Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dieselben deutschnationalen Antisemiten, welche uns Juden immer aufs Neue beschimpfen, und dann in ihrer feigen Charakterlosigkeit bei uns für ihre deuts ben Trutzvereine zu schnorren, werden auch zu uns Juden um Unterschriften für ihre Petition betteln kommen. Jeder aufrechte und billig denkende Jude wird die Fertigung der Petition verweigern. Nicht nur,, weil er mit den deutschnationalen Antisemiten keine Gemeinschaft haben will, sondern weil er nicht Bestrebungen unterstützen darf, welche unter Verletzung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung Ausnahmsgesetze gegen die tschechische Minorität in Niederös erreich geschaffen haben wollen. Aus Gründen der Gerechtigkeit und des wohlverstandenen eigenen Interesses sind wir Gegner der Lex Kolisko. Fördern wir keine Verletzung der Gesetze! Gerade wir Juden, die wir überall bloß eine kleine Minorität bilden, haben das größte Interesse an der unverbrüchlichen und ausnahmslosen Beobachtung der Staatsgrundgesetze ge- 'geh5ber~Jedermann Ä-rV.* c > . .; . . : . Der Vorstand ' des Jüdischen-Nationalvereins für Oesterreich. flilsnep. Innerhalb eines Zeitraumes von S Taigen kamen aus Böhmen zwei Nachrichten, welche auf Ritualmordprozesse Bezug haten. An gleicher Stelle haben wir vorige Woche darauf hingewiesen, daß die Ritualmordlüge zum ständigen Repertoire des Judenhasses, gehört und gehören wird. (Ebensowenig wie der Judenhaß durch logische Gründe, theoretische Auseinandersetzungen und durch den viel gerühmten Fortschritt, Iwelcher angeblich berufen ist, alle Vorurteile und mittelalterlichen Verleumdungen aus der Welt zu schaffen, aus den Herzen der Völker gerissen werden kann, ebensowenig wird man der Blutlüge den Garaus machen. Das Ursprüngliche ist der unausrottbare Judenhaß und dieser wird immer aufs neue trotz Kultur und Fortschritt dem1 gesamten Judenvolke die unsinnigsten Verleumdungen anhängen. Die Koliner Ritualmordl'üge darf nicht als Erscheinung für Sich betrachtet werden; sie ist nur ein Glied in der Kette der vielen Ritualmordmärchen, welche seit Jahrhunderten über-die Juden in Umlauf gebracht wurden. Die unmittelbare Vorgängerin der Koliner Blutlüge war die Polnaer Blutbeschuldigung. Und auf diese bezieht sich die zweite innerhalb des kurzen Zeitraumes einer Woche aus Böhmen kommende Ritualmordnachricht. Angeblich soll das Justizministerium vorerhemmgen zu einer Wiederaufnahme des Hilsnerprozesses angeordnet haben, oeit Jahren Erklären die nahmhaftesten Juristen, Professoren und Politiker jüdischen und nichtjüdischen Stammes in Wort und Schrift, daß der im Gefängnis schmachtende Hilsner, welcher zweimal von den Geschworenen schuldig gesprochen wurde, das Opfer eines Justizirrtums is*. Der Justizminister nahm1 in;der Zwischenzeit viele Memoranden entgegen und versprach immer wohlwollendes Studium. Bis zum heutigen Tage aber ist seitens der Justizverwaltung nichts geschehen, um Licht in diese Angelegenheit zu bringen. Der Fall Hilsner ist nämlich ein Politikum jind nicht Gründe des Rechtes, sondern Gründe der Macht entschieden in dieser Frage. Und darüber ist doch kein Zweifel, daß die judenfeindiiehen Gewalten in diesem Staate stärker sind als die auf dem Boden unbedingter Rechtmäßigkeit stehenden. Die durch die Verurteilung Hilsners gedemütigte und schuldig gesprochene Judenheit durfte ,aber trotz der Aussichtslosigkeit ihrer;Bemühungen nicht rasten. Diesbezüglich muß zur Ehre der gesamten österreicffi'äfthen Judenheit gesagt werden, daß sie unbekümmert um ihre Parteistellung mit der größten Zähigkeit sich an den Aktionen, welche eine Revision des Hilsner-Prozesses bezweckten, beteiligt hat. Mittlerweile sind früher unbekannte Tatsachen zur Kenntnis gelangt. Nicht nur für den Juristen, der Nichtigkeitsgründe auch in formalen Unzulänglichkeiten der Prozeßführung erblickt, sondern auch für den Laien ist es nunmehr klar, daß Hilsner ebenso wie die ganze Judenheit an der Ermordung der Hruza unschuldig sind. Die Aussagen des gewesenen Chefs des Prager Sicherheitsbureaus, Hofrat PI i c sollten es auch dem Voreingenommensten klar (machen, daß Hilsner nicht mit dem Mörder in Polna identisch ist. Was aber jedem einleuchtet, das vermag die Justizverwaltung nicht einzusehen. Wohl wissen die Meldungen zu berichten, daß angeblich eine eventuelle Wiederaufnahme möglich sei. Die Konfiskation des Prager Tagblattes „Bohemia“ aber, welche die Aussage des Hofrates Olic ausführlich wiedergegeben hat, rückt die Wörter „angeblich“ und „eventuell“ in das rechte Licht. Wir halten die Hoffnung, daß der Hilsner-Prozeß bald wieder aufgenommen werden (wird, für verfrüht. Noch sieht an der Spitze unserer Justizverwaltung ein Mann, der radikal-antisdmitischen Ansichten huldigt. Die Bluthunde von Polna sind mittlerweile zu Amt und Würden gelangt, sie haben große Einflüsse und sie werden sich hüten, die Wurzel ihres Ruhmes und ihrer Erfolge vernichten zu lassen. Von der Ritualmordlüge leben in Oesterreich Hunderte VII. Jahrgang einflußreicher Politiker und Journalisten. Diese haben das größte Interesse daran, daß Hilsner und mit ihm das ganze Judentum1 verurteilt und geschändet bleiben. Der Prozeß Hilsner kann aber erst dann revidiert und die Unschuld des Verurteilten ausgesprochen werden, bis die verschiedentlichsten Antisemiten, begonnen von Schneider bis zu den Salonantisemiten der Regierung sich von Gründen des Rechtes und nicht von Haß und Judenverachtung werden leiten lassen. Trotzdem1 dürfen die Juden und ihre berufenen Führer und Vertreter nicht aufhören, gegen;die Ritualmordlüge zu kämpfen. Wer sich kampflos ins Unrecht fügt, hat sich damit auch ins Unrecht gesetzt. Der Kampf dreht sich ja nicht um1 die Person Hilsners, er geht um unsere, der Juden Sache, und solange Juden leben, solange dürfen sie nicht widerspruchlos Unrecht und Verleumdungen dulden. Eine hervorragende Neuerscheinung! 12 Ansidifshorten nus dem : Leben der Oemeniten. : TTTT 1 Serie Bestellungen sind zu richten an die VS MisM-Mlio Porto per Serie der »Jüdischen Zeitung-, Wie» k 0.05. 11/3, Karmeliterplatz 1. Rundschau. Cer Koliner „Ritualmord“. Die Prager „Selbstwehr“ bringt (nachstehende Details über das Koliner Blutmärchen, welches ein lüsterner Hetzpfaffe, Dr. Hrachowski, aufgebracht hat: „Bei dem Koliner Juden Gustav Weißberger war das christliche Dienstmädchen Marie Pavlik bedienstet, ein 20 Jahre altes Mädchen. Mit diesem Mädchen hatte der katholische Katechet Dr. Hrachowski ein intimes Liebesverhältnis unterhalten, das nachgewiesenermaßen noch während des Sommers bestand. Dieses Verhältnis war aber nicht das einzige des katholischen Priesters. Mit vielen Koliner Mädchen und Frauen stand er in intimen Beziehungen. Im Herbst war an die Stelle der Marie Pavlik und ihrer Vorgängerinnen eine städtische Lehrerin getreten. Der Katechet pflegte mit seinen Geliebten in regem Briefwechsel zu stehen. Seine Briefe sollten von anstößigen und direkt unsittlichen Anspielungen und Ausführungen strotzen. Der Herr Katechet, dieser berufsmäßige Apostel der Keuschheit, war durchaus r-irz;' »»• .***'»’