Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 JÜDISCHE ZEITUNG... Seite 3 fühl nach dem zweiten vernichtet, und zuletzt blieb nur noch der Name: Den behielt man. Soviel jüdisches Bewußtsein war eben noch geblieben, daß man den Namen riicht fortwerfen wölite, was ja den endgültigen Bruch mit dem Judentum bedeutet Hätte. Und so wurde der Begriff Jude im 19. Jahrhundert zu einem leeren Wort, zu einer Schale ohne Kern, zu einem Namen ohne Inhalt, eine reine Signatur. Als nun die nationale Regenerationsbewegung einsetzte, bestand ihr Ziel, ihre Aufgabe in nichts ’anderm als darin eben, diesen leeren Namen wieder zu füllen, dem Wort: Jude und Judentum wieder einen Inhalt zu verleihen. Diesen Inhalt sollte das nationale Bewußtsein bilden, daher die Forderung: Bekenne dich als Nationaljuden. Der Ghettojude brauchte sich nicht Nationaljude zu nennen, weil er es selbstverständlich war. Wir sind es nicht mehr selbstverständlich, daher müssen wir uns dazu bekennen, müssen uns laut und deutlich al's Nationaljuden bezeichnen, solange bis das Na-> tionaljudentum uns wieder zur Selbstverständlichkeit geworden sein wird. Von einem jüdischen Bauern in Palästina, in jüdischem Milieu eboren, fordert niemand das ausdrückliche Beenntnis als Nationaljude; aus seinem Munde würde es nur lächerlich klingen. Für uns aber, die wir nicht in einem solchen Milieu leben, ist dieses Bekenntnis heiligste Pflicht. Also: Die Forderung des Bekenntnisses zu einem bestimmten Judentum — lassen wir dahingestellt sein, ob dieses bestimmte Judentum das nationale oder orthodoxe oder selbst das liberale ist — ist heute ein kategorisches Postulat. Und der Standpunkt des Judentums schlechthin ist nichts weiter als eine Fortsetzung der Assimilation. Man weigert sich, sich als bestimmten Juden auszueben, weil man eben mit seinem Judentum einen Inhalt verbinden will. Man will Jude bleiben, ohne es innerlich zu sein, will den Namen tragen, ohne die Konsequenzen daraus zu ziehen. Dies aber und nichts anderes macht das Wesen des Assimilationsjudentums aus. Sprechen wir es also als sichere Tatsache aus: Das Neutralitätsjudentum ist ein und dasselbe mit dem Assimilationsjudentum. So ist es begreiflich, daß der Assimilations- Jude, dessen Signatur die seelische Zerrissenheit ist, aus ganz allgemein-psychologischen Motiven dazu kommen-mußte, die Neutralität zu seinem heiligsten Prinzipe zu machen. Denn faßt man ihn schärfer unter die Lupe, so sieht man, daß er nicht nur in seiner jüdischen Betätigung für die Neutralität schwärmt, sondern auch auf allen anderen Gebieten seines Lebens. Er ist allem gegenüber neutral. Daher die oft konstatierte Tatsache, daß der moderne Jude das beste Material für jede neu auftauchende Strömung ist. Er ist überall dabei, eben aus dieser seiner neutralen Seelendisposition heraus. Denn alles lieben heißt bekanntlich nichts lieben, und für alles schwärmen kann nur der aller Prinzipien bare Mensch, der absolut Neutrale. Weil der moderne Jude kein kräftiges Ja sagen kann, braucht er auch nie ein deutliches Nein zu sagen. Weil er eigentlich nirgends recht dabei ist, kann er überall dabei sein. Weil er innerlich haltlos ist, kann er. neutral sein. Auch' von dieser Seite aus gesehen, bestä‘igt sich unsere Behauptung: Das Neutralitätsjudentum ist eins und dasselbe mit dem Assimilationsjudentum. Logisch betrachtet, ein Nonsens, in seiner Konzeption des Judentums die Fortsetzung des Assimilationsjudentums, in seiner psychologischen Motivierung ein P odukt dezerrissenen Seele des Assimilationsjuden, bildet das Prinzip der Neutralität eines der gefährlichsten und schädlichsten <ter jüdischen Gegenwart. Welche nachteiligen Folgen es praktisch nach sich zieht, zeigt uns die neutrale Jugendbewegung zur Genüge: Indifferenz und höhle Objektivität, feige Un-t entschlossenheit und männliche Angst vor jedem Kampfe, dies ist das praktische Fazit der Neutralitätsvereine; alles in einem gesagt: die Fortzüchtung d er dekadenten, zerrissenen "Psyche des Assimilationsjuden. Letzten Endes ist' die ganze Neutralität heute nichts anderes als eine neue Form für die Assimi'ation, nachdem dieser Name bereits anrüchig geworden ist. So muß sich der Kampf all der .Strömungen im Judentum, die auf dem endgültigen Bruch mit allem Assimilatorischen basieren, gegen die Neutralität ebenso richten wie gegen die Assimilation. Vor allem innerhalb unserer Jugend. Das iileißaHatlEche Problem. Der Historiker, welcher einst berufen sein wird, die Geschichte unserer bewegten Zeit den nachfolgenden Geschlechtern zu übermitteln, wird der soviel gepriesenen „Zivilisation“ des 20. Jahrhunderts wenig Schmeichelhaftes nachsagen könneh. Noch nie hat sich der nackte Egoismus und die gewaltsame Unterdrückung jedes Rechtsgefühls So ■ deutlich geäußert, als im Verhalten Europas und seiner Mächte während des Balkankrieges. Die unerhörten Gräuel, W'elche die Heere der Batkanstaaten in Betätigung ihrer „christlichen“ Mission an der wehrlosen Zivilbevölkerung der okkupierten Gebiete verüben, lassen Europa kalt. Europa hat die Türkei in dem Momente verlassen, als sich die Ereignisse zu Ungunsten des Halbmonds wendeten. Nirgends zeigte sich eine Spur jener Sympathie, die sonst dem Sultan entgegengebracht w'urde. Alle Mächte Unterzeichneten die Kollektivnote, welche von dem Sultan die Abtretung der noch nicht eroberten Festung Adrianope1, Nachgiebigkeit in der Frage der ägäischen Inseln forderte und in welcher ganz unverblümt für die Dauer des Krieges die Geldsperre über die Türkei verhängt wurde. Ruhig haben die Mächte es geduldet, wie den türkischen Delegierten bei der Londoner Konferenz das Wort abgeschnitten, wie ihnen selbst verwehrt wurde, ihre Haltung zu begründen. Die türkischen Diplomaten und Staatsmänner müßten mit Blindheit geschlagen sein, wenn sie nicht die Gefahr erkennen, welche aus dem Verhalten Europas für die Zukunft der Türkei erstehen kann. Denn noch ist der „Kreuzzug“ der christlichen Balkanstaaten gegen den Halbmond nicht beendet, noch ist die Türkei in Europa nicht völlig besiegt und schon beeilen sich maßgebende und unmaßgebende Faktoren, eine neue Frage aufzurollen: Die Aufteilung Kleinasiens. In der Märznummer der „Oesterreichischen Rundschau“ bespricht, Feldmärschallleutnant Otto von Gerstner dieses Thema und äußert sich : „Die Türkei muß, in Kleinasien angelangt und heimisch geworden, Vieles vergessen und Vieles von Grund auf lernen, sonst ist eine der nächsten Fragen: Die Aufteilung Kteinasiens. Die Anwärter haben sich schon gemeldet und auch die armenische, syrische und arabische Frage sind reit zur Lösung.“ Nach einigen geographischen und ethnographischen Erläuterungen führt der Autor aus: „Diese kurzen Bemerkungen führen uns auf die große vorderasiatische Halbinsel, welche der Schauplatz der nächsten Ereignisse sein wird und die nunmehrige Hauptstütze der osmanischen Herrschaft sein soll. Aber die Türkei kommt mit einer durch den rühmlosen Feldzug aut dem Balkan geschwächten Autorität in ein Land, welches sie bisher aussaugte und vernachlässigte, welches ihr nur dazu diente, die Mittel zu liefern, um ihre Herrschaft in Europa zu stützen und der immer wiederkehrenden Aufstände in Arabien und auch in Syrien Herr zu werden. Aber diese Mittel werden versagen und die Schwäche der türkischen H errschaft wird die Begehrlichkeiten Europas aufstacheln, das Geschick der Türkei wird sich auch in Kleinasien zu ihren Ungunsten vollziehen.“ Aus solchen Stimmen, die absolut nicht vereinzelt sind, ist zu erkennen, wie Europa sich die Weitergestaltung der Dinge vorstellt. Um zu vermeiden, daß all diese Fragen „aktuell“ werden und um den „Aufteilern“ die Arbeit zu ersparen, muß sich die Türkei wirtschaftlich und politisch stärken, damit nicht die „Schwäche der türkischen Herrschaft die Begehrlichkeiten Europas aufstafhle“. Um das zu erreichen, muß die Türkei in Kleinasien eine ordentlich funktionierende Verwaltung einführen, die Bodengesetzgebung und das Hypothekenrecht nach europäischen Begriffen reformieren, gute Kommunikationen hersteilen, die allgemeine Bildung verbreiten u. dgl. mehr. Vor allem aber muß sie sich moralisch stärken, indem sie allen unter ihrem Szepter lebenden Völkern die Möglichkeit bietet, sich national ausfeben zu können. Das Reformieren aber kostet viel Geld. Wird die Türkei die nötigen Kapitalien auf dem1 europäischen Finanzmarkt auftreiben können, wird sich unter den europäisenen Großmächten eine finden, die gewillt wäre, der Türkei bei ihrem Restaurierungswerke hilfreich zur Seite zu stehen? Im Gegenteil: Die Mächte werden sich nur durch ihre Anleihen „Interessen“ schaffen wollen, welche sie dann im günstigen Momente mit den Waffen „wahren“ werden. Die Türkei hat schon das „Wohlwollen“ Europas verspürt, sie muß sich daher im wohlverstandenen eigenere Interesse hüten, dasselbe auch in Zukunft ire Anspruch zu nehmen. Und doch kann die verlassene Türkei einen Freund, einen natürlichen Bundesgenossen erwerben, der ihrer Zukunft nicht gefährlich, sondern förderlich sein wird: Die Juden. Das jüdische Volk, seit zwei Jahrtausenden aus seinem Vaterlande vertrieben, wurde von grqßer Sehnsucht erfaßt nach dem Boden seiner Ahnen, den es hn Schweiße seines Angesichtes bearbeiten will. Die Türken und die Juden können sich geben, was ihnen fehlt. Die Türkei braucht Geld, um die unbedingt notwendigere eine Lebensfrage bildenden Reformen durchzuführen, aber auch ein intelligentes, arbeitswilliges, mit der europäischen Kultur vertrautes Menschenmaterial, das die ungeheuren Strecken brach liegenden Landes kultivieren soll. Die Juden brauchen ein Land, wo sie auf eigenem Boden, ungestört, ein nationales Leben ruhig führen können. Hoffentlich werden die türkischen Staatsmänner die Notwendigkeit dieses natürlichen Bündnisses erkennen und diese Erkenntnis wird beiden Teilen zum Wohle ge- .reichen. Simche Landau (Wien). Hl. Hauptoerfaromlung fas Judlfifteit fiandlungsg«ftilfen4fertanfas. Während der beiden Osterfeiertage tagte in Wien die dritte ordentliche Hauptversammlung des Jüd. Handlungsgehilfen-Verbandes. Anwesend waren 30 Delegierte der Ortsgruppen und Zahlstellen Wien, Proßnitz, Mähr.-Ostrau, Ung.-Hradisch, Dombrau, Orlau, Karwin, Oderberg, Freistadt, Göding und Ung.-Brod; ferner hatte der Verband der Jüd. Handels- und Privatangestellten in Lemberg einen Vertreter zur Begrüßung dieser für die jüdischen Angestellten so wichtigen Beratung entsandt. Dem Jahresberichte, welcher der Versammlung vorlag, ist zu entnehmen, daß sowohl die Zahl der Mitglieder sich verdoppelt hat, als auch die Zahl der Ortsgruppen und Zahlstellen gewachsen ist. Speziell in Mähren u. Schlesien hat der Gedanke der gewerkschaftlichen Organisation der jüdischen Handels- und Privatangestellten großen Anklang gefunden; die Agenden der Organisation sind infolge dessen so gestiegen, daß sich die Anstellung eines Sekretärs als unbedingt notwendig ergibt. Rechtschutz- und Stellenvermittlungs-Abteilung habe in der abgelaufenen Periode eine stets wachsende Frequenz aufzuwetsen; die materiellen Mittel des Verbandes wurden durch die mit der Wirtschaftskrise verbundene außerordentliche Stellenlosigkeit sehr in Anspruch genommen, doch weist dessen ungeachtet der ' Stellenlosen - Unterstützungsfonds eine erhebliche Steigerung auf. Die Tagung beschäftigte sich u. a. mit zahlreichen organisatorischen, vor allem aber grundlegenden programatischen Fragen und sind Fabriks-Marke.