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Jüdische Zeitung · 1913-03-14 · 11 (14.3.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 11 Hoffentlich ziehen die Juden Böhmens, die bisher noch Abonnenten der Wochenschrift waren, ihre Konsequenzen. Wir fordern zum Boykott aller Organe auf, die für das Antisemitenwerk „Der Talmud“ Propaganda treiben.“ Bus dem jPöildien Beben. Wiener Jemenitenabend. lieber Veranlassung eines Komitees wurde am 10. d. ein Jemenitenabend veranstaltet, welcher einen gelungenen Verlauf nahm. Dr. Otto Abeies sprach über „Palästina und wir“. Dr. Georg Weiner führte die Lichtbilder vor, welche von Dr. Leo Kann aufgenommen und von der „Jüdischen Zeitung“ herausgegeben wurden. Der Vortrag des Dr. Abeies sowie der Lichtbildervortrag fanden ungeteilten Beifall. Im zweiten, künstlerischen Teile des Abends sang Frl." Sula-i mitt Stein, eine sehr begabte Sängerin, jüdische Volkslieder. Frl. He Udorf und Herr Josef Torczyner lasen aus jüdischen Dichtungen von und am Schlüße wurde vom Gg. Herrn Maler Krestin ein lebendes Bild, darstellend „Art den Wassern Babylons“ gestellt. Die künstlerischen Darbietungen, namentlich der Qesangsvortrag und das lebende Bild wurden durch stürmischen Beifall ausgezeichnet. Aus Palästina. ‘ Jerusalem. Dieser Tage traf hier Frau Eva Lion'aus Newvork mit zwei amerikanischjüdischen Krankenschwestern ein. Frau Lion ist von einem amerikanischen Verein jüdischer Frauen beauftragt, in Jerusalem ' eine Anstalt zur Ausbildung jüdischer Krankenschwestern ins Leben zu rufen. Dem Vernehmen nach wird auch diese Schule von Herrn Nathan Straus, der zurzeit in Kairo weilt, tatkräftig gefördert werden. Gleichzeitig ist auch Herr Grün, der die Familie Straus auf ihrer diesmaligen Orientreise begleitet, hier eingetroffen. Einige hiesige jüdische Gelehrte beschlossen die Gründung eines jüdischen Vereins für Palästinakunde. Die Idee fand auch in Jaffa großen Anklang und es soll dort eine" Abteilung 'dieses Vereins gegründet werden. ‘ -Auch die Jerusalemer jüdischen."Aerzte haben sich' nunmehr i—r igleidh - ihren Kollegen in Jaffa— zu einer •medizimsdl^i'Jpeselfccha'fit^vdr-;. einigt. Bei der ersten Zusammenkunft / wurderi die ' Verhandlungen in hebräischer, Spräche geführt zweifelt vor sich hinstarrend, bald rachgierig und wild mit den feuersprühenden Augen blitzend. Alle Augenblicke machte er Pause, und kaum erholt, setzte er sich wieder in Bewegung. Nach zwei Stunden hatte er sein Ziel erreicht er betrat den Hof des Pfarrers, wo ihn die Mägde und Dienstboten mit höhnischen Zurufen empfingen und ‘ihn beschimpften. Als er,-, unab'ässig nach dem Pfarrer fragend, nicht fortgehen wollte, hetzten sie den Hund auf ihn und1 ha^+en ihren Soaß dabei,- zuzusehen, wie der verkrüppelte, lahme -Jude mit seinen Holzkrükken das Bellen und die Beißverwehe des Hundes: abwehrte. Eine geraume Zeit hatte er -mit dem Hund zu schaffen. Aber er blieb tro+z der Ge-; fahr, gebissen zu werden, auf dem Hofe’stehen,: in der Hoffnung, durch das Bellen des Hundes den Pfarrer auf .seine Anwesenheit aufmerksam1; zu machen. Er wartete, wartete; doch der Pfarrer kam nicht Als es ihm zu lange wurde und er wohl einsah, daß der-"Pfarrer, nicht kommen würde, ergriff ihn eine dumpfe Verzweiflung^ der Hunger auälte ihn, er fror vor Kälte Und-war ganz durchnäßt Sein Herz schnürrte sich vor. Beklemmung zusammen, seinem Blick war jedes Feuer entschwunden, in seinem Gesichte wechselten allerlei Farben, blau, gelb, grau, und es. fehlte ihm die Kraft, aufrecht zu bleiben. Die: Krücken entglitten seiner Hand, und er brach zusammen. Der Hund, als hätte er Erbarmen ■ mit ihm. hörte auf zu bellen, blieb noch" eine kurze Weile vor ihm s+ehen, ■ beschnüffelte ihn und «ring dann still-traurig fort. Die Dienstboten und Mägde auf dem Hof waren inzwischen auch fortgegangen. . Chaimki Hund lag noch lang“ gedankenlos und stumpfsinnig auf der nassen Erde. Mittlerweile begann es heftig zu regnen. Durch den Regen erwacht, raffte er sich wieder auf. und mechanisch, wie ein Tier, kroch' er zu seinen . Krücken, nahm sie unter die Arme und setzte sich in Bewegung. So sch'epnte er sich, von Hunger gepeinigt, dahin. Er b’ieb nicht mehr sitzen, empfand auch keine Müdigkeit mehr, denn sein Geist war fast erloschen, und e> — mehr Tier als Mensch. Als er die bewohntet Straße wieder erreicht hatte, hob er seinen - Konf in dift Höhe, schaute zum Himmel enroor und seine "Augen bekamen wieder Feuer. Er b'inzrite . wild um sich. und brummte in unbestimmten Lauten!'- Die Rachebestie war in ihm wieder er- Trotz der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse ist bei den Jerusalemer. Juden doch der Sinn für literarische und künstlerische Genüsse rege. Dieser Tage wurde hier das von David Jellin nach; Schillers „Teil“ hebräisch bearbeitete Drama „Bar Giora“ bei überfülltem Saal aufgeführt. Der Autor und die Darsteller wurden lebhaft akklaniiert. . * : Ausschließung der Juden von der russischen Advokatur. Petersburg. Seit dem 20. Februar,weilt hier eine Deputation jüdischer Juristen; aus Kiew1, die im Jahre 1912an der juristischen Fakultät der dortigen Universität promoviert haben, denen jedoch seitens der. Kiewer Behörden die Aufnahme-in den Stand der Advokatürsgehilfen wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum verweigert worden ist. Die Abordnung wurde vom Justizminister Schtscheglowitow empfangen, der ihr erklärte,, er, könne den Wunsch der jüdischen Juristen nicht erfüllen, da es die feste Absicht der Regierung sei, den Juden den Weg zur Anwaltschaft während eines Zeitraumes von mindestens zehn Jahren ganz zu verschließen; damit die Zahl der jüdischen Advokaten die Norm von 3 Prozent der Gesamtzahl nicht über! schreite. Die Deputation will .sich mit dieser Antwort des Justizministers nicht zufrieden, ge! ben und hat um.- eine Audienz beim Minister! Präsidenten Kokowzew. nachgesucht. Auch hat sie ein Expose an die Mitglieder der Duma und . des Reichsrats versandt, worin auf die U+ billigkeit und Ungesetzlichkeit der betreffenden administrativen -Maßnahme trngewiesen wird. Irf gendwelchen praktischen : Erfolg 'werden aber diese verzweifelten Schritte der bedauernswerten jüdischen Juristen-kaum erzielen. -. Hypothekenbank. Unter-, Vorsitzdes Präsidenten 'Dr. Moti*z Lederer wurde vor einiT gen Tagen die,(4.4;) ’ordent’iche Gene-alVersammlung der OöstefrJeicMschen Hypothekenbank ab- - geha'ten.1 Der gern - Sekretär . Dr.( S c h e r> 1 a g .erstattete Bericht!;verzeichnet zunächst die ini ahgelautenen Jahee, erfolgte neuerliche Erhöhung des Aktienkapi+a'*;,um eine- Mi'tion Kronen durch Ausgabe von-. 5000 -Stück „Aktien, welche, den “■Aktionären z'iimaKutsei'von 290 zur Verfügung :_gestellt .uAdeÄÖniditesehüYoll.’übernommen Wurden. KNach.t einemk günstigen;; Verlaufe des -Geschäftes, ~in - der terst^ijalirgs^qlfte-.stelltensich späterhin der vollen Entfaltung der geschäftlichen Täf tigkeit der Bank verschiedene ungünstige Fakwacht." Er -möchte •Hati, um auszunihen. Er legte seine Krückeb an die Sei+e, atmete tief un^ blieb in Gedanken versunken; er dachte nach, was wohljetzt zb tün wäre. Chaimki hatte keine Zufluchtsstätte und kein Unterkommen. Selbst inr Hekdesch war er un-. beliebt-' und fandauch'-dort oft keinen Einlaß, lankel-" der EwigC hatteeineinstinktive, unerklärliche Abneigung gegen ihn. denn Chaimki' •erkundigtersidi-, ojt^nach jseiner- Tocljter-Zipneli.. und eipmäl}'eswar r-iri einer Dämmerung, überraschte ihn Jankel .am Brunnen, wo er sich, sehr -lebhaft mi't" ZSppeli - unterhielt. '. Die anderen^ fjekdeschleute behandelten ihn'. ebenfaUs -seJir unliebsam,„-denn auch ihnen pflegte er die Wahrheit ins Gesicht .zu sagen. Die Hekdesebmutter mochte ihn deshalb nicht leiden, weil sie .in. beständiger Angst lebte, er könnte Caikelen, ihrer Adoptivtochter, ein Leid zufügen. Aus diesen Gründejt. mied er die Begegnuiig mit den Hekdescjileuteri und hielt; sich'.mehr um' den;"Hekdesdi-auf, unter der Brücke, hinter dem Zaun: oder sonstwo. Auch, jetzt dachte er nicht daran, sich nach dem Hekdesch zu "schleppen. Als er im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, stieß gerade . Chatzel, der Stadtparness auf ihii. Chatzel Hatte eine Wut auf ihn, die jedesmal beim Anblick des Krüppels in helle Zörnesflammen ausbrach. ■ Kaum -War Chaimki seiner ansichtig geworden, alssein Ge$icht,,;das sonst blasse, verhungerte Gesicht, feuerrot .wurde. Der ganze Krüppelleib-.yerwandelte sich. in eine blutfraßg'ie-, rige Bestie..--Tn -Hvänenwüt. Chatzel, ein! dickleibiger, behäbiger Mann., schrie ihn an; „Liimn,“'Denunziant, warum’ machst du nicht, däßdüforf kommst. Sollen wir dich ewig füttern? Du-Verleumder, du Intrigant... du... du...“ Chaimki hätte sich..am liebsten auf ihn geworfen und ihn gerädert; ihn bei lebendigem Leibe-zerbissen — und, da er es nicht konn+e, und sonst kein Mittel wußte, wie sich an di“s°m Feinde zu rächen, auch nicht die vielen Flüche durch die Kehle bringen konnte, keuchte und würgte, er nur. wutschnaubend,, und ehe. es ihm gelang, einen Fluch, hervorzubringen, war Chatzel fort. ‘ . Da' ward Chaimki Hund so rasend, daß er seinen-Kopf gegen die Wand schlug. toren hemmend in den Weg. Die bekannten politischen und Geldverhältnisse riefen eine Stokkung im Pfandbrief- und Hypothekengeschäfte hervor. Trotzdem hat das Berichtsjahr ein überaus günstiges, jenes des Vorjahres beträchtlich übersteigendes Gewinnergebnis aufzuweisen, der trotz des vermehrten Aktienkapitals die Erhöhung der Dividende um ein Prozent ermöglicht. Die Direktion trägt trotz der noch nicht geklärten politischen Lage kein Bedenken,, einen solchen Vorschlag zu machen, weil ihr durch den heutigen Stand des Geschäftes der -Bank, der auch in Zeiten absteigender Konjunktur eine stetige Rentabilität erwarten läßt, die Beibehaltung dieser höheren Dividende auch für die Zukunft ermöglicht erscheint. Der Gesamtpfandbriefumlauf der Bank stellt sich' mit Ende 1912 auf 103.942 Milli . K, der Darlehensstand auf 117.057 (+19.322) Mill. K. Von dem Reinge-, winne per 1,219.235 K w’erden dem 'Reservefonds A außer der normalen Dotation per 99.909 noch 120.000 K zugewiesen, an die Aktionäre 22 K per Aktie (11 Prozent) verteilt und 235.407 (+ 65.268) K auf neue Rechnung vorgetragen. Aktionär Taussig gibt unter lebhaftem Beifalle der Aktionäre' dem Danke an die Direktion und die Beamten für deren erfolgreiche Tätige keit Ausdruck. Der. Präsident dankt für die freundlichen anerkennenden Worte und gibt der Versicherung Ausdruck, daß die Direktion bemüht sein Werde, das Geschäft auf der Höhe zu halten. Der aus der Direktion scheidende Generalrat Adolf Klein wurde wiedergewählt. Papf elsNachrichten. ' Sitzung des zionistischen Actions-ComitCs. Am 6. und 7.- d. M. fand in Berljn eine Sitzung des Großen Actions-Comites der zionistischen Organisation statt. Außer den Mitgliedern dieser Körperschaft nahmen auch Vertreter der zionistischen Bankinstitute und Landgesellschaften an den Beratungen teil, insgesamt etwa. .30 Herren aus Deutschland, Oesfer-* reich. Rußland, Belgien, Eng’and und Palästina, f'ie Verhandlungen het-a*en hauptsäch'ich politische Fragen sowie Einzelheiten der kolonisatorischen Arbeit1 in Pa'ästina. Ferner wurde die Tagesordnung des nächsten Zionistenkongresses, der am 2. September d. J./ in Wien stattfindet, besprochen. Für die Jemenitenaktion. Aus Bild weis wird uns geschrieben: Am ,Sonntag,..dein . 9.i.d..-.M;i hielt .hier-im;: großen Saale des „Deutschen Hauses“ Herr Dr. Jakob Ehrlich, Hof- und Gerichtsadvokat aus Wien über Ein’adung der B’n ai B’r ith Loge „A1 - Draußen war es inzwischen etwas ruhiger geworden. Der Wind hatte: sich gelegt und der Re«en aufgehört. Auch Chaimki Hund ha+te sich halb beruhigt; er griff wtieder zu seinen Krücken, um sich durch das kotige Naß zu sch'enpen. Er erinnerte s'ich, daß er seit zwei Tagen nichts - gegessen hatte. Obwohl er gar keinen Hunger mehr empfand, quälte ihn doch der Gedanke: was tun? Nach dem Hekdesch ziehen? Er dachte noch an die grausamen Schläge, die ihm Jankel Ganew gestern ausgeteilt, er fühlte noch die Wunden dieser Schläge. Vom Wegzi“hen in eine benachbarte Stadt wo'Ite er nichts wissen. In ihm lebte eine unbestimmte Angst vor dem Unbekannten; auch dachte er noch an seine erste und letzte Reise. und meinte: „Wenn die Blankknöofe mich jetzt erwischen, .schießen, sie mir noch die Hände weg.“ Bei diesem Gedanken durchzuckte ein Beben seinen Körper, er zitterte vor bangem Schauer. „Ohne Hände... dann bin ich’ gewiß verloren.“ So schleppte er sich langsam, stumpfen Sinnes und gedankenlos dahin. Sein Haupt ruhte träg auf seinen Schultern und er war zu matt, .um noch einen Gedanken zu fassen, seine Seele zu 'zerknirscht, um noch menschlich zu empfinden. Er dachte nur an jetzt und heute, nicht aber an den nächsten Tag. Chaimki lebte unter den Menschen noch1 schlimmer als ein ekelerregendes Tier. Niemand liebte, ihn, niemand wollte ihn kennen, er hätte weder Heim' noch'- Verwandte. Wer ihn nicht haßte, hatte für ihn, da man so viel Böses über ihn hörte, nur eine resignierte Gleichgültigkeit. .Zwei Fragen beschäftigten sein Gehirn; wie beschafft man.Brot für heute? und wie ärgert man -die- Menschen? Die zweite Frage war noch wichtiger für ihn als die erste. Ihn beherrschte “in furchtbares Rachegefühl, das ausgereicht hätte, die (ranze Stadt mit ihren Bewohnern in einem Sumpf zu ertränken. Es kam eine l'’,umpfe Traurigkeit über; ihn, “in Stumpfsinn. eine Gleichgültigkeit für und über alles — die Gleichgültigkeit eines Toten.. Sobald der. Hunger aber nachließ, begann 'die Rachebestie in ihm wieder zu toben_ Er suchte nach Plänen, er machte Entwürfe. . aber ausgehungert, wie er war, versagte selbst die Kombinationskraft. Da packte ihn eine Wut, eine Wut gegen sich selber, die ihn verzehrte und da? Blut in seinen Adern austrocknete. x

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