Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 14 welchem einige geistliche Funktionäre der Wiener Kultusgemeinde fröhnen, energisch' aufgennommen. Seit einigen Wochen erscheint in der „Oesterreichischen Wochenschrift“ eine offizielle Kundmachung des Rabbinats der israelitischen Kultusgemeinde Wien, in welcher bestätigt wird, daß die Mazzes-Bäckerei des H. Adolt Schmiedl unter Aufsicht des Rabbinats steht, und in welcher es nach verschiedenen anderen Anpreisungen am Schluß heißt: „Das Rabbinat nimmt gerne Gelegenheit, diese ausgezeichnete Bäckerei bestens zu empfehlen.“ Sofort an dieses Inserat schließt sich u. zw. noch unter der fettgedruckten Ueberschrift: „Kundmachung“ die Geschäftsannonce der Bäckerei Adolf Schmiedl selbst. Diese „Kundmachung“ des Rabbinats, die nichts anderes als eine Geschäftsreklame für eine Bäckerei darstellt, hat in den weitesten jüdischen Kreisen das peinlichste Aufsehen hervorgerufen, zumal es doch nicht der Würde des Rabbinats entsprechen kann, gemeinschaftlich mit einer Bäckerei Reklamenotizen zu publizieren und die Erzeugnisse einer Bäckerei öffentlich anzupreisen. Dem allgemeinen Unmut über dieses Vorgehen des Rabbinats wurde in der letzten Kultusvorstandssitzung Ausdruck gegeben, indem unsere Gesinnungsgenossen Dr. Jakob Ehrlich und Oberingenieur Robert Stricker in dieser Angelegenheit den Präsidenten der Kultusgemeinde interpellierten und ihn anfragten, „ob er derartige Kundmachungen des Rabbinats nicht für unzulässighältund ob er gesonnen ist, Vorkeh rungen zu treffen, damit in Zukunft derartige, das Ansehen des Rabbinats und somit auch das Ansehen der Gemeinde schädigende R ek i am e n o t i z e n des Rabbinats unterbleibe n“. Das Präsidium versprach dafür zu sorgen, daß die Kundmachung des Rabbinats eine entsprechende Aenderung erfahre. Wir glauben jedoch, daß damit dfe Angelegenheit nicht erledigt ist. Man imöge es vielmehr dem S chm i ed e 1 überlassen, nach Belieben in den Zeitungen zu inserieren und sich hiebei etwa auf ein Zeugnis des Rabbinats zu berufen, letzteres jedoch hat sich jeder Kundmachung ähnlichen Inhalts zu enthalten. Die Zeit, die „Gemütlichkeit“ muß ein Ende nehmen. Die zionistischen Vertreter werden es nicht dulden, daß „fromme“ Empfehlungen von jüdischen Funktionären an den Meistbietenden verschachert werden. e. * * **) ***) * Das offizielle Kulturprogramm und das Jüdische Kinderspital. Bekanntlich steht der; Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien vor der Aufgabe ein Kinderspital zu bauen.; In klarer Voraussicht, daß wieder versucht werden wird, das in unserer Gemeinde alteingewurzelte Protektionssystem zu pflegen, hat sich der „Jüdische Volksrat“, die Vereinigung der Jüdischen Architekten und der Verein der Jüdischen Gewerbetreibenden, wie auch eine ganze Anzahl der aus den Kuftuswahlen hervorgegangenen Bezirkskommissionen in Versammlungen und Resolutionen an den Kultusvorstand für die Ermöglichung eines allgemeinen Wettbewerbes der jüdischen Interessennten ausgesprochen.! Die Gerechtigkeit dieses allseitigen Verlangens ist so einleuchtend, daß sich die Mehrzahl der Kultusvorsteher 'seiner Erfüllung zuneigt. Anders aber der Kultuspräsident, Herr Dr. Alfred Stern. Er kann und will von seinem geliebten Protektionssystem nicht lassen und wenn die Gemeinde anders will, so ist es für ihn nur ein Grund mehr, sich auf seinen Justamentsstandpunkt zu versteifen. Er läßt hiebei kein Mittel unversucht, um die unbotmäßigen Kultusvorsteher zum Gehdrsa'm zu zwingen. Diesem Treiben gegenüber erscheint es geboten, darauf hinzuweisen, daß ein Großteil der Kultusvorsteher auf Grund eines Programmes gewählt worden ist, welches zu der hier strittigen Frage in klarster Weise Stellung nimmt. Anläßlich der Kultuswahlen vom November 1904, welche gleich den" letzten Wahlen im Zeichen des Friedens vor sich gingen, trat nämlich ein aus Delegierten aller jüdischer Parteien und Gruppen gebildetes „Vereinigtes Wahlkomitee“ zusammen, welches einen Wahlaufruf und ein Programm verfaßt, und an alle Kultuswähler verschickt hat. ____ Punkt 7 dieses Programmes besagt nun: „W ir verlangen eine jederzeitige fürsorgliche Förderung und Rücksichtnahme auf die durch den feindlichen Boykott und die ihm nachgefolgte Kreditentziehung schwer geschädigten jüdischen Handwerker Und’ Gewerbetreibenden, deren Geschäftsführung und' Leistungen im1 allgemeinen als einwandfrei anerkannt sind, — sowie bei Vergebung öffentlicher Arbeiten und Lieferungen der Gemeinde die Ermöglichung eines allgemeinen Wettbewerbes der jüdischen Interessenten mit Anschluß jedweder privaten Begünstigung.“ Dieses Programm ist von Herrn kais. Rat Wilhelm Anninger als Präsidenten, von den Herren Dr. Moriz Ascher, Gottlieb Bettelheim’, Dr. Leo Ehrentheil und Dr. Hermann Fialla als Vizepräsidenten, Herrn Franz Frankl als Schriftführer und von einer Menge von Komifeemitgliedern gefertigt. Von den auf dieses Programm gewählten Kultusvorstehern gehören heute noch dem Kuh tusvorstand an: Herr Sigmund Kauders, Herr Dr. Markus Spitzer und die beiden Herren Kuffner. Dr. Zweig. fii&eralismus and Zionismus. Unser Gg. Herr Kurt Blumenfeld, Generalsekretär der zionistischen Organisation, ist seit einigen Wochen in Böhmen tätig, wo er Propaganda-Vorträge hält. Herr Blumenfeld, dessen gewinnende Art des Vortrages den Wiener Gesinnungsgenossen bekannt ist, sprach vorige Woche in Prag über „Liberalismus und Zionismus.“ In anderthalbstündiger Rede entwickelte er ein fesselndes Bild der jüdischen Entwicklung seit den Freiheitskämpfen im Jahre 1813. Nachstehend geben wir aus dem reichen Inhalte des Vortrages folgendes wieder: „Alle großen Umwälzungen bedürfen Jahrzehnte, bevor sie sidt durchsetzen, bevor ihr Gedanke klare Form gewinnt; aber wir können den Augenblick deutlich erkennen, wo eine politische Idee als ein Neues ins Leben eintritt, das eine Situation grell beleuchtet ,die schon vorher den Kundigen klar gewesen ist. Es sind das die großen entscheidenden Epochen, wo der Rur ertönt. Es ist Zeit zu einem neuen Leben.“ So hat es einmal Goethe in einer politischen Allegorie versinnbildlicht. Ein Mann mit einer Lampe erscheint. „Es ist an der Zeit“ geht sein Ruf, und ein Tempel enthüllt sich, zu dem alle wallfahrten, an dem alle mitschaffen dürfen. So war es 1813. Damals wurde der Liberalismus politische Wirklichkeit. Es war der Freiheitsdrang des modernen Menschen, seine persönlichen Qualitäten durchzusetzen im Kampfe mit knechtenden Banden; er war das moderne Individualitätsproblem. Damals wandte man auf die Juden die allgemeine Menschheitsrechte an; man emanzipierte sie, man nahm sie in die große Flut des Liberalismus auf. Der Preis für diese politische Freiheit war das Afgeben des Judentums, die beginnende stetige Entjudung. Man muß sich würdig zeigen der neuen Errungenschaft, sich dankbar erweisen für die Begünstigungen — so dachten die Juden damals — und dies kann nur geschehen durch Preisgabe oder Reduzierung des Judentums, um unkenntlich zu werden und sich so von dem allgemeinen Strome emportragen zu lassen. MS NESTLE KINDERMEHL ernährtes PROBEDOSE VERSENDET GRATIS: | Kleines Feuilleton. Gut so! Von J. L. P e r e z.*) Ihr fragt, wessen Verdienst zu Lohne mich Gott Jude bleiben ließ. Ich glaube, nur meines, meines ganz allein, nicht , etwa das meiner Ahnen. Sechs Jahre war ich' alt und mein Vater Pächter, nicht weit von Wilna, ein geachteter Mann. Dem Spaler Sejde*) aber hab’ ich’s zu verdanken,. daß ich Jude blieb. Wie ich zum Spaler Sejde komme — fragt Ihr? Er war damals noch nicht der Spaler Sejde, sondern ein junger Mann, der sich das Elend des Wanderns auferlegt hatte; ging mit armen Leuten von Gemeinde zu Gemeinde, von einem Asyl zum andern, ein Bettler unter Bettlern, zerrissen und zerlumpt wie sie. Was aber inwendig in ihm steckte*-wer konnte 'das wissen? Und als das Wandern zu Ende war, war noch'immer, nicht die Zeit gekommen, daß seine Größe sich offenbarte. Erst stellte er sich' dem Rabbinate in Wilna vor, nahm ein Zeugnis als Schächter und ging aufs Dorf. Aber, ■wie schon die Mißnagdim*) einen guten Spürsinn haben1, ahnten sie was und begannen ihn zu verfolgen, *) Aus der Sammlung: „Vom alten S t ä m m“, volkstümliche Geschichten von J. L. Perez. Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitui^j“. ’ ' ‘ **) Sejde, das jüdische Wort für Großvater. Also „Der Großvater aus' Spala“ — Bezeichnung eines berühmten chassidiSchen Rabbi. ***) Gegner der Chassidim. verschiedenes ihm nachzusagen. Schließlich verleumdeten sie ihn beim Rabbinate, daß er — daß er . . . nun, daß er die ganze Lehre Gottes nicht achte. Was Mißnagdim nicht - alles vermögen! Ich war damals, wie gesagt, sechs Jahre alt. Er pflegte hie und da zu uns zu kommen, um' ein Huhn zu Schächten oder einfach, um bei uns zu nächtigen und ich hatte ihn sehr lieb. Wen denn hätte ich außer Vater und Mutter lieben sollen? Doch nicht meinen Lehrer, diesen bösen, gewalttätigen Menschen? Nein, nur den Mann mit der guten, herzlichen Seele1, der mit einem Blicke Herzen erquickte, konnte ich lieben. Die Nachreden und Verleumdungen taten ihre Wirkung. Er verlor seine Stelle. Mein Lehrer scheint an der Geschichte beteiligt gewesen zu sein. Wenigstens erfuhr er bald, was geschehen war, und als der Schächter ins Haus kam, schrie er: „Abtrünniger, Verräter!“ packte ihn am Kragen und warf ihn hinaus. Es schnitt mir ins Herz. Aber ich hatte eine schreckliche Angst vor dem Lehrer, und erst später, als er auf mich nicht achtete, schlich ich mich davon und lief dem Schächter auf dem Wege nach!, der von Hause weg durch den Wald bis nach Wilna führte. Was ich damit wollte, weiß ich nicht recht. Es zog mich zu dem armen Schächter. Ich mußte doch wenigstens von ihm Abschied nehmen, noch einmal in seine guten Augen blicken ... Doch ich laufe und laufe, lauf’ mir die Füße an den Steinen wund undfind’ ihn nicht, seh' ihn nicht. . Ich biege nach rechts ab, in’s DJkkicht, um mich auf den weichen Waldboden hinzusetzen, ein wenig auszuruh'en. Schon will ich mich niederlassen, als ich eine Stimme aus dem1 Walde höre, halb singend, — seine wie mir scheint. Ich gehe der Stimme leise nach. Ah, dort steht er schon, steht unter einem Baum und bewegt den Körper im Gebete. Ich lausche: Er betet das Hohelied. Ich sehe besser hin und bemerke, daß der Baum, unter dem er betet, anders ist als die andern Bäume alte Sie alle stehen noch nackt da, ohne Blatt und Blüte. Der eine aber grünt und blüht, leuchtet, wölbt aus seinen blühenden Zweigen ein Laubdach über dem Kopf des Betenden. Und Vöglein hüpfen eine Menge in den Zweigen und singen das Hohelied mit. Starr vor Staunen steh’ ich da mit offenem Munde, mit weit geöffneten Augen. So steh’ ich da. Nun ist er fertig. Und mit dem letzten1 Laut des Hohelieds erstirbt die Pracht des Baumes, verschwinden die Vögelein. Er aber wendet sich nach mir um und spricht zu mir in gütigem Tone: „Hör’ mal, Jidele — so heiß ich nämlich — ich hab’ eine Bitte an dich.“ „O, sagt nur!“ rufe ich voller Freude. Ich denke, er werde verlangen, daß ich ihm Essen herausbringe. Und bin schon entschlossen, den Sabbatvorrat der Mutter zu plündern. „Daß du Niemandem erzählst, was du hier sahst.“ Weiter nichts? Ich bin enttäuscht. Doch verspreche ich ihm ernst und ehrlich zu schweigen. „Noch etwas will ich dir sagen, Jidele,“ fährt er fort. „Du wirst einen weiten, weiten Weg gehen.“ Ich wundere mich. Was hab’ denn ich mit einem weiten, weiten Weg zu schaffen? Doch schon spricht er weiter: „Deines Lehrers. Lehre wird man dir aus dem Kopfe schlagen, 'wirst. Vater und Mutter