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Jüdische Zeitung · 1913-04-04 · 14 (4.4.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 14 Und hier begann die große Lebenslüge des Judentums des XIX. Jahrhunderts: Diese Juden, die ihre Religion preisgeben wollten, die an einen Gott kaum glaubten, schufen sich den jüdischen Konfessionalismus; denn Konfession war ja damals kein trennendes Moment. Individualismus wurde den Juden zum Schlagwort, er war kein Weg zu einer höheren, reineren Form der Gemeinschaft aufzusteigen, sondern zu einer Auflösung jeder Gemeinschaft, zur Vereinzelung. So wurden , die Juden liberal. Aber mit dem Liberalismus ging es stetig bergab; er verlor zusehends an Einfluß. In liberalen Versammlungen hört man nur Jeremiaden und Lobpreisungen der guten alten Zeit, der Liberalismus wird müde, elegisch und verliert seine Stoßkraft. Die Schuld an dem Verfalle des Liberalismus sah man darin, daß die Juden liberal waren, und deshalb der Liberalismus als „Judenpartei“ abgetan wurde. Einer der liberalen Führer Deutschlands, Friedrich Naumann, äußerte sich: „Die Juden sind fast immer liberal, aber gerade ihr Eintreten für den Liberalismus hat andere Volksschichten mißtrauisch gemacht, sie halten den Liberalismus für eine nicht deutsche Bewegung.“ Aehnlich ging es den Juden in der Sozialdemokratie, der sie in großer Zahl zuströmten. Die „Internationalität“ der Sozialdemokratie ist heute eine Phrase,' die nur noch von den Juden geglaubt wird. Die Assimilation ist den Juden mißlungen. Dies zeigt unser ganzes Leben; die Juden leben immer ganz unter sich, nur scheinbar mit den Andern; sie bilden kleine Konventikel, völlig abgeschlossene Kreise. Der altgewordene Liberalismus ist auch ihnen nur Phrase, nicht Befreiung; er ist heute überhaupt die Partei des Opportimismus, der Kompromisse. Demgegenüber trägt der Zionismus die Elemente des, wahren Liberalismus von 1813 in sich. Er ist die Willensanstrengung der Juden, ein reineres, würdigeres Leben in neuer Gemeinschaft zu führen, sich auf sich selbst zu besinnen und die eigene Persönlichkeit durchzusetzen. Wie 1813 geht auch jetzt der Mann mit der Lampe durch unser Volk mit dem Rufe: „Es ist an der Zeit“. Zeigen wir uns unserer Zeit gewachsen.“ Stürmischer Beifall folgte den Ausführungen des Redners. Hiederaufnabnie Oes Kampfes. Man schreibt uns aus Berlin: Wir gestehen, die „freundliche Duldung“ des" Zionismus vonseiten der Assimilantenparteien ist uns höchst unangenehm. Hatte man früher mit den gröbsten Mitteln nicht vermocht, den Siegeslauf unserer Bewegung aufzuhalten, so hat man in jüngster Zeit durch Freundlichkeit gegen Palästina, Respekt vor Hebräisch und Anerkennung der Stärkung des jüdischen Selbstbewußtseins durch den Zionismus, versucht, die Gegensätze der Weltanschauungen zu verschleiern, die Rosinen aus dem Kuchen zu picken und den Rest ungenießbar zu machen. ln dieser lauen und verlogenen Athmosphäre gediehen natürlich „neutrale“ Vereinigungen aufs beste. Man brauchte keine Farbe zu bekennen, konnte ein inhaltloses Judentum propagieren und war nach' allen Seiten hin vor Angriffen sicher. vergessen . . . Aber sieh zu, daß du bei deinem Namen bleibst! Jidele heißt du, bleib’ Jude!“ Ich erschrecke, aber aus meinem Innersten schreit es heraus: „O gewiß, gewiß! Bei meinem Leben!“ Dabei liegen mir noch meine Wünsche im Sinne: „Und das Essen?“ frage ich, erhalte aber keine Antwort Er ist plötzlich verschwunden . . . Eine Woche später überfiel eine Bande von Häschern unser Haus. Man führte mich fort: Zu den Kantonisten.* *) * Und Wirklich vergaß ich alles, schlug man mir alles aus dem Kopf. IcbiaBcnte im Innern Rußlands, in Schnee und ^rost Gutes bekam ich nichts zu sehen. Vielleicht gab es dort irgendwo heimliche Juden, aber ich kannte sie nicht Ich wußte auch weder von Sabbaten noch von Fest- oder Fasttagen. Alles, alles vergaß ich. Je mehr ich vergaß, desto größer wurde die Versuchung in mir all’ der Pein mit einem Schlage ein Ende zu machen. Doch immer, wenn mir der böse Gedanke kam, erschien e r mir. Deutlich sah ich ihn vor mir. Deutlich hörte ich seine Stimme: „Bleib’ bei deinem Namen, bleib’ Jude!“ Und es konnte nicht etwa nur ein Traum sein. Denn ich sah' ihn von einem zum andern Mal gealtert, mit weißerem Bart mit bleicherem Antlitze. Bloß die Augen blieben sich immer gleich, immer gleich gütig. Und die Stimme immer dieselbe, — wie Geigenspiel so süß . ... Einmal, als man mich mit Knuten schlug, *) Jüdische Knaben, die den Eltern entrissen und zu Soldaten erzogen wurden. Wozu sich auch der scharfen Klinge der Ziö- , nisten aussetzen? Der Effekt war trotzdem kein günstiger. Der Zionismus in Deutschland machte mächtige Fortschritte, vermehrte seine Anhänger und Mittel beträchtlich und wurde einer der stärksten Faktoren im jüdischen Leben. Es ist natürlich1, daß die israelitischen Führer mit Schricken bemerken, wohin die mildere Tonart geführt hat und daß sie es nun wieder einmal mit der schärferen versuchen wollen. Letzten Sonntag versammelte sich der „Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ und nach einer langen Debatte, die natürlich ganz typisch verlief, wurde eine Resolution gefaßt, nach welcher der Verein von seinen Mitgliedern nicht nur die Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten, sondern deutsche Gesinnung und die Betätigung dieser Gesinnung im bürgerlichen Leben verlange. Die Resolution sagt weiter: „Auf dem’ Boden des deutschen Vaterlandes wollen wir als Deutsche an deutscher Kultur mitarbeiten und unserer durch Religion und Geschichte geheiligten Gemeinschaft treu bleiben. Soweit der deutsche Zionist danach' strebt, den entrechteten Juden des Ostens eine gesicherte Heimstätte zu schaffen oder den 5tolz des Juden auf seine Geschichte und seine Religion zu heben, ist er uns als Mitglied willkommen. Von dem Ziohisten aber, der ein deutsches Nationalgefühl' leugnet, sich als Galt im fremden Wirtsvolk und national nur als. Jude fühlt, müssen wir uns trennen.“ Es ist wohl überflüssig, heute noch einmal darzulegen, wie töricht diese ganzen Unterscheidungen sind, von denen man wirklich nicht weiß, ob sie mehr von der Einfalt oder von politischer Bosheit diktiert sind. Wir nehmen eher das letztere an, obzwar Ignoranten in Bezug auf politische, nationale; und sozialpsychologische Dinge wohl zuzutrauen Wäre, daß sie nicht verstehen könnten, wie man Nationaljude sein und doch dem deutschen Kulturkreis sich' angehörig fühlen kann. Das Analogon der Deutschamerikaner ist schon,.zu oft benützt worden, auch hat man diesen Herren wiederholt die deutschen Dichter Ohamisso und Fontane vorgehalten, die auf ihr französisches Blut stolz waren, viel näher liegen aber Erscheinungen wie Schnitzler, Wassermann, Beer, Hofmann ua. Umjubeln nicht gerade die liberalen Juden Schnitzler als großen deutschen Dichter? Und doch mußten sie ihn nach ihrer Resolution aus ihrer Gemeinschaft hinausweisen, denn dieser ( deutsche Dichter j-hrfjt jüdisches, Nationalgefühl! Nur beschränkte eirfseitige Köpfe, welche die feineren Zusammenhänge der Empfindungen in den Tiefen der Seele nicht begreifen können], wollen von Empfindungen logische Gradlinigkeit Aber wir glauben nicht, daß es in der Hauptsache Unverstand ist, was die Herren bewegt, den national fühlenden Juden in Gegensatz zu dem zu bringen, der „an deutscher Kultur mitarbeitet“. Sondern es ist politisches Raffinement, was sie bewegt, den Zionisten — sagen Wir es rund heraus — zu denunzieren, daß er sich irgendwie am heiligen Deutschtum versündige. Diese Denunziation ist ebenso wirkungslos, als verwerflich, — ruft sie doch im' Grunde die deutschnationalen' Arier, d. h’. Antisemiten stand er neben (mir; wischte mir den kalten Schweiß von der Stirn, streichelte mir die Wangen und sagte ganz 'leise: „Schrei nicht Es’ ist des Leidens wert, wofür du leidest. Bleib.’ Jude!“ Und ich duldete -ohne zu schreien, ohne zu seufzen, als schlüge man nicht mich . . . * Es war schon im' letzten Jahre, da mußte ich eines Abends als! (Wachtposten vor die Stadt gehen. Das Wetter War stürmisch. Der Sturm hob ganze Klumpen "von Schnee in die Höhe, zerrieb sie zu Nadeln,* Zerstäubte sie, und Schneestaub und Schneenadeln Wirbelten in der Luft herum, peitschten das' Gesicht, stachen . . . Unmöglich die Augen offen zu halten, Atem zu schöpfen! Da höre ich plötzlich. Menschen nahe an mir vorübergehen und wie jemand auf jüdisch sagte: Heut’ ist die erste Sedernadit. Ich weiß noch bis heute, nicht, ob es eine Stimme vom Himmel war oder ob wirklich Menschen vorübergingen. Jedenfalls fielen mir die Worte schwer wie Blei aüfe Herz. Und kaum' war ich auf meinem Posten angekömmen und hatte auf- und abzugehen begonnen, als mich' eine unbeschreibliche, schmerzliche Sehnsucht ergriff. Just die „Hagode“*) Will ich sagen. Aber auch nicht an ein einziges Wort mehr kann ich mich erinnern. Ich fühle, daß sie irgendwo tief, tief in meinem Herzen ruht. Hab’ ich sie ja einstens auswendig gekonnt! 'Ich fühle, daß ich mich nur an ein Wort zu' erinnern brauche, nur an ein einziges Wort, damit auch die anderen aus mir hervorkommen wie ein Zug verschlafener Vögel aus dem Schnee. Docheben an dieses einzige Wort kann ich mich durchaus nicht er *) Die man an den beiden Sederabenden liest gegen die Zionisten auf. Mit diesem' Mittel hatte man schon 10 Jahre lang gearbeitet, und der Erfolg war eine Ausbreitung der zionistischen Ideen. Unsere Antwort auf diese neue Provokation kann nur in einem frischen), fröhlichen Kampt bestehen. Wir begrüßen mit größter Freude die Reinigung der Athmosphäre, welche durch die Resolution erfolgt ist. Die laue Haltung und halbe Anerkennung des Zionismus von seiten ' der Assimilanten war uns bisher nur peinlich und hat zur Folge gehabt, daß viele Juden sich eine Art Halbzionismus konstruierten. Wie tief der Respekt vor dem Zionismus übrigens bei den p. t. Gegnern heute ist, das beweist selbst diese Kampfresolution, in welcher der Zionismus anerkannt wird, „insoweit er .“. Dieser Passus, diese Anerkennung ist das einzige, was uns in der Resolution nicht paßt. Es gehört eine bodenlose Anmaßung dazu, wenn die Herren Nichtzionisten sich erlauben, dem Zionismus Zensuren zu erteilen und seine „guten Seiten“ von den schlechten zu trennen. Man bekämpfe uns, aber man zensuriere uns nicht. Wir sind die Gegner und nicht die Zöglinge der Assimilanten. Die Anmaßung dieser Zensurierung wird nur von ihrer Dummheit übertroffen. Soweit die Zionisten das Stammesgefühl heben und den östlichen Massen eine Heimstätte schaffen, sind sie brav. Ja, meine Herren, wie kann man das Stammesgefühl heben und eine Heimstätte schaffen ohne das von Ihnen verpönte Nationalgefühl? Und wenn dies •möglich wäre, warum haben Sie es nicht getan? Die Sache ist natürlich gerade umgekehrt. Erst das Bewußtsein nationaler Einheit konnte nationalen Stolz erwecken und zur Arbeit für die nationale Zukunft begeistern! Der Zionismus ist eine einheitliche Volksbewegung aut einer bestimmten seelischen Grundlage. Mit Dialektik, welche die Wirkungen von ihren ' Ursachen trennen will, mit Drohungen lund Denunziationen ist gegen eine psychische Grundstimmung nichts auszurichten. Es gibt nur ein Mittel, den Zionismus zu überwinden: Eine andere Bewegung zu schaffen, welche die Herzen der Juden mitreißt, eine andere stärkere Ideologie aufrichten, als die zionistische. Geist kann nur durch Geist bekämpft werden. Mit Unverstand, Bosheit und politischer Denunziation ist nichts auszurichten. Für uns aber ist der frische fröhliche Kampf tausendmal mehr wert, als ein fauler Friede. Deshalb begrüßen wir die Resolution des Zentralvereines und gehen mit , Zuversichtneuen- Siegen entgegen. Eine feine Lehre. Von Herrn Dr. Eduard Weiß, dem1 Rechtsfreunde der Firma P. & C. Habig, erhalten wir folgende Berichtigung: Titl. „Jüdische Zeitung“ Wien, II., Karineliterplatz Nr. 1. Mit Schreiben vom 7./1. 1913 hat meine Klientin, die Firma P. & C. Habig Sie um Auf-, nähme einer Richtigstellung der in Ihrem Blatte vom 3./1. 1913 unter, der Aufschrift: „Eine feine' Lehre“ erschienenen Notiz ersucht. innem. „O Herr der Welt,“ rufe ich in heißem1 Flehen, „ein Wort, wenigstens ein Wort!“ Und hab’ es in einem glücklichen Augenblick gerufen. Denn sofort fällt mir „Awodim hojinu“ ein. Und ich werde voll Freude, übervoll. Und ich gehe mit der Büchse auf der Schulter auf und ab und sag’ und sing’ der weißverschneiten, verträumten Welt die „Hagode“ vor. Und wie eine Perlenschnur kommt sie aus meinem Munde, die „Hagode“, Perle nach Perle. O! Ihr könnt es nicht verstehen, Ihr könnt es nicht fassen. Man müßte euch früher hieh'erschiCken. Inzwischen hat sich der Sturm gelegt, das Wetter ausgetobt. Der Himmel ist klar und funkelt. Und endlos die weiße Weite, und still und süß das. weite Weiß . . . Und plötzlich taucht über dem stillen Weiß noch ein Weißeres, Lichteres, Strahlenderes auf . . . und kömmt heran, in weißer Hülle und im Tallis,*) über dem' Tallis vorn ein zitternder, weißer, silberner Bart, und höher zwei strahlende Augen,: über ihnen eine brennende Krone, ein Käppchen mit silbernen und goldenen Zieraten . . . Und kommt immer näher und näher, geht an mir vorüber, und sagt, wie es mir gegenübersteht: „Gut so!“ Sagt es mit süßem Geigenton und verschwindet ... Aber dieselben Augen waren’s, dieselbe Stimme ... * Auf dem Rückwege ging ich über Spala und kehrte beim „Sejde“ ein. Ich erkannte ihn und er erkannte mich. 0.0 *) Gebetmantel.

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