nichts, all die 'Angstmeierei konnte den großen Eindruck, den der Aufsatz Gogas 'hervorgerufen hatte, nicht verwischen. Er gab so manchem zu denken und das war es, ' was die jüdischen Literaten so ans'dem Häüschen' brachte. Es blieb daher kein anderes Mittel übrig, als sich mit Goga meritorisch auseinariderzusetzen. Man kam jedoch kaum über wüstes Schimpfen hinaus. Die Tatsachen, die Goga an-' führte, sind durchwegs feststehend, keine Zeitungspolitik Vermag sie aus der Welt zu schaffen. Große Anstrengung mußte die Gesichter der assimilatorischen Federhelden verzerrt haben, als sie daran gingen, Gogas Behauptungen dadurch zu entkräften, nicht jüdische Namen zu nennen, die in der jung- ,ungarischen Literatur aucheinen Klang haben. Aber heute weiß jeder, daß gerade die besten ungarischen Schriftsteller, also die auch im' Han sollte auch den Walzkaffee, wenn man solchen verwendet, prüfen. 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