Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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■-. Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 13 f! % -• ü; .r?3- ,] 1 i - 1. &; 3i! : nidit schamhaft, aber auch' durchaus nicht vorsichtig. Das Mädchen, das den Briefwechsel zwischen ihm und der Lehrerin als Botin besorgte, kam nun auch in das Haus des Herrn Gustav Weißberger und die Marie Pavlik nahm dieser Botin, vielleicht aus Eifersucht, vielleicht aus Neugier, einen Brief des Herrn Katecheten ab und las ihn gemeinsam mit der im selben Hausedienenden Köchin. Die Mädchen machten sich über den Brief lustig; warum, kann man erraten. Das erfuhr nun der sonst nicht so feinfühlige Katechet und er sdirieb am 1. März der Marie Pavlik einen Brief, in dem er sie der Briefentwendung beschuldigte; ihr vorstellte, daß sie ein schweres Verbrechen begangen habe, welches mit hohen Kerkerstrafen geahndet werde, und ihr drohte, sie vors Gericht zu bringen. Der Drohbrief erliegt bei Gericht.^ Die Marie Pavlik geriet in Angst. Sie erklärte ihren Freundinnen — die darüber schon Aussagen abgegeben haben — wenn ihr jetzigler Geliebter Neumann von ihren Beziehungen zu Dr. Hrachowski erfahre oder wenn sie vors Gericht komme, werde sie ins Wasser gehen. Am 7. März hatte die Marie Pavlik mit ihrem Geliebten Neumann eine Zusammenkunft. Am sdben Abend wurde sie aut der Elbebrücke von Leuten, die sie gut kennen, gesehen. Ein Koliner, namens Belina, erklärt, sie auf den Stiegen zur Insel gesehen zu haben. Um 10 Uhr nachts sahen mehrere Leute, darunter der Ofensetzer Hulik, jemand in den Strom springen. Sie eilten zur Rettung herbei. Es war kein Boot zur Stelle und eine Rettung unmöglich. Die Marie Pavlik ist seither verschwunden. Dr. Hrachowski, dessen Beziehungen zur Pavlik und dessen Drohungen bekannt waren, eihob nun in dem klerikal-antisemitischen Prager Tagblatt „Cech“ ganz unverhüllt die Beschuldigung gegen die Juden und vor allem' gegen Gustav Weißberger, sie hätten an dem verschwundenen Dienstmädchen einen Ritualmord verübt Die Blutlüge ist wieder einmal praktisch verwendet Eine wachsende Aufregung bemächtigt sich der Koliner Bevölkerung. Dr. Hrachowski schreibt mehrere Artikel in den „Cech1“, sucht sich von dem gegen ihn vorliegenden Verdachte, mit dem Verschwinden des Mädchens in Zusammenhang zu stehen, zu befreien und ' gibt als allein in Betracht kommende Ursache für das Verschwinden des Mädchens in Zusammenhang zu stehen, zu befreien und gibt als allein ,in Betracht kommende Ursache für das Verschwinden der Pavlik „die unglückliche Liebe der Juden zu dem Mädchen“ an. Das ist der Tatbestand. Die Untersuchung wurde gegen unbekannte Täter eingeleitet, das Gericht und die Gendarmerie greifen ein und Herr Gustav Weißberger und die Koliner Judenschaft im allgemeinen sehen sich genötigt, um vor der wachsenden Gefahr einer Wiederholung der Polnaer Vorgänge gesichert zu sein, die schnellste und schärfste Untersuchung zu verlangen und zu wünschen. Wenn das Mädchen in die Elbe gesprungen ist, ist es nicht leicht, ihre Leiche zu finden. Der Strom ist bei der Brücke tiei ausgebaggert, tiefe Löcher im .Stromgrund können die Leiche aufgenommen haben und der Stromsand gibt nicht immer wieder heraus, was er begraben hat. Der Zusammenhang zwischen dem Verhältnis des klerikalen Antisemiten zu seiner Geliebten und seine Blutbeschuldigung gegen die Juden ist so leicht herzustellen, daß fast sämtliche Zeitungen der Ritualmordbeschuldigung energisch entgegengetreten sind. Selbst die Koliner Geistlichkeit, die auf ihren Amtsbruder nicht stolz zu sein scheint, unterstützt die Hetze öffentlich nicht Einzelne Geistliche erklären Herrn Gustav Weißberger ostentativ vor dem Publikum, daß sie die Hetze tief bedauern. Ein „Erfolg“ der Hetze, der Dr. Hrachow'skis Anteil am Liebesieben und am Selbstmordentschluß der Pavlik hätte verschleiern können, scheint bei dem klaren Tatbestand doch schon ausgeschlossen.“ * * Das Warschauer Beispiel. Nachrichten aus Galizien besagen, daiß der in Russisch-Polen über die Juden verhängte Boykott auch nach Galizien hinübergreift. Besonders macht sich der Einfluß der Boykottbewegung in Westgalizien fühlbar. In vielen polnischen Vereinen w’ird jetzt über die Boykottbewegung leidenschaftlich diskutiert und in den Städtchen und Dörfern macht sich eine energische Agitation gegen die Juden bemerkbar. Unser Lemberger Bruderorgan, das „Tagblatt“ schreibt darüber: „Auf ökonomischem Gebiete ist der Boykott gegen die Juden in Galizien schon längst dur,chgeführt. Es genügt die Protokolle des galizisclien Landtages' zu lesen, um1 sich1 davon zu überzeugen, daß seit dem Beginne der polnischen Herrschaft in Galizien (1867) das Streben der polnischen Politiker dahin ging, die jüdische Arbeit vollständig zu verdrängen und an ihre Stelle rein polnische und christliche zu setzen. Seit 30 Jahren arbeitet diese polnische Verdrängungspolitik mit Erfolg. Aus dem Handwerkerberuf sind die Juden fast vollständig verdrängt. Für die polnischen Handwerker wurden Gewerbeschulen und Bildungskurse geschaffen, sowie. Stipendien und Unterstützungen ausgesetzt. Die Stapinskische Volkspartei, welche auf dem Boden des schärfsten wirtschaftlichen Antisemitismus steht, gewann mittlerweile eine immer zahlreichere Anhängerschar. Mit ihr konkurriert auf dem Gebiete des Judenhasses die allpolnische Organisation und diese beiden Volksparteien überbieten sich in judenfeindlicher Verhetzung. Sie erklären offpn, daß der Zweck der polnischen Volkspolitik die Verdrängung der Juden aus allen Arbeits¬ und Verdienstmöglichkeiten ist. Auch aus dem Handelsberufe hat man die Juden zu verdrängen gewußt. Der Salzhandel und der Schenkerberuf ist zum größten Teile in die Hände polnischer Bauern übergangen. Die jüdische Intelligenz findet weder in den autonomen städtischen, noch in den Landesinstitutionen Aufnahme. Der inoffizielle1 wirtschaftliche Boykott gegen die Juden ist also in Galizien schon längst durchgeführt und es bedurfte nicht des Warschauer Beispiels. - Die Verhältnisse können sich insoferne ändern, als die inoffizielle Wirklichkeit offen zugegeben "werden wird.“ Neutpalifätsjuflentum. In den „Jüdischen Monatsheften für Turnen und Sport“ schreibt Goldmann -Heidelberg: „Jeder, der sich einmal , mit der Systematik und Klassifizierung der Begriffe beschäftigt hat, weiß, daß es Begriffe gibt, die für sich allein nicht existieren können, die nur dann Sinn haben, wenn sie mit einem anderen Begriffe koordiniert auftreten: Begriffe also, deren Relativität die Grundbedingung ihrer Existenz bildet und die in dem Moment sinnlos, inhaltlos, bloße Worte werden, da man sie verabsolutiert. Zu dieser Kategorie gehört auch der Begriff der Neutralität. Neutral an sich sein, ist eine Absurdität; Neutralität hat nur dann einen Sinn, wenn sie auf der Basis eines anderen Prinzips geübt wird. Daß die nationale Bewegung beispielsweise allen religiösen Fragen und Differenzen gegenüber strikte Neutralität bewahrt, ist durchaus verständlich; oder daß irgend eine ästhetische Vereinigung allen politischen Fragen gegenüber sich neutral verhält, ist ebenso verständlich, denn in beiden Fällen ist ein deutliches Prinzip vorhanden, auf dessen Basis die. Neutralität beobachtet wird. In diesem Sinne ist das Prinzip der Neutralität sogar eine unumgängliche Notwendigkeit für jede kollektive Gruppe. Es kann keine: Vereinigung in der Welt geben, die nicht zu bestimmten Gebieten sich neutral veihielte. 1 Sinnlos wird das Neutralitätsprinzip aber in dem Momente, da es nicht mehr ein sekundäres, auf der Basis eines anderen positiven Prinzips beruhendes ist, sondern zum Grundprinzip selbst erhoben oder mit diesem verschmolzen wird. Dieser zweite Fall aber ist , derjenige all der jüdischen Organisationen, die die Neutralität so eifrig verfechten. Fragen wir einen Vertreter einer dieser Organisationen, etwa einen überzeugten Jugendvereinsler, nach dem positiven Prinzipe seines Verbandes, so wird er antworten: Es ist das Judentum. — Welches Judentum? Das nationale, das orthodoxe, das liberale? — Keineswegs, sondern das Judentum schlechthin, das Neutralitätsjudentum. Hier ruht eben der Kern der ganzen Frage. Das Prinzip der Neutralität wird mit dem Grundprinzip zu einem einzigen verbunden, und so entsteht jenes seltsame Gebilde des Neutralitätsjudentums oder des Judentums schlechthin. Diese Vorstellung, dieses Ideal eines Judentums schlechthin, eines Judentums ohne besondere Benennung, scheint mir der gefährlichste Gedanke zu sein, den das moderne Judentum überhaupt kennt. Er ist das Uebel aller Uebel, und ist um so gefährlicher, als er scheinbar so harmlos ist. Oder klingt es nicht verdammt klug und richtig, wenn man die Meinung hört: „Wir wollen keiner Gruppe, keiner Richtung im Judentum angehören. Wir stehen über den Parteien. Wir sind nicht national, nicht orthodox, nicht liberal, wir sind Juden, und unser Standpunkt genügt uns.“ Die scheinbare Berechtigung eines solchen Standpunktes ist so groß, daß selbst gute, ehrliche Nationaljuden ihn akzeptiert haben und es für gar nicht so nötig erachten, die Juden zur offenen, klaren Anerkennung des Nationaljudentums zu erziehen. Es genüge, sie zu guten Juden zu machen. Denn schließlich — wird dann zum Beweis gesagt — waren ja all unsere Ahnen auch nur Juden, Juden ohne Signatur. Hat ein Jeremias, oder Jehuda Halevy sich als Nationaljude oder Raschi als orthodoxer Jude bekannt? Sie waren Juden schlechthin. ln diesem historischen Argument ruht aber schon der ganze große Irrtum dieser Anschauung, und der Vergleich von uns heutigen Juden mit unseren Ahnen in Palästina und im Ghetto beruht auf einem gefährlichen Sophismus. Es gibt Zeiten, in denen bestimmte Dinge Selbstverständlichkeiten sind. Man braucht sie dann nicht erst auszusprechen, und sie entschwinden so allmählich dem Bewußtsein, um sich im Unterbewußtsein immer fester zu verankern. Dann kommen aber Epochen, wo eine solche Selbstverständlichkeit ins Wanken kommt oder schwindet, und sofort wird es dann zur Pflicht, sie auszusprechen und sich offen zu ihr zu bekennen. Im alten Palästina und im Ghetto war das Judentum für jeden Juden eine Selbstverständlichkeit. -Das -Wort Judet basaß einen wohl rbe-’ stimmten Inhalt, der für jeden Einzelnen in gewissen Nuancen schwankte, aber im großen und ganzen doch klar und sicher selbstverständlich' war. Wenn ein Ghettojude sagte: Ich bin Jude, dann bedeutete ihm dieses Wort einen großen Komplex von Ideen und Gefühlen, von Pflichten und Postulaten, eben jenen Komplex des Ghettojudentums, worin das Nationalbewußtsein und religiöser Glaube mit tausend anderem enthalten war. Nun kam die Emanzipation und mit ihr die Assimilation. Und begann diesen großen Komplex allmählich zu entleeren. Eine Idee wurde nach der anderen hinausdrängt, ein Ge- Prfllet alles! Han sollte auch den Malzkaffee, wenn man solchen verwendet, prüfen. Lassen Sie sich, bitte, zum Vergleich mit anderen Erzeugnissen in einer meiner Filialenein Gratis-Ko stmustcr Malz-Kaffee verabreichen. JULIUS MEINL. Gegr. 1862. I " ' NIPnPDI AMniCrHü LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT IN ICUliKLAlNUIOvnjL WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais. — Persifliertes Kapital zirka 380 Millionen. — Prämienreserue zirha 113 nillionen. — Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert Jederzeit tfiditige, leistungstabige Agenten gegen hohe Bezöge. BnshBntte erteilt die 6eneralagentsdialt Bien, l, Bspernplatz 1 (Eeiter: Oapid Hebenzahl). Eflr Ostgalizien u. Buhouina: Subdirehfion Gobi Taubes, Gemberg.